Wohlbefinden in der Schweiz: Ausgrenzung macht unzufrieden

Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer sind zufrie­den mit ihrem Leben, posi­ti­ve Gefüh­le über­wie­gen und die gros­se Mehr­heit emp­fin­det ihr Dasein als sinn­voll und selbst­be­stimmt. Der Sozi­al­be­richt 2016 zeigt mit­tels detail­lier­ten Aus­wer­tun­gen, wie es der Schwei­zer Bevöl­ke­rung im All­ge­mei­nen und wie es ein­zel­nen Grup­pen geht.

Wenn inter­na­tio­na­le Rang­lis­ten zu Lebens­qua­li­tät und Wohl­be­fin­den ver­öf­fent­licht wer­den, steht die Schweiz meis­tens sehr weit oben. Das indi­vi­du­el­le Wohl­be­fin­den ist aber viel­schich­tig und nicht ein­fach zu erfas­sen.

Unser Wohl­be­fin­den grün­det ers­tens auf einer ratio­na­len Ein­schät­zung unse­re Lebens­si­tua­ti­on: Wie zufrie­den sind wir mit unse­rem Leben, unse­rer finan­zi­el­len, sozia­len und per­sön­li­chen Situa­ti­on? Zwei­tens sind unse­re posi­ti­ven und nega­ti­ven Emo­tio­nen wie Freu­de, Glück, Ärger und Trau­er wesent­li­cher Aus­druck unse­res Wohl­be­fin­dens. Und als Drit­tes ist da noch die Fra­ge nach Sinn und Wert, den wir unse­rem Leben zuschrei­ben: Erach­ten wir unser Leben als sinn­voll, nütz­lich, erfüllt und selbst­be­stimmt?

Gene­rell beur­teilt ist das Wohl­be­fin­den in der Schweiz auch in die­ser dif­fe­ren­zier­ten Betrach­tungs­wei­se hoch.

Bildung und Arbeit: Dabei sein ist alles!

Arbeit und Bil­dung sind Lebens­be­rei­che mit einem wesent­li­chen Ein­fluss auf das Wohl­be­fin­den. Hier zeigt sich, dass die Schwei­zer Bevöl­ke­rung sehr zufrie­den ist mit dem Bil­dungs­sys­tem und auch die Zufrie­den­heit mit der Arbeit und den Arbeits­be­din­gun­gen ist hoch (Abbil­dung 1).

Abbildung 1:

Schwie­ri­ge Arbeits­be­din­gun­gen wie Stress, Lärm oder Nacht­ar­beit schmä­lern die Zufrie­den­heit. Im Grund­satz gilt: Je höher die beruf­li­che Posi­ti­on, des­to höher die Zufrie­den­heits­wer­te bezüg­lich der Arbeit. Aller­dings sind die Unter­schie­de eher gering.

Auf den ers­ten Blick scheint auch das Ein­kom­men einen eher gerin­gen Ein­fluss auf das Wohl­be­fin­den zu haben. So sind Per­so­nen mit einem hohen Ein­kom­men zwar zufrie­de­ner mit ihrer finan­zi­el­len Situa­ti­on, weni­ger trau­rig und machen sich weni­ger Sor­gen. Aber die all­ge­mei­ne Lebens­zu­frie­den­heit von Per­so­nen mit einem hohen Ein­kom­men ist nicht wesent­lich höher und sie erle­ben nicht mehr Freu­de.

Ausgrenzung beeinträchtigt das Wohlbefinden

Eine ernst­haf­te Beein­träch­ti­gung des Wohl­be­fin­dens scheint sich zu erge­ben, wenn Per­so­nen Aus­gren­zung erfah­ren, weil sie aus dem Bil­dungs­sys­tem oder dem Arbeits­markt her­aus­fal­len, oder weil die finan­zi­el­le Situa­ti­on in die Armut führt.

So sind prak­tisch alle Schul­ab­gän­ger mit einer Anschluss­lö­sung zufrie­den, auch jene, die nur eine Zwi­schen­lö­sung gefun­den haben (Abbil­dung 2). Nur bei jenen, die gar kei­ne Anschluss­lö­sung haben, ist eine Mehr­heit unzu­frie­den mit der Situa­ti­on. Arbeits­lo­se und inva­li­di­täts­be­dingt Pen­sio­nier­te sind gene­rell unzu­frie­de­ner mit dem Leben und vor allem mit ihrer finan­zi­el­len Situa­ti­on als Erwerbs­tä­ti­ge und sol­che, die aus ande­ren Grün­den den Arbeits­markt ver­las­sen haben.

Abbildung 2:

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An Armut gewöhnt man sich nicht

Men­schen, die in Wohl­stand leben, haben im Ver­gleich zu Men­schen in pre­kä­ren Situa­tio­nen eine leicht höhe­re all­ge­mei­ne Lebens­zu­frie­den­heit und eine deut­lich höhe­re gegen­über Men­schen in Armut. Die­ser Effekt ver­stärkt sich im bio­gra­phi­schen Ver­lauf. Wer in Wohl­stand lebt, hat eine kon­stant hohe Lebens­zu­frie­den­heit. Bei Men­schen in pre­kä­ren Situa­tio­nen nimmt die Lebens­zu­frie­den­heit mit den Jah­ren leicht ab, aber nur gering­fü­gig. Eine deut­li­che Reduk­ti­on der Lebens­zu­frie­den­heit ergibt sich bei Armuts­be­trof­fe­nen: Sie gewöh­nen sich nicht an ihre Situa­ti­on.

Wohlbefinden ist wichtig

Die Ergeb­nis­se des Sozi­al­be­richts 2016 zei­gen, wie wich­tig es ist, das Wohl­be­fin­den nach ein­zel­nen Lebens­be­rei­chen und für ver­schie­de­ne Bevöl­ke­rungs­grup­pen zu betrach­ten. Wird näm­lich nur die hohe durch­schnitt­li­che Zufrie­den­heit rap­por­tiert, besteht die Gefahr, dass poli­ti­sche Inno­va­tio­nen aus­blei­ben, not­wen­di­ge Refor­men nicht lan­ciert wer­den und Ungleich­hei­ten akzep­tiert wer­den, da die Bevöl­ke­rung schliess­lich zufrie­den ist. Hier kann die Sozi­al­be­richt­erstat­tung einen Bei­trag leis­ten, indem sie sozi­al­po­li­ti­sche Pro­ble­ma­ti­ken so viel­fäl­tig wie mög­lich beleuch­tet und dazu gehört auch die Ana­ly­se des Wohl­be­fin­dens.

Sozi­al­be­richt 2016
Der Sozi­al­be­richt gibt anhand sys­te­ma­tisch auf­be­rei­te­ter Daten Aus­kunft über die aktu­el­le Lage und Ent­wick­lungs­ten­den­zen in der Schwei­zer Gesell­schaft. Der Sozi­al­be­richt erscheint seit dem Jahr 2000 alle vier Jah­re und wird vom Natio­nal­fonds unter­stützt. Die Aus­ga­be 2016 rückt das Wohl­be­fin­den in den Fokus. Neben 75 aus­ge­wähl­ten Indi­ka­to­ren zu ver­schie­de­nen sozia­len The­men ent­hält der Sozi­al­be­richt fünf ana­ly­tisch ori­en­tier­te Ver­tie­fungs­bei­trä­ge, die das Wohl­be­fin­den beleuch­ten. Für den Sozi­al­be­richt 2016 wur­den zahl­rei­che, bereits bestehen­de, natio­na­le und inter­na­tio­na­le Daten­quel­len aus­ge­wer­tet. Daten­quel­len wur­den nur genutzt, wenn sie zuver­läs­si­ge Erhe­bungs­me­tho­den und unver­zerr­te Stich­pro­ben auf­wie­sen.

Alle Daten und Gra­fi­ken des Berichts sowie wei­te­re Infor­ma­tio­nen ste­hen unter www.sozialbericht.ch zur Ver­fü­gung. Aus­ge­wähl­te Indi­ka­to­ren sind aus­ser­dem auf der Web­sei­te des FORS zu fin­den.

Sozi­al­be­rich­te kön­nen beim Seis­mo­ver­lag bestellt wer­den.

Hin­weis: Die­ser Bei­trag bezieht sich auf Fran­zis­ka Ehr­ler, Felix Bühl­mann, Peter Fara­go, François Höpf­lin­ger, Domi­ni­que Joye, Pas­qua­li­na Per­rig-Chiel­lo und Chris­ti­an Suter (Hg.). Sozi­al­be­richt 2016: Wohl­be­fin­den. Zürich: Seis­mo-Ver­lag.


Bild: Wiki­me­dia Com­mons.

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