Wieso wir Referenden und direkte Demokratie entkoppeln sollten

Wel­ches Ver­hält­nis haben Refe­ren­den und Initia­ti­ven zur Demo­kra­tie? Die meis­ten Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge las­sen ver­mu­ten, dass die­se Ver­fah­ren sich auf ein bestimm­tes demo­kra­ti­sches Modell bezie­hen, näm­lich das der direk­ten Demo­kra­tie, im Gegen­satz zum Modell der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie. Eine kürz­lich erschie­ne­ne Stu­die deu­tet jedoch dar­auf hin, dass dies irre­füh­rend ist. Dabei wird argu­men­tiert, dass das Kon­zept der “direk­ten Demo­kra­tie” die Dis­kus­sio­nen über den Wert die­ser poli­ti­schen Ver­fah­ren eher ver­schlei­ert als beleuch­tet.

Poli­ti­sche und aka­de­mi­sche Dis­kus­sio­nen set­zen im All­ge­mei­nen eine Ver­bin­dung zwi­schen Initia­ti­ven und Refe­ren­den und der “direk­ten Demo­kra­tie” vor­aus. Da das poli­ti­sche Sys­tem der Schweiz loka­le und natio­na­le Refe­ren­dums- und Initia­tiv­ver­fah­ren umfasst, wird es bei­spiels­wei­se oft als ein Modell der (halb-)direkten Demo­kra­tie ange­se­hen. In Frank­reich for­dern die Gelb­wes­ten die Ein­füh­rung des Réfé­ren­dum d’Initiative Citoy­enne (RIC), um damit den Weg zur direk­ten Demo­kra­tie frei­zu­ma­chen. Die Behör­den befürch­ten aller­dings, dass die Ein­füh­rung sol­cher Instru­men­te die reprä­sen­ta­ti­ve Demo­kra­tie aus­lö­schen wür­de. In Gross­bri­tan­ni­en sagen Kom­men­tar­schrei­ben­de, dass der Bre­x­it uns gezeigt hat, dass die direk­te Demo­kra­tie nicht funk­tio­niert. Und aka­de­mi­sche Stu­di­en über Refe­ren­den und Initia­ti­ven bezeich­nen sie im All­ge­mei­nen als direkt­de­mo­kra­ti­sche Mecha­nis­men.

Die­se Dis­kus­sio­nen set­zen also Refe­ren­den und Initia­ti­ven mit einem bestimm­ten Demo­kra­tie­mo­dell, näm­lich der direk­ten Demo­kra­tie, gleich. Die­se Assi­mi­lie­rung ist jedoch pro­ble­ma­tisch, wenn man über das demo­kra­ti­sche Poten­zi­al die­ser Ver­fah­ren nach­denkt.

Direktdemokratische Mechanismen

Das Modell der direk­ten Demo­kra­tie bezieht sich in den meis­ten Fäl­len auf ein poli­ti­sches Sys­tem, in dem die Bürger*innen alle Ent­schei­dun­gen durch Abstim­mun­gen in Abwe­sen­heit einer Ver­tre­tung tref­fen. Das Feh­len von Reprä­sen­tatan­ten ist es, was die­ses demo­kra­ti­sche Modell direkt macht, und es steht in einem grund­le­gen­den Gegen­satz zum indi­rek­ten Modell der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie.

Die Betrach­tung von Refe­ren­den und Initia­ti­ven als Mecha­nis­men der direk­ten Demo­kra­tie setzt vor­aus, dass die­se Ver­fah­ren

  • ein bestimm­tes idea­les poli­ti­sches Sys­tem umset­zen sol­len, näm­lich das der direk­ten Demo­kra­tie ohne Reprä­sen­ta­ti­on;
  • sich grund­le­gend von ande­ren poli­ti­schen Ver­fah­ren unter­schei­den, die als reprä­sen­ta­tiv gel­ten.
Direkt” versus “Repräsentativ”

Das Kon­zept von Refe­ren­dums- und Initia­tiv­ver­fah­ren als Mecha­nis­men der direk­ten Demo­kra­tie stellt somit den Kon­flikt zwi­schen direk­ter und reprä­sen­ta­ti­ver Demo­kra­tie in den Mit­tel­punkt der Dis­kus­si­on über die Erwünschtheit sol­cher Ver­fah­ren.

Auf der einen Sei­te argu­men­tie­ren die Befürworter*innen der direk­ten Demo­kra­tie, dass Refe­ren­den eine abso­lu­te Form der Volks­sou­ve­rä­ni­tät wie­der­her­stel­len und das Wesen der Demo­kra­tie, die Selbst­ver­wal­tung der Bürger*innen, ver­wirk­li­chen. Ande­rer­seits argu­men­tie­ren die Befürworter*innen der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie, dass Refe­ren­den und Initia­ti­ven unin­for­mier­ter Bürger*innen zu einer unrea­lis­ti­schen, inkon­se­quen­ten oder sogar tyran­ni­schen Poli­tik füh­ren, die nur in Anwe­sen­heit von poli­ti­schen Vertreter*innen ver­mie­den wer­den kann.

Die­se Debat­ten gehen nicht in die Tie­fe. Die­je­ni­gen, die das direk­te Modell befür­wor­ten, hal­ten Volks­ab­stim­mun­gen und Initia­ti­ven für demo­kra­tisch; die­je­ni­gen, die das reprä­sen­ta­ti­ve Modell unter­stüt­zen, den­ken das Gegen­teil. Aber das Pro­blem liegt jen­seits einer Unei­nig­keit zwi­schen zwei unver­söhn­li­chen Lagern: Es ist das Modell der direk­ten Demo­kra­tie selbst, wel­ches das, was wir über den demo­kra­ti­schen Wert von Initia­ti­ven und Refe­ren­den ler­nen kön­nen, in zwei­er­lei Hin­sicht ein­schränkt. Einer­seits stellt sie unrea­lis­ti­sche Erwar­tun­gen in Bezug auf das, was Refe­ren­den und Initia­ti­ven errei­chen sol­len. Ande­rer­seits drängt sie uns, die­se direk­ten poli­ti­schen Ver­fah­ren im Gegen­satz zu ande­ren reprä­sen­ta­ti­ven Ver­fah­ren als grund­le­gend unter­schied­lich wahr­zu­neh­men — um die Ähn­lich­kei­ten zwi­schen den poli­ti­schen Pro­zes­sen zu ver­ber­gen.

Ein realitätsfernes Ideal

Ers­tens ist das Ide­al der direk­ten Demo­kra­tie ohne Reprä­sen­ta­ti­on ein unhalt­ba­res Ide­al. Sie igno­riert die Tat­sa­che, dass Reprä­sen­ta­ti­on nicht nur unver­meid­lich, son­dern kon­zep­tio­nell not­wen­dig für die Demo­kra­tie ist.

Wie vie­le poli­ti­sche Theoretiker*innen wie Lisa Disch, Jane Mans­bridge, oder Micha­el Saward argu­men­tiert haben, ist das Reprä­sen­tie­ren nicht nur eine Ange­le­gen­heit von gewähl­ten Politiker*innen. Jede*r, der behaup­tet, die Inter­es­sen oder For­de­run­gen ande­rer Per­so­nen oder Grup­pen zu ver­tre­ten, wird zum Ver­tre­ten­den. Die­se Vertreter*innen und ihre For­de­run­gen sind für unse­re poli­ti­sche Mobi­li­sie­rung von wesent­li­cher Bedeu­tung; durch ihre For­de­run­gen wer­den wir in die Lage ver­setzt, unse­re Prä­fe­ren­zen zu klä­ren, uns zu orga­ni­sie­ren, um uns bestimm­ten Grup­pen anzu­schlies­sen oder sich ihnen ent­ge­gen­zu­stel­len, und unse­re Inter­es­sen gemein­sam zu ver­tei­di­gen. Mit ande­ren Wor­ten: kei­ne Poli­tik, geschwei­ge denn demo­kra­ti­sche Poli­tik, ohne Reprä­sen­ta­ti­on.

Folg­lich ist das Mar­ken­zei­chen des Modells der direk­ten Demo­kra­tie, die man­geln­de Reprä­sen­ta­ti­on, unhalt­bar. Damit löst sich der Gegen­satz zwi­schen dem direk­ten und dem reprä­sen­ta­ti­ven Modell auf. Das bedeu­tet nicht, dass die reprä­sen­ta­ti­ve Demo­kra­tie vor­herrscht, son­dern es bedeu­tet viel­mehr, dass die­se bei­den Model­le nicht von­ein­an­der zu unter­schei­den sind. Anstatt zu fra­gen, ob wir direk­te oder reprä­sen­ta­ti­ve Demo­kra­tie bevor­zu­gen soll­ten, ob Refe­ren­den und Initia­ti­ven aus­rei­chend direkt sind oder ob sie reprä­sen­ta­ti­ve Ver­fah­ren unter­gra­ben, soll­ten wir uns daher eher fra­gen: Wie, wann, wo und war­um soll­ten wir Refe­ren­den oder Initia­ti­ven in demo­kra­ti­schen Sys­te­men ein­set­zen?

Übergeneralisierungen

Zwei­tens führt die Auf­fas­sung von Refe­ren­den und Initia­ti­ven als Mecha­nis­men der direk­ten Demo­kra­tie im Gegen­satz zur reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie dazu, dass wir den Wert die­ser Ver­fah­ren zu vor­schnell beur­tei­len. In der Tat führt uns die­se Kon­zep­ti­on zu einer Über- und Unter­ge­ne­ra­li­sie­rung.

Zunächst ein­mal ver­all­ge­mei­nern wir, indem wir mehr auf den Gemein­sam­kei­ten die­ser Mecha­nis­men (dass sie direkt sind) als auf den Unter­schie­den bestehen — bis hin zur Ver­nei­nung der Tat­sa­che, dass es sehr unter­schied­li­che Mög­lich­kei­ten gibt, die­se Ver­fah­ren zu insti­tu­tio­na­li­sie­ren (Initia­ti­ven oder Refe­ren­den, obli­ga­to­ri­sche oder fakul­ta­ti­ve Refe­ren­den, Zeit für die Samm­lung von Unter­schrif­ten, Kam­pa­gnen­re­ge­lun­gen usw.). Zum Bei­spiel wird bei­spiels­wei­se der Bre­x­it (der ein ganz beson­de­rer Fall von Top-down-Refe­ren­dum ist) dazu benutzt, alle For­men von Refe­ren­den und Initia­ti­ven abzu­leh­nen. Die­ser Ansatz führt zu fal­schen Schluss­fol­ge­run­gen und hin­dert uns dar­an, über die For­men von Refe­ren­den oder Initia­ti­ven und die insti­tu­tio­nel­len Designs nach­zu­den­ken, die die Demo­kra­tie am bes­ten stär­ken wür­den.

Sie wird dann mit der Behaup­tung unter­ge­ne­ra­li­siert, dass sol­che poli­ti­schen Ver­fah­ren spe­zi­fi­sche Pro­ble­me für demo­kra­ti­sche Sys­te­me auf­wer­fen, wodurch eine künst­li­che Tren­nung zwi­schen Pro­ble­men der direk­ten Demo­kra­tie und Pro­ble­men der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie geschaf­fen wird. Es wird argu­men­tiert, dass nur Refe­ren­dums­ver­fah­ren zu Ergeb­nis­sen füh­ren, die die Min­der­heits­rech­te unter­gra­ben — wobei nicht berück­sich­tigt wird, dass reprä­sen­ta­ti­ve Regie­run­gen dies manch­mal auch tun. Und es wird sug­ge­riert, dass die nor­ma­len Bürger*innen zu schlecht infor­miert sind, um wäh­len zu gehen — ohne die Legi­ti­mi­tät der Wah­len in Fra­ge zu stel­len. Der Schutz der Min­der­heits­rech­te und die Unwis­sen­heit der Bürger*innen sind kei­ne Pro­ble­me der Mecha­nis­men der direk­ten Demo­kra­tie; sie gehö­ren zu den Pro­ble­men, denen sich alle demo­kra­ti­schen Sys­te­me stel­len müs­sen.

Die Debatte neu gestalten

Die Ver­wechs­lung von Refe­ren­den und Initia­ti­ven mit der direk­ten Demo­kra­tie bie­tet einen schlech­ten Rah­men für die Dis­kus­si­on über den demo­kra­ti­schen Wert der­sel­ben. Die­ser Rah­men führt dazu, dass wir Erwar­tun­gen an die­se Ver­fah­ren haben, die sich als unrea­lis­tisch (feh­len­de Reprä­sen­ta­ti­on) und anders als die ande­ren poli­ti­schen Ver­fah­ren in unse­ren demo­kra­ti­schen Sys­te­men her­aus­stel­len. Sie erlaubt es uns daher nicht, die drin­gends­ten Fra­gen zu Refe­ren­den und Initia­ti­ven zu beant­wor­ten: Wel­che die­ser Abstim­mungs­ver­fah­ren kön­nen unse­re demo­kra­ti­schen Sys­te­me ver­bes­sern, und wie? Wel­che Rol­le kön­nen sie in der demo­kra­ti­schen Arbeits­tei­lung ein­neh­men? Wie und wann stär­ken sie Reprä­sen­ta­ti­ons­pro­zes­se? Was sind ihre Gren­zen? Und wie kön­nen sie in einer Wei­se umge­setzt wer­den, die den demo­kra­ti­schen Idea­len dient?

Die Abkop­pe­lung von Refe­ren­den und Initia­ti­ven vom Modell der direk­ten Demo­kra­tie ist ein wesent­li­cher Schritt, um mit der Beant­wor­tung die­ser Fra­gen zu begin­nen und sowohl in der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur als auch in poli­ti­schen Debat­ten dar­über nach­zu­den­ken, wel­chen Platz wir die­sen Ver­fah­ren in unse­ren demo­kra­ti­schen Sys­te­men ein­räu­men wol­len.


 
Refe­renz:
 
Bild: Demons­tra­ti­on der “Gilets Jau­nes”, wiki­me­dia com­mons.
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