Wie die coronabedingten Schulschliessungen die soziale Ungleichheit in der Schweiz verstärken

Die Schul­schlies­sun­gen Mit­te März brach­te vie­le Fami­li­en in gros­se Schwie­rig­kei­ten. Trotz Fern­un­ter­richt und gros­sen Anstren­gun­gen von Sei­ten der Schu­le und Leh­rer­schaft hat die­se Aus­nah­me­si­tua­ti­on die sozia­len Ungleich­hei­ten zwi­schen den Kin­dern mit und ohne Migra­ti­ons­vor­der­grund in der Schweiz noch wei­ter ver­schärft. 

Auch wenn sich der All­tag für aus­nahms­los alle Fami­li­en seit dem 16. März ver­än­dert hat, bestehen enor­me Unter­schie­de hin­sicht­lich der Aus­wir­kun­gen des Aus­nah­me­zu­stands auf die Kin­der. Nebst Haus­halt und Home Office muss­ten vie­le Eltern von einem Tag auf den andern auch die Rol­le der Leh­re­rin­nen und Leh­rer über­neh­men. Dies über­for­dert aber vie­le Fami­li­en, vor allem jene, wel­che der deut­schen Spra­che nicht mäch­tig sind oder ihre Aus­bil­dung nicht in der Schweiz absol­viert haben, also in ers­ter Linie Migran­tin­nen und Migran­ten.

Der Traum eines jeden Bauern ist es, dass sein Kind Arzt wird.“[1]

Heu­te sind es nicht mehr Bau­ern, die die­se Hoff­nung hegen, son­dern Migran­tin­nen und Migran­ten. Sie sel­ber gehö­ren häu­fig der Arbei­ter­klas­se an und haben einen nied­ri­ge­ren Aus­bil­dungs­stand. Oft­mals über­lap­pen sich ihre unsi­che­ren und pre­kä­ren Arbeits­ver­hält­nis­se mit einem nied­ri­gen Bil­dungs­ni­veau. Somit haben ihre Kin­der mit einer dop­pel­ten Ungleich­heit zu kämp­fen. Sie wei­sen sowohl weni­ger öko­no­mi­sches Kapi­tal als auch ein nied­ri­ge­res Bil­dungs­ni­veau auf.

Die Aus­gangla­ge der Kin­der inner­halb einer Klas­se ist somit ungleich, denn es haben eben nicht alle Kin­der die glei­chen Mög­lich­kei­ten. Die geselllschaft­li­che Insti­tu­ti­on Schu­le wird des­we­gen von vie­len Fami­li­en als Chan­ce für einen sozia­len und öko­no­mi­schen Auf­stieg ihrer Kin­der gese­hen. Durch die Schul­aus­bil­dung in der Schweiz und das Beherr­schen der Lan­de­spra­che erhof­fen sich die Eltern, dass es ihre Kin­der ein­mal bes­ser haben wer­den, und nicht nied­rig­qua­li­fi­zier­te oder kör­per­li­che Schwerst­ar­beit leis­ten müs­sen. Damit dies aber mög­lich ist, sind Eltern stark auf das Funk­tio­nie­ren des täg­li­chen Schul­sys­tems und deren Leh­re­rin­nen und Leh­rer ange­wie­sen. Beson­ders in Zei­ten des lan­des­wei­ten Still­stands kom­men die­se Mecha­nis­men der Bil­dungs­in­sti­tu­ti­on zum Vor­schein.

Das Coronavirus hat auch das Bildungssystem unerwartet getroffen.

Leh­re­rin­nen und Leh­rer hat­ten nach der bun­des­rät­li­chen Ankün­di­gun­gen, die Schu­len zu schlies­sen, nur wenig Zeit, pro­vi­so­ri­sche Lösungs­an­sät­ze für den Fern­un­ter­richt bereit­zu­stel­len. Doch auch wenn Umstel­lung auf den digi­ta­le Unter­richt im Grun­de genom­men klapp­te, müs­sen Kin­der die erteil­ten Auf­ga­ben allei­ne lösen. Klar ist, dass dabei Kin­der, wel­che in Fami­li­en auf­wach­sen, in denen die Eltern Deutsch spre­chen, das Schul­sys­tem der Schweiz oder benach­bar­ter Län­der ken­nen und sel­ber bes­ser gebil­det sind, einen Vor­teil haben.

Ungleich­heit wird in Zei­ten des Coro­na­vi­rus repro­du­ziert. Die indi­vi­du­el­le Bewäl­ti­gung der Situa­ti­on durch die Kin­der hängt dar­um nicht zuletzt vom Fak­tor Glück ab, d.h. davon, ob bei­spiels­wei­se jemand in der Nach­bar­schaft bereit ist, unent­gelt­lich Nach­hil­fe geben. Dag­mar Rös­ler, die Zen­tral­prä­si­den­tin des Dach­ver­ban­des Leh­re­rin­nen und Leh­rer Schweiz, sagt es so: „In der Tat berei­tet dies den Leh­re­rin­nen und Leh­rer die gröss­te Sor­ge. Die ver­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Ebe­nen der Fami­li­en, wel­che wir Leh­rer geahnt haben, kom­men nun in der Kri­se an die Ober­flä­che. Ich hof­fe ganz stark, dass sich die Poli­tik dazu bereits ange­fan­gen hat, Gedan­ken zu machen.“[2]

Die Wiedereröffnung der Schulen löst das Problem nicht automatisch

Ab heu­te, dem 11. Mai, kön­nen die Kin­der in der Schweiz nach vie­len Wochen zu Hau­se wie­der zur Schu­le gehen. Auf Grund der qua­li­ta­tiv unter­schied­li­chen Bewäl­ti­gung des Home Schoo­ling wäre es wich­tig, staat­li­che Res­sour­cen bereit zu stel­len, um die schwächs­ten Mit­glie­der der Gesell­schaft dar­in zu unter­stüt­zen, den Faden nicht ganz zu ver­lie­ren. Dies könn­te bei­spiels­wei­se in Form zusätz­li­cher För­de­rungs­stun­den ober durch Nach­hil­fe­un­ter­richt erfol­gen.

Dies wür­de auch Dag­mar Rös­ler begrüs­sen, denn die Erfah­rung zeigt, dass indi­vi­du­el­le Betreu­ung sehr viel Nut­zen bringt: „Frü­her gab es in vie­len Kan­to­nen Heil­päd­ago­gen, wel­che Fami­li­en über län­ge­re Zeit zu Hau­se unter­stützt haben. Lei­der wur­de dies aus Kos­ten­grün­den gestri­chen.“[2]

Es wäre dabei aber von unge­heu­rer Wich­tig­keit, jetzt eine Dis­kus­si­on anzu­re­gen und Lösungs­vor­schlä­ge zu prä­sen­tie­ren, damit das Schul­sys­tem die benö­tig­ten Struk­tu­ren auf­bau­en kann. Ansons­ten wird die sozia­le Ungleich­heit zwi­schen den Kin­dern durch die vom Coro­na­vi­rus aus­ge­lös­ten Kri­se nicht nur bestehen blei­ben, son­dern zuneh­men.

Im Sin­ne der zukünf­ti­gen Genera­ti­on wäre es ange­bracht, nicht nur über Mil­li­ar­den­kre­di­te für Unter­neh­men zu debat­tie­ren, son­dern auch die Situa­ti­on derer zu betrach­ten, die sel­ten gehört oder gese­hen wer­den. Nicht zu ver­ges­sen, dass das Home Office für Fami­li­en wenig pri­vi­le­gier­ter Schich­ten größ­ten­teils nicht gilt: Arbei­ten im nied­rig­qua­li­fi­zier­ten Dienst­leis­tungs­sek­tor, in der Bau­bran­che, in der Pfle­ge oder in der Rei­ni­gung wer­den zu einem gros­sen Teil von eben die­sen Eltern ver­rich­tet, ohne die es in den letz­ten Wochen in der Schweiz nicht gegan­gen wäre.


[1] Zitat aus einem per­sön­li­chen Gespräch mit Faw­waz Tra­boul­si, Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft und Geschich­te an der AUB (Ame­ri­can Uni­ver­si­ty Bei­rut), Datum?

[2] Per­sön­li­ches Inter­view der Autorin mit Dag­mar Rös­ler (via Zoom, 03.04.20)


 Bild: Päd­ago­gi­sche Hoch­schu­le Zürich

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