Wählen Frauen anders als Männer?

Als in der Schweiz 1971 das Frau­en­stimm­recht auf eid­ge­nös­si­scher Ebe­ne ein­ge­führt wur­de, gin­gen die Frau­en weit weni­ger zahl­reich an die Urnen als die Män­ner. Mitt­ler­wei­le sind die geschlech­ter­be­zo­ge­nen Unter­schie­de in der Wahl­be­tei­li­gung nicht mehr so aus­ge­prägt wie damals. Aller­dings neh­men älte­re Frau­en immer noch weni­ger häu­fig an den Wah­len teil als gleich­alt­ri­ge Män­ner. Beim Wahl­ent­scheid gibt es eben­falls bemer­kens­wer­te Ver­än­de­run­gen: Wähl­ten die Frau­en zu Beginn etwas kon­ser­va­ti­ver als Män­ner, so wur­den die­se mitt­ler­wei­le links über­holt. Das zeigt die neus­te Aus­wer­tung von Daten der Schwei­zer Wahl­stu­die Selects.

Vor 50 Jah­ren stand im Zusam­men­hang mit der Ein­füh­rung des Frau­en­stimm­rechts auf eid­ge­nös­si­scher Ebe­ne die Fra­ge im Raum, ob sich Frau­en in der Poli­tik anders ver­hal­ten als Män­ner und dadurch eine Ver­schie­bung der poli­ti­schen Kräf­te­ver­hält­nis­se bewir­ken würden.

Rückläufiger, aber anhaltender gender gap

Ver­gleicht man die Wahl­be­tei­li­gung der Frau­en mit jener der Män­ner, so ist im ers­ten Wahl­gang nach der Ein­füh­rung des Frau­en­stimm­rechts eine gros­se Dis­kre­panz fest­zu­stel­len (vgl. Abb. 1). Bei den eid­ge­nös­si­schen Wah­len im Herbst 1971 gin­gen ledig­lich 46 Pro­zent der neu eben­falls wahl­be­rech­tig­ten Frau­en an die Urne, von den Män­nern nah­men sieb­zig Pro­zent teil. Der sogennann­te gen­der gap betrug somit sat­te 24 Prozentpunkte.

Abbildung 1: Unterschiede in der Wahlbeteiligung zwischen Männern und Frauen 

Doch bereits in den dar­auf­fol­gen­den eid­ge­nös­si­schen Wah­len nahm der Geschlech­ter­gra­ben deut­lich ab und redu­zier­te sich ste­tig. 1995 kam er noch auf fünf Pro­zent­punk­te. Doch ganz ver­schwand der gen­der gap nie. Bei den Natio­nal­rats­wah­len 1999, 2003 und 2007 erhöh­te sich die Betei­li­gungs­dif­fe­renz zwi­schen­zeit­lich sogar wie­der auf über 10 Pro­zent­punk­te. Im Jah­re 2019 belief sich die­se auf knapp 8 Pro­zent­punk­te. Die erheb­lich tie­fe­re Wahl­be­tei­li­gung von Schwei­zer Frau­en stellt in West­eu­ro­pa eine Aus­nah­me dar. So beläuft sich der gen­der gap in Deutsch­land gegen­wär­tig auf weni­ger als einen Prozentpunkt.

Die­se Dis­kre­panz wird damit in Ver­bin­dung gebracht, dass das Frau­en­stimm­recht in unse­rem nörd­li­chen Nach­bar­land bereits vor mehr als hun­dert Jah­ren ein­ge­führt wur­de. Dage­gen leben in der Schweiz noch Frau­en, die als jun­ge Erwach­se­ne nicht wahl­be­rech­tigt waren. Die feh­len­de poli­ti­sche Sozia­li­sa­ti­on macht sich nach wie vor in einer tie­fe­ren Par­ti­zi­pa­ti­on der älte­ren Alters­grup­pe bemerkbar.

In der Tat war 2019 der gen­der gap stark von der Alters­grup­pe abhän­gig (sie­he Abb. 2). Die fest­ge­stell­ten Betei­li­gungs­un­ter­schie­de zwi­schen den Geschlech­tern las­sen sich vor­wie­gend auf die älte­ren Genera­tio­nen zurück­füh­ren. In den drei Grup­pen mit dem höchs­ten Alter und bei den 35- bis 44-Jährigen nah­men die Män­ner deut­lich häu­fi­ger an den eid­ge­nös­si­schen Wah­len teil als die gleich­alt­ri­gen Frau­en. Im Gegen­satz dazu zei­gen sich bei den jüngs­ten Alters­ka­te­go­rien und bei den 45- bis 54-Jährigen kei­ne mar­kan­ten Differenzen.

Abbildung 2: Gender gap in Abhängigkeit der Altersgruppe

Die Frauen haben die Männer links überholt

Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Geschlech­tern tre­ten nicht nur bei der Wahl­be­tei­li­gung, son­dern auch beim Wahl­ent­scheid zuta­ge. So wur­de 1971 die SP über­durch­schnitt­lich oft von Män­nern gewählt. Hin­ge­gen erhiel­ten die bei­den bür­ger­li­chen Par­tei­en FDP und CVP ihre Stim­men zu etwa glei­chen Tei­len von Män­nern und Frau­en. Auch 2019 waren beim Wahl­ent­scheid Unter­schie­de zwi­schen den Geschlech­tern fest­zu­stel­len. Aller­dings haben sich die Par­tei­prä­fe­ren­zen wesent­lich verändert.

Frau­en bevor­zu­gen mitt­ler­wei­le lin­ke Par­tei­en. So gaben sie ihre Stim­men über­durch­schnitt­lich oft der SP und den Grü­nen. Im Gegen­satz dazu wähl­ten Män­ner häu­fi­ger SVP und FDP. In Bezug auf die Mit­te­par­tei­en CVP und GLP lies­sen sich kei­ne Geschlech­ter­un­ter­schie­de feststellen.

Das­sel­be Mus­ter geht aus der Ana­ly­se der indi­vi­du­el­len Links-Rechts-Selbst­ein­stu­fung her­vor. 1971 ver­or­te­ten sich die Frau­en im Durch­schnitt noch etwas wei­ter rechts als die Män­ner. Bereits 1987 wur­den die Män­ner von den Frau­en links über­holt. Die­se ideo­lo­gi­schen Unter­schie­de zwi­schen den Geschlech­tern haben sich seit­her nach jeder Wahl bestätigt.

Wie aus Abbil­dung 3 ersicht­lich ist, haben sich die Unter­schie­de in jüngs­ter Zeit sogar leicht akzen­tu­iert. Mög­li­che Erklä­rungs­an­sät­ze für die Ver­än­de­rung hin zu einer lin­ke­ren Posi­tio­nie­rung der Frau­en sind die Los­lö­sung von ehe­mals stär­ke­ren reli­giö­sen Bin­dung der Frau­en, der tief­grei­fen­de Wan­del von Wer­ten und Rol­len­ori­en­tie­run­gen sowie die stei­gen­de Erwerbs­quo­te und das wach­sen­de Bil­dungs­ni­veau der weib­li­chen Bevölkerung.

Abbildung 3: Unterschiede auf der links-rechts-Achse zwischen Männern und Frauen

Somit lässt sich fest­hal­ten, dass älte­re Schwei­ze­rin­nen nach wie vor weni­ger an den Wah­len teil­neh­men als gleich­alt­ri­ge Män­ner. Bei der Ein­füh­rung des Frau­en­stimm­rechts hat­ten die Stim­men der Frau­en kaum einen Ein­fluss auf die bestehen­den poli­ti­schen Kräf­te­ver­hält­nis­se. Doch im Lau­fe der Zeit haben die Frau­en zu einer Stär­kung der Lin­ken bei­getra­gen. Man darf gespannt sein, ob sich der Schwei­zer Geschlech­ter­gra­ben bezüg­lich Betei­li­gung in naher Zukunft schliesst und wie sich die poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen von Män­nern und Frau­en weiterentwickeln.

Die Schwei­zer Wahl­stu­die Selects
Die­ser Bei­trag lie­fert anhand von Nach­be­fra­gungs­da­ten der Schwei­zer Wahl­stu­die Selects einen Über­blick über den poli­ti­schen gen­der gap (d.h die geschlech­ter­be­zo­ge­nen Unter­schie­de) in Bezug auf Wahl­be­tei­li­gung und Wahl­ent­scheid seit 1971. Selects unter­sucht seit 1995 die Wahl­teil­nah­me und das Wahl­ver­hal­ten bei eid­ge­nös­si­schen Wah­len. Zudem stellt Selects einen Daten­satz bereit, wel­cher die Umfra­ge­da­ten von vor­an­ge­hen­den For­schungs­pro­jek­ten mit den neu­en Daten sys­te­ma­tisch kom­bi­niert. Die­ser kumu­la­ti­ve Daten­satz ent­hält Umfra­ge­da­ten von Schwei­zer Wahl­stu­di­en seit 1971 und deckt bis auf das Jahr 1983 alle Wah­len in der Schweiz ab. Sämt­li­che Daten­sät­ze sind doku­men­tiert und für wis­sen­schaft­li­che Zwe­cke frei zugäng­lich. Selects wird vom Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­fonds (SNF) geför­dert und von FORS in Lau­sanne durchgeführt.

Bild: Goste­li-Stif­tung, AGoF A/228

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