2050: Die Welt der Städte

Im Jahr 2050 ist alles bereit für die Welt der Städ­te: Natio­nal­staa­ten gibt es nicht mehr, Gren­zen sind abge­schafft, Päs­se ver­nich­tet und die Men­schen sind ner­vös. Wird die Welt der Städ­te hal­ten, was sie ver­spricht? Wird die Art, wie wir uns bewe­gen und woh­nen, end­lich für alle gleich sein? Wäh­rend die Welt den Atem anhält, reflek­tiert eine Stadt­bür­ge­rin über his­to­ri­sche Ver­än­de­run­gen, gros­se Hoff­nun­gen und mög­li­che Sorgen.

Die­ser Blog­bei­trag wur­de erst­mals auf dem Blog des nccr – on the move publi­ziert (26.1.2021)

Es begann vor 30 Jah­ren. Eine klei­ne Zeit­span­ne, wenn wir beden­ken, welch rie­si­gen Schritt wir mach­ten, als wir uns weg von den Natio­nal­staa­ten hin zur Welt der Städ­te beweg­ten. Als COVID-19 zum ers­ten Mal auf­tauch­te, reagier­ten die meis­ten natio­na­len Regie­run­gen mit Mass­nah­men gegen glo­ba­le und loka­le Bewe­gun­gen. Wäh­rend eini­ge Men­schen bereits dar­an gewöhnt waren, leich­te bis star­ke Bewe­gungs­ein­schrän­kun­gen zu erfah­ren — z. B. in Bezug auf den Mobi­li­tätss­core ihres Pas­ses oder bezüg­lich ihrer Fähig­keit, aus frei­em Wil­len mobil oder immo­bil zu sein, wie Joel­le Moret 2017 vor­schlug — war dies für ande­re völ­lig neu. Gera­de im OECD-Raum erleb­ten mehr Men­schen als je zuvor die tren­nen­de und aus­gren­zen­de Kraft von Natio­nal­staa­ten (Well­man & Cole 2011) und deren Gren­zen (OECD 2020).

Wäh­rend der Pan­de­mie berich­te­ten die Medi­en aus­führ­lich über Fami­li­en und inter­na­tio­na­le Paa­re, die durch Gren­zen getrennt wur­den, und über Asyl­su­chen­de, inter­na­tio­na­le Stu­die­ren­de und migran­ti­sche Ange­stell­te, die Mühe hat­ten, ihre Desti­na­tio­nen zu errei­chen. Die durch COVID-19 aus­ge­lös­ten Mobi­li­täts­re­ge­lun­gen lies­sen die Men­schen über­all erle­ben, dass Raum und der Zugang zu Raum zutiefst poli­tisch sind. Nach der sieb­ten Muta­ti­on von COVID-19, als sich her­aus­stell­te, dass Städ­te schnel­ler und effek­ti­ver auf die Aus­brei­tung des Virus reagie­ren konn­ten als Natio­nal­staa­ten, ent­stand die Idee einer Welt der Städte.

Die Welt der Städte

Die Welt der Städ­te basiert auf der Idee der «Glo­bal Cities» (Sas­sen 1991) und ver­spricht eine neue Art des Lebens, die eine weni­ger ein­ge­schränk­te Mobi­li­tät von Men­schen, Waren, Daten und Infor­ma­tio­nen, Dienst­leis­tun­gen und Geld beinhal­tet. Die Zuge­hö­rig­keit und damit das Mit­spra­che­recht in einer loka­len Gemein­schaft hängt allein davon ab, wer in der jewei­li­gen Stadt oder Gemein­de wohnt (Bau­böck 2010).

Es gibt zwei Ebe­nen der Recht­spre­chung: die städ­ti­sche, die für alle Men­schen gilt, die phy­sisch dort leben, und die glo­ba­le, die für alle Men­schen gilt. Die glo­ba­le Recht­spre­chung befasst sich mit uni­ver­sel­len The­men, die auf loka­ler Ebe­ne nicht behan­delt wer­den kön­nen, wie z.B. Kli­ma und Migra­ti­on. Zur­zeit ent­ste­hen vie­le wei­te­re Kon­ven­tio­nen wie der Glo­bal Migra­ti­on Com­pact. Städ­te, glo­ba­le öffent­li­che Orga­ni­sa­tio­nen, pri­va­te Unter­neh­men und jeder Mensch müs­sen sich an die­se glo­ba­len Kon­ven­tio­nen halten.

Jeder Hin­weis auf Gren­zen – wie die ter­ri­to­ria­len Gren­zen von Natio­nal­staa­ten — wur­de aus­ge­löscht. Städ­te und Gemein­den haben zwar so etwas wie eine ter­ri­to­ria­le Gren­ze, aber sie ist nur durch die Nut­zung des Raums defi­niert, der frei wach­sen und schrump­fen kann, rela­tiv zu sei­ner Umge­bung. Wäh­rend das städ­ti­sche Ter­ri­to­ri­um aus Sicher­heits­grün­den gele­gent­lich kon­trol­liert wird, kann jeder Mensch frei kom­men und gehen — sofern kei­ne Anschul­di­gun­gen gegen die Per­son vor­lie­gen. Wäh­rend Indi­vi­du­en frei sind, so mobil zu sein, wie sie wol­len, haben sie einen Haupt­wohn­sitz, an dem sie wäh­len und Steu­ern zah­len. Das loka­le poli­ti­sche Sys­tem über­nimmt fast alle büro­kra­ti­schen Auf­ga­ben, die his­to­risch vom Natio­nal­staat abge­deckt wur­den. Wäh­rend die ein­zel­ne Per­son mehr Frei­zü­gig­keit geniesst, sind poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen jedoch an glo­ba­le Kon­ven­tio­nen gebun­den und jede Per­son kann eine Stadt ver­kla­gen, die sich nicht dar­an hält.

Die digi­ta­le Zusam­men­ar­beit führt dazu, dass mehr Men­schen von dort aus arbei­ten, wo sie leben möch­ten, was eine gros­se kul­tu­rel­le Viel­falt för­dert – nicht nur in den Stadt­zen­tren, son­dern auch in eini­gen Peri­phe­rien. Zudem erleich­tern Han­dy Apps den Abbau von Sprach­bar­rie­ren. Auch das Wohl­fahrts­sys­tem funk­tio­niert auf bei­den Ebe­nen, lokal und glo­bal, und die Rede von einem glo­ba­len Grund­ein­kom­mens­sys­tem kommt auf. Men­schen und Unter­neh­men wer­den nun lokal und glo­bal besteu­ert, wobei letz­te­res für die Nach­hal­tig­keit der glo­ba­len Kon­ven­tio­nen genutzt wird. Die ver­netz­te Exis­tenz ver­schie­de­ner glo­ba­ler Pak­te und unab­hän­gi­ger Städ­te schützt die ein­zel­ne Per­son vor Miss­brauch und Unge­rech­tig­kei­ten bei der Ver­tei­lung von Gütern und Dienst­leis­tun­gen sowie beim Zugang zu Insti­tu­tio­nen, Raum und Lebenschancen.

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Wie alle um mich her­um kann ich noch nicht abse­hen, ob die Vor­tei­le, die die­se neue Welt der Städ­te ver­spricht, nicht von ihren mög­li­chen Fall­stri­cken über­schat­tet wer­den. Wird es wei­ter­hin Krieg geben? Wer­den Stadt­pla­nung und Woh­nungs­märk­te über­füll­te oder ver­las­se­ne Städ­te ver­hin­dern? Wer­den der infra­struk­tu­rel­le und der demo­gra­fi­sche Über­gang rei­bungs­los oder spal­tend ver­lau­fen? Wird die städ­ti­sche Bür­ger­schaft inklu­si­ver sein als die der Natio­nal­staa­ten? Wer­den glo­ba­le öffent­li­che Orga­ni­sa­tio­nen gerecht und legi­tim sein? Wird die Kor­rup­ti­on ein­ge­dämmt werden?

Nur die Zeit wird es zei­gen, und es wird unwei­ger­lich Pro­ble­me mit jedem gesell­schaft­li­chen Sys­tem geben. Wenn wir jedoch zurück­bli­cken, erscheint die Zeit vor COVID-19 wie aus einem Mär­chen. Heu­te ver­ste­hen die Men­schen nicht, dass noch vor 30 Jah­ren kolo­nia­le Errun­gen­schaf­ten so sehr ver­tei­digt wur­den, dass wir glaub­ten, dies sei die ein­zi­ge Mög­lich­keit, wie mensch­li­ches Zusam­men­le­ben und Inter­ak­ti­on statt­fin­den könne.

Wer hät­te gedacht, dass ein mikro­sko­pi­scher Virus uns end­lich dazu brin­gen wür­de, das makro­sko­pi­sche Pro­blem unglei­cher Mobi­li­tä­ten und die Not­wen­dig­keit der Mobi­li­täts­ge­rech­tig­keit anzu­er­ken­nen (Shel­ler 2018)? Wer hät­te gedacht, dass Gren­zen unnö­tig sind, damit Men­schen ein men­schen­wür­di­ges Leben füh­ren kön­nen und damit Volks­wirt­schaf­ten sowie poli­ti­sche Sys­te­me funk­tio­nie­ren? Wer hät­te gedacht, dass Päs­se zu einem his­to­ri­schen Objekt in Muse­en wer­den, beti­telt als «das natio­na­le Klas­sen­sys­tem zur Tei­lung und Ent­wür­di­gung von Men­schen»? Und wer hät­te gedacht, dass wir, indem wir zu Welt­bür­ge­rin­nen und Welt­bür­gern wer­den, auch zu loka­len Stadt­bür­ge­rin­nen und Stadt­bür­gern wer­den, zu Mit­glie­dern ver­schie­de­ner Städ­te, Gemein­den und Dör­fer? Wir sind dabei, Teil der glo­ka­len Gemein­schaft zu wer­den; mal sehen, ob die Welt der Städ­te hält, was sie verspricht.


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Bild: pixabay.com

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