Anmerkungen zum Buch «Verhüllung – die Burka-Debatte in der Schweiz»

Das Buch «Ver­hül­lung – die Bur­ka-Debat­te in der Schweiz» ist seit sei­nem Erschei­nen Anfang Janu­ar 2021 weit­her­um wahr­ge­nom­men wor­den. Es fasst Ergeb­nis­se der For­schung aus ande­ren west­eu­ro­päi­schen Län­dern zusam­men und gleicht sie mit Befun­den aus der Schweiz ab. Gleich­wohl ver­su­chen ein­zel­ne Akteu­re, es als unse­ri­ös hin­zu­stel­len. Des­halb weist der Haupt­au­tor und die Mit­au­torin­nen hier auf eini­ge Punk­te zum Vor­ge­hen hin. Sie sind im Buch aus­ge­führt und belegt.

Seit 2007 forscht der Haupt­au­tor Andre­as Tun­ger-Zanet­ti zum Islam in der Schweiz. Etwa gleich lan­ge ist die Voll­ver­hül­lung ein The­ma in Medi­en und Poli­tik. So wur­de sie im Früh­jahr 2020 zum Gegen­stand einer Lehr­ver­an­stal­tung an der Uni­ver­si­tät Luzern. Im Som­mer und Herbst hat der Dozent und Haupt­au­tor, unter­stützt von den betei­lig­ten Stu­den­tin­nen, das The­ma wei­ter aus­ge­ar­bei­tet und in der Schluss­pha­se Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen der invol­vier­ten Dis­zi­pli­nen in der Schweiz zur Kom­men­tie­rung vor­ge­legt. Zugrun­de liegt dem Buch also kein aus­führ­li­ches, dritt­mit­tel­fi­nan­zier­tes For­schungs­pro­jekt, son­dern die inten­si­ve wis­sen­schaft­li­che Arbeit eines knap­pen Jah­res sowie die vor­an­ge­hen­de For­schung des Haupt­au­tors zum Islam in der Schweiz. Das Buch rich­tet sich nicht pri­mär an die Fach­wis­sen­schaf­ten, son­dern will all­ge­mein­ver­ständ­lich zur der­zeit lau­fen­den Debat­te bekann­te Fak­ten, neue For­schungs­er­trä­ge und eine Ana­ly­se bei­tra­gen, die letzt­lich der Mei­nungs­bil­dung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger dient. Den­noch war es uns wich­tig, Bele­ge anzu­füh­ren, so dass unse­re Aus­sagen für jeder­mann nach­voll­zieh­bar sind.

Zahl der Nikab-Trägerinnen

Bis zu unse­rer eige­nen Erhe­bung fan­den sich zur Zahl der Nikab-Trä­ge­rin­nen in der Schweiz ein­zig sum­ma­risch Anga­ben. Die­se beruh­ten «ent­we­der auf Schät­zun­gen anhand einer par­ti­el­len Wahr­neh­mung oder auf Extra­po­la­tio­nen auf der Basis der Zah­len zu Frank­reich» («Ver­hül­lung», S. 46f.). Schon 2010 schrieb der Bun­des­rat: «Über­trägt man die­se Schät­zung auf die Schweiz, wür­de dies etwa 95 bis 130 voll­stän­dig ver­hüll­ten Frau­en ent­spre­chen. Die effek­ti­ve Zahl dürf­te jedoch erheb­lich tie­fer lie­gen» (zitiert S. 47).

Um ver­läss­li­che­re Zah­len zu erhal­ten, «frag­ten wir bei mus­li­mi­schen Ver­bän­den sowie bei mus­li­mi­schen Schlüs­sel­per­so­nen in ver­schie­de­nen Regio­nen nach und baten um eine mög­lichst prä­zi­se, nach­voll­zieh­ba­re Schät­zung zu ihrer Regi­on» (47). Bei den Schlüs­sel­per­so­nen han­delt es sich um Per­so­nen vor­wie­gend, aber nicht aus­schliess­lich in mus­li­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen. «Ver­ein­zelt gaben auch Medi­en­be­rich­te Hin­wei­se auf das (Nicht-)Vorhandensein von Nikab-Trä­ge­rin­nen» (48). Wir frag­ten die Kon­takt­per­so­nen, von wie vie­len indi­vi­du­ell unter­scheid­ba­ren regel­mäs­si­gen Nikab-Trä­ge­rin­nen sie in dem von ihnen über­blick­ten Gebiet wis­sen. Da wir mehr­fach Aus­künf­te des Typs ‹eine oder zwei› erhiel­ten, ergab sich in der Addi­ti­on letzt­lich eine Spann­brei­te: Im Som­mer 2020 haben dem­nach zwi­schen 21 und 37 Nikab-Trä­ge­rin­nen in der Schweiz gelebt.

Identität der interviewten Nikab-Trägerin

Der Kon­takt zur von uns inter­view­ten Nikab-Trä­ge­rin ist uns von einer erfah­re­nen Forscher­kollegin ver­mit­telt wor­den, die wie wir qua­li­ta­ti­ve Sozi­al­for­schung betreibt und die be­treffende Frau in die­sem Rah­men schon vor Jah­ren ken­nen­lern­te, als die­se noch kei­nen Nikab trug. Die erwähn­te For­sche­rin war also unser Garant für die Iden­ti­tät der Inter­view­part­ne­rin. Auch die Aus­sa­gen der Frau und alle Details ihres Umfelds boten kei­nerlei Grund, dar­an zu zwei­feln, dass sie den Nikab trägt und uns auf­rich­tig Aus­kunft gibt.

Wir ken­nen den Namen der Frau, haben uns aber ihr gegen­über ver­pflich­tet, ihn nicht öffent­lich zu nen­nen oder ohne ihr Ein­ver­ständ­nis wei­ter­zu­ge­ben. In der Sozi­al­for­schung, ins­be­son­de­re zu stark stig­ma­ti­sier­ten oder mar­gi­na­li­sier­ten Grup­pen und bei einem so klei­nen Feld wie im vor­lie­gen­den Fall, ist dies ana­log zum Jour­na­lis­mus eine gän­gi­ge Pra­xis. Sind For­schen­de (oder Medi­en­schaf­fen­de) in die­sem Punkt nicht kor­rekt und red­lich, so scha­den sie rasch ihrem eige­nen Ruf, in der Gemein­schaft der For­schen­den eben­so wie im zu erfor­schen­den Feld.

Reichweite unserer Aussagen

Auf fünf­ein­halb Sei­ten (S. 53–58) las­sen wir im Buch in direk­ten Zita­ten und zusammenfas­senden Pas­sa­gen die Schwei­zer Nikab-Trä­ge­rin zu Wort kom­men. Wir behaup­ten nicht, die Aus­sa­gen unse­rer ein­zi­gen Gesprächs­part­ne­rin sei­en reprä­sen­ta­tiv für alle Nikab-Trä­ge­rin­nen in der Schweiz. Bei nur dreis­sig Per­so­nen wäre es ver­fehlt, Reprä­sen­ta­ti­vi­tät im land­läu­fi­gen, sta­tis­ti­schen Sinn zu ver­lan­gen. Denn jeder zusätz­li­che Fall bringt unwei­ger­lich neue Facet­ten ins Spiel. Man müss­te also theo­re­tisch alle dreis­sig Per­so­nen befra­gen. Das wäre nur mit enor­mem Auf­wand möglich.

Das Pro­fil der von uns befrag­ten Per­son steht zunächst für sich sel­ber. Die Aus­sa­gen von «Frau U.» erlau­ben aber auch einen ers­ten Abgleich mit dem Aus­land. Die­se For­schung unter eini­gen Hun­dert Nikab-Trä­ge­rin­nen in Bel­gi­en, Däne­mark, Frank­reich, Gross­bri­tan­ni­en und den Nie­der­lan­den haben wir im vor­her­ge­hen­den Kapi­tel (S. 29–42) zusam­men­ge­fasst. Es hat uns For­schen­de erstaunt, in wie vie­len Punk­ten sich das Pro­fil unse­rer Inter­viewpartnerin mit dem Durch­schnitts­pro­fil deckt, das die For­schung in den genann­ten Län­dern her­aus­ge­ar­bei­tet hat. Ander­seits sehen wir im Schwei­zer Kon­text kei­ne Fak­to­ren, die ein völ­lig gegen­sätz­li­ches Ergeb­nis hät­ten erwar­ten las­sen müs­sen. Der von uns beleuch­te­te Fall ist somit ein pas­sen­des Schwei­zer Bei­spiel für ein euro­päi­sches Phä­no­men, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Aus der Schweiz sind ansons­ten ein­zig von Nora Illi, der im März 2020 ver­stor­be­nen be­kannten Akti­vis­tin, aus­führ­li­che Aus­sa­gen über sich als Nikab-Trä­ge­rin bekannt. Sie sind öffent­lich und leicht zugäng­lich, wes­halb wir Illis Bio­gra­fie nur kurz skiz­zie­ren (S. 51f.). Zu ande­ren Per­so­nen waren für uns in der knap­pen Zeit nur kur­ze Bruch­stü­cke und Ein­zel­in­for­ma­tio­nen auf­find­bar. Auch sie fügen sich jedoch ohne wei­te­res in das west­eu­ro­päi­sche Durchschnittsbild.

Lebenswelt und Diskurs

Bei der Dar­stel­lung des Fel­des der Schwei­zer Nikab-Trä­ge­rin­nen haben wir also nicht auf grösst­mög­li­che Voll­stän­dig­keit abge­zielt, son­dern auf ein aktu­el­les Über­blicks­bild, das zu­sammen mit den vor­an­ge­hen­den Kapi­teln das not­wen­di­ge Umfeld lie­fert für das zwei­te Haupt­the­ma des Buches: die Ana­ly­se des media­len Dis­kur­ses zur Voll­ver­hül­lung in der Deutsch­schweiz (S. 79–124). Die­sen Teil haben die Publi­kums­me­di­en bis jetzt so gut wie nicht the­ma­ti­siert. Das ist inso­fern ver­ständ­lich, als Redak­tio­nen gene­rell zurück­hal­tend sind, die eige­ne Arbeit und die­je­ni­ge der Kon­kur­renz öffent­lich anhand eines Blicks in den Spie­gel kri­tisch zu reflek­tie­ren. Dabei ist gera­de das kom­ple­xe Wech­sel­ver­hält­nis von Lebens­welt und Dis­kurs nach unse­rer Mei­nung einer der span­nen­den Aspek­te und der Grund, war­um wir zwei schein­bar so ver­schie­de­ne Berei­che im sel­ben Buch behan­deln. Viel­leicht fällt die­ser Blick nach der Abstim­mung vom 7. März 2021 leichter.


Refe­renz:

Bild: pixabay.com

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