Wer in der Schweiz populistische Einstellungen hat

Das Phä­no­men des Popu­lis­mus wur­de bis­her vor allem auf Ebe­ne der poli­ti­schen Eli­ten unter­sucht. Zum ers­ten Mal liegt eine empi­ri­sche Ana­ly­se zu den popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen der Schwei­zer Bür­ge­rin­nen und Bür­ger vor. Dabei zeigt sich, dass es sich um eine rechts­las­ti­ge Ange­le­gen­heit han­delt.

Fran­zö­si­sche Version

In den eta­blier­ten Demo­kra­tien rei­ten popu­lis­ti­sche Par­tei­en und Kan­di­da­ten momen­tan auf einer Erfolgs­wel­le. Der Sieg von Donald Trump bei den US-Prä­si­dent­schafts­wah­len von 2016 sym­bo­li­siert wohl am prä­gnan­tes­ten den beein­dru­cken­den Auf­stieg des Populismus.

In den letz­ten Jahr­zehn­ten sorg­ten in West­eu­ro­pa Popu­lis­ten unter­schied­li­cher Aus­rich­tung für Auf­se­hen. In Öster­reich, Finn­land, Grie­chen­land, Ita­li­en, Nor­we­gen und der Schweiz haben es popu­lis­ti­sche Par­tei­en sogar geschafft, sich an natio­na­len Regie­run­gen zu beteiligen.

Populistische Bürgerinnen und Bürger

Bis­her hat sich die poli­tik­wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur vor­wie­gend mit der poli­ti­schen Ange­bots­sei­te beschäf­tigt, indem der Fokus auf die Rol­le der poli­ti­schen Eli­ten gelegt wur­de. Die Popu­lis­mus­for­schung hat sich erst in jüngs­ter Zeit ver­mehrt der poli­ti­schen Nach­fra­ge­sei­te zuge­wandt. Dabei ste­hen die popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger im Zen­trum des Interesses.

Unse­re empi­ri­sche Ana­ly­se hat zum ers­ten Mal die popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen der Schwei­zer Stimm­be­völ­ke­rung unter die Lupe genom­men. Anhand von Befra­gungs­da­ten, die im Rah­men der Schwei­zer Wahl­stu­die Selects von 2015 erho­ben wur­den, haben wir uns auf die ideo­lo­gi­schen Deter­mi­nan­ten fokus­siert. Dabei haben wir von einer Links-Rechts-Ska­la Gebrauch gemacht, auf der sich die befrag­ten Per­so­nen von 0 (ganz links) bis 10 (ganz rechts) posi­tio­nie­ren konnten.

Grafik 1: Höhe der populistischen Einstellungen nach der individuellen Positionierung auf der Links-Rechts-Skala

Wie der Gra­fik 1 ent­nom­men wer­den kann, tritt ein kla­res Mus­ter zuta­ge. Der Grad an popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen (vgl. Box) nimmt in der Ten­denz zu, je wei­ter rechts sich die befrag­ten Per­so­nen posi­tio­nie­ren. Der höchs­te Durch­schnitts­wert ist denn auch bei jenen fest­zu­stel­len, die sich am rech­ten Rand des ideo­lo­gi­schen Spek­trums verorten.
Norden vs. Süden

Bemer­kens­wer­ter­wei­se kon­tras­tiert die Rechts­las­tig­keit von popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen in der Schweiz mit den Ergeb­nis­sen von zwei Stu­di­en, die in Grie­chen­land und Spa­ni­en durch­ge­führt wur­den. In bei­den Fäl­len stie­gen die Popu­lis­mus-Wer­te je wei­ter links sich die befrag­ten Per­so­nen ein­stuf­ten. Wie lässt sich die­ser Gegen­satz erklären?

In den kri­sen­ge­schüt­tel­ten Län­dern Süd­eu­ro­pas ist es links­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en wie Pode­mos und SYRIZA gelun­gen, durch die Mobi­li­sie­rung von wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten Wahl­er­fol­ge zu erzie­len. Dem­ge­gen­über sind im Nor­den, wo die Wirt­schafts­kri­se weit mil­der aus­fiel, iden­ti­täts­be­zo­ge­ne Fra­gen von Bedeu­tung, was sich ins­be­son­de­re in der Aus­län­der­po­li­tik äus­sert. Somit dürf­ten popu­lis­ti­sche Ein­stel­lun­gen in die­ser Regi­on West­eu­ro­pas pri­mär von der radi­ka­len Rech­ten beein­flusst werden.

In Ein­klang mit die­ser Sicht­wei­se ste­hen auch die übri­gen Haupt­er­geb­nis­se unse­rer Stu­die. So wei­sen Män­ner in der Deutsch­schweiz mit tie­fem Bil­dungs­ni­veau eine erhöh­te Wahr­schein­lich­keit aus, popu­lis­ti­sche Ein­stel­lun­gen zu haben. Die­se sozio­de­mo­gra­fi­schen Eigen­schaf­ten ent­spre­chen dem Wäh­ler­pro­fil der Schwei­ze­ri­schen Volks­par­tei, der gröss­ten popu­lis­ti­schen Par­tei des Landes.

Mes­sung von popu­lis­ti­schen Einstellungen
Im Rah­men der Befra­gun­gen der Schwei­zer Wahl­stu­die Selects zu den eid­ge­nös­si­schen Wah­len von 2015 wur­den die Teil­neh­men­den mit fol­gen­den vier popu­lis­ti­schen Aus­sa­gen konfrontiert:
  • Das Volk und nicht die Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker soll­ten die wich­ti­gen poli­ti­schen Ent­schei­de treffen
  • Die Schweiz wür­de pro­fi­tie­ren, wenn die Mei­nung des Vol­kes und nicht der Eli­ten stär­ker berück­sich­tigt würde
  • Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker ver­tre­ten vor allem ihre eige­nen Inter­es­sen und nicht jene des Volkes
  • Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker inter­es­sie­ren sich nicht wirk­lich dafür, was Leu­te wie ich denken

Die befrag­ten Per­so­nen wur­den gebe­ten, ihre Zustim­mung zu die­sen Aus­sa­gen anzu­ge­ben, wobei eine Ska­la von 1 (stim­me über­haupt nicht zu) bis 5 (stim­me voll und ganz zu) zur Anwen­dung gelang­te. Da anhand einer Mok­ken-Ana­ly­se ermit­telt wur­de, dass die Ant­wor­ten auf die vier Fra­gen eine hier­ar­chi­sche Ska­la bil­den, wur­de ein addi­ti­ver Index gebil­det, der von 0 bis 16 reicht.


Refe­renz:

Bern­hard, Lau­rent und Regu­la Häng­gli (2018). Who Holds Popu­list Atti­tu­des? Evi­dence from Switz­er­land. Swiss Poli­ti­cal Sci­ence Review, 24(4).

Lite­ra­tur:

  • Bern­hard, Lau­rent und Regu­la Häng­gli (2018). The Emo­tio­nal Under­pin­nings of Popu­lism: How Anger and Fear Affect Popu­list Atti­tu­des. Swiss Poli­ti­cal Sci­ence Review 24(4): XYZ-XYZ.
  • Rico, Guil­lem, Marc Guin­jo­an und Eva Andui­za (2017). The Emo­tio­nal Under­pin­nings of Popu­lism: How Anger and Fear Affect Popu­list Atti­tu­des. Swiss Poli­ti­cal Sci­ence Review 23(4): 444–461.
  • Tsa­t­sa­nis, Emma­nouil, Ioan­nis And­rea­dis und Efti­cihia Tepe­ro­glou (2017). Popu­lism From Below: The Ideo­lo­gi­cal and Socie­tal Cor­re­la­tes of Popu­list Atti­tu­des in Greece. Unver­öf­fent­lich­ter Artikel.

Bild: rawpixel.com

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