Die Reform des Ständerates – ein Gedankenexperiment

Der Stän­de­rat ver­schärft die schon vor­han­de­nen Reprä­sen­ta­ti­ons­de­fi­zi­te der Volks­kam­mer und er ver­tritt nicht die Inter­es­sen der kan­to­na­len Behör­den. Der Bei­trag skiz­ziert, wie sich die­se bei­den Pro­ble­me durch eine kom­bi­nier­te Reform lösen lassen.

Ständeratsbuch

Die frü­he Kri­tik von Leon­hard Neid­hart (1970) am Stän­de­rat, dass sei­ne föde­ra­lis­ti­sche Reprä­sen­ta­ti­ons­funk­ti­on nicht ein­deu­tig genug sei und als sozia­le Ver­tre­tung nicht der gesell­schaft­li­chen Inter­es­sen­struk­tur ent­spre­che, hat in Bezug auf die funk­tio­na­len Schwä­chen der Zwei­ten Par­la­ments­kam­mer im Grund­satz bis heu­te wenig von ihrer Gül­tig­keit ein­ge­büsst. Sowohl die unge­nü­gen­de direk­te Ver­tre­tung kan­to­na­ler Inter­es­sen als auch die poli­tisch und gesell­schaft­lich ein­sei­ti­ge Zusam­men­set­zung des Stän­de­ra­tes haben sich im Ver­lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te nicht abge­schwächt. Dar­an ändert auch die im Herbst 2019 erfolg­te Wahl von vier mehr­heit­lich jun­gen Frau­en der Grü­nen in die 46-köp­fi­ge Kam­mer wenig.

Kein perfektes Reformmodell

Die Eva­lua­ti­on von zehn aus­ge­wähl­ten Refor­mo­del­len anhand ver­schie­de­ner Kri­te­ri­en wie föde­ra­le Inter­es­sen­wah­rung, Min­der­hei­ten­schutz und Mäs­si­gung der Gewal­ten lässt den Schluss zu, dass kei­ner der bis­her ein­ge­brach­ten Reform­vor­schlä­ge gleich­zei­tig alle funk­tio­na­len Defi­zi­te der Zwei­ten Par­la­ments­kam­mer auf ein­mal behe­ben kann (vgl. hier­zu aus­führ­lich Vat­ter 2020). Wäh­rend ein­zel­ne Vari­an­ten wie der Über­gang zur Pro­porz­wahl, die demo­gra­fi­sche Gewich­tung der Stän­de oder der Wech­sel zum Ein­kam­mer­sys­tem nicht zu über­zeu­gen ver­mö­gen, erfül­len immer­hin drei Model­le je rund die Hälf­te der auf­ge­stell­ten Kriterien.

So erweist sich auf der einen Sei­te der an das deut­sche Bun­des­rats­mo­dell ange­lehn­te Vor­schlag einer Per­so­nal­uni­on von Stän­de- und Regie­rungs­rat als effek­ti­ve Rege­lung zur wirk­sa­men Stär­kung der föde­ra­len Inter­es­sen­wah­rung und zur Abschwä­chung der par­tei­po­li­ti­schen Pola­ri­sie­rung. Auf der ande­ren Sei­te über­zeugt der visio­nä­re Vor­schlag eines Min­der­hei­ten- bzw. Zukunfts­ra­tes durch sei­nen geziel­ten Aus­gleich der gesell­schaft­li­chen Reprä­sen­ta­ti­ons­de­fi­zi­te, den Schutz kul­tu­rel­ler Min­der­hei­ten, die spe­zi­fi­sche Stär­kung der poli­ti­schen Reform- und Steue­rungs­ka­pa­zi­tä­ten sowie die zukunfts­ori­en­tier­te Umset­zung der Idee einer chambre de réfle­xi­on. In Bezug auf den Aus­gleich der Reprä­sen­ta­ti­ons­de­fi­zi­te schnei­det trotz eini­ger Schwä­chen das Los­ver­fah­ren eben­falls gut ab und setzt zudem genau dort an, wo das Modell des Zukunfts­ra­tes eine demo­kra­tie­theo­re­ti­sche Schwä­che besitzt, näm­lich bei der kon­kre­ten Aus­wahl sei­ner Mitglieder. 

Ein kombinierter Reformansatz

Fasst man lang­fris­tig einen grund­le­gen­den Umbau des Stän­de­ra­tes ins Auge, ohne dabei nach der kurz­fris­ti­gen Mach­bar­keit und Akzep­tanz zu fra­gen, so spricht vie­les für eine sinn­vol­le Kom­bi­na­ti­on der soeben kurz skiz­zier­ten Reform­mo­del­le (vgl. Abbil­dung). Die drei Vari­an­ten ergän­zen sich in Bezug auf die funk­tio­na­len Erfor­der­nis­se in nahe­zu idea­ler Wei­se. Wäh­rend das Bun­des­rats­mo­dell zu einer wir­kungs­vol­len Stär­kung des föde­ra­ti­ven Ele­men­tes führt, gleicht das Min­der­hei­ten­rats­mo­dell gezielt die gesell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Ver­tre­tungs­lü­cken der Ers­ten Kam­mer aus.

Ein wei­te­rer Vor­teil eines kom­bi­nier­ten Reform­mo­dells liegt mit der Ent­sen­dung je eines kan­to­na­len «Aus­sen­mi­nis­ters» und eines kan­to­na­len Min­der­hei­ten­ver­tre­ters in der Bei­be­hal­tung der bewähr­ten Stän­de­ver­tre­tung mit zwei Abge­ord­ne­ten pro Kan­ton. Wich­ti­ge Stär­ken des heu­ti­gen Sys­tems, näm­lich die grund­sätz­li­che Gleich­be­hand­lung der Kan­to­ne sowie die funk­tio­na­len Vor­tei­le eines ver­gleichs­wei­se klei­nen Organs, blie­ben dadurch erhal­ten. Wäh­rend sich als Wahl­or­gan des kan­to­na­len Aus­sen­mi­nis­ters das kan­to­na­le Volk anbie­tet, könn­te der Min­der­hei­ten­ver­tre­ter ent­we­der per Wahl oder per Los aus­ge­wählt werden.

 «Föderative Antizipative»

Die Ergän­zung der Volks­kam­mer als klas­si­sche Legis­la­ti­ve durch eine «föde­ra­ti­ve Anti­zi­pa­ti­ve» stellt ange­sichts der hohen Akzep­tanz und der nach wie vor unbe­strit­ten vor­han­de­nen Stär­ken des Stän­de­ra­tes kei­nen kurz­fris­tig zu rea­li­sie­ren­den Reform­vor­schlag dar. Viel­mehr rückt die­ses Reform­mo­dell als lang­fris­tig ange­leg­tes Gedan­ken­ex­pe­ri­ment den Aus­gleich grund­le­gen­der struk­tu­rel­ler und reprä­sen­ta­ti­ons­spe­zi­fi­scher Schwä­chen der schwei­ze­ri­schen Demo­kra­tie in den Mit­tel­punkt. Mit der Ver­brei­te­rung des Reprä­sen­ta­ti­ons­ge­dan­kens, indem neben der demo­kra­ti­schen auch eine räum­li­che und zeit­li­che Ver­tre­tung berück­sich­tigt wer­den, han­delt es sich um ein zukunfts­träch­ti­ges insti­tu­tio­nel­les Arran­ge­ment – zur Erhö­hung der Legi­ti­ma­ti­on von Poli­tik, zur Ver­bes­se­rung der staat­li­chen Steue­rungs- und Kon­flikt­be­ar­bei­tungs­ka­pa­zi­tä­ten einer­seits und für eine zeit­ge­mäs­se Umset­zung der Inte­gra­ti­on von alten und neu­en Min­der­hei­ten andererseits.

Abbildung:  Der kombinierter Ansatz als langfristiges Reformmodell der Zweiten Kammer in der Schweiz


Refe­ren­zen

  • Leon­hard Neid­hart (1970). Reform des Bun­des­staa­tes: Ana­ly­sen und The­sen, Bern: Francke.
  • Adri­an Vat­ter (2020). Reform­an­sät­ze unter der Lupe: Model­le für die Reform des Stän­de­rats, in: Muel­ler, Sean und Adri­an Vat­ter (Hrsg.): Der Stän­de­rat. Die Zwei­te Kam­mer der Schweiz. Zürich: NZZ Libro, Rei­he „Poli­tik und Gesell­schaft in der Schweiz“.

Bild: Par­la­ments­diens­te 3003 Bern

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