Wie die Twitter-Debatte zum Coronavirus in der Schweiz überhand nimmt

Die Twit­ter-Sphä­re in der Schweiz nahm das Coro­na­vi­rus erst wahr, als es sich in Euro­pa aus­zu­brei­ten begann. Hier­bei erstaunt vor allem, dass sich das Ver­hal­ten der pro­fes­sio­nel­len Akteu­re auf Twit­ter nicht von der brei­ten Mas­se der Twit­ter-Nut­zen­den unterscheidet.

Als Chi­na am 31. Dezem­ber die WHO über das Coro­na­vi­rus infor­mier­te, nahm dies in der Schweiz auf Twit­ter nie­mand wahr. Erst mit den ers­ten bestä­tig­ten Fäl­len in Euro­pa begann sich das Blatt zu wen­den und plötz­lich scheint jeder etwas zum The­ma twit­tern zu müssen.

Abbildung 1: Entwicklung von COVID-19 in der Schweizer Twittersphäre

Erhe­bungs­zeit­raum: 01.12.2019 bis 26.03.2020 (Total 2’700’229 Tweets von 55’603 User)

 

Für die­se Ana­ly­se haben wir alle Fol­lower von 23 ver­schie­de­nen Zei­tun­gen in der Schweiz iden­ti­fi­ziert. Dies sind mehr als 2 Mil­lio­nen Accounts. Dies stellt uns vor das Pro­blem, dass es uns nicht mög­lich ist, alle Time­li­nes der Accounts inner­halb eines ver­nünf­ti­gen Zeit­rah­mens her­un­ter­zu­la­den (pro Stun­de kön­nen nur 3’600 Time­li­nes her­un­ter­ge­la­den werden).

Des­halb haben wir uns dazu ent­schlos­sen, nur die Accounts zu berück­sich­ti­gen, die min­des­tens fünf die­ser Zei­tun­gen fol­gen. Dies redu­ziert die Anzahl der Accounts auf noch gut 55’000 und ermög­licht uns, die Time­li­nes rela­tiv zeit­nah her­un­ter­zu­la­den. Dar­über hin­aus führt die­se Hür­de zu weni­ger Accounts, die ver­mut­lich nicht aus der Schweiz stam­men, da die­se weni­ger oft meh­re­ren Schwei­zer Zei­tun­gen fol­gen. Die rund 55’000 Accounts haben vom 1. Dezem­ber 2019 bis zum 26. März 2020 ins­ge­samt mehr als 2,7 Mil­lio­nen Tweets abgesetzt.

Abbildung 2: Twittersphäre von 55’603 aktiven User*innen, die mindestens fünf Schweizer Zeitungen folgen

Erhe­bungs­zeit­raum: 01.12.2019 bis 26.03.2020 (Total 2’700’229 Tweets)

 

Von die­sen rund 2,7 Mil­lio­nen Tweets wur­den in der gesam­ten Zeit­span­ne mehr als 260’000 (9.64%) Tweets zum The­ma Coro­na­vi­rus ver­fasst — von 10’318 (18.56%) ver­schie­de­nen Accounts. Zur Iden­ti­fi­ka­ti­on der Tweets wur­den der Text und die Hash­tags der Tweets auto­ma­tisch nach Stich­wör­tern durch­sucht, wel­che mit dem Coro­na­vi­rus in Ver­bin­dung gebracht wer­den kön­nen. Die gros­se Men­ge an Daten und die auto­ma­ti­sche Zuord­nung bringt aller­dings eine Unschär­fe mit sich. Bestimmt haben gewis­se Tweets, die wir nicht mit dem Coro­na­vi­rus in Ver­bin­dung brin­gen konn­ten, auch mit dem The­ma zu tun.

 

 

Dane­ben haben wir alle Tweets aus dem Daten­satz her­aus­ge­fil­tert, die von poli­ti­schen Akteu­ren aus der Schweiz stam­men. Damit konn­ten wir etwas mehr als 1’000 Accounts iden­ti­fi­zie­ren. Die­se Accounts gehö­ren Bun­des­be­hör­den, Natio­nal- und Ständerät*innen, Orga­ni­sa­tio­nen und ande­ren poli­tisch akti­ven Personen.

Abbildung 3: Twittersphäre von 1’011 aktiven politischen User*innen auf Twitter

Erhe­bungs­zeit­raum: 01.12.2019 bis 26.03.2020 mit Total 99’402 Tweets von Politiker*innen, Bundesrät*innen, Behör­den und Organisationen

 

Ins­ge­samt ist die­se Grup­pe von Accounts für nur gera­de knapp 100’000 Tweets aus 2,7 Mil­lio­nen Tweets in die­sem Zeit­raum ver­ant­wort­lich. Hier­bei zeigt sich erst­mal, dass sich die gesam­te Anzahl an Tweets zum Coro­na­vi­rus nicht stark unter­schei­det von der brei­ten Mas­se, da auch Sie nur 6’753 Tweets oder 6,79% der Tweets zum The­ma abge­setzt haben. Dies bestä­tigt sich auch bei der Betrach­tung über die Zeit.

Abbildung 4: Entwicklung von COVID-19 in der Schweizer Twittersphäre, Politische Akteur*innen

Erhe­bungs­zeit­raum: 01.12.2019 bis 26.03.2020 mit Total 99’402 Tweets von 1’011 Politiker*innen, Bundesrät*innen, Behör­den und Organisationen

 

 

Bei genaue­rer Betrach­tung zeigt sich für die Schweiz vor allem, dass auf Twit­ter das The­ma kei­ne grös­se­re Rol­le ein­neh­men konn­te solan­ge sich das Virus nur in Asi­en aus­brei­te­te. Erst mit den ers­ten Fäl­len von infi­zier­ten Europäer*innen, die aus Chi­na zurück nach Euro­pa reis­ten, nahm das The­ma lang­sam an Fahrt auf.

Gleich­zei­tig mit den ers­ten Fäl­len wur­de das Virus auch immer öfter The­ma für die ver­schie­de­nen poli­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen, bei denen die euro­päi­schen Natio­nen teil­nah­men. In der Schweiz nahm das The­ma aber noch nicht Über­hand, zumal die Krank­heit hier noch nicht ange­kom­men war. Erst als in Ita­li­en die Situa­ti­on zu eska­lie­ren begann, wur­de das The­ma stär­ker auf Twit­ter behan­delt, da die Sor­ge des Ein­schlep­pens des Virus in die Schweiz plötz­lich akut wur­de. Mit dem ers­ten bestä­tig­ten Fall wur­de es auch hier das bestim­men­de The­ma und mach­te gegen Ende Febru­ar durch­wegs mehr als zehn Pro­zents des gesam­ten Volu­mens der Tweets aus.

Inter­es­sant sind in der nach­fol­gen­den Gra­fik die unter­schied­li­chen Ent­wick­lun­gen der Debat­ten auf Deutsch, Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch sowie Eng­lisch. Hier zeigt sich vor allem, dass die Deutsch­schweiz das Coro­na­vi­rus am längs­ten nicht stark the­ma­ti­sier­te, da es räum­lich noch weit weg zu sein schien.

Ganz anders sieht es in der ita­lie­ni­schen Schweiz aus. Im Tes­sin wur­de das The­ma ein ers­tes Mal Anfang Febru­ar stark dis­ku­tiert, nach­dem am  31. Janu­ar in Ita­li­en die ers­ten Fäl­le bekannt wur­den und sich im Tes­sin die Sor­ge ver­brei­te­te, dass Grenzgänger*innen es in die Schweiz ein­füh­ren könnten.

Das The­ma flach­te dann aber wie­der schnell ab, um dann am 22. Febru­ar zur Haupt­de­bat­te auf Twit­ter zu wer­den. Dies geschah, als bekannt wur­de, dass sich in Nord­ita­li­en meh­re­re gros­se Seu­chen­her­de befin­den — damit waren alle Däm­me gebro­chen. Spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt war es nur noch eine Fra­ge der Zeit, bis sich das Virus auch im Tes­sin ver­brei­ten wür­de. Daher ist es auch nicht sehr ver­wun­der­lich, dass die Debat­te durch die wei­te­re Ver­brei­tung in der gan­zen Schweiz nicht mehr ange­heizt wur­de. Das Tes­sin war und ist der Rest­schweiz um meh­re­re Tage voraus.

Abbildung 5: Entwicklung von COVID-19 in der Schweizer Twittersphäre, Tweets auf Deutsch

In der Deutsch­schweiz und der Roman­die dage­gen wur­de die Debat­te mit dem star­ken Aus­bruch in Nord­ita­li­en ab dem 22. Febru­ar auch stär­ker the­ma­ti­siert. Die Debat­te erreich­te hier ihre ers­te Schwel­le am 28. Febru­ar als die Schweiz die ers­ten ein­schnei­den­den Mass­nah­men ergriff und alle Ver­an­stal­tun­gen von mehr als 1’000 Per­so­nen verbot.

Damit die Debat­te Über­hand neh­men konn­te, dau­er­te es aber noch etwa bis zum 9. März. Spä­tes­tens dann wur­de lang­sam klar, dass ohne wei­te­re stär­ke­re Mass­nah­men auch in der Schweiz das Coro­na­vi­rus nicht ein­fach wie­der ver­schwin­den wür­de. Den Höhe­punkt erreich­te die Debat­te um das Wochen­en­de vom 13. bis 16. März — also genau zum Zeit­punkt als der Bun­des­rat beschloss, zuerst die Schu­len zu schlies­sen und Ver­an­stal­tun­gen und Ver­samm­lun­gen von mehr als 100 Per­so­nen zu ver­bie­ten und schliess­lich am 16. März die beson­de­re Lage aus­ge­ru­fen hat.

Seit die­ser Ent­schei­dung hat die Debat­te rund um das Coro­na­vi­rus Hoch­kon­junk­tur. Bis sich kei­ne mar­kan­te Bes­se­rung der Lage abzeich­net, wird sie die­se wohl auch noch wei­ter­hin innehaben.


Hin­weis: Bei die­sem Arti­kel han­delt es sich um eine Zweit­pu­bli­ka­ti­on. Die Erst­aus­ga­be fin­den sie auf der Home­page des Digi­tal Demo­cra­cy Lab.

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