Kampf der Narrative: Diskursive Antworten auf die Coronavirus-Pandemie

In die­ser Zeit der Pan­de­mie gab es hef­ti­ge Debat­ten um das Coro­na­vi­rus (COVID-19), von sei­ner hohen Infek­ti­ons­ra­te bis hin zu den Mass­nah­men zur Ein­däm­mung und der Ver­füg­bar­keit von Tests. Unter die­sen hef­tig debat­tier­ten The­men hat sich die Her­kunft des Virus als eines der umstrit­tens­ten durch­ge­setzt, was Frus­tra­ti­on und Schuld­zu­wei­sun­gen an “Ande­re” pro­vo­zier­te. Die­ses Schuld­zu­wei­sungs­spiel zeig­te sich bei Spit­zen­be­am­ten bis hin zur durch­schnitt­li­chen Per­son, die in sozia­len Medi­en pos­tet. Daher stellt sich die Fra­ge: Wel­ches sind die­se Dis­kur­se und Nar­ra­ti­ve?

Im Ver­lauf der Mensch­heits­ge­schich­te sind Pan­de­mi­en gekom­men und gegan­gen, vom Schwar­zen Tod (1347–51; 200 Mil­lio­nen Tote) über die Pocken (1520; 56 Mil­lio­nen Tote) bis zur Spa­ni­schen Grip­pe (1918–19; 50 Mil­lio­nen Tote) (LePan 2020). Jede die­ser Pan­de­mi­en hat ent­we­der ihre Spu­ren bei den Men­schen und in der Geschich­te hin­ter­las­sen und einer bestimm­ten Grup­pe gehol­fen, eine ande­re zu besie­gen, oder der Mensch­heit gehol­fen, neue wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se zu gewin­nen, um uns auf das nächs­te Super­vi­rus vor­zu­be­rei­ten. Dies lässt sich dar­an able­sen, wie die Men­schen im Lau­fe der Zeit Immu­ni­tät gegen bestimm­te Viren erlangt haben und wie die Gesell­schaft gelernt hat, Super­bak­te­ri­en abzu­schwä­chen oder kon­trol­lie­ren. Gegen was die Men­schen jedoch nicht immun sind, sind Angst und Panik. Dies sind die trei­ben­den Kräf­te, die die Men­schen dazu brin­gen, sich gegen­ein­an­der zu wen­den, Schuld zuzu­wei­sen oder, in gesell­schafts­po­li­ti­scher Hin­sicht, den Feind zu schaf­fen.

Erschaffung des Feindes

In Zei­ten von Unsi­cher­heit und Schock ist es eine mensch­li­che Reak­ti­on, jeman­dem die Schuld für etwas zu geben, beson­ders wenn “es” bedroh­lich ist, wie Stan­ley Cohen in sei­ner Theo­rie der mora­li­schen Panik nann­te, “ein Zustand, eine Epi­so­de, eine Per­son oder eine Grup­pe, die zu einer Bedro­hung gesell­schaft­li­cher Wer­te wird oder als sol­che defi­niert wird (Cohen, Stan­ley 2011)”. His­to­risch gese­hen waren oder sind sol­che Grup­pen das jüdi­sche Volk, die Roma, die Afro­ame­ri­ka­ner und vie­le ande­re (Pet­tig­rew und Tropp 2008). Im Fall des Coro­na­vi­rus ist der Feind jedoch ein Virus, das schwer zu begrei­fen und zu ver­ste­hen ist. Die Men­schen nei­gen dazu, einen greif­ba­ren und sicht­ba­ren Feind zu fin­den, der in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on zwi­schen zwei herr­schen­den Natio­nen bestimmt wird: Chi­na und den USA.

Diskursmuster: Panik und Schuldzuweisung auf der Makroebene

Als sich die welt­wei­te Ver­brei­tung von COVID-19 abzeich­ne­te, reagier­ten vie­le Län­der unter­schied­lich auf die Ent­wick­lung der Pan­de­mie. Wäh­rend die euro­päi­schen Län­der sich ein­schlos­sen, um das Virus mög­lichst ein­zu­däm­men, ver­folg­ten die USA den ent­ge­gen­ge­setz­ten Ansatz. Am 16. März schuf Prä­si­dent Trump einen Feind, den die Men­schen über einen Tweet akzep­tie­ren konn­ten. In die­sem Tweet gab er Chi­na die Schuld, indem er COVID-19 als frem­des Virus titu­lier­te. Am sel­ben Tag noch behaup­te­te er an einer Pres­se­kon­fe­renz, dass es sich bei dem Virus um ein “chi­ne­si­sches Virus” hand­le. Die­ser Kom­men­tar lös­te auf Soci­al-Media-Platt­for­men hef­ti­ge Debat­ten dar­über aus, ob der Kom­men­tar ras­sis­tisch oder frem­den­feind­lich war.

Im Gegen­zug gab die chi­ne­si­sche Regie­rung Erklä­run­gen in den sozia­len Medi­en und im staat­li­chen Fern­se­hen her­aus und ver­such­te, das Nar­ra­tiv neu zu gestal­ten und zu kon­trol­lie­ren, indem sie die Schuld wie­der auf die USA abwälz­te. In die­sen Erklä­run­gen behaup­te­ten sie, dass “die USA das Virus wäh­rend mili­tä­ri­scher Übun­gen nach Chi­na gebracht haben”. Die­se Behaup­tung wur­de von einem chi­ne­si­schen Regie­rungs­be­am­ten auf Twit­ter wei­ter her­vor­ge­ho­ben. Ande­re Beam­te behaup­te­ten, das Virus sei in einem Mili­tär­la­bor erzeugt wor­den, so der chi­ne­si­sche Bot­schaf­ter in den USA, Cui Tian­kai. Der Kampf um die Kon­trol­le der Erzäh­lun­gen über die Ursprün­ge des Virus dau­ert an (Anon 2020).

Machtsicherung anstelle von ermächtigenden Sicherheitsmassnahmen

Ähn­li­che Reak­tio­nen auf das Virus zeig­ten sich in Ungarn. Am 13. März erklär­te Minis­ter­prä­si­dent Vik­tor Orbán gegen­über der Pres­se, dass das Virus auf­grund von Migra­ti­on und Aus­län­dern nach Ungarn gelangt sei. Er ver­si­cher­te, dass “unse­rer Erfah­rung nach vor allem Aus­län­der die Krank­heit ein­ge­schleppt haben und dass sie sich unter Aus­län­dern aus­brei­tet”, und füg­te spä­ter hin­zu: “Es ist kein Zufall, dass das Virus zuerst unter Ira­nern auf­ge­taucht ist”. Dies führ­te zur Aus­wei­sung von zwei ira­ni­schen Stu­den­ten aus Ungarn, weil sie “die Qua­ran­tä­ne ver­letzt und das Kran­ken­haus ohne Schutz­aus­rüs­tung ver­las­sen hat­ten”. Am sel­ben Tag schloss Ungarn sei­ne Gren­zen. Die Begrün­dung des Minis­ter­prä­si­den­ten lau­te­te: “Wir füh­ren einen Zwei-Fron­ten-Krieg, die eine Front heisst Migra­ti­on und die ande­re ist das Coro­na­vi­rus. Zwi­schen bei­den besteht ein logi­scher Zusam­men­hang, näm­lich, dass sich das Virus mit der Migra­ti­ons­be­we­gung ver­brei­tet (AFP 2020; Gall 2020)”.

Auch wenn der Pre­mier­mi­nis­ter die Rea­li­tät, dass die Welt glo­ba­li­siert ist und die Men­schen mobil sind, nicht akzep­tie­ren mag, so hat er doch die poli­ti­sche Chan­ce, die ihm die Kri­se bie­tet, um sei­ne Macht zu fes­ti­gen, nicht igno­riert. Als die Fäl­le in Ungarn zunah­men, brach­te Orbán am 21. März einen Gesetz­ent­wurf ins Par­la­ment ein, der sei­ne Not­stands­be­fug­nis­se auf unbe­stimm­te Zeit aus­dehnt und es ihm erlaubt, per Dekret zu regie­ren und Stra­fen für die För­de­rung des­sen zu ver­hän­gen, was sei­ne Regie­rung als “Fake News” betrach­tet (Edr 2020; Zalan 2020). Zu die­sen gefälsch­ten Nach­rich­ten wür­de in die­sem Fall jede Per­son gehö­ren, die dem Nar­ra­tiv von Fidesz nicht zustimmt und wür­de dem­entspre­chend lan­ge Gefäng­nis­stra­fen erhal­ten. Lei­der wur­de die­ser Geset­zes­ent­wurf Ende März vom Par­la­ment ange­nom­men.

Die Nei­gung bestimm­ter poli­ti­scher Füh­rer, in Kri­sen­zei­ten Schuld zuzu­wei­sen und einen Sün­den­bock zu fin­den oder zu schaf­fen, ist nicht unge­wöhn­lich. Die­se Fäl­le illus­trie­ren gut, wie mora­li­sche Panik neben der Nut­zung des immi­gran­ten­feind­li­chen Dis­kur­ses zur För­de­rung von Nar­ra­ti­ven der natio­na­len Zuge­hö­rig­keit in Zei­ten der Unsi­cher­heit auf­tritt. Dies bezeich­net Micha­el Bil­lig als “Bana­len Natio­na­lis­mus”, wäh­rend ande­re, wie Ruth Wod­ak, die­se Art von Dis­kur­sen als “Poli­tik der Angst” oder “die popu­lis­ti­schen Dis­kur­se der Rechts­ex­tre­men” bezeich­nen wür­den (Bil­lig 2010; Mud­de 2019; Wod­ak 2013, 2015). Sol­che Dis­kur­sen fokus­sie­ren sich auf natio­na­le Iden­ti­tät, also die Welt ent­lang von Natio­nal- und Grenz­li­ni­en oder durch die Poli­tik des “Als-Ande­re-Abstem­pelns” zu sehen, oder dar­um, wer Teil der “in-group” und wer Teil der “out-group” ist. Sowohl Trump als auch Orbán sind per­fek­te Bei­spie­le für die­se Phä­no­me­ne.

Pandemien sind Herausforderungen für die menschliche Solidarität

Unab­hän­gig von Alter, Klas­se, Natio­na­li­tät oder Glau­bens­be­kennt­nis kann man sehen, dass Pan­de­mi­en das Schlimms­te im Men­schen her­aus­ho­len kön­nen. Aber die­se Aus­nah­me­si­tua­tio­nen zei­gen auch die “Berei­che der Ver­bes­se­rung” für jedes Land auf, sei es in der Aus­sen­po­li­tik, im Gesund­heits­sys­tem oder in der Per­spek­ti­ve bezüg­lich der Ein­wan­de­rung. Als glo­ba­le Gesell­schaft kön­nen wir ent­we­der zulas­sen, dass die­ses Virus schnel­ler über uns her­ein­bricht, indem wir ande­ren die Schuld geben und Res­sour­cen hor­ten, oder wir kön­nen gemein­sam nach Lösun­gen suchen, um die Aus­brei­tung des Virus zu ver­hin­dern.


Die­ser Bei­trag erschien am 28. April 2020 als Bei­trag auf nccr – on the move.


Biblio­gra­phie:

 

Bild: rawpixel.com

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