Der Kantönlipopulismus der SVP

SVP gleich Popu­lis­mus – Popu­lis­mus gleich SVP. Was ger­ne ange­nom­men wird, ent­spricht kei­nes­wegs den Tat­sa­chen. Wie eine Ana­ly­se kan­to­na­ler SVP-Par­tei­pro­gram­me zeigt, unter­schei­det sich der Popu­lis­mus der SVP von Kan­ton zu Kan­ton. Die Grün­dung der BDP hat­te zudem einen gros­sen Ein­fluss auf den Popu­lis­mus­grad der ein­zel­nen SVP-Kan­to­nal­par­tei­en. «Das poli­ti­sche Sys­tem der Schweiz ver­langt ein gewis­ses Mass an Popu­lis­mus, weil die direk­te Demo­kra­tie den Stimm­bür­gern das letz­te Wort gibt».[1] Die Zustim­mung des Vol­kes, nach der sowohl poli­ti­sche Expo­nen­tin­nen und Expo­nen­ten als auch Par­tei­en stre­ben, macht eine Aus­rich­tung auf «das Volk» unab­ding­bar. Somit über­rascht es nicht, dass die Schweiz bezüg­lich Popu­lis­mus ger­ne als Vor­rei­te­rin betrach­tet wird.[2] Wir inter­es­sie­ren uns dafür, wie sich der Popu­lis­mus auf kan­to­na­ler Ebe­ne ver­hält – hier­zu feh­len näm­lich umfas­sen­de und aktu­el­le Stu­di­en: Meist steht nur die natio­na­le Ebe­ne im Fokus, wobei sich die kan­to­na­len Par­tei­en­sys­te­me im aus­ge­präg­ten Föde­ra­lis­mus der Schweiz unter­schied­lich ent­wi­ckel­ten. In hel­ve­ti­schem Kon­text wird haupt­säch­lich von der SVP als rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei gespro­chen.[3] Des­halb gehen wir in unse­rer Ana­ly­se der Fra­ge nach, ob sich der Polit­stil der kan­to­na­len SVP-Sek­tio­nen seit der Abspal­tung der BDP 2008 ver­ein­heit­licht hat oder ob es nach wie vor kan­to­na­le Dif­fe­ren­zen gibt. Zudem inter­es­siert uns, wie es sich in den Kan­to­nen, in denen es bis heu­te kei­ne BDP gibt, ver­hält und inwie­fern sich Dif­fe­ren­zen in Bezug auf den Popu­lis­mus zei­gen. 

Was bedeutet Populismus?

Popu­lis­mus wird gemäss wis­sen­schaft­li­chem Kon­sens als «dün­ne Ideo­lo­gie» ver­stan­den, wel­che die Bevöl­ke­rung in die Eli­te und das Volk auf­teilt.[4] Ers­te­re ist kor­rupt und fehl­ge­lei­tet, letz­te­res rein und tugend­haft. «Dünn» wird die­se Ideo­lo­gie genannt, weil sie selbst kei­ne kon­kre­ten Inhal­te vor­gibt; sol­che kom­men erst mit der Aus­rich­tung nach links oder rechts hin­zu. Rechts­po­pu­lis­mus sieht die­se dicho­to­me Auf­tei­lung der Gesell­schaft ger­ne im Sin­ne einer natio­na­len Zuge­hö­rig­keit, was die Abgren­zung gegen­über den Ande­ren ein­fach macht. Auch wenn nun die Ein­tei­lung der Bevöl­ke­rungs­grup­pen in wir und ihr rasch gege­ben scheint, besteht in der Wis­sen­schaft ein Kon­sens dar­über, dass Popu­lis­mus selbst kein zwei­sei­ti­ges Phä­no­men ist, son­dern gra­du­ell ver­stan­den wer­den soll­te. Kurz­um: Popu­lis­mus wird nicht mit «zutref­fend» und «nicht zutref­fend» codiert, son­dern als Teil­phä­no­men verstanden. 

Hin­ter­grund
Der Ursprung für unser Inter­es­se an den Kan­to­nal­par­tei­en liegt in der Geschich­te der SVP. His­to­risch betrach­tet durch­lief die Par­tei einen star­ken Wan­del: Als Bauern‑, Gewer­be- und Bür­ger­par­tei (BGB) ver­folg­te sie eine kon­ser­va­ti­ve Agen­da, wel­che sich ins­be­son­de­re um land­wirt­schaft­li­che Anlie­gen küm­mer­te. Die Geburts­stun­de der SVP war 1971, als die BGB mit den Demo­kra­ten fusio­nier­te. Eini­ge der frü­he­ren BGB-Sek­tio­nen taten sich schwer mit dem Namens­wech­sel und der Abwen­dung vom Bau­ern­stand. In Bern, Grau­bün­den, Basel-Land, Frei­burg und der Waadt dau­er­te es teil­wei­se noch Jah­re, bis sie tat­säch­lich als «Schwei­ze­ri­sche Volks­par­tei» zu Wah­len antra­ten. Die ideo­lo­gi­schen Unter­schie­de zwi­schen den Kan­to­nal­sek­tio­nen zeig­ten sich am deut­lichs­ten bei Kon­flik­ten zwi­schen dem gemäs­sig­ten Ber­ner Flü­gel und dem radi­ka­le­ren Zür­cher-Flü­gel und spitz­ten sich mit der gestei­ger­ten Ein­fluss­nah­me Chris­toph Blo­chers, dem dama­li­gen Prä­si­den­ten der SVP Zürich, ab den 1980er-Jah­ren zu. Es ist denn auch Chris­toph Blo­chers Abwahl aus dem Bun­des­rat 2007, die zu einer Spal­tung der Par­tei führt: Die Bür­ger­lich-Demo­kra­ti­sche Par­tei entsteht. 
Kantönlipopulismus

Für unse­re Unter­su­chung haben wir die aktu­el­len Par­tei­pro­gram­me von 24 Kan­to­nal­sek­tio­nen[5] der SVP mit Metho­den der quan­ti­ta­ti­ven Text­ana­ly­se ana­ly­siert. Dies in Bezug auf die Aus­prä­gun­gen Peop­le-cen­trism (die Nähe zum Volk), Anti-Eli­tism (Oppo­si­ti­on zur Eli­te) und Popu­lar sov­er­eig­n­ty (das Gut­heis­sen direk­ter Demo­kra­tie und auch der Wunsch, die Macht dem Volk «zurück» zu geben). Als Abgleich mit der Wäh­ler­schaft ver­wen­de­ten wir die Daten der Schwei­zer Wahl­stu­die Selects, um die popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger im jewei­li­gen Kan­ton zu messen.

Abbildung 1: Aus den Wahlprogrammen geschätzter Populismusgrad pro Kanton

Anmer­kung: Dunk­le­re Schat­tie­run­gen bedeu­ten «stär­ke­ren» Popu­lis­mus gemäss unse­ren Messkriterien.
 
Wie Abbil­dung 1 zeigt, vari­iert der geschätz­te Popu­lis­mus­grad der SVP von Kan­ton zu Kan­ton nach wie vor, wenn auch nicht sehr stark.[6] Auf­fal­lend ist auch, dass die Kan­to­ne, in denen es kei­ne BDP-Sek­ti­on gibt (NE, JU, UR, OW, NW, ZG, SH und TI), alle­samt einen schwä­che­ren Grad an Popu­lis­mus auf­wei­sen. Dies kann bedeu­ten, dass die SVP in die­sen Kan­to­nen bereits gemäs­sig­ter poli­ti­siert und somit die BDP als mode­ra­te Alter­na­ti­ve über­flüs­sig macht. Dage­gen spricht jedoch, dass der Popu­lis­mus­grad auch in ande­ren Kan­to­nen, in wel­chen es eine BDP gibt, eben­so tief ist (bei­spiels­wei­se BL oder GL).
Die Existenz der BDP beeinflusst den Populismus der SVP in den Kantonen

Die his­to­ri­schen Dif­fe­ren­zen inner­halb der Par­tei sind gänz­lich ver­schwun­den. Weder der Kan­ton Bern noch ande­re Kan­to­ne wie Grau­bün­den, die Waadt, Schaff­hau­sen, Thur­gau und Basel-Land, wel­che his­to­risch betrach­tet zu den Mode­ra­ten gehö­ren, zeich­nen sich durch schwä­che­ren Popu­lis­mus oder aber ähn­li­che Popu­lis­mus­gra­de aus. Der inter­es­san­tes­te Befund liegt jedoch in der Kom­bi­na­ti­on von den Par­tei­pro­gram­men mit den Indi­vi­du­al­da­ten: Unse­re Kon­trol­le auf popu­lis­ti­sche Ein­stel­lun­gen der Bür­ge­rin­nen und Bür­gern in den Kan­to­nen zeigt näm­lich, dass die­se in der Bevöl­ke­rung vor allem dann mit dem Popu­lis­mus­grad der SVP-Kan­to­nal­sek­ti­on über­ein­stim­men, wenn eine BDP-Sek­ti­on im Kan­ton exis­tiert. Die­ser Befund lässt zwar kei­ne kau­sa­le Rich­tungs­an­nah­me zu, impli­ziert jedoch, dass Par­tei und Bevöl­ke­rung bes­ser auf­ein­an­der abge­stimmt sind, wenn die Kon­kur­renz – sei dies in die­sem Fal­le durch eine gemäs­sig­te­re Alter­na­ti­ve wie die BDP – prä­sent ist. Gibt es kei­ne sol­che unmit­tel­ba­re Anwe­sen­heit einer kon­kur­rie­ren­den Par­tei, scheint die Über­ein­stim­mung von Wäh­ler­schaft und Par­tei weni­ger wich­tig. Zusam­men­fas­send lesen wir aus unse­rer Ana­ly­se her­aus, dass es nach wie vor Unter­schie­de im Popu­lis­mus in den SVP-Kan­to­nal­sek­tio­nen gibt, auch wenn eine Anpas­sung der ein­zel­nen Sek­tio­nen statt­ge­fun­den hat. Jeden­falls ist es durch­aus legi­tim, von einem «neu­en Kan­tön­li­po­pu­lis­mus» zu spre­chen. Zudem bestä­ti­gen wir mit unse­rer Ana­ly­se, dass Popu­lis­mus nicht als eine abso­lu­te Grös­se gese­hen wer­den darf, die kei­ne Vari­anz kennt. Zumin­dest solan­ge nicht, wie es in der Schweiz föde­ra­le Struk­tu­ren, respek­ti­ve den Kan­tön­li­geist gibt und sich die Bevöl­ke­rung von Kan­ton zu Kan­ton unterscheidet.


 
[1] Lad­ner 2015: 85 (Lad­ner, Andre­as (2015): Die Schwei­ze­ri­sche Volks­par­tei — Grat­wan­de­rung zwi­schen Natio­nal­kon­ser­va­tis­mus und Rechts­po­pu­lis­mus. In: Ernst Hil­le­brand (Hg.): Rechts­po­pu­lis­mus in Euro­pa. Gefahr für die Demo­kra­tie? Bonn: J.H.W. Dietz, S. 77–87.)

[2] Sken­der­ovic 2014 (Sken­der­ovic, Damir (2014): Rechts­po­pu­lis­mus in West­eu­ro­pa nach 1945: Die Schweiz als Vor­läu­fer und Vor­bild. In: Revue trans­at­lan­tique d’étu­des suis­ses 4, S. 43–59.) [3] U.a. Bern­hard, Lau­rent; Krie­si, Hans­pe­ter; Weber, Edward (2015): The Popu­list Dis­cour­se of the Swiss People’s Par­ty. In: Hans­pe­ter Krie­si und Takis S. Pap­pas (Hg.): Euro­pean Popu­lism in the Shadow of the Gre­at Reces­si­on. Col­ches­ter: ECPR Press, S. 125–139, Manat­schal, Ani­ta; Rapp, Caro­li­ne (2015): Wel­che Schwei­zer wäh­len die SVP und war­um? In: Mar­kus Frei­tag und Adri­an Vat­ter (Hg.): Wah­len und Wäh­ler­schaft in der Schweiz: Ver­lag Neue Zür­cher Zei­tung (Poli­tik und Gesell­schaft in der Schweiz), S. 187–216., Maz­zo­le­ni, Oscar (2008): Natio­na­lisme et popu­lisme en Suis­se. La radi­ca­li­sa­ti­on de la “nou­vel­le” UDC. 2. Auf­la­ge. Lau­sanne: Pres­se poly­tech­ni­ques et uni­ver­si­taires roman­des. [4] Mud­de, Cas (2004): The Popu­list Zeit­geist. In: Government and Oppo­si­ti­on. Black­well Publi­shing, S. 541–563. [5] Appen­zell Inner­rho­den und Appen­zell Aus­ser­rho­den haben wir nicht mit in die Unter­su­chung auf­ge­nom­men, weil die­se bei­den Kan­to­ne ande­re Par­tei­en­sys­te­me (und Ent­wick­lung der Par­tei­en­sys­te­me) auf­wei­sen, als die ande­ren Kan­to­ne. [6] Das Abwei­chen das Kan­tons Obwal­den (in der Abbil­dung sehr hell) kann als sta­tis­ti­scher Aus­reis­ser betrach­tet wer­den. Ein genaue­rer Blick in das ent­spre­chen­de Patei­pro­gramm zeigt, dass es gemäss qua­li­ta­ti­ver Ein­ord­nung kei­nen Grund gibt, die­ser Kan­to­nal­par­tei einen solch tie­fen Popu­lis­mus­grad zuzuordnen.


 
Refe­renz:
Storz, Anna und Juli­an Ber­nau­er (2018). Sup­ply and Demand of Popu­lism: A Quan­ti­ta­ti­ve Text Ana­ly­sis of Can­to­nal SVP Mani­fest­os. Swiss Poli­ti­cal Sci­ence Review, 24(4).
 
 
Bild: flickr
 
 
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