Alles über die eidgenössischen Wahlen 2015

Die Schwei­ze­ri­sche Volks­par­tei (SVP) und die Frei­sin­nig-libe­ra­le Par­tei (FDP) gin­gen als kla­re Sie­ge­rin­nen aus den eid­ge­nös­si­schen Wah­len 2015 her­vor. Mit den gleich­zei­ti­gen Ver­lus­ten der Mit­te­par­tei­en und der Sta­gna­ti­on der poli­ti­schen Lin­ken waren die Wah­len 2015 damit nicht nur von einem Rechts­rutsch geprägt, son­dern führ­ten auch zu einer stär­ke­ren Pola­ri­sie­rung zwi­schen den poli­ti­schen Lagern. Die Son­der­num­mer der Schwei­ze­ri­schen Zeit­schrift für Poli­tik­wis­sen­schaft zu den Wah­len 2015 ver­sam­melt neun inno­va­ti­ve und anre­gen­de Arti­kel, wel­che die Natio­nal- und Stän­de­rats­wah­len basie­rend auf Daten aus der Schwei­zer Wahl­stu­die Selec­ts aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln beleuch­ten.

Mehrdimensionalität der Schweizer Politik, Kampagneneffekte und Populismus als grosse Themen

Die Bei­trä­ge decken drei gros­se The­men­be­rei­che ab, die auch in inter­na­tio­na­len Debat­ten wich­tig sind. Ein ers­tes gros­ses The­ma ist die Mehr­di­men­sio­na­li­tät des poli­ti­schen Rau­mes in der Schweiz. Dabei geht es dar­um, dass Schwei­zer Bür­ge­rin­nen und Bür­ger Prä­fe­ren­zen zu unter­schied­li­chen The­men haben und dies mit­un­ter zu Kon­flik­ten zwi­schen unter­schied­li­chen Ein­stel­lun­gen füh­ren kann (sie­he z.B. die Bei­trä­ge von Kurel­la und Ros­set 2018 oder von Emmen­eg­ger et al. 2018). In den letz­ten Jah­ren haben wir viel über die Dyna­mik bzw. die Fluk­tua­ti­on von Ein­stel­lun­gen und Prio­ri­tä­ten der Bür­ger gelernt und wie die Kam­pa­gnen­dy­na­mik die Mei­nungs­bil­dung beein­flusst (sie­he auch Petit­pas und Scia­ri­ni 2018). Dies ist auch ein Gebiet, das in die­ser Son­der­num­mer ange­gan­gen wird. Dabei wird bei­spiels­wei­se unter­sucht, wel­chen Ein­fluss poli­ti­sche Wer­bung auf die Par­tei­wahl hat (Zum­ofen und Ger­ber 2018) oder wie sich die Unter­stüt­zung von Inter­es­sen­grup­pen wäh­rend der Kam­pa­gne auf die Wahl­chan­cen aus­wirkt (Lutz et al. 2018). Ein drit­ter gros­ser The­men­block umfasst den Popu­lis­mus (sie­he auch Bei­trag von Simon Born­schier auf de fac­to), bei dem der Schweiz ja sogar so etwas wie eine Vor­rei­ter­rol­le zukommt. Kon­kret wird neben den popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler (Bern­hard und Häng­gli 2018) auch die pro­gram­ma­ti­sche Aus­rich­tung von SVP Kan­to­nal­sek­tio­nen (Storz und Ber­nau­er 2018) sowie das Per­sön­lich­keits­pro­fil der SVP-Wäh­ler­schaft (Acker­mann et al. 2018) ange­schaut.

Wissen wir nicht schon alles zum Wahlverhalten der Schweizer?

Wahl­for­schung wird in der Schweiz in der Tat schon seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten betrie­ben und es stellt sich die Fra­ge, was wir noch Neu­es zur bestehen­den Lite­ra­tur bei­tra­gen kön­nen. Unse­re Hal­tung ist klar: Ja, es gibt noch vie­le span­nen­de Fra­gen! Zwei Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jah­re haben viel zur Inno­va­ti­ons­kraft der Arti­kel bei­getra­gen. Ers­tens basie­ren vie­le Arti­kel in der Son­der­num­mer auf einer Kom­bi­na­ti­on von ver­schie­de­nen Daten­quel­len. Dies ermög­licht es ganz neue Fra­ge­stel­lun­gen anzu­ge­hen, bei­spiels­wei­se wie die Medi­en­agen­da beein­flusst oder wel­che The­men­as­pek­te die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wich­tig fin­den (Wüest 2018). Der Gast­bei­trag von Syl­via Krit­zin­ger beleuch­tet die­se Ent­wick­lung im Detail und weist dar­auf hin, dass heu­ti­ge Wahl­stu­di­en nicht nur Infor­ma­tio­nen zur Mei­nungs­bil­dung der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler erhe­ben, son­dern auch zu den Prio­ri­tä­ten von Par­tei­en im Wahl­kampf oder eben zur Medi­en­agen­da. Die­se breit ange­leg­te Daten­er­he­bung erlaubt es den For­schen­den neue Fra­gen zu stel­len und zum Bei­spiel neue Erkennt­nis­se zum Zusam­men­spiel von Bür­gern, Par­tei­en und Medi­en zu gewin­nen. Aus­ser­dem ver­knüp­fen meh­re­re Bei­trä­ge in die­ser Son­der­num­mer ver­schie­de­ne Daten­sät­ze von Selec­ts mit ande­ren Daten­quel­len, wie offi­zi­el­len Sta­tis­ti­ken (Lutz et al. 2018), Par­tei­pro­gram­men (Storz und Ber­nau­er 2018) oder den Inse­ra­te­kam­pa­gnen der Par­tei­en in Zei­tun­gen (Zum­ofen und Ger­ber 2018). Eine zwei­te Neue­rung, die für den fri­schen Wind in der Schwei­zer Wahl­for­schung ver­ant­wort­lich ist, betrifft die Öff­nung von Selec­ts für spe­zi­fi­sche Fra­ge­stel­lun­gen von For­schen­den. Im Vor­feld der Wah­len 2015 konn­ten die For­schen­den kon­kre­te Fra­gen für die Wahl­stu­die vor­schla­gen, wel­che nach einem kom­pe­ti­ti­ven Aus­wahl­ver­fah­ren teil­wei­se in den offi­zi­el­len Fra­ge­bo­gen inte­griert wur­den. Die­ses Vor­ge­hen garan­tiert, dass die Wahl­stu­die auch The­men auf­nimmt, die den Schwei­zer For­schen­den unter den Nägeln bren­nen und die es ihnen erlau­ben, span­nen­de neue For­schungs­bei­trä­ge zu schrei­ben. So wur­den bei­spiels­wei­se detail­lier­te Fra­gen zur Aus­ge­stal­tung der Bezie­hun­gen zwi­schen der Schweiz und der Euro­päi­schen Uni­on gestellt. Auch wur­de in Selec­ts 2015 zum ers­ten Mal eine Bat­te­rie von Fra­gen zu popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen abge­fragt, die sowohl von Bern­hard und Häng­gli (2018) als auch von Storz und Ber­nau­er (2018) ver­wen­det wur­den. Die­ser Ein­be­zug der For­schungs­ge­mein­de hat sich bewährt und wur­de für die Wahl­stu­die 2019 wie­der­holt.

Warum erst jetzt Artikel zur Wahl 2015?

Es ist eine berech­tig­te Fra­ge, war­um Stu­di­en zu den Wah­len 2015 erst jetzt, mehr als drei Jah­re spä­ter publi­ziert wer­den. Dies hat zum einen mit dem Pro­zess der Daten­er­he­bung und –ver­öf­fent­li­chung zu tun, der eini­ge Zeit in Anspruch nimmt. Da die Schwei­zer Wahl­stu­die auch eine Nach­wahl­be­fra­gung beinhal­tet, d.h. die Stimm­be­rech­tig­ten im Nach­hin­ein über ihr Wahl­ver­hal­ten befragt wur­den, war die Daten­er­he­bung für Selec­ts 2015 erst im Dezem­ber 2015 abge­schlos­sen. Danach muss­ten die Daten gesäu­bert und auf­be­rei­tet wer­den, was wie­der­um eini­ge Mona­te in Anspruch nahm. Den For­schen­den in der Schweiz stan­den die wis­sen­schaft­li­chen Daten für ihre Ana­ly­sen damit erst unge­fähr ein Jahr nach den eid­ge­nös­si­schen Wah­len zur Ver­fü­gung. Zum ande­ren braucht auch der wis­sen­schaft­li­che Arbeits­pro­zess sei­ne Zeit und die Arti­kel, die jetzt ver­öf­fent­licht wer­den, wur­den mehr­mals redi­giert und ver­bes­sert. So wur­den bei­spiels­wei­se ers­te Fas­sun­gen der Arti­kel an einem Work­shop im Okto­ber 2017 prä­sen­tiert und dis­ku­tiert.

Mehr Transparenz in der Datenanalyse

Zum Schluss möch­ten wir noch auf eine wei­te­re Neue­rung hin­wei­sen, die für die­se Son­der­num­mer zum ers­ten Mal erprobt wur­de. Alle Autorin­nen und Autoren haben sich bereit erklärt, Repli­ka­ti­ons­ma­te­ri­al für ihre Ana­ly­sen zur Ver­fü­gung zu stel­len. Dar­in wer­den die Auf­be­rei­tung der Daten und die Ana­ly­sen Schritt für Schritt gezeigt und damit das Vor­ge­hen trans­pa­rent gemacht. Die Doku­men­te kön­nen auf der Sei­te der Schwei­ze­ri­schen Zeit­schrift für Poli­tik­wis­sen­schaft direkt bei den jewei­li­gen Arti­keln her­un­ter­ge­la­den wer­den. Wir ver­fol­gen damit zwei Zie­le. Ers­tens neh­men wir den Gedan­ken der Nach­voll­zieh­bar­keit ernst, was ein ent­schei­den­des Kri­te­ri­um für wis­sen­schaft­li­che Arbeit ist. Die Pra­xis, Repli­ka­ti­ons­ma­te­ri­al zur Ver­fü­gung zu stel­len gibt es mitt­ler­wei­le bei vie­len poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Zeit­schrif­ten. Wir begrüs­sen die­sen Wan­del und set­zen ihn dar­um ger­ne auch in der Schweiz fort. Zwei­tens wis­sen wir, dass die Bei­trä­ge zu den Schwei­zer Wah­len auch oft The­ma in Vor­le­sun­gen und Semi­na­ren sind. Des­halb ist es uns auch ein Anlie­gen, dass die vor­lie­gen­den Ana­ly­sen von den Stu­die­ren­den nicht nur pas­siv ver­stan­den, son­dern auch aktiv nach­voll­zo­gen wer­den kön­nen.

Die Schwei­zer Wahl­stu­die Selec­ts
Seit 1995 unter­sucht die Schwei­zer Wahl­stu­die Selec­ts die Grün­de für die Wahl­teil­nah­me und den Wahl­ent­scheid an eid­ge­nös­si­schen Wah­len. Im Rah­men von Selec­ts 2015 wur­den ver­schie­de­ne Erhe­bun­gen durch­ge­führt, wel­che die Daten­grund­la­ge der Arti­kel in der Son­der­num­mer bil­den:
  • In einer Nach­wahl­be­fra­gung wur­den ins­ge­samt 5’337 Stimm­be­rech­tig­te durch das Befra­gungs­in­sti­tut Demo­SCOPE per Inter­net oder Tele­fon befragt. Es han­delt sich um eine kan­to­nal geschich­te­te Stich­pro­be, in der die klei­nen Kan­to­ne über­re­prä­sen­tiert sind sowie drei Kan­to­ne (Genf, Tes­sin, Zürich) zusätz­lich auf­ge­stockt wur­den
  • Eine vier­wel­li­ge, kom­bi­nier­te Panel-/Rol­ling Cross-Sec­tion-Erhe­bung basie­rend auf einer gesamt­schwei­ze­ri­schen Zufalls­stich­pro­be, mit der die­sel­ben Per­so­nen wäh­rend und nach der Wahl per Inter­net mehr­mals befragt wur­den (Vor­kam­pa­gnen-Wel­le mit 11’009 befrag­ten Per­so­nen im Juni/Juli 2015; Kam­pa­gnen-Wel­le mit täg­lich rund 120 Inter­views und ins­ge­samt 7’295 Per­so­nen zwi­schen August und Okto­ber 2015; Nach­wahl-Wel­le mit 7’601 Per­so­nen im Oktober/November 2015 sowie eine letz­te Wel­le mit 5’411 Per­so­nen nach der Bun­des­rats­wahl im Dezem­ber 2015)
  • Eine auto­ma­ti­sier­te Medi­en­ana­ly­se von 93 ver­schie­de­nen (print und online) Zei­tun­gen und News­sei­ten, die in Zusam­men­ar­beit mit dem Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaf­ten der Uni­ver­si­tät Zürich durch­ge­führt wur­de und wäh­rend der Wahl­kam­pa­gne die wich­tigs­ten The­men und Akteu­re in der Medi­en­be­richt­erstat­tung iden­ti­fi­ziert
  • Eine Kan­di­die­ren­den­be­fra­gung per Inter­net oder Papier unter allen Kan­di­da­tin­nen und Kan­di­da­ten für den Natio­nal- und Stän­de­rat, von denen 1’744 an der Umfra­ge teil­ge­nom­men haben. Die­se Befra­gung wur­de im Auf­trag von Selec­ts durch polittools.net durch­ge­führt.

Die Schwei­zer Wahl­stu­die Selec­ts wird vom Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­fonds finan­ziert und ist am Schwei­zer Kom­pe­tenz­zen­trum für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten FORS beher­bergt.


Der Bei­trag basiert auf einem Son­der­heft der Schwei­ze­ri­schen Zeit­schrift für Poli­tik­wis­sen­schaft (Heft 24(4), 2018) mit fol­gen­dem Inhalt:
 
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