Nationalbank: Wir müssen reden

Zwan­zig Jah­re ist es her, seit die Schwei­ze­ri­sche Natio­nal­bank ihre geld­po­li­ti­sche Stra­te­gie zum letz­ten Mal über­ar­bei­tet hat. Heu­te ist klar: Ein erneu­ter Sys­tem­wech­sel ist unver­meid­lich – nur: eine öffent­li­che Debat­te dazu fin­det nicht statt.

Sys­tem­wech­sel in der Geld­po­li­tik haben Tra­di­ti­on: In den 1930er-Jah­ren wur­de der Gold­stan­dard auf­ge­weicht. Spä­ter, in den 1970er-Jah­ren, kol­la­bier­te das Sys­tem fixer Wech­sel­kur­se. Und in den 1990er-Jah­ren pen­sio­nier­te die Schwei­ze­ri­sche Natio­nal­bank (SNB) das Sys­tem der Geld­men­gen-Steue­rung – zu spät, wie die letzt­jäh­ri­ge Recher­che von Jani­que Weder gezeigt hat. Heu­te ist klar, dass ein neu­er­li­cher Sys­tem­wech­sel unver­meid­lich ist. Doch die SNB macht nicht den Anschein, Vor­keh­run­gen zu treffen.

Den Preis dafür bezah­len wir in der nächs­ten Kri­se. Doch der Rei­he nach.

Seit dem letz­ten Sys­tem­wech­sel von 2000 imple­men­tiert die Natio­nal­bank ihre Geld­po­li­tik über eine Zins­steue­rung. Das Mass aller Din­ge ist die Teuerung.

Der Sys­tem­wech­sel hat dazu bei­getra­gen, dass sich der Fran­ken weni­ger schnell ent­wer­tet hat, als in den Jah­ren zuvor. Ver­lor die 100er-Note zwi­schen 1980 und 2000 noch 40 Fran­ken an rea­ler Kauf­kraft, waren es seit 2000 nur noch 7 Fran­ken. Öko­no­men wür­den sagen: Der Sys­tem­wech­sel von 2000 hat die Teue­rungs­ra­ten in der Schweiz auf tie­fem Niveau stabilisiert.

Die tie­fe Teue­rung ist aller­dings zum Pro­blem geworden.

Andere Notenbanken haben entspanntere Ziele

Seit 2000 ver­steht die SNB unter Preis­sta­bi­li­tät eine jähr­li­che Teue­rungs­ra­te von unter zwei Pro­zent – wobei in der Pra­xis häu­fig von einem Ziel­band von null bis zwei Pro­zent gespro­chen wird. In der Bot­schaft zum Natio­nal­bank-Gesetz schrieb der Bun­des­rat 2002, dass Preis­sta­bi­li­tät herr­sche, wenn die jähr­li­che Teue­rung “1 Pro­zent pro Jahr” betrage.

Dem­ge­gen­über ste­hen ent­spann­te­re Teue­rungs­zie­le im Aus­land: In Euro­pa ist das Ziel “unter, aber nahe zwei Pro­zent”, in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Japan und Eng­land zwei Pro­zent und in Aus­tra­li­en zwei bis drei Prozent.

Damit ist eine erwar­te­te Teue­rungs­ra­te von bei­spiels­wei­se 0,7 Pro­zent für alle wich­ti­gen Noten­ban­ken der Welt Grund für eine geld­po­li­ti­sche Locke­rung. Nicht aber für die SNB. Die mit­tel­fris­tig anvi­sier­te Teue­rungs­ra­te ist in der Schweiz also deut­lich tie­fer, als im Ausland.

Begleiterscheinung: Tiefe Teuerung bringt tiefe Zinsen

Dazu kommt, dass die Natio­nal­bank ihr eige­nes Teue­rungs­ziel sys­te­ma­tisch ver­fehlt. In über 83% der Mona­te seit 2000 betrug die Teue­rungs­ra­te in der Schweiz näm­lich weni­ger als ein Pro­zent. Und in über 25% der Zeit war die Teue­rung sogar negativ.

Abbildung 1: Teuerungsrate — Braucht es ein neues System?

Zeit für ein neu­es Sys­tem? Die Schwei­zer Teue­rungs­ra­te* ist seit dem Sys­tem­wech­sel von 2000 tie­fer und sta­bi­ler gewor­den. Häu­fig war die Teue­rung seit­her aber auch zu tief.

Alles kein Pro­blem? Doch – denn die tie­fe Teue­rung hat einen unat­trak­ti­ven Beglei­ter: den tie­fen Zins.

In den Wor­ten von SNB-Prä­si­dent Tho­mas Jor­dan (2019): “Wenn das Geld auf dem Spar­kon­to dank gerin­ge­rer [Teue­rung] sei­nen Wert behält, braucht der Zins dar­auf nicht für eine Geld­ent­wer­tung zu entschädigen.”

Die­se Ansicht teilt auch der Vor­sit­zen­de der US-Noten­bank, Jay Powell, wie er an der Pres­se­kon­fe­renz zum Zins­ent­scheid von Anfang Mai ein­ge­stand: “Ein Pro­blem [von zu tie­fen Teue­rungs­ra­ten] ist, dass die Zin­sen häu­fi­ger nahe an der Null­zins­gren­ze sind.”

Hier liegt der Hund begra­ben: Ist die Teue­rung tief, sind die Zin­sen tief.

Das Pulver ist verschossen

Tie­fe Zin­sen wie­der­um sind pro­ble­ma­tisch, weil in Tief­zins-Pha­sen wie der jet­zi­gen der Spiel­raum für wei­te­re Zins­sen­kun­gen beschränkt ist. Käme es bei­spiels­wei­se heu­te zu einem Wirt­schafts­ein­bruch in der Schweiz, könn­te die SNB kaum mehr mit wei­te­ren Zins­sen­kun­gen reagieren.

Der Sys­tem­wech­sel von 2000 hat also dazu bei­getra­gen, dass die Natio­nal­bank kei­ne sti­mu­lie­ren­de Geld­po­li­tik mehr machen kann. Wir sehen einen Sys­tem­feh­ler, der dazu füh­ren wird, dass künf­ti­ge Kri­sen län­ger und tie­fer wer­den. Gemäss US-Noten­ban­ker Powell ist das einer der Grün­de, wes­halb die US-Noten­bank ihre geld­po­li­ti­sche Stra­te­gie überprüfe.

Einsame, stille Entscheide – noch zeitgemäss?

Neben der US-Noten­bank haben auch ande­re Wäh­rungs­hü­ter ein­ge­se­hen, dass ein Sys­tem­wech­sel zumin­dest in Betracht gezo­gen wer­den soll­te. In die­sen Tagen tref­fen sich auf Ein­la­dung der US-Zen­tral­bank füh­ren­de Aka­de­mi­ke­rin­nen und Noten­ban­ker aus aller Welt in Chi­ca­go, um neu­ar­ti­ge Vor­schlä­ge für eine zukunfts­fä­hi­ge Geld­po­li­tik zu dis­ku­tie­ren. Die Kon­fe­renz ist Teil einer umfas­sen­den Eva­lua­ti­on der ame­ri­ka­ni­schen Geld­po­li­tik. Eine ähn­li­che Über­prü­fung führt zur­zeit auch die kana­di­sche Noten­bank durch.

Die öffent­li­chen Debat­ten, die in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und in Kana­da geführt wer­den, ste­hen im Kon­trast zur Schweiz, wo die Natio­nal­bank­spit­ze ihre geld­po­li­ti­sche Stra­te­gie als sakro­sankt dar­stellt. Dis­kus­sio­nen um einen mög­li­chen Sys­tem­wech­sel wer­den höchs­tens intern geführt. Die Natio­nal­bank erscheint in die­sem Kon­text als Black Box. Den schwei­ze­ri­schen Gepflo­gen­hei­ten des poli­ti­schen Aus­tauschs in der Öffent­lich­keit wird das nicht gerecht.


*Kern­teu­e­rungs­ra­ten, Fred Eco­no­mic Data. Die Kern­teu­e­rung wird berech­net ohne die Ver­än­de­run­gen in den Ener­gie- und Nah­rungs­mit­tel­prei­sen. Die Zah­len im Bei­trag blei­ben nahe­zu unver­än­dert, wenn die Teue­rungs­ra­ten mit dem Lan­des­in­dex der Kon­su­men­ten­prei­se (Chris­toph Sax Data Ana­ly­tics, LLC) berech­net werden.


Die­ser Bei­trag erschien zuerst auf swissinfo.ch

Bild: Wiki­me­dia Commons

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