Aktuelle Voto-Studie: Unternehmenssteuerreform III — Im Zweifel Nein

Kaum eine ande­re Vor­la­ge der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit berei­te­te den Stim­men­den mehr Mühe als die Unter­neh­mens­steu­er­re­form III. Rund ein Drit­tel der Nein-Stim­men­den beklag­te eine unzu­rei­chen­de Infor­ma­ti­ons­la­ge und ent­schied nach der Maxi­me „Im Zwei­fel ein Nein“. Wei­te­re 36 Pro­zent der Nein- Stim­men­den waren der Ansicht, die Reform nüt­ze nur den Kon­zer­nen. Das zeigt die aktu­el­le Voto-Stu­die.

VOTO

Ver­si­on fran­çai­se

Unternehmenssteuerreform III: Im Zweifel ein Nein

74 Pro­zent der Befrag­ten gaben an, es sei ihnen schwer gefal­len, die Vor­la­ge zu ver­ste­hen. Dies zeigt sich auch am Zeit­punkt der Ent­schei­dungs­fin­dung: Fast ein Drit­tel (30 %) der Stim­men­den leg­te sich erst im letz­ten Moment fest.

Die Über­for­de­rung mit der Vor­la­ge und die Unsi­cher­heit über die finan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen der Reform waren auch zwei der wich­tigs­ten Grün­de, wes­halb die USR III an der Urne schei­ter­te. 34 Pro­zent der Nein-Stim­men­den begrün­de­ten ihre Ableh­nung der Reform pri­mär mit einer unge­nü­gen­den Infor­ma­ti­ons­la­ge. „Im Zwei­fel ein Nein“, lau­te­te ihre Maxi­me. Ein wei­te­res wich­ti­ges Nein-Motiv war das Argu­ment, dass nur eini­ge weni­ge Kon­zer­ne von der Reform pro­fi­tie­ren wür­den. Auch Abstim­mungs­emp­feh­lun­gen von Par­tei­en und Ver­bän­den spiel­ten eine aus­ser­ge­wöhn­lich wich­ti­ge Rol­le beim Ent­scheid über die USR III – sowohl auf der Sei­te der Befür­wor­ten­den als auch auf der Sei­te der Ableh­nen­den. Vom Inhalt der Vor­la­ge über­for­dert, ori­en­tier­ten sich 26 Pro­zent der Ja-Stim­men­den und elf Pro­zent der Nein-Stim­men­den pri­mär an Emp­feh­lun­gen und Paro­len.

Das lin­ke Lager stimm­te bei­na­he geschlos­sen gegen die Steu­er­re­form, wäh­rend die bür­ger­li­che Wäh­ler­schaft gespal­ten war. Etwa die Hälf­te der SVP- und CVP-Anhän­ger­schaft leg­te ein Nein in die Urne, und selbst bei den FDP-Sym­pa­thi­san­ten stimm­ten 37 Pro­zent gegen die USR III – unge­wöhn­li­che Wer­te für eine Steu­er­vor­la­ge, die haupt­säch­lich von links bekämpft wur­de.

Das gene­rel­le Ver­trau­en in den Bun­des­rat hat­te kei­nen nen­nens­wer­ten Ein­fluss auf den Stimm­ent­scheid. Zwei­fel an den Steu­er­pro­gno­sen der Behör­den und Miss­trau­en gegen­über der Wirt­schaft hin­ge­gen schon. Aus­schlag­ge­bend waren schliess­lich auch die Erwar­tun­gen zu den steu­er­li­chen Aus­wir­kun­gen der Reform. Ein Gross­teil der Stim­men­den (43 %) erwar­te­te zwar mit­tel­fris­tig weder Steu­er­mehr­ein­nah­men noch Steu­er­min­der­ein­nah­men. Für vie­le reich­te indes eine mit­tel­fris­ti­ge Kom­pen­sa­ti­on der Steu­er­aus­fäl­le nicht aus, um die Reform gut­zu­heis­sen: Die Hälf­te von ihnen ver­warf die Steu­er­re­form. Zusam­men mit jenen, die ent­we­der Steu­er­aus­fäl­le befürch­te­ten oder von der Fra­ge über­for­dert waren und des­halb Nein stimm­ten, ergab dies eine Mehr­heit gegen die USR III.

Erleichterte Einbürgerung: Mitte-Lager gibt Ausschlag für Ja

Nur die SVP-Anhän­ger­schaft stimm­te gegen die erleich­ter­te Ein­bür­ge­rung – dies aller­dings deut­lich, mit einem Nein-Stim­men­an­teil von 79 Pro­zent. Alle ande­ren Par­tei­an­hän­ger­schaf­ten hies­sen die­se Vor­la­ge mehr­heit­lich gut. Im Ver­gleich zu 2004, als eine ganz ähn­li­che Vor­la­ge noch an der Urne schei­ter­te, gab die­ses Mal das Mit­te-Lager den Aus­schlag: Damals ver­warf eine Mehr­heit der Stim­men­den des Mit­te- Lagers die erleich­ter­te Ein­bür­ge­rung von Per­so­nen der drit­ten Genera­ti­on. Am Abstim­mungs­wo­chen­en­de vom 12. Febru­ar hin­ge­gen stimm­ten 62 Pro­zent des Mit­te-Lagers dafür.

Im Ja-Lager domi­nier­te ein Motiv: Wer in der drit­ten Genera­ti­on in der Schweiz lebt, gilt als Schwei­ze­rin bzw. Schwei­zer. Ein erheb­li­cher Teil der Nein-Stim­men­den hin­ge­gen sah kei­ne Not­wen­dig­keit für eine Erleich­te­rung des Ein­bür­ge­rungs­ver­fah­rens oder zeig­te eine grund­sätz­li­che Skep­sis gegen­über Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­dern. Nur sel­ten wur­de die Angst vor einer schlei­chen­den Isla­mi­sie­rung genannt, eben­so wenig wie föde­ra­lis­ti­sche Vor­be­hal­te gegen die Revi­si­on for­mu­liert wur­den. Für die aller­meis­ten Stim­men­den war die Vor­la­ge über die erleich­ter­te Ein­bür­ge­rung der drit­ten Aus­län­der­ge­nera­ti­on nicht eine Fra­ge von Ver­wal­tungs­kos­ten, Ver­fah­rens­re­ge­lun­gen und Föde­ra­lis­mus, son­dern eine Iden­ti­täts­fra­ge.


Zitier­wei­se:

Tho­mas Milic, Tho­mas Reiss und Dani­el Küb­ler (2017). VOTO-Stu­die zur eid­ge­nös­si­schen Volks­ab­stim­mung vom 12. Febru­ar 2017. ZDA, FORS, LINK: Aarau/Lausanne/Luzern.

Kon­takt:

Tho­mas Milic, 079 600 82 36, thomas.milic@zda.uzh.ch


Die VOTO-Stu­die
Die VOTO-Stu­di­en sind ein gemein­sa­mes Pro­jekt des For­schungs­zen­trums FORS, dem Zen­trum für Demo­kra­tie Aar­au (ZDA) und dem Befra­gungs­in­sti­tut LINK. Finan­ziert wird VOTO von der Schwei­ze­ri­schen Bun­des­kanz­lei. Die Befra­gung wird vom Bund seit Herbst 2016 neu anstel­le der VOX-Ana­ly­sen an den VOTO-Ver­bund in Auf­trag gege­ben.

An der Abstim­mung vom 12. Febru­ar 2017 hat­te das Schwei­zer Stimm­volk über drei Vor­la­gen zu befin­den: die erleich­ter­te Ein­bür­ge­rung für Ausländerinnen und Aus­län­der der drit­ten Genera­ti­on, den Natio­nal­stras­sen- und Agglo­me­ra­ti­ons­ver­kehrs-Fonds (NAF) und die Unter­neh­mens­steu­er­re­form III (USR III). Die bei­den ers­ten Vor­la­gen wur­den ange­nom­men, die Unter­neh­mens­steu­er­re­form III hin­ge­gen abge­lehnt.

Für die Voto-Stu­die wur­den im Nach­gang der Abstim­mung 1’512 Stimm­be­rech­tig­te aus der gan­zen Schweiz befragt.

Alle Berich­te, die Fra­ge­bo­gen sowie die Roh­da­ten mit Zusatz­in­for­ma­tio­nen zur Erhe­bung sind für wis­sen­schaft­li­che Zwe­cke frei zugäng­lich unter www.voto.swiss bzw. durch das FORS-Daten­ar­chiv forsbase.unil.ch.

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