Wohlbefinden und Sorgen in der Zeit des Schweizer Lockdowns

Das Wohl­be­fin­den der Schwei­zer Bevöl­ke­rung blieb auch wäh­rend des Lock­downs im Früh­jahr hoch. Dies liegt mög­li­cher­wei­se auch dar­an, dass in der Schweiz nur ein klei­ner Teil der Bevöl­ke­rung an Covid-19 erkrankt ist. Aller­dings hin­der­te das die Men­schen nicht, sich über die Aus­wir­kun­gen von Covid-19 auf ihr Leben und ihrer finan­zi­el­len Situa­ti­on Gedan­ken zu machen. Das sind die Ergeb­nis­se einer zwi­schen Ende April und Mai 2020 durch­ge­führ­ten Befra­gung von rund 2’000 Per­so­nen aus der Schweiz.

Hohes allgemeines Wohlbefinden in der Zeit des Lockdowns

Die hohe all­ge­mei­ne Lebens­zu­frie­den­heit der Schwei­zer Bevöl­ke­rung wäh­rend des Lock­downs zeigt sich in ver­schie­de­nen Lebens­be­rei­chen. Über neun­zig Pro­zent der Befrag­ten gaben an, mit dem Leben im All­ge­mei­nen sehr oder eher zufrie­den zu sein. Drei Vier­tel gaben an, dass sie mit ihrer Arbeit und ihrer finan­zi­el­len Situa­ti­on zufrie­den sind, nur eine von zehn befrag­ten Per­so­nen gab an, unzu­frie­den zu sein. Beson­ders hoch ist die Zufrie­den­heit im pri­va­ten Bereich, nur ver­ein­zel­te Befrag­te gaben an, mit dem Zusam­men­le­ben oder in der Bezie­hung unzu­frie­den zu sein. Von den Per­so­nen, die in einer Part­ner­schaft leben, gaben drei Vier­tel an, dass sie mit ihrer Part­ner­schaft voll­stän­dig oder sehr zufrie­den sind, mit dem Zusam­men­le­ben im Haus­halt sind es eben­falls sieb­zig Pro­zent (sie­he Abbil­dung 1).

Abbildung 1: Zufriedenheit nach Lebensbereichen (in Prozent der Befragten)

 

Die Betroffenheit und Sorge war in der lateinischen Schweiz wesentlich höher

Die hohe Zufrie­den­heit mit dem eige­nen Leben bedeu­tet aber nicht, dass sich die Bevöl­ke­rung kei­ne Sor­gen mach­te (Abbil­dung 2). Ein wesent­li­cher Teil der Befrag­ten hat sich nicht nur Sor­gen um die Gesund­heit ihrer Nächs­ten (78 Pro­zent) gemacht, son­dern auch um ihr eige­nes Sozi­al­le­ben (58 Pro­zent) und ihre finan­zi­el­le Situa­ti­on (40 Pro­zent).

Gene­rell zeigt sich auch, dass sich Per­so­nen aus der latei­ni­schen Schweiz in allen Berei­chen mit Aus­nah­me des Sozi­al­le­bens mehr Sor­gen gemacht haben als Per­so­nen aus der Deutsch­schweiz. Dies dürf­te damit zusam­men­hän­gen, dass die latei­ni­sche Schweiz vor und wäh­rend des Befra­gungs­zeit­raums stär­ker von Covid-19 betrof­fen war als die Deutsch­schweiz.

Abbildung 2: Besorgtheit über die Auswirkungen der Coronakrise auf verschiedene Lebensbereiche nach Sprachregionen (in % der Befragten)

Anmerkung: D‑CH = Deutschschweiz, L‑CH = Lateinische Schweiz. N=1876–1890. Die Fragestellung lautete: Wie besorgt sind Sie über die Auswirkungen des Coronavirus auf Ihre persönliche Gesundheit / die Gesundheit Ihrer Nächsten / Ihr Sozialleben / auf Ihr Familienleben / auf Ihre finanzielle Situation?

Bei der Sor­ge um die Gesund­heit über­wie­gen die Sor­gen um die Gesund­heit der Nächs­ten gegen­über der Sor­ge um die eige­ne Gesund­heit. 56 Pro­zent der Befrag­ten sind nicht sehr oder über­haupt nicht besorgt, was ihre eige­ne Gesund­heit anbe­langt. Aber nur 23 Pro­zent machen sich eben­so wenig Sor­gen um die Gesund­heit ihrer Ange­hö­ri­gen. Die Sor­ge um die eige­ne Gesund­heit steigt mit dem Alter (Abbil­dung 3). Wäh­rend bei den Per­so­nen zwi­schen 18 und 30 Jah­re nur 30 Pro­zent zumin­dest eher besorgt sind, steigt die­se Sor­ge bei der Alters­grup­pe 65+ deut­lich an. Jedoch sind auch inner­halb der älte­ren Bevöl­ke­rung 28 Pro­zent nicht sehr besorgt und sie­ben Pro­zent über­haupt nicht besorgt.

Abbildung 3: Besorgtheit über die Auswirkungen der Coronakrise auf verschiedene Lebensbereiche nach Alter (in % der Befragten)

N=1876–1890. Die Fragestellung lautete: Wie besorgt sind Sie über die Auswirkungen des Coronavirus auf Ihre persönliche Gesundheit / auf Ihr Familienleben / auf Ihre finanzielle Situation?

Über die Aus­wir­kun­gen auf ihr Sozi­al- und Fami­li­en­le­ben machen sich die Befrag­ten etwas weni­ger Sor­gen als über die Gesund­heit ihrer Nächs­ten. Aber zumin­dest in Bezug auf das Fami­li­en­le­ben zei­gen sich die­sel­ben Unter­schie­de nach Alter, sprich mit stei­gen­dem Alter steigt die Sor­ge um die Aus­wir­kun­gen auf das Fami­li­en­le­ben (Abbil­dung 3).

Ein etwas ande­res Mus­ter offen­bart sich bei den Aus­wir­kun­gen auf die finan­zi­el­le Situa­ti­on. Hier sor­gen sich Per­so­nen im Erwerbs­al­ter deut­lich stär­ker als Per­so­nen im Pen­si­ons­al­ter. Ins­ge­samt sind die Sor­gen um die Aus­wir­kun­gen auf die finan­zi­el­le Situa­ti­on aber etwas weni­ger ver­brei­tet als in den ande­ren Lebens­be­rei­chen. Es sind aber doch vier­zig Pro­zent der Befrag­ten besorgt über die Aus­wir­kun­gen von Covid-19 auf ihre finan­zi­el­le Situa­ti­on. Ein Teil davon, rund 16 Pro­zent, sind sogar sehr oder äus­serst besorgt, das ist eine von sechs befrag­ten Per­so­nen. In der latei­ni­schen Schweiz ist es sogar eine von fünf Per­so­nen.

Ins­ge­samt betrach­tet, machen sich Frau­en in der Ten­denz etwas mehr Sor­gen als Män­ner, aber die­se Unter­schie­de sind nur teil­wei­se signi­fi­kant und wenn signi­fi­kant, dann sind die Unter­schie­de klein. Auch die per­sön­li­che Betrof­fen­heit durch eine Covid-19-Erkran­kung im Umfeld hat kei­nen Ein­fluss auf den Grad der Besorgt­heit. 

Mehrheit fühlte sich manchmal isoliert, konnte aber auf emotionale Unterstützung zählen

In Zusam­men­hang mit Covid-19 stell­te sich die Fra­ge, ob der Lock­down zu sozia­ler Iso­la­ti­on führ­te. Ins­ge­samt lässt sich sagen, dass vie­len Men­schen die Gesell­schaft von ande­ren Men­schen fehl­te und sie sich ab und zu iso­liert fühl­ten. Das Gefühl aus­ge­schlos­sen und über­gan­gen zu wer­den, war hin­ge­gen nur bei einer Min­der­heit vor­han­den.

Unse­re Ana­ly­se zei­gen, dass 27 Pro­zent der Befrag­ten in die­ser Zeit die Gesell­schaft von ande­ren Men­schen sehr oft oder oft gefehlt hat und 19 Pro­zent fühl­ten sich oft oder sehr oft von ande­ren Men­schen iso­liert (Abbil­dung 4). Aus­ge­schlos­sen oder über­gan­gen fühl­ten sich aber nur 6 Pro­zent der Befrag­ten oft oder sehr oft, 82 Pro­zent hat­ten die­ses Gefühl nie oder sel­ten. Frau­en haben sich in der Ten­denz etwas öfter iso­liert gefühlt und etwas öfter die Gesell­schaft von ande­ren Men­schen ver­misst. Zwi­schen den Alters­grup­pen zei­gen sich hin­ge­gen kei­ne signi­fi­kan­ten Unter­schie­de.

Abbildung 4: Gefühle von Isolation und Ausschluss in den letzten vier Wochen (in Prozent der Befragten)

N=1875–1900. Die Fragestellung lautete: Wie oft haben Sie in den letzten vier Wochen das Gefühl gehabt, dass Ihnen die Gesellschaft von Menschen fehlt / dass Sis sich von anderen Menschen isoliert fühlen / dass Sie ausgeschlossen oder übergangen werden?

Ein Gross­teil der Bevöl­ke­rung konn­te jedoch auch wäh­rend die­ser Zeit auf emo­tio­na­le Unter­stüt­zung zäh­len. Es gibt aber acht Pro­zent, die ange­ben, nie oder fast nie auf emo­tio­na­le Unter­stüt­zung zäh­len zu kön­nen (Abbil­dung 5). Zwi­schen Per­so­nen im Erwerbs­al­ter und Per­so­nen im Pen­si­ons­al­ter zei­gen sich dabei nur gerin­ge Unter­schie­de. Gros­se Unter­schie­de zei­gen sich nach Haus­halts­form und Geschlecht.

So sind es vor allem allein­le­ben­de Män­ner, die in deut­lich gerin­ge­rem Aus­mass auf emo­tio­na­le Unter­stüt­zung zäh­len konn­ten als alle ande­ren. Rund 30 Pro­zent der allein­le­ben­den Män­ner geben an, dass sie sel­ten bis nie auf jeman­den zäh­len kön­nen, der mit ihnen Pro­ble­me bespricht oder ihnen hilft, schwie­ri­ge Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Allein­le­ben­de Män­ner füh­len sich auch über­durch­schnitt­lich oft iso­liert von ande­ren Men­schen und aus­ge­schlos­sen, geben aber inter­es­san­ter­wei­se nicht öfter an, dass ihnen die Gesell­schaft von Men­schen fehlt. Im Gegen­satz zu den allein­le­ben­den Män­nern zei­gen sich bei den allein­le­ben­den und allein­er­zie­hen­den Frau­en in die­sen Berei­chen kei­ne signi­fi­kan­ten Unter­schie­de zur Gesamt­be­völ­ke­rung.

Abbildung 5: Vorhandensein von emotionaler Unterstützung in den letzten vier Wochen (in Prozent der Befragten)

Anmerkung: Skala von 0 = nie bis 6 = immer. N=1772. Die Fragestellung lautete: Inwieweit konnten Sie in den letzten vier Wochen auf jemanden zählen, der Ihnen emotionale Unterstützung bietet, mit Ihnen Probleme bespricht oder Ihnen hilft, schwierige Entscheidungen zu treffen?
Schlussfolgerung

Die Resul­ta­te zei­gen, dass das all­ge­mei­ne Wohl­be­fin­den in der Schweiz auch wäh­rend des Lock­downs im Durch­schnitt hoch war, die Befrag­ten mit ihrem Leben zufrie­den waren und sich emo­tio­nal getra­gen fühl­ten. Ein wesent­li­cher Teil macht sich aber auch Sor­gen um die Aus­wir­kun­gen von Covid-19 auf die ver­schie­de­nen Aspek­te ihres Lebens und dort, wo das Virus stär­ker ver­brei­tet war, machen sich die Men­schen mehr Sor­gen.

Bei all die­sen Durch­schnitts­wer­ten darf aber nicht ver­ges­sen wer­den, dass es auf die Gesamt­be­völ­ke­rung einen pro­zent­mäs­sig klei­nen Anteil, zah­len­mäs­sig aber durch­aus wesent­li­chen Teil der Bevöl­ke­rung gibt, der sich sehr iso­liert fühlt und sich sehr gros­se Sor­gen macht. Zudem haben bereits die­se ers­ten Ana­ly­sen gezeigt, dass es Bevöl­ke­rungs­grup­pen gibt, die stär­ker gefähr­det sind als ande­re. Hier gilt es genau­er hin­zu­schau­en, um Risi­ko­grup­pen zu iden­ti­fi­zie­ren und bei einer mög­li­chen zwei­ten Covid-19 Wel­le gege­be­nen­falls Mass­nah­men zu ergrei­fen, die sozia­ler Iso­lie­rung, Ein­sam­keit und Sor­ge ent­ge­gen wir­ken.

FORS Covid-19 MOSAiCH Erhe­bung
Um einen Bei­trag zum Ver­ständ­nis der Aus­wirkungen von Covid-19 auf die Gesell­schaft in der Schweiz zu leis­ten, wur­den in MOSAiCH (https://forscenter.ch/mosaich/) Fra­gen zu Covid-19 und den damit ein­hergehenden Mass­nah­men auf­ge­nom­men. MOSAiCH ist eine jähr­lich statt­fin­den­de sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Erhe­bung, die sich rund um die The­men Wohl­be­fin­den, Arbeit, Ver­ein­bar­keit Fami­lie und Beruf sowie Poli­tik dreht. Zwi­schen Ende April und Ende Mai 2020 haben 1’937 Per­so­nen an einer Online-Befra­gung teil­ge­nom­men, die in Pri­vat­haus­hal­ten in der Schweiz leben und min­des­tens 18 Jah­re alt sind. Die Resul­ta­te wur­den sta­tis­tisch gewich­tet, um eine bes­se­re Repräsen­tativität für die Schwei­zer Bevöl­ke­rung zu errei­chen. Die Per­so­nen wer­den im Herbst 2020 ein zwei­tes und im Früh­ling 2021 ein drit­tes Mal befragt, um die Aus­wir­kun­gen von Covid-19 län­ger­fris­tig mes­sen zu kön­nen.

Die­ser Bei­trag basiert auf dem  Fak­ten­blatt Nr. 1 der FORS Covid-19 Erhe­bun­gen.


[1] F. Ehr­ler, F. Bühl­mann, P. Fara­go, F. Höpf­lin­ger, D. Joye, P. Per­rig-Chiel­lo und Ch. Suter (Hg.). Sozi­al­be­richt 2016: Wohl­be­fin­den. Zürich: Seis­mo-Ver­lag.

 

Bild: pixabay.com

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