Ja zu Sozialleistungen – aber nicht für alle

Sol­len alle in der Schweiz leben­den Per­so­nen von Sozi­al­leis­tun­gen pro­fi­tie­ren oder soll­ten die­se ledig­lich Schweizer*innen vor­be­hal­ten sein? Im Rah­men mei­ner Bache­lor­ar­beit habe ich die Ein­stel­lun­gen der Bevöl­ke­rung zu Sozi­al­leis­tun­gen für Immigrant*innen unter­sucht. Dabei zeigt sich die Pola­ri­sie­rung der poli­ti­schen Land­schaft der Schweiz deut­lich.

Inner­halb der letz­ten Jahr­zehn­te mach­te die poli­ti­sche Land­schaft der Schweiz einen star­ken Wan­del durch. Immi­gra­ti­on, Deindus­tria­li­sie­rung und eine weit­rei­chen­de Bil­dungs­ex­pan­si­on haben neue Gewinner*innen und Verlierer*innen geschaf­fen. Wäh­rend gut gebil­de­te Per­so­nen aus dem Dienst­leis­tungs­sek­tor – soge­nann­te sozio­kul­tu­rel­le Spezialist*innen wie bei­spiels­wei­se Lehrer*innen oder Ärzt*innen – von die­sen Ver­än­de­run­gen pro­fi­tier­ten, gelang­ten Arbeiter*innen aus Indus­trie und Dienst­leis­tung zuneh­mend ins Hin­ter­tref­fen.

Die neu­en Ver­hält­nis­se wir­ken sich auch auf die poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen der Men­schen aus: Wäh­rend in den 1970er-Jah­ren Arbeiter*innen die Haupt­wäh­ler­schaft der SP aus­mach­ten, wäh­len sie heu­te haupt­säch­lich SVP. Die SP hin­ge­gen erhält ihre Stim­men mitt­ler­wei­le vor allem von sozio­kul­tu­rel­len Spezialist*innen.

Im Zusam­men­hang mit die­sen Ver­än­de­run­gen in den Par­tei­wäh­ler­schaf­ten steht auch die star­ke Pola­ri­sie­rung der par­tei­po­li­ti­schen Land­schaft. Sowohl die SP als auch die SVP neh­men zuneh­mend stark aus­ein­an­der lie­gen­de Posi­tio­nen ein (Bochs­ler et al. 2015, Hug und Schulz 2007).

Mitt­ler­wei­le gilt die SVP als rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei, deren Haupt­an­lie­gen eine restrik­ti­ve­re Immi­gra­ti­ons­po­li­tik ist. Gemäss ihrem Par­tei­pro­gramm sol­len Immigrant*innen von gewis­sen sozi­al­po­li­ti­schen Unter­stüt­zungs­mass­nah­men — bei­spiels­wei­se im Bereich der Sozi­al­hil­fe — aus­ge­schlos­sen wer­den, um eine angeb­li­che Zuwan­de­rung ins Schwei­ze­ri­sche Sozi­al­sys­tem zu stop­pen (Enn­ser-Jeden­as­tik 2018).

Die Meinungen gehen auseinander

Wie mei­ne Ana­ly­sen zei­gen, befür­wor­ten sozio­kul­tu­rel­le Spezialist*innen Sozi­al­leis­tun­gen für Immigrant*innen spä­tes­tens nach­dem die­se ein Jahr gear­bei­tet haben mit einer Wahr­schein­lich­keit von über acht­zig Pro­zent. Bei Industriearbeiter*innen liegt die Wahr­schein­lich­keit bei 62 Pro­zent, wäh­rend 38 Pro­zent Immigrant*innen min­des­tens bis zur Ein­bür­ge­rung gänz­lich vom Wohl­fahrts­staat aus­schlies­sen möch­ten. Auch Dienstleistungsarbeiter*innen und Manager*innen wei­sen eine deut­lich tie­fe­re Wahr­schein­lich­keit auf, Sozi­al­leis­tun­gen für Immigrant*innen zu befür­wor­ten (sie­he Abbil­dung).

Abbildung: Wahrscheinlichkeit verschiedener Berufsgruppen, Sozialleistungen für Immigrant*innen zu befürworten

Datenbasis: Vierte (2008) und achte Welle (2016) des European Social Surveys.
Ja zu Sozialleistungen – aber nicht für alle

Nun stellt sich die Fra­ge, wodurch die­se Ein­stel­lun­gen moti­viert wer­den. In der ent­spre­chen­den Ana­ly­se zei­gen sich die wohl­fahrt­schau­vi­nis­ti­schen Ein­stel­lun­gen der Indus­trie- und Dienstleistungsarbeiter*innen: Grund­sätz­lich befür­wor­ten sie zwar Sozi­al­leis­tun­gen wie Ren­ten und Arbeits­lo­sen­gel­der, möch­ten aber nicht, dass auch Immigrant*innen davon pro­fi­tie­ren.

Wohl­fahrt­schau­vi­nis­mus
Der Begriff Wohl­fahrt­schau­vi­nis­mus beschreibt die Ansicht, dass ledig­lich die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung vom Sozi­al­staat pro­fi­tie­ren soll. Sozi­al­leis­tun­gen und Umver­tei­lung wer­den dabei aber nicht grund­sätz­lich abge­lehnt. Es geht spe­zi­fisch dar­um, Immigrant*innen vom Sozi­al­staat aus­zu­schlies­sen oder die­se zumin­dest gegen­über Ein­hei­mi­schen schlech­ter­zu­stel­len.
Die Rechten werden rechter

Ein Zeit­ver­gleich hat zudem zu Tage gebracht, dass es in die­ser Fra­ge zwi­schen 2008 und 2016 zu einer Pola­ri­sie­rung der Ein­stel­lung kam. Wäh­rend es 2008 noch kei­ne signi­fi­kan­ten Unter­schie­de zwi­schen sozio­kul­tu­rel­len Spezialist*innen und den ande­ren sozia­len Klas­sen gab, sind 2016 kla­re klas­sen­spe­zi­fi­sche Ein­stel­lun­gen zu sehen. Dies obwohl sich die Ein­stel­lun­gen der sozio­kul­tu­rel­len Spezialist*innen über die­sen Zeit­raum kaum ver­än­dert haben. Es sind also nicht die immi­gra­ti­ons­freund­li­chen Kräf­te, wel­che Sozi­al­leis­tun­gen für Immigrant*innen über die Zeit noch stär­ker befür­wor­ten, son­dern hat in den letz­ten zehn Jah­ren eine deut­li­che Abnah­me der Soli­da­ri­tät mit Immigrant*innen in gewis­sen gesell­schaft­li­chen Grup­pen (ins­be­son­de­re Arbeiter*innen und Manager*innen) statt­ge­fun­den. Die­se Pola­ri­sie­rung wird durch den immi­gra­ti­ons­kri­ti­schen Pol deut­lich vor­an­ge­trie­ben.

Ein tiefer Graben zwischen links und rechts

Die Fra­ge, ob Immigrant*innen den glei­chen Zugang zu Sozi­al­leis­tun­gen wie Schweizer*innen erhal­ten sol­len, ent­hält sowohl eine öko­no­mi­sche als auch eine kul­tu­rel­le Kom­po­nen­te. Dadurch ver­an­schau­licht sie die tie­fe Spal­tung zwi­schen den bei­den gros­sen poli­ti­schen Lagern in der Schweiz beson­ders gut. Das links-libe­ra­le Lager (und die ihm zuge­wand­ten sozia­len Grup­pen) befür­wor­tet sowohl Sozi­al­leis­tun­gen als auch Immi­gra­ti­on, wäh­rend das rechts-auto­ri­tä­re Lager bei­des ablehnt und damit sowohl staats­kri­ti­sche als auch immi­gra­ti­ons­kri­ti­sche Grup­pen anspre­chen kann. Wie der Zeit­ver­gleich zeigt, darf man in nähe­rer Zukunft wohl kaum mit einer Annä­he­rung der bei­den Lager rech­nen. Eher zeigt die vor­lie­gen­de Stu­die, dass in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren ein Teil der Schwei­zer Bevöl­ke­rung noch emp­fäng­li­cher für wohl­fahrt­schau­vi­nis­ti­sche Posi­tio­nenen wur­de.

Klas­sen­sche­ma

Das in die­sem Arti­kel ver­wen­de­te Klas­sen­sche­ma stammt von Dani­el Oesch (2006). Er unter­schei­det einer­seits ver­ti­kal zwi­schen zwei ver­schie­de­nen Hier­ar­chie­stu­fen (höhe­re vs. tie­fe­re Bil­dung) und ande­rer­seits hori­zon­tal zwi­schen vier ver­schie­de­nen Arbeits­lo­gi­ken:


Quel­len

  • Bochs­ler, Dani­el; Häng­gli, Regu­la und Häu­ser­mann, Sil­ja (2015): Intro­duc­tion: Con­sen­sus Lost? Disen­chan­ted Demo­cra­cy in Switz­er­land, Swiss Poli­ti­cal Sci­ence Review 21(4): 475- 490. 
  • De Kos­ter, Wil­lem; Ach­ter­berg, Peter und van der Waal, Jero­en (2012): The new right and the wel­fa­re sta­te: The elec­to­ral rele­van­ce of wel­fa­re chau­vi­nism and wel­fa­re popu­lism in the Nether­lands. Inter­na­tio­nal Poli­ti­cal Sci­ence Review 34(1), 3–20.
  • Enn­ser-Jeden­as­tik, Lau­renz (2018): Wel­fa­re chau­vi­nism in popu­list radi­cal right plat­forms: The role of redis­tri­bu­ti­ve jus­ti­ce princi­ples. Social Poli­cy & Admi­nis­tra­ti­on 52 (1), 293–314.
  • Hug, Simon und Schulz, Tobi­as (2007): Left-Right Posi­ti­ons of Poli­ti­cal Par­ties in Switz­er­land. Par­ty Poli­tics 13(3), 305–330.
  • Oesch, Dani­el und Renn­wald, Line (2010): The Class Basis of Switzerland’s Clea­va­ge bet­ween the New Left and the Popu­list Right. Swiss Poli­ti­cal Sci­ence Review 16(3), 343–71.
  • Oesch, Dani­el (2006): Com­ing to Grips with a Chan­ging Class Struc­tu­re: An Ana­ly­sis of Employ­ment Stra­ti­fi­ca­ti­on in Bri­tain, Ger­ma­ny, Swe­den and Switz­er­land. Inter­na­tio­nal Socie­ty 21(2), 263–288.
  • Renn­wald, Line (2014): Class (Non)Voting in Switz­er­land 1971–2011: Rup­tures and Con­ti­nui­ties in a Chan­ging Poli­ti­cal Land­s­cape. Swiss Poli­ti­cal Sci­ence Review 20(4), 550–572.
  • Spier, Tim (2006): Popu­lis­mus und Moder­ni­sie­rung. In: Decker, Frank (Hrsg.): Gefahr für die Demo­kra­tie oder nützliches Kor­rek­tiv? Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, 33–58.
     
     

Bild: Shut­ter­stock

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