Wut, nicht Angst, nährt populistische Einstellungen

Popu­lis­ten zie­len dar­auf ab, in Wäh­len­den Emo­tio­nen zu schü­ren. Wir haben unter­sucht, in wel­chem Ver­hält­nis Wut und Angst zu popu­lis­ti­schen Hal­tun­gen ste­hen. Unse­re Ana­ly­se zeigt, dass Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler, die Popu­lis­ten unter­stüt­zen, vor allem wütend sind. Folg­lich wer­den die Bemü­hun­gen, Fake News und soge­nann­te „post-truth“ Poli­ti­ken zu bekämp­fen, kaum Wir­kung ent­fal­ten. Bes­ser wäre es, den wirt­schaft­li­chen Nähr­bo­den der Wut anzu­ge­hen. Das heisst, die eta­blier­ten Par­tei­en müss­ten den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern über­zeu­gen­de Ange­bo­te machen, volks­nä­her agie­ren und bei­spiels­wei­se glaub­haft gegen die Kor­rup­ti­on vor­ge­hen.

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Der zuneh­men­de Erfolg von popu­lis­ti­schen Par­tei­en ist nicht ein­fach zu erklä­ren. Vie­le poli­ti­sche Kom­men­ta­to­ren zeich­nen ein Bild von emo­tio­nal getrie­be­nen Wäh­len­den, die mit der Wahl popu­lis­ti­scher Par­tei­en nega­ti­ven Gefüh­len Aus­druck ver­lei­hen wol­len, bei­spiels­wei­se die Sor­ge über die Fol­gen tief­grei­fen­der gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­run­gen wie die Glo­ba­li­sie­rung.

Im Zuge der öko­no­mi­schen Kri­se in Spa­ni­en und Grie­chen­land ist bei­spiels­wei­se die Wut auf das Esta­blish­ment ein Kenn­zei­chen der Pro­tes­te gegen die Aus­te­ri­täts­po­li­tik gewor­den, was sich auch dar­an zeigt, dass Aus­drü­cke wie eco­no­mic anxie­ty (wirt­schaft­li­che Sor­gen), cul­tu­ral resent­ment (kul­tu­rel­le Res­sen­ti­ments) und angry white men (zor­ni­ge weis­se Män­ner) immer mehr Ein­gang in jour­na­lis­ti­sche und wis­sen­schaft­li­che Berich­te über den Erfolg von Donald Trump, Brex­it oder die radi­ka­le Rech­te gefun­den haben.

Die am häu­figs­ten genann­ten Emo­tio­nen in die­sen Erzähl­strän­gen sind Angst und Wut (oder auch Empö­rung oder Furcht). Auch wenn die­se bei­den Begrif­fe häu­fig syn­onym ver­wen­det wer­den, han­delt es sich aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht um zwei unter­schied­li­che Gefühls­re­gun­gen, die unter­schied­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Prä­fe­ren­zen und das Wahl­ver­hal­ten der Men­schen haben kön­nen.                      

Wut wird dadurch aus­ge­löst, dass frus­trie­ren­de Ereig­nis­se als ein­deu­tig zuor­den­bar, unfair und von aus­sen pro­vo­ziert ange­se­hen wer­den. Angst spie­gelt dage­gen eine dif­fu­se Bedro­hung wider, die aus­ser­halb der eige­nen Kon­trol­le liegt.

Die nach­fol­gen­de Tabel­le zeigt, mit wel­chen Fra­gen die popu­lis­ti­sche Welt­sicht mit­tels Mei­nungs­um­fra­gen in der Bevöl­ke­rung gemes­sen wer­den kann. Die Resul­ta­te zei­gen die Situa­ti­on in Spa­ni­en: Fast bei sämt­li­chen Fra­gen stuft sich eine Mehr­heit der Befrag­ten näher am Wert ein, der eine star­ke Über­ein­stim­mung mit der jewei­li­gen Aus­sa­gen aus­drückt (7) als am Wert, der für eine schwa­che Über­ein­stim­mung steht (1). Der Nähr­bo­den für eine popu­lis­ti­sche Mobi­li­sie­rung ist in Spa­ni­en somit durch­aus vor­han­den. Aber wel­che Emo­tio­nen drü­cken die popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen aus?

Messung der populistischen Haltung in Spanien
 201420152016
Poli­ti­ker im spa­ni­schen Par­la­ment müs­sen den Volks­wil­len umset­zen5.75.55.7
Das Volk und nicht die Poli­ti­ker soll­ten die wich­tigs­ten poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen tref­fen5.45.15.2
Die poli­ti­schen Dif­fe­ren­zen sind grös­ser zwi­schen Volk und Eli­te als inner­halb des Volks4.85.05.0
Ich möch­te lie­ber durch einen ande­ren Bür­ger als durch einen pro­fes­sio­nel­len Poli­ti­ker ver­tre­ten wer­den4.84.74.6
Gewähl­te Reprä­sen­tan­ten reden zu viel und machen zu wenig5.95.96.0
Was man in der Poli­tik “Kom­pro­miss” nennt, ist in Tat und Wahr­heit nur das Auf­ge­ben von Prin­zi­pi­en4.04.24.4
Popu­lis­mus­ska­la5.15.05.1
(N)(1’071)(1’014)(1’040)
Anga­ben sind Durch­schnitts­wer­te, gemes­sen auf einer Ska­la von 1 (stark abwei­chend) bis 7 (stark über­ein­stim­mend).
 Wut oder Furcht als Auslöser für populistische Haltung?

Der popu­lis­ti­sche Dis­kurs begreift Poli­tik als Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem guten Volk und der bösen Eli­te. Popu­lis­ten machen ande­re – vor allem die Eli­te – dafür ver­ant­wort­lich, dass in der Poli­tik den Ansich­ten der Bevöl­ke­rungs­mehr­heit nicht zum Durch­bruch ver­hol­fen wer­den kann. Die Affi­ni­tät zwi­schen Wut und den Kern­as­pek­ten des popu­lis­ti­schen Dis­kur­ses liegt des­halb nahe. Die Ein­tei­lung der Welt in gut und böse, wel­che den popu­lis­ti­schen Dis­kurs prägt, fin­det  in der Wahr­neh­mung von man­geln­der Fair­ness, die wie­der­um Wut­ge­füh­le aus­lö­sen kann, Wider­hall.

Unse­re empi­ri­schen Ana­ly­sen zei­gen, dass Popu­lis­mus dar­um eher wüten­de denn ängst­li­che Bür­ge­rin­nen und Bür­gern anspricht: Je wüten­der eine Per­son ist, des­to popu­lis­ti­scher wer­den ihre Ein­stel­lun­gen. Im Gegen­satz dazu pas­sen Unsi­cher­heit und Angst nicht zur Welt­sicht der Popu­lis­ten, denn Angst führ eher zu risi­ko-aver­sen Reak­tio­nen.

Abbildung: Wie werden populistische Einstellungen geprägt?

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Lesehilfe: Die Abbildung zeigt den statistischen Zusammenhang zwischen populistischen Einstellungen, den Gefühlen von Wut und Angst sowie dem Einfluss einer Reihe von anderen Faktoren in unserer Untersuchung. Populistische Einstellungen werden von 1 bis 7 kodiert. Alle unabhängigen Variablen mit Ausnahme des Alters (in Jahren) sind von 0 bis 1 codiert. Die Punkte in der Abbildung zeigen, ob positive oder negative Effekte vorliegen sowie die Konfidenzintervalle um die Punkte herum, um zu zeigen, wie genau die Schätzung statistisch ist. Ferner erlauben uns die Daten, Unterschiede zwischen Individuen  und Veränderungen über die Zeit – also ob Individuen, die über die Zeit wütender werden, auch populistischere Einstellungen entwickeln – separat auszuweisen. Die Effekte dieser beiden Betrachtungsweisen gehen in dieselbe Richtung, wobei die Veränderungen über die Zeit (gelb) schwächer sind als die zwischen Personen (lila), was angesichts des kurzen Untersuchungszeitraums von drei Jahren auch nicht weiter erstaunlich ist. Neben den Effekten der Wut und der Angst, die uns vor allem interessiert haben, zeigt sich, dass das Geschlecht, das Einkommen und ob jemand arbeitslos ist, kaum einen Effekt auf populistische Einstellungen hat. Hingegen denken Menschen mit weniger guten Ausbildungen sowie diejenigen, die sich politisch links verorten, eher populistisch, ebenso die, die der links-populistischen Podemos nahe stehen.
Populismus spricht Wütende an

Unse­re empi­ri­schen Ana­ly­sen zei­gen, dass Popu­lis­mus eher wüten­de denn ängst­li­che Bür­ge­rin­nen und Bür­gern anspricht: Je wüten­der eine Per­son ist, des­to popu­lis­ti­scher wer­den ihre Ein­stel­lun­gen. Der Umkehr­schluss gilt aber nicht, denn popu­lis­ti­sche Hal­tun­gen lösen bei den Men­schen nicht Angst aus.

Weil popu­lis­ti­sche Ein­stel­lun­gen vor allem mit Wut und nicht mit Angst zusam­men­hän­gen, unter­strei­chen unse­re Ergeb­nis­se die begrenz­te Wirk­sam­keit vie­ler „auf­klä­re­ri­scher“ Mass­nah­men gegen Popu­lis­mus. Ange­sichts der kogni­ti­ven Kon­se­quen­zen ihrer Emo­tio­nen kön­nen ver­är­ger­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger die Rhe­to­rik der Popu­lis­ten weni­ger genau auf ihren Wahr­heits­ge­halt prü­fen. Bemü­hun­gen, Fake News und soge­nann­te „post-truth“ Poli­ti­ken zu bekämp­fen, wer­den bei sol­chen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger des­halb kaum Wir­kung ent­fal­ten. Vie­les spricht dar­um eher dafür, direkt etwas gegen die Umstän­de  zu tun, die die Men­schen als unfair oder unmo­ra­lisch emp­fin­den und die des­halb Empö­rung und Wut aus­lö­sen. Zual­ler­erst ste­hen hier die Fol­gen der Wirt­schafts­kri­se in Spa­ni­en sowie der Man­gel an glaub­haf­ten Alter­na­ti­ven unter den eta­blier­ten Par­tei­en, was den Erfolg von neu­en Par­tei­en wie Pode­mos und Ciu­dada­nos beflü­gelt hat.

Daten und For­schungs­de­sign
Wir haben mit Daten aus einer Online-Panel-Befra­gung, die zwi­schen 2014 und 2016 in Spa­ni­en durch­ge­führt wur­de, gear­bei­tet. Die Befra­gung wur­de zufäl­lig im Nach­gang der Wirt­schafts­kri­se in Spa­ni­en durch­ge­führt, die bei vie­len Bür­ge­rin­nen und Bür­gern star­ke nega­ti­ve Gefüh­le gegen das poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Esta­blish­ment aus­lös­te und wohl auch dazu führ­te, dass die popu­lis­ti­sche Links­par­tei Pode­mos stark an Zuspruch gewann.

Wir haben die Teil­neh­men­den zu drei ver­schie­de­nen Zeit­punk­ten gefragt, inwie­weit die Wirt­schafts­kri­se bei ihnen Wut und Angst aus­lös­te. Zudem haben wir die Zustim­mung der Befrag­ten zu einer Serie von Aus­sa­gen, wel­che in popu­lis­ti­schen Par­tei­pro­gram­men bzw. von Poli­ti­kern geäus­sert wur­den, abge­fragt.


Hin­weis: Die­ser Bei­trag basiert auf dem Kapi­tel von Guil­lem Rico, Marc Guin­jo­an und Eva Andui­za aus dem Son­der­heft der Schwei­ze­ri­schen Zeit­schrift für Poli­tik­wis­sen­schaft zum Popu­lis­mus (Heft 23(4), 2017):

Bild: Pixabay.

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