Rassismus «ohne Rasse»


Die­ser Arti­kel wur­de erst­mals in der Aus­ga­be Nr. 44 von TANGRAM, der Zeit­schrift der Eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­si­on gegen Ras­sis­mus EKR, ver­öf­fent­licht.


Wie erzeugt Ras­se, obwohl sie zu einer uner­wünsch­ten und kaum benenn­ba­ren The­ma­tik gewor­den ist, wei­ter­hin Bedeu­tun­gen und Hier­ar­chi­sie­run­gen zwi­schen Men­schen? Wie funk­tio­niert das, was die kri­ti­sche Ras­sen­theo­rie als «Racel­ess­ness» bezeichnet 

Seit dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs haben die euro­päi­schen Natio­nal­staa­ten ein recht­li­ches und poli­ti­sches Instru­men­ta­ri­um zur Bekämp­fung von Ras­sis­mus geschaf­fen. Doch Ras­sis­mus besteht in all sei­nen For­men fort. Gemäss meh­re­ren jün­ge­ren Arbei­ten aus dem Bereich der kri­ti­schen Ras­sen­theo­rie (Cri­ti­cal Race Theo­ry) ist die­ses Fort­be­stehen teil­wei­se zurück­zu­füh­ren auf die Tabui­sie­rung der Ras­se und den kol­lek­ti­ven Wunsch in Euro­pa, die Geschich­te der Ras­se «hin­ter sich» zu las­sen. Die­ser Wunsch mani­fes­tiert sich in den Insti­tu­tio­nen, den öffent­li­chen Debat­ten und den zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen stets von Neu­em und schafft so einen Rah­men, der vor­schreibt, wie Ras­se the­ma­ti­siert wer­den darf. Die­ser Rah­men wird in der Lite­ra­tur als «Racel­ess­ness» bezeichnet.

Der schwie­rig zu über­set­zen­de Begriff «Racel­ess­ness» ver­weist auf eine Ambi­va­lenz, auf das Vor­han­den­sein-Nicht­vor­han­den­sein von Ras­se. Die kri­ti­sche Ras­sen­theo­rie ver­wen­det die­sen Begriff, um den Bezugs­rah­men von Ras­se zu erfas­sen, der im den west­eu­ro­päi­schen Kon­text domi­niert. Die­ser Rah­men schreibt vor, wie Ras­se mündlich/schriftlich, bild­lich und affek­tiv the­ma­ti­siert wer­den darf. Mit ande­ren Wor­ten gibt die­ser Rah­men ein­zel­nen Per­so­nen, Grup­pen und Insti­tu­tio­nen vor, was erlaubt oder ver­bo­ten ist, wenn es dar­um geht, Ras­se eine Bedeu­tung zu geben, sie zu sagen, zu schrei­ben, zu zei­gen und zu emp­fin­den. Weil Racel­ess­ness einen effek­ti­ven Kampf gegen Ras­sis­mus erschwert, trägt sie zur Erzeu­gung von Ras­sis­mus «ohne Ras­se» bei.

Gestützt auf die wich­tigs­ten Arbei­ten zu Racel­ess­ness und Ras­sis­mus «ohne Ras­se» in Euro­pa und der Schweiz [1], unter­su­che ich zuerst, was Racel­ess­ness zu sagen, und in einem zwei­ten Schritt, was sie zu zei­gen und zu emp­fin­den verbietet/erlaubt. Es soll auf­ge­zeigt wer­den, dass Ras­sis­mus «ohne Ras­se» auf­grund der Wech­sel­wir­kung zwi­schen dem, was man nicht sagt, aber sieht und emp­fin­det, fortbesteht. 

«Rasse» sagt man nicht
Der Wunsch nach der Ver­flüch­ti­gung von Ras­se zeigt sich über­all in Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pa in einem star­ken sprach­li­chen Tabu, einem gemein­sa­men Gefühl, kein ras­si­sier­tes Voka­bu­lar benut­zen zu wol­len. Das Tabu umfasst ras­sis­ti­sche Belei­di­gun­gen, Hass­dis­kur­se und ‑sym­bo­le, die seit eini­gen Jahr­zehn­ten recht­lich ver­bo­ten sind (Gri­go­lo, Her­ma­nin & Möschel 2011; Naguib 2016). Es beschränkt sich aller­dings nicht nur auf gewalt­sa­me Dis­kur­se, son­dern ver­bie­tet auch den Rück­griff auf ein expli­zit ras­si­sier­tes Voka­bu­lar, das Akteu­rin­nen und Akteu­re oder Insti­tu­tio­nen ger­ne ein­set­zen wür­den, um Ras­sis­mus zu beschrei­ben und ihm ent­ge­gen­zu­tre­ten. Racel­ess­ness führt zu Unbe­ha­gen, wenn Men­schen sich oder ande­re als «Schwar­ze» oder «Weis­se» bezeich­nen. Das Tabu kann sogar so weit gehen, dass die­je­ni­gen belangt wer­den, die ein ras­si­sier­tes Voka­bu­lar benut­zen, um Ras­sis­mus zu bekämpfen.
Racel­ess­ness erklärt gespro­che­ne und geschrie­be­ne ras­si­sier­te Kate­go­rien als mora­lisch uner­wünscht und drängt Men­schen und Insti­tu­tio­nen dazu, ein unge­nau­es, kodi­fi­zier­tes Voka­bu­lar zu ver­wen­den, um Rea­li­tä­ten zu bezeich­nen, die von ras­si­sier­ten Macht­struk­tu­ren durch­zo­gen sind. So wer­den Aus­drü­cke wie «Aus­län­de­rin­nen oder Aus­län­der», «Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund» oder «Diver­si­tät» gegen­über expli­zi­te­ren Aus­drü­cken wie «Peop­le of Color», «ras­si­sier­te Men­schen» oder auch «schwar­ze Min­der­heit» bevor­zugt. Die­ses Tabu hat zudem den Effekt, dass Ras­sis­mus weni­ger expli­zit und direkt zum Aus­druck gebracht wird. Die Dif­fe­ren­zie­rung und Hier­ar­chi­sie­rung von Men­schen auf­grund von ver­meint­lich endo­ge­nen Attri­bu­ten voll­zieht sich heu­te eher durch met­ony­mi­sche For­mu­lie­run­gen, wie «kul­tu­rel­le Dif­fe­renz» oder «ande­re Lebens­form». Die­se Aus­drü­cke funk­tio­nie­ren auf­grund ihrer Asso­zia­ti­on mit impli­zier­ten Ideen ras­si­sier­ter Dif­fe­renz, ohne expli­zit bio­lo­gi­sie­ren­de Kate­go­rien zu ver­wen­den [2].

Der Wunsch, dass sich Ras­se im Bereich des Sag­ba­ren ver­flüch­tigt, ver­deut­licht sich auch in zahl­rei­chen Mini­mie­rungs- und Rela­ti­vie­rungs­me­cha­nis­men. Einer der meist­ge­brauch­ten Mecha­nis­men zielt auf das, was ich die räum­lich-zeit­li­che Exter­na­li­sie­rung nen­ne. Damit wer­den Ras­se und Ras­sis­mus in ande­re Räu­me ver­scho­ben. In der Schweiz zum Bei­spiel hört man oft Kom­men­ta­re wie «Ras­sis­mus betrifft vor allem die USA und die Ban­lieues von Frank­reich». Par­al­lel dazu wer­den Ras­se und Ras­sis­mus oft in die Ver­gan­gen­heit ver­setzt. Als 2011 der bekann­te Par­fü­meur Jean-Paul Guer­lain einen Kom­men­tar zur Faul­heit der «N*» mach­te, ver­ur­teil­ten vie­le Kom­men­ta­to­rin­nen und Kom­men­ta­to­ren sei­ne Äus­se­rung, indem sie das Wort in einer «ande­ren Zeit» ver­or­te­ten (Michel 2013).

Die Pri­va­ti­sie­rung ist eine wei­te­re Form, Ras­se zu rela­ti­vie­ren: Wenn sich ein ras­sis­ti­scher Vor­fall ereig­net, wird er zwar als sol­cher erkannt, aber sogleich als ver­ein­zel­te Hand­lung eines Indi­vi­du­ums oder einer Grup­pe von Indi­vi­du­en ein­ge­ord­net und als «Igno­ranz» oder «Dumm­heit» taxiert. Die Pri­va­ti­sie­rung umfasst auch die Rezep­ti­on von Ras­sis­muser­fah­run­gen: Wenn eine Per­son von sich sagt, durch Ras­sis­mus benach­tei­ligt zu wer­den, wird der Ursprung des Leids sogleich mit dem sub­jek­ti­ven (und des­halb pri­va­ten) Emp­fin­den in Ver­bin­dung gebracht. Dies geschieht durch For­mu­lie­run­gen wie «du bist zu sen­si­bel», «sei nicht para­no­id» oder «meine/r schwar­zen Freund/in berei­tet das kei­ne Pro­ble­me». Durch die stän­di­ge Wie­der­ho­lung sol­cher Rela­ti­vie­rungs­me­cha­nis­men wer­den Ras­si­sie­rung und Ras­sis­mus aus­ser­halb des «nor­ma­len» und «zivi­li­sier­ten» sozia­len und demo­kra­ti­schen All­tags ver­or­tet; sie wer­den an Aus­nah­men gebun­den, die durch Akteu­re ver­ur­sacht wer­den, die sel­ber als aus­ser­ge­wöhn­lich erach­tet wer­den, wie Neo­na­zis oder Ver­rück­te. Einer inter­sek­tio­na­len Per­spek­ti­ve fol­gend, lässt sich fest­stel­len, dass sich die­se Logik, gemäss der ledig­lich die weni­ger Gebil­de­ten oder Mar­gi­na­li­sier­ten Ras­sis­tin­nen und Ras­sis­ten sind, auf Klas­sen­ste­reo­ty­pe beruft [3].

«Rasse» zeigt man

Der Wunsch nach der Ver­flüch­ti­gung von Ras­se unter­drückt expli­zi­te Bezü­ge auf Ras­se auf der Ebe­ne des Sag­ba­ren, aber nicht auf der Ebe­ne des Zeig­ba­ren. Die Pro­duk­ti­on und Zir­ku­la­ti­on von sicht­ba­ren ras­si­sier­ten Codes, also Codes, die Nicht­weiss­sein mit Nicht­eu­ro­päisch­sein asso­zi­ie­ren, hat auf dem gesam­ten Kon­ti­nent nie auf­ge­hört (El-Tay­eb 2011, S. xxiv). Öffent­li­che Räu­me sind durch­zo­gen von Bil­dern, die eine ras­si­sier­te Gren­ze zwi­schen den­je­ni­gen wie­der ver­an­kern, deren kör­per­li­che Attri­bu­te auf ein ver­meint­lich natür­li­ches «Euro­päisch­sein» oder auf «euro­päi­sche Wur­zeln» ver­wei­sen, und den «ande­ren», deren Kör­per auf­grund einer Rei­he von Attri­bu­ten wie Haut­far­be, Gesichts­zü­ge, Mus­ku­la­tur, aber auch ver­meint­li­cher Ver­hal­tens- und Lebens­wei­sen als ver­schie­den gele­sen wer­den (Hall 1995). Wenn Wer­be­kam­pa­gnen für Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen arme schwar­ze Kin­der vor einer kar­gen Land­schaft zei­gen, um damit Spen­den­gel­der zu sam­meln, stel­len sie eine Gren­ze und Hier­ar­chie zwi­schen einem euro­päi­schen Raum und dem Raum der «ande­ren» her. Das­sel­be gilt für Kin­der­bü­cher, die ste­reo­ty­pi­sier­te Bil­der von «Afri­ka­ne­rin­nen und Afri­ka­nern» und «Euro­päe­rin­nen und Euro­pä­ern» zei­gen (Chet­ty 2017; Purt­schert 2012). Wenn weis­se Men­schen Black­fa­cing prak­ti­zie­ren, also wenn sie an fest­li­chen Anläs­sen ihr Gesicht braun anma­len und Afro­pe­rü­cken tra­gen, eig­nen sie sich ras­si­sier­te kör­per­li­che Attri­bu­te an, um ihr Weiss­sein zu über­tre­ten. Die­se Trans­gres­si­on ist selbst für Kin­der les­bar und ver­ständ­lich, da die­se seit ihrer Kind­heit ler­nen, wel­che Attri­bu­te Mar­ker von Dif­fe­renz und ras­si­sier­ter Hier­ar­chie sind. Seit ihrer Erfin­dung infor­miert die Ras­se unser «Auge». Unser Auge grup­piert, klas­siert und hier­ar­chi­siert «Men­schen­ty­pen» (Fanon 1952; Hall 2013).

Das Spek­ta­kel von Ras­se durch­zieht den öffent­li­chen und pri­va­ten Raum und stellt eine wesent­li­che Dimen­si­on unse­rer öffent­li­chen Kul­tur dar. Ras­se zeigt sich in Fil­men, Büchern, Zeit­schrif­ten, Musik, Fan­ta­sie­vor­stel­lun­gen, sozia­len Netz­wer­ken, aber auch in Kon­sum­gü­tern und Wer­bung und mar­kiert gewis­se Per­so­nen mit dem Stem­pel ras­si­sier­ter Dif­fe­renz. Für letz­te­re hat die­se visu­el­le Inva­si­on schwer­wie­gen­de Aus­wir­kun­gen. Ihre Kör­per wer­den nach vor­ge­fass­ten und äus­serst star­ren Inter­pre­ta­ti­ons­mo­del­len gele­sen, die sie mit Objek­ten ohne Stim­me, die kon­su­miert wer­den kön­nen, mit sexua­li­sier­ten exo­ti­schen Bil­dern, die betrach­tet wer­den kön­nen, oder mit Bedro­hun­gen asso­zi­ie­ren, die es ein­zu­däm­men gilt. So erzeugt das stän­di­ge Spek­ta­kel von Ras­se vor­be­stimm­te Pro­fi­le, die auf ras­si­sier­te Per­so­nen ange­wen­det wer­den, die sel­ber kei­ne Mög­lich­keit mehr haben, ihre sozia­len und zwi­schen­mensch­li­chen Sze­na­ri­en mit­zu­ge­stal­ten. Hier sei­en zwei gut doku­men­tier­te Bei­spie­le von vie­len genannt: Ein schwar­zer Mann, der in einer Stadt umher­schlen­dert, ist zwangs­läu­fig ein Dea­ler, und einer schwar­zen Frau, die mit ihrer offe­nen Afro­fri­sur an einem Fest teil­nimmt, dür­fen zwangs­läu­fig die Haa­re berührt werden.

«Rasse» zeigt man, aber sagt man nicht

Wenn sich Ras­se zeigt, ist sie fühl­bar und ver­ständ­lich. Aller­dings aner­ken­nen die Autorin­nen und Autoren von Dar­stel­lun­gen, die zum inva­si­ven Spek­ta­kel der Ras­se bei­tra­gen, die ras­si­sier­te Dimen­si­on ihrer Objek­te oder visu­el­len Per­for­man­ces nicht aus­drück­lich. Wenn sie mit Anschul­di­gun­gen von Ras­sis­mus kon­fron­tiert wer­den, ver­schrän­ken sie ihre Bil­der mit einem Dis­kurs von Ver­leug­nung oder Unschuld: «Die­ses Pla­kat hat nichts mit Ras­se zu tun» im Fall ras­sis­ti­scher Wer­bung; «es han­delt sich um eine fei­er­li­che Pra­xis, ich habe kei­nen Vor­satz, ras­sis­tisch zu sein» sowie «das ist lächer­lich, hört auf, über­all Ras­sis­mus zu sehen» bei Black­fa­cing; «ich sehe kei­ne Far­be, es gibt nur eine mensch­li­che Ras­se» bei Anschul­di­gun­gen ras­sis­ti­scher Diskriminierung.

Racel­ess­ness beruht hier auf einer para­do­xen Arti­ku­la­ti­on zwi­schen dem Sag- und Zeig­ba­ren: Ras­si­sie­rung zeigt und ver­steht sich gut auf einer visu­el­len Ebe­ne, aber die­se Intel­li­gi­bi­li­tät wird auf der dis­kur­si­ven Ebe­ne sofort ver­leug­net durch For­mu­lie­run­gen, die vor­ge­ben, Ras­si­sie­rung nie gese­hen oder gezeigt zu haben. Letzt­end­lich funk­tio­niert Racel­ess­ness über eine kom­ple­xe Kom­bi­na­ti­on von visu­el­len und sprach­li­chen Codes, die bewirkt, dass das Benen­nen der Ras­se tabui­siert wird und die­se sich dadurch gleich­zei­tig hart­nä­ckig hält, sowohl in der Sinn­ge­bung als auch in ihren ras­sis­ti­schen Effekten.

Zwar cha­rak­te­ri­siert Racel­ess­ness die Gesamt­heit des euro­päi­schen Kon­ti­nents, doch die Aus­for­mung vari­iert je nach Kon­text. Im Rah­men ehe­ma­li­ger kolo­nia­ler Impe­ri­en wie Frank­reich, Bel­gi­en oder der Nie­der­lan­de ist eine tota­le Nega­ti­on von Ras­se nicht mög­lich. Sol­che Kon­tex­te schaf­fen Platz für mehr räum­lich-zeit­li­che Exter­na­li­sie­rungs­me­cha­nis­men wie: «Ras­se war frü­her, wir haben das über­schrit­ten» oder «Ras­se gab es vor allem in unse­ren kolo­nia­len Ter­ri­to­ri­en, hier herrsch­te immer Demo­kra­tie». Da die Schweiz als Staat for­mell kei­ne Kolo­nien besass, zeich­net sie sich durch eine Form von kolo­nia­ler Amne­sie aus. Sie ver­steht sich als aus­ser­ge­wöhn­li­che Enti­tät, die sich durch eine akti­ve Neu­tra­li­täts­po­li­tik von der ras­sis­ti­schen und faschis­ti­schen Poli­tik der rest­li­chen euro­päi­schen Natio­nen fern­hal­ten konn­te (Purt­schert, Lüthi & Falk 2012, S. 52). Ent­spre­chend ver­weist die Racel­ess­ness à la Suis­se weni­ger auf einen Wunsch von Ver­flüch­ti­gung von Ras­se als viel­mehr auf die Über­zeu­gung ihrer ewig wäh­ren­den Abwesenheit.

Rassismus besteht fort

Da unter dem domi­nie­ren­den Rah­men von Racel­ess­ness die Ras­se kei­ne Geschich­te (mehr) hat, wer­den die Erfah­run­gen und Erzäh­lun­gen von unmit­tel­bar von Ras­sis­mus betrof­fe­nen Per­so­nen schwer hör­bar, erfass­bar und spür­bar. Unter einem Regime von Racel­ess­ness kom­men die Bemü­hun­gen, über die gewalt­vol­len Effek­te von Ras­sis­mus zu spre­chen, einem Ver­such gleich, ein Tabu zu bre­chen und einen hege­mo­nia­len kol­lek­ti­ven Wunsch zu unter­bin­den, der seit dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs gepflegt wird. Racel­ess­ness erzeugt eine Hier­ar­chi­sie­rung der Wor­te. Ein weis­ser Mann der obe­ren Mit­tel­schicht, der in aus­wei­chen­den und unge­nau­en Wor­ten über Ras­sis­mus redet, ist im öffent­li­chen Raum eher hör­bar und glaub­wür­dig, als eine schwar­ze Frau der Unter­schicht, die zur Beschrei­bung ihrer Erfah­run­gen ein expli­zi­tes Voka­bu­lar ver­wen­det und deren Kör­per ten­den­zi­ell als Objekt – und nicht als Sub­jekt – kol­lek­ti­ven Wis­sens gele­sen wird.

Racel­ess­ness (re)produziert auch eine affek­ti­ve Asym­me­trie. Ras­sis­mus ver­ur­sacht Gefüh­le von Wut, Furcht, Trau­er und Angst. Doch das Aus­drü­cken die­ser Gefüh­le durch die Per­so­nen, die von Ras­sis­mus unmit­tel­bar betrof­fen sind, wird ille­gi­tim, da es auf die The­ma­tik der Ras­se ver­weist, über die man nicht spre­chen darf. Dem­ge­gen­über gestat­tet Racel­ess­ness, dass weis­se Per­so­nen den Gefüh­len Nicht­weis­ser, die den Wunsch gefähr­den, die Ras­sen­fra­ge auf Distanz zu hal­ten, mit Irri­ta­ti­on, Unbe­ha­gen oder Ver­är­ge­rung begegnen.

Für einen Antirassismus «mit Rasse»

Damit er bekämpft wer­den kann, muss Ras­sis­mus (an)erkannt wer­den kön­nen. Racel­ess­ness trägt zum Fort­be­stehen von Ras­sis­mus bei, weil sie des­sen wirk­li­ches Erken­nen und Aner­ken­nen unter­drückt. Seit der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Ras­sis­mus wäh­rend der Skla­ve­rei und Kolo­nia­li­sie­rung haben die Per­so­nen, die als ras­sisch min­der­wer­tig betrach­tet wur­den, alter­na­ti­ve Regis­ter ent­wi­ckelt, um Ras­se zu the­ma­ti­sie­ren und so die gewalt­vol­len Effek­te abzu­weh­ren und Grund­sät­ze von Befrei­ung und sozia­ler Gerech­tig­keit zu for­mu­lie­ren. Zum Zeit­punkt, wo ich die­sen Text schrei­be, im Som­mer 2020, ist eine die­ser alter­na­ti­ven Arten der The­ma­ti­sie­rung in den meis­ten euro­päi­schen Städ­ten, in denen Demons­tra­tio­nen für die schwar­zen Leben statt­fin­den, hör­bar, sicht­bar und spür­bar. Wenn die Demons­trie­ren­den ver­bal mit ihren Slo­gans und schrift­lich auf ihren Trans­pa­ren­ten bekräf­ti­gen, dass schwar­ze Leben zäh­len, machen sie ein expli­zit ras­si­sier­tes Voka­bu­lar hör­bar. Wenn sie im öffent­li­chen Raum ihre eige­nen schwar­zen Kör­per in Sze­ne set­zen, um ihren anti­ras­sis­ti­schen poli­ti­schen For­de­run­gen Aus­druck zu ver­lei­hen, erzeu­gen sie ein Gegen­spek­ta­kel und ein Gegen­sze­na­rio von Ras­se, in dem die Schwar­zen die Autorin­nen und Autoren ihrer eige­nen visu­el­len und nar­ra­ti­ven Dar­stel­lun­gen sind. Wenn sie vor­schla­gen, 8 Minu­ten und 46 Sekun­den kniend zu schwei­gen, schaf­fen und legi­ti­mie­ren sie einen kol­lek­ti­ven und öffent­li­chen Raum für ihre Gefüh­le von Trau­er und Wut [4].

Die Bewe­gung «Black lives mat­ter» sowie die kri­ti­sche Ras­sen­theo­rie leh­ren uns, dass die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten, anstatt die Ras­sen­fra­ge zu unter­drü­cken, viel­mehr das Ent­ste­hen von Räu­men des Erken­nens und Aner­ken­nens die­ser Fra­ge för­dern soll­ten, Räu­me, die auf die Per­so­nen aus­ge­rich­tet sind, die im All­tag Ras­sis­mus erle­ben. Anti­ras­sis­mus kann nicht ver­wirk­licht wer­den ohne Kampf gegen Racel­ess­ness, gegen die stän­di­ge Repro­duk­ti­on des Spek­ta­kels der sofort wie­der ver­leug­ne­ten Alte­ri­sie­rung und ras­si­schen Infe­rio­ri­sie­rung. Ein sol­cher Kampf fin­det sowohl auf dem Gebiet des­sen statt, was man sagen darf, als auch auf dem Gebiet des­sen, was man zei­gen und emp­fin­den darf. In der lan­gen intel­lek­tu­el­len, poli­ti­schen und künst­le­ri­schen Geschich­te der ras­sisch abge­wer­te­ten Grup­pen fin­den sich die krea­tivs­ten und wir­kungs­volls­ten Bei­spie­le von Anti­ras­sis­mus «mit Ras­se», von For­men der kri­ti­schen The­ma­ti­sie­rung von Ras­se, mit denen ver­sucht wird, ihre gewalt­vol­len Effek­te zu unter­bin­den, anstatt ihre his­to­ri­sche und sozi­al­po­li­ti­sche Rea­li­tät zu verleugnen.

 


[1] Die­ser Text ent­hält den Abschnitt zu Racel­ess­ness in Michel (2019) in abge­än­der­ter Form. Er basiert im Wesent­li­chen auf Gold­berg (2009); El-Tay­eb (2011); Michel (2015); Purt­schert, Lüthi & Falk (2012); Lavan­chy (2015); Bouli­la (2019). Die­se Über­set­zung basiert auf der deut­schen Ver­si­on erstellt von Jovi­ta dos San­tos Pinto.

[2] Zum Auf­kom­men des­sen, was Ras­sen- und Ras­sis­mus­theo­rien als «Neo­ras­sis­mus» oder «kul­tu­rel­len Ras­sis­mus» bezeich­nen, vgl. Bali­bar (2007 [1988]); Solo­mos, & Back (1996). Michel & Hon­eg­ger (2010).

[3] Der inter­sek­tio­na­le Ansatz berück­sich­tigt die Wech­sel­wir­kun­gen der ver­schie­de­nen Macht­ach­sen wie Ras­se, Gen­der, Sexua­li­tät, Klas­se, Validismus.

[4] Die 8 Minu­ten und 46 Sekun­den ent­spre­chen der Zeit, die es dau­er­te, bis dem Leben von Geor­ge Floyd am 26. Mai 2020 durch Ersti­cken unter dem Knie eines weis­sen Poli­zis­ten in Min­nea­po­lis bru­tal ein Ende gesetzt wur­de. Im Anschluss danach haben die Demons­tra­tio­nen für die schwar­zen Leben welt­weit zugenommen.


Refe­ren­zen:

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