Umsetzung von COVID-19-Massnahmen — Wie Junge und Personen mit niedrigem Vertrauen in Medien zu erreichen sind

Die Schweiz ist auf dem Weg zur neu­en Nor­ma­li­tät nach der Coro­na-Kri­se. Um eine zwei­te Wel­le zu ver­hin­dern, ist das kon­se­quen­te Befol­gen der Hygie­ne- und Ver­hal­tens­re­geln wei­ter­hin zen­tral. Aller­dings ist die Akzep­tanz der Mass­nah­men nicht in allen Bevöl­ke­rungs­grup­pen gleich. Wir gehen in die­sem Bei­trag der Fra­ge nach, wie Per­so­nen mit einer inkon­se­quen­ten Umset­zung der Mass­nah­men zu errei­chen und für eine strik­te­re Umset­zung zu moti­vie­ren sind.

Grund­sätz­lich wer­den die vom BAG emp­foh­le­nen Mass­nah­men von einem Gross­teil der Bevöl­ke­rung sehr kon­se­quent umge­setzt. So gaben neun von zehn Befrag­ten an, sich regel­mäs­si­ge die Hän­de zu waschen. Auch die Mass­nah­me zwei Meter Abstand hal­ten wird von einem Gross­teil der Befrag­ten sehr gut umge­setzt. Drei Vier­tel der Befrag­ten tun dies regel­mäs­sig und unge­fähr jede fünf­te Per­son rela­tiv häufig.

Der Anteil Befrag­ter mit einer regel­mäs­si­gen Umset­zung ist bei der Mass­nah­me zwei Meter Abstand hal­ten deut­lich tie­fer als bei der Mass­nah­me regel­mäs­si­ges Hän­de­wa­schen. Erklärt wer­den kann dies mög­li­cher­wei­se damit, dass das Abstand­hal­ten im All­tag eine grös­se­re Umstel­lung dar­stellt als das regel­mäs­si­ge Händewaschen.

Die Massnahmen werden nicht von allen gleich gut umgesetzt

Aller­dings set­zen nicht alle Bevöl­ke­rungs­grup­pen die bei­den Mass­nah­men gleich gut um. Unse­re Ana­ly­se zeigt, dass Per­so­nen mit einem höhe­ren Bil­dungs­ni­veau oder Per­so­nen mit einem schlech­ten Gesund­heits­zu­stand die Mass­nah­me zwei Meter Abstand hal­ten bes­ser umset­zen als ande­re. Für die Umset­zung der Mass­nah­me regel­mäs­si­ges Hän­de­wa­schen konn­ten wir kei­nen gros­sen Unter­schied nach Bil­dungs­ni­veau oder Gesund­heits­zu­stand fest­stel­len. Es gibt auch kei­ne Unter­schie­de zwi­schen den Geschlechtern. 

Deut­li­che Unter­schie­de zei­gen sich hin­ge­gen zwi­schen den Alters­grup­pen: Je jün­ger die Befrag­ten, des­to sel­te­ner wer­den die Mass­nah­men umge­setzt.[1] Vor allem das Abstand hal­ten fällt den jün­ge­ren Befrag­ten deut­lich schwe­rer als den älte­ren (Abbil­dung 1). Es sind folg­lich die Jun­gen, die spe­zi­ell zur Ein­hal­tung der Mass­nah­men moti­viert wer­den müssen. 

Abbildung 1: Umsetzung der Covid-19-Massnahmen nach Alter

Die Unter­schie­de bei der Umset­zung sind zwi­schen den Alters­grup­pen gemäss dem Chi-Qua­drat-Test auf dem 95%-Niveau signi­fi­kant, n=873

 

In den ver­gan­ge­nen Wochen kam es in ver­schie­de­nen Schwei­zer Städ­ten zu Kund­ge­bun­gen gegen die vom Bun­des­rat beschlos­se­nen COVID-19-Mass­nah­men. Die Pres­se­bil­der davon zei­gen eine hete­ro­ge­ne Zusam­men­set­zung der Demons­trie­ren­den. Medi­en­be­rich­ten zufol­ge ver­eint die Demons­trie­ren­den vor allem ein Miss­trau­en gegen­über Regie­rung und Pres­se (Pel­da 2020).

Wir gin­gen in unse­rer Ana­ly­se der Fra­ge nach, ob der in den Medi­en pos­tu­lier­te nega­ti­ve Zusam­men­hang zwi­schen dem Ver­trau­ens­ni­veau in die Insti­tu­tio­nen Regie­rung, Medi­en und For­schung und der Umset­zung der Mass­nah­men bestä­tigt wer­den kann. Dabei zeig­te sich ein kla­res Mus­ter: Je höher das Ver­trau­en der Befrag­ten in Regie­rung, Medi­en und For­schung, des­to eher wer­den die besag­ten Mass­nah­men kon­se­quent umgesetzt.

Die Unter­su­chung führt somit zu Tage, dass neben den jün­ge­ren Alters­grup­pen vor allem Per­so­nen mit tie­fem Ver­trau­en in die Insti­tu­tio­nen beson­ders zur Ein­hal­tung der behörd­lich ver­ord­ne­ten Mass­nah­men moti­viert wer­den soll­ten (Abbil­dun­gen 2, 3, 4).

Abbildung 2: Umsetzung der Massnahmen nach Vertrauen in die Regierung im Zusammenhang mit Covid-19

Abbildung 3: Umsetzung der Massnahmen nach Vertrauen in die Medien im Zusammenhang mit Covid-19

Abbildung 4: Umsetzung der Massnahmen nach Vertrauen in die Forschung im Zusammenhang mit Covid-19

Die Unter­schie­de bei der Umset­zung sind zwi­schen den Ver­trau­ens­ni­veaus (in Regie­rung, Medi­en und For­schung) gemäss dem Chi-Qua­drat-Test auf dem 95%-Niveau signi­fi­kant, n=873

 

In wen vertrauen Personen mit einer inkonsequenten Umsetzung der Massnahmen?

In einem nächs­ten Schritt gin­gen wir der Fra­ge nach, wie und vor allem über wel­che Kanä­le Per­so­nen, die der­zeit die COVID-19-Mass­nah­men inkon­se­quent umset­zen, lang­fris­tig zur Ein­hal­tung moti­viert wer­den können.

Die Grup­pe der Befrag­ten mit einer inkon­se­quen­ten Umset­zung hat, wie bereits beschrie­ben, ein tie­fe­res Ver­trau­en in die Insti­tu­tio­nen Regie­rung, For­schung und Medi­en als die Gesamt­be­völ­ke­rung. Aller­dings zeigt sich, dass sich das Ver­trau­en in die ein­zel­nen Insti­tu­tio­nen signi­fi­kant unterscheidet.

Wäh­rend der Anteil der Per­so­nen mit hohem Ver­trau­en in Regie­rung und For­schung in die­ser Grup­pe noch immer rela­tiv hoch aus­fällt (42 bzw. 37,5 Pro­zent), ist ihre Ein­stel­lung gegen­über den Medi­en sehr kri­tisch (Abbil­dung 5). Ledig­lich gut 6 Pro­zent die­ser Grup­pe weist ein hohes Ver­trau­en in die Medi­en auf, 35 Pro­zent dage­gen ein tie­fes. Soll die­se Bevöl­ke­rungs­grup­pe also zu einer kon­se­quen­te­ren Umset­zung der COVID-19-Mass­nah­men moti­viert wer­den, ist die Kom­mu­ni­ka­ti­on durch die Medi­en wenig zielführend.

Abbildung 5: Vertrauen in die Institutionen der Bevölkerungsgruppen mit inkonsequenter Umsetzung der Covid-19-Massnahmen

n=102

 

Unsere Empfehlung: zielgruppenspezifische und direkte Kommunikation

Wie die Ana­ly­se unse­rer Daten zeigt, ten­die­ren beson­ders jun­gen Men­schen sowie Men­schen mit einem tie­fen Ver­trau­en in die Medi­en dazu, die ent­spre­chen­den Mass­nah­men wenig kon­se­quent umzu­set­zen. Damit aber genau die­se Bevöl­ke­rungs­grup­pen (wei­ter­hin) zur kon­se­quen­ten Umset­zung der Mass­nah­men moti­viert wer­den kön­nen, for­mu­lie­ren wir fol­gen­de Empfehlungen:

  • Ers­tens emp­feh­len wir, in Medi­en­be­rich­ten, Exper­ten­in­ter­views oder Bun­des­rats­mit­tei­lun­gen expli­zit auf die Umset­zung der Mass­nah­men durch jun­ge Men­schen ein­zu­ge­hen und zu beto­nen, war­um die Ein­hal­tung der Hygie­ne- und Abstands­re­geln auch für die­se Bevöl­ke­rungs­grup­pen in naher Zukunft wich­tig ist.
  • Da das Ver­trau­en in die Medi­en beim The­ma COVID-19 von Per­so­nen mit einer wenig kon­se­quen­ten Umset­zung der Mass­nah­men beson­ders gering ist, emp­feh­len wir zwei­tens, mög­lichst direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel zwi­schen der Regie­rung oder der For­schung und der Bevöl­ke­rung zu nut­zen. Wenn die Regie­rung bei­spiels­wei­se über Pla­ka­te, durch Live-Über­tra­gun­gen von Kon­fe­ren­zen oder Social Media mit der Bevöl­ke­rung kom­mu­ni­ziert, scheint dies von die­ser Bevöl­ke­rungs­grup­pe erns­ter genom­men zu wer­den als wenn die Rezep­ti­on von den Medi­en geleis­tet wird.
  • Aus der glei­chen Über­le­gung her­aus wäre es län­ger­fris­tig sinn­voll, in der Schweiz ein Kom­pe­tenz­zen­trum zu benen­nen, das die Ergeb­nis­se der For­schung sach­ge­recht und für die gesam­te Bevöl­ke­rung gut ver­ständ­lich auf­be­rei­tet und kom­mu­ni­ziert. Auf die­se Wei­se könn­ten Emp­feh­lun­gen aus der For­schung ohne Umweg über die Medi­en, die bei den Ziel­grup­pen zum Teil kein hohes Ver­trau­en genies­sen, direkt an die Bevöl­ke­rung kom­mu­ni­ziert wer­den. Die­ses Zen­trum könn­te in der Schweiz somit ähn­li­che Funk­tio­nen über­neh­men wie das Robert-Koch-Insti­tut in Deutsch­land. Ein Start in die­se Rich­tung sind die Poli­cy Briefs der Swiss Natio­nal COVID-19 Sci­ence Task For­ce, die öffent­lich zugäng­lich sind. Damit die Poli­cy Briefs aller­dings bei der brei­ten Bevöl­ke­rung Anklang fin­den, soll­ten sie bes­ser publik gemacht wer­den sowie die Spra­che und das Design ziel­grup­pen­ge­rech­ter gewählt werden.
Daten und Methode
Die Ana­ly­se der Umset­zung der Mass­nah­men zur Ein­däm­mung von COVID-19 sowie des Ver­trau­ens in die Insti­tu­tio­nen im Zusam­men­hang mit dem Virus basiert auf einer sta­tis­ti­schen Aus­wer­tung der Ergeb­nis­se einer Online-Umfra­ge, die zwi­schen Ende März und Anfang April bei einer reprä­sen­ta­ti­ven Stich­pro­be von voll­jäh­ri­gen Deutsch­schwei­zern und Deutsch­schwei­ze­rin­nen im Rah­men des Pro­jekts Health2040 der Uni­ver­si­tät Luzern durch­ge­führt wurde. 

Das Ver­trau­en in die Insti­tu­tio­nen und die Umset­zung der Mass­nah­men wur­de anhand einer Likert-Ska­la mit Wer­ten von 1 bis 7 abge­fragt. Die Befrag­ten wur­den gebe­ten anzu­ge­ben, wie oft sie per­sön­lich die Mass­nah­men regel­mäs­si­ges Hän­de­wa­schen und zwei Meter Abstand hal­ten auf einer Ska­la von 1 bis 7 umset­zen, wenn 1 «nie» und 7 «immer» bedeu­tet. Für die Aus­wer­tun­gen wur­de die Häu­fig­keit der Umset­zung in drei Kate­go­rien umco­diert (1, 2, 3 = sel­te­ne Umset­zung; 4 und 5 = mitt­le­re Umset­zung; 6 und 7 = regel­mäs­si­ge Umsetzung).

Zusätz­lich wur­de neben den übli­chen indi­vi­du­el­len Cha­rak­te­ris­ti­ken wie Alter, Bil­dungs­stand und Gesund­heits­zu­stand das Aus­mass an Ver­trau­en in Regie­rung, For­schung und Medi­en im Zusam­men­hang mit dem Umgang von COVID-19 erfasst. Auch das Ver­trau­en wur­de anhand einer Likert-Ska­la mit Wer­ten von 1 bis 7 erho­ben und für die Aus­wer­tung in drei Kate­go­rien umco­diert (1, 2 = tie­fes Ver­trau­en; 3, 4, 5 = mitt­le­res Ver­trau­en; 6, 7 = hohes Vertrauen).

Die Aus­wer­tung zum Ver­trau­ens­ni­veau der Per­so­nen mit inkon­se­quen­ter Umset­zung der COVID-19-Mass­nah­men basiert auf einem Daten­satz aus Per­so­nen mit einer sel­te­nen und mitt­le­ren Umset­zung der Mass­nah­men (n = 102).

[1] Die­ser Befund deckt sich mit dem Ergeb­nis aus dem Moni­to­ring zur Coro­na-Kri­se der Schwei­ze­ri­schen Radio- und Fern­seh­ge­sell­schaft (SRG).


Refe­ren­zen:

  • Bart­hels, Inga (2020): Bevöl­ke­rungs­stu­die der Uni Mann­heim- Die Akzep­tanz für har­te Coro­na-Mass­nah­men schwin­det. In: Der Tages­spie­gel. URL: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/bevoelkerungsstudie-der-uni-mannheim-die-akzeptanz-fuer-harte-corona-massnahmen-schwindet/25728054.html (abge­ru­fen am 26.05.2020).
  • Boss­hardt, Lorenz et al. (2020): Die Schweiz und die Coro­na-Kri­se- Moni­to­ring der Bevöl­ke­rung. Schwei­ze­ri­sche Radio- und Fern­seh­ge­sell­schaft SRG SSR. URL:  https://sotomo.ch/site/wp-content/uploads/2020/05/SRG_sotomo_Monitoring_Coronakrise_W3_web.pdf (abge­ru­fen am 26.05.2020).
  • Bun­des­amt für Gesund­heit BAG (2020): Neu­es Coro­na­vi­rus: Mass­nah­men, Ver­ord­nun­gen und Erläu­te­run­gen. URL: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov/massnahmen-des-bundes.html#797337129 (abge­ru­fen am 26.05.2020).
  • Pel­da, Kurt (2020): Wer steckt hin­ter den «Coro­na-Rebel­len»? In: Tages­an­zei­ger. URL: https://www.tagesanzeiger.ch/wer-steckt-hinter-den-corona-rebellen-802443284662 (abge­ru­fen am 26.05.2020).

 

Bild: www.bag.admin.ch

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