Der Prognosemarkt für die Ständeratswahlen

Für die Wah­len 2019 wird erst­mals ein Pro­gno­se­markt für den Stän­de­rat durch­ge­führt. Basie­rend auf den aktu­el­len Markt­kur­sen deu­tet alles auf Sta­bi­li­tät zwi­schen den Blö­cken und gerin­gen Umver­tei­lun­gen hin. In eini­gen Kan­to­nen ist die Aus­gangs­la­ge trotz­dem span­nend.

Hier geht’s zum Pro­gno­se­markt für den Natio­nal­rat.

Pro­gno­se­märk­te haben sich als eine der prä­zi­ses­ten, wenn nicht sogar als die prä­zi­ses­te Vor­her­sa­ge­me­tho­de für Wah­len eta­bliert (Grae­fe 2016; Stri­j­bis und Arne­sen 2019). Oft­mals Wahl­bör­sen genannt, wur­den auch in der Schweiz bei den letz­ten eid­ge­nös­si­schen Wah­len Pro­gno­se­märk­te durch­ge­führt. Mit­tels Pro­gno­se­markt wird jeweils ver­sucht, die zu erwar­ten­den Wäh­ler­an­tei­le für die Par­tei­en bei den Natio­nal­rats­wah­len vor­her­zu­sa­gen.

Prognosen für alle Kantone

Seit Anfang Mai wet­ten auf dem Pro­gno­se­markt, wel­chen ich an der Uni­ver­si­tät Zürich durch­füh­re, Stu­die­ren­de der Poli­tik­wis­sen­schaft sowie Poli­tik­in­ter­es­sier­te auf die Ergeb­nis­se der eid­ge­nös­si­schen Wah­len vom 20. Okto­ber 2019. Bereits haben sich über 370 Teil­neh­men­de regis­triert.

Unter ande­rem wet­ten sie auch dar­auf, wer in den Stän­de­rat gewählt wird. Genau­er gesagt han­deln sie Akti­en von Stän­de­rats­kan­di­da­tin­nen und Stän­de­rats­kan­di­da­ten aus den Kan­to­nen, in denen min­des­tens ein Sitz ernst­haft umkämpft ist. Der Wert einer Aktie soll dabei die Wahr­schein­lich­keit wie­der­ge­ben, mit wel­cher eine Kan­di­da­tin oder ein Kan­di­dat gewählt wird (sie­he Metho­den­box).

Die Metho­dik des Pro­gno­se­mark­tes
Um eine Ein­schät­zung dafür zu erhal­ten, wie vie­le Sit­ze eine Par­tei min­des­tens errei­chen wird, habe ich alle Sit­ze aus den zehn Kan­to­nen, in wel­chen das Resul­tat bereits vor dem Wahl­kampf fest zu ste­hen scheint, zusam­men­ge­zählt. Dann habe ich alle Sit­ze dazu addiert, bei wel­chen gemäss Pro­gno­se­markt die Wahr­schein­lich­keit für eine Wahl bei über 66% liegt. Um eine Schät­zung dafür zu erhal­ten, wie vie­le Sit­ze eine Par­tei rea­lis­ti­scher­wei­se maxi­mal gewin­nen könn­te, habe ich noch alle Sit­ze für Kan­di­die­ren­de mit der zweit- und dritt­höchs­ten Wahr­schein­lich­keit für eine Wahl hin­zu­ge­zählt, wenn der zwei­te Sitz umstrit­ten ist (d.h. für maxi­mal eine Kan­di­da­tin mehr als 66% Wahl­wahr­schein­lich­keit vor­her­ge­sagt wird).
Tabelle 1: Prognose zu Sitzverteilung nach Ständeratswahlen 2019

Stand: 16. August 2019

Die zwei­te Spal­te von Tabel­le 1 zeigt den Wahr­schein­li­chens­be­reich einer Wahl. Wenig über­ra­schend liegt das wahr­schein­lichs­te Wahl­re­sul­tat der meis­ten Par­tei­en nahe bei der bis­he­ri­gen Sitz­zahl. Es zeigt aber auch, dass die SP und SVP im für sie bes­ten Fall ihre Anzahl Sit­ze ver­tei­di­gen kön­nen, wäh­rend Grü­ne und GLP rea­lis­ti­scher­wei­se bei min­des­tens gleich vie­len Sit­zen wie bis­her blei­ben wer­den. Die­se Par­tei­en kön­nen also eigent­lich nur gewin­nen.

Mit viel grös­se­rer Unsi­cher­heit ver­se­hen ist die Punkt­schät­zung für das Resul­tat, wel­che in der drit­ten Spal­te der Tabel­le abge­bil­det wird. Es han­delt sich dabei um das gemäss Pro­gno­se­markt wahr­schein­lichs­te Sze­na­rio. Gemäss die­sem Sze­na­rio dürf­ten aktu­ell Grü­ne und Lega je einen Sitz gewin­nen, wäh­rend SP und SVP je einen Sitz ver­lie­ren wür­den.

In diesen Kantonen könnte es zu Verschiebungen kommen

Basel Land­schaft, Schwyz und Tes­sin sind zur Zeit die drei Kan­to­ne, in wel­chen gemäss Pro­gno­se­markt Sitz­ver­schie­bun­gen wahr­schein­lich sind. Im Kan­ton Basel Land­schaft wird die Wahr­schein­lich­keit für eine Wahl von Maya Graf als höher gehan­delt als jene von Eric Nuss­bau­mer. Dies könn­te zu einer Ver­schie­bung des Sit­zes der SP hin zu den Grü­nen füh­ren.

Hin­weis: Die fol­gen­den Abbil­dun­gen zei­gen die auf dem Pro­gno­se­markt gehan­del­ten Wahr­schein­lich­kei­ten. Es han­delt sich um Live-Daten, wel­che hier bis zum Wahl­tag aktua­li­siert dar­ge­stellt wer­den.

Abbildung 1: Wahrscheinlichkeiten für die Wahl (BL)

Im Kan­ton Schwyz wer­den den Kan­di­da­ten von FDP und CVP in etwa die glei­chen Wahl­chan­cen attes­tiert. Klar hin­ge­gen scheint zu sein, dass die SVP ihren zwei­ten Sitz abge­ben muss. Zum gege­be­nen Zeit­punkt ist daher der Ver­lust eines Sit­zes der SVP zuguns­ten der FDP am wahr­schein­lichs­ten.

Abbildung 2: Wahrscheinlichkeiten für die Wahl (SZ)

Schliess­lich liegt auch im Tes­sin eine Sitz­ver­schie­bung im Rah­men des Mög­li­chen. So könn­te es sein, dass ein Kan­di­dat der Lega den Amts­in­ha­ber der CVP aus dem Stän­de­rat ver­drängt.

Abbildung 3: Wahrscheinlichkeiten für die Wahl (TI)

Spannender Wahlgang im Aargau, nichts neues in St. Gallen

Im Aar­gau sind gleich bei­de Sit­ze im Stän­de­rat neu zu beset­zen, ent­spre­chend inten­siv ver­läuft der Wahl­kampf. Die FDP Aar­gau, die seit 1848 prak­tisch unun­ter­bro­chen im Stän­de­rat ver­tre­ten war, hat Thier­ry Bur­kart als Nach­fol­ger von Phil­ipp Mül­ler nomi­niert. Die SP möch­te den Sitz, wel­chen Pas­ca­le Bru­de­rer vor acht Jah­ren gewon­nen hat, mit Céd­ric Wer­muth ver­tei­di­gen.

Zur Zeit sieht der Pro­gno­se­markt die Wahl des FDP/SP-Duos als am ehes­ten zutref­fen­der Wahl­aus­gang, aller­dings liegt die Wahr­schein­lich­keit für das Ein­tref­fen die­ses Sze­na­ri­os nur beit gut fünf­zig Pro­zent. Die Wahl von Thier­ry Bur­kart (FDP) und Mari­an­ne Bin­der (CVP) wird zur Zeit als unge­fähr gleich wahr­schein­lich wie die Wahl von Thier­ry Bur­kart (FDP) zusam­men mit Hans­jörg Knecht (SVP) betrach­tet.

Abbildung 4: Wahrscheinlichkeiten für die Wahl (AG)

Im Kan­ton St. Gal­len tritt der bis­he­ri­ge SP-Stän­de­rat Paul Rech­stei­ner erneut zur Wahl an. Zudem wird der erst im Mai 2019 als Nach­fol­ger für Karin Kel­ler-Sut­ter gewähl­te Bene­dikt Würth von der CVP erneut ins Ren­nen geschickt. Gemäss Pro­gno­se­markt ist die Wie­der­wahl der bei­den Bis­he­ri­gen denn mit knapp acht­zig Pro­zent auch das wahr­schein­lichs­te Sze­na­rio am Wahl­tag.

Abbildung 5: Wahrscheinlichkeiten für die Wahl (SG)

Ausser Spesen nichts gewesen in Zürich?

Im Kan­ton Zürich wird zur Zeit einer der inten­sivs­ten Stän­de­rats­wahl­kämp­fe aus­ge­foch­ten. Mit Roger Köp­pel ver­sucht ein Aus­hän­ge­schild der SVP einen der wie­der­an­tre­ten­den Kan­di­da­ten des Duo “Nositsch” (Rue­di Noser, FDP und Dani­el Jositsch, SP) her­aus zu for­dern. Zudem tritt mit Tia­na Ange­li­na Moser eine bekann­te grün­li­be­ra­le Kan­di­da­tin an, wel­che in der Mit­te punk­ten kann. Doch sowohl Köp­pel wie Moser wer­den auf dem Pro­gno­se­markt kei­ne rea­lis­ti­schen Wahl­chan­cen zuge­traut. Im Moment liegt die Wahr­schein­lich­keit der Wie­der­wahl von “Nositsch” bei etwa acht­zig Pro­zent.

Abbildung 6: Wahrscheinlichkeiten für die Wahl (ZH)

Der Pro­gno­se­markt: Teil­nah­me und Spiel­re­geln
Allen Teil­neh­me­rin­nen steht ein Anfangs­gut­ha­ben von 20‘000 Spiel­fran­ken (dies ent­spricht einem Real­wert von 20CHF) zur Ver­fü­gung. Mit die­sem Gut­ha­ben kön­nen alle Teil­neh­men­den Akti­en von Wahl­er­geb­nis­sen kau­fen oder ver­kau­fen. Der Kurs einer Aktie wider­spie­gelt dabei die erwar­te­te Wahr­schein­lich­keit, dass das Wahl­re­sul­tat ein­trifft. Der Schluss­preis für jede Aktie beträgt 100 Spiel­fran­ken, wenn das Ereig­nis ein­trifft, ansons­ten null Spiel­fran­ken.

Bei­spiel: Eine Aktie beschreibt, dass eine Kan­di­da­tin gewählt wird. Der momen­ta­ne Preis ist 50 Spiel­fran­ken. Die­ser Preis beschreibt die Erwar­tung, dass die Wahr­schein­lich­keit für die Wahl bei fünf­zig Pro­zent liegt. Glaubt man, dass die Wahr­schein­lich­keit für die Wahl der Kan­di­da­tin gerin­ger als fünf­zig Pro­zent ist, dann soll­te man die­se Aktie ver­kau­fen. Denkt man, dass die Wahr­schein­lich­keit für die Wahl der Kan­di­da­tin höher als fünf­zig Pro­zent ist, dann soll­te man die­se Aktie kau­fen. Wenn die Kan­di­da­tin tat­säch­lich gewählt wird, dann wird der Schluss­preis für die­se Aktie 100 Spiel­fran­ken betra­gen. Ansons­ten wird der Preis null Spiel­fran­ken betra­gen.

Am Pro­gno­se­markt teil­neh­men kann man, indem man sich mit einer offi­zi­el­len Email-Adres­se einer Schwei­zer Uni­ver­si­tät auf thepredictionmarket.com regis­triert oder sich per Email bei oliver.strijbis@ipz.uzh.ch mel­det.

 


Biblio­gra­phie

  • Grae­fe, A. (2017). Poli­ti­cal mar­kets. In K. Arzhei­mer, J. Evans & M. S. Lewis-Beck (Eds.), The SAGE Hand­book of Elec­to­ral Beha­viour, Volu­me 2 (pp. 861–882). Lon­don: Sage.
  • Stri­j­bis, Oli­ver und Svei­nung Arne­sen. (2019). Exp­lai­ning vari­an­ce in the accu­ra­cy of pre­dic­tion mar­kets. Inter­na­tio­nal Jour­nal of Fore­cas­ting 35(1), 408–419.

 

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