Donald Trump würde nicht Bundesrat

Was es mit der Tarn­kap­pen­de­mo­kra­tie auf sich hält und wie­so poli­tisch uner­fah­re­ne Wirt­schafts­ka­pi­tä­ne in der Schweiz kaum in die Regie­rung gewählt wür­den.

Stel­len Sie sich vor, es sind Wah­len und kei­ner geht hin. Für vie­le ein Schre­ckens­sze­na­rio. Urnen­gän­ge sind schliess­lich eine staats­bür­ger­li­che Pflicht und all die­je­ni­gen, die sich letz­te­rer nicht unter­wer­fen schlech­te Bür­ger. Letz­te­res wird vom Modell der Tarn­kap­pen­de­mo­kra­tie bezwei­felt, das ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler vor bei­na­he zwan­zig Jah­ren ent­war­fen, um den Zustand einer bewusst betei­li­gungs­ab­sti­nen­ten Gesell­schaft zu beschrei­ben.

In die­ser stealth demo­cra­cy wol­len die Bür­ger gar nicht stän­dig nach ihrer Mei­nung gefragt wer­den. Viel­mehr wer­den die Regie­rungs­ge­schäf­te im Ver­bor­ge­nen und bei­na­he unsicht­bar von einem tech­ni­schen Appa­rat aus dele­gier­ten Fach­per­so­nen, unab­hän­gi­gen Kom­mis­sio­nen oder erfolg­rei­chen Geschäfts­leu­ten geführt. Poli­ti­ker und Par­tei­en sind in die­sem Kon­zept nicht vor­ge­se­hen. Da die Regie­rungs­mit­glie­der nicht gewählt wer­den, sind sie vor Son­der­in­ter­es­sen gefeit und kön­nen im Sin­ne der brei­ten Öffent­lich­keit han­deln.

Statt Par­tei­in­ter­es­sen und ideo­lo­gi­scher Kaba­le domi­niert in die­sem tech­ni­schen Ent­wurf die Effi­zi­enz: Poli­ti­sche Abläu­fe die­nen allein der Errei­chung über­ge­ord­ne­ter und weit­ge­hend unbe­strit­te­ner Zie­le. Das Volk ver­zich­tet frei­wil­lig und guten Gewis­sens auf die Betei­li­gung. Es ist an poli­ti­schen Debat­ten nicht wirk­lich inter­es­siert und greift nur im äus­sers­ten Not­fall in das poli­ti­sche Gesche­hen ein. Rund ein Vier­tel der Ame­ri­ka­ner und über dreis­sig Pro­zent der Bri­ten und Aus­tra­li­er bekun­den in Umfra­gen Sym­pa­thi­en für die­ses Nicht­be­tei­li­gungs­mo­dell. In Süd­ko­rea unter­stüt­zen über vier­zig Pro­zent die­se Idee und in Spa­ni­en befür­wor­tet jüngst gar die Hälf­te der Bevöl­ke­rung die Tarn­kap­pen­de­mo­kra­tie.

Was wäre, wenn die Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer die­se Sys­te­mal­ter­na­ti­ve her­aus­pi­cken könn­ten? Wahl­ur­nen gel­ten hier­zu­lan­de ohne­hin nicht als «hot spot» und der Gross­teil der Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer ver­zich­tet regel­mäs­sig auf die Stimm­ab­ga­be. For­schun­gen legen auch nahe, dass sich die Nicht­wäh­ler­schaft mehr­heit­lich aus zufrie­de­nen Bür­ge­rin­nen und Bür­gern zusam­men­setzt. Und neh­men im Par­la­ment nicht ver­mehrt Poli­ti­ker Platz, die zwar ohne vor­gän­gi­ge par­tei­po­li­ti­sche Och­sen­tour, aber mit zuge­schrie­be­nem Exper­ten­sta­tus quer in die Poli­tik ein­stei­gen? Wer­den land­auf land­ab nicht immer wie­der erfolg­rei­che Unter­neh­mer als Regie­rungs­per­so­nen her­bei­ge­sehnt?

Vor die Wahl gestellt, kann nach den Aus­wer­tun­gen der Ber­ner Poli­to­lo­gin Maya Acker­mann jedoch nur gut ein Sechs­tel der Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer die­ser Herr­schafts­form etwas abge­win­nen. Das hie­sig prak­ti­zier­te Betei­li­gungs­mo­dell gilt als alter­na­tiv­los und die weni­gen Für­spre­cher der Tarn­kap­pen­de­mo­kra­tie fin­den sich eher unter älte­ren Män­nern und for­mal wenig gebil­de­ten Stimm­bür­ge­rin­nen und Stimm­bür­gern.

Drei Vier­tel der Befrag­ten spre­chen sich gar für eine gründ­li­che Dis­kus­si­on im Vor­feld poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen aus und ent­spre­chen damit so gar nicht dem Bild des poli­tisch gleich­gül­ti­gen Eid­ge­nos­sen. Und auch wenn die Bevöl­ke­rung mehr der Feu­er­wehr und Poli­zei als den Poli­ti­kern ver­traut, sehen doch über zwei Drit­tel die Geschi­cke des Lan­des in den Hän­den letz­te­rer gut auf­ge­ho­ben.

Ein gutes Drit­tel kann sich zwar auch unab­hän­gi­ge Exper­ten an der Staats­spit­ze vor­stel­len, doch immer­hin die Hälf­te möch­te auch die Par­tei­en nicht mis­sen. Und auf­ge­passt: Nur ein Fünf­tel wünscht sich poli­tisch uner­fah­re­ne Wirt­schafts­ka­pi­tä­ne am Regie­rungs­ru­der. Kurz: Hät­te das Volk die Wahl, für Donald Trump gäbe es wohl kei­nen Platz im Bun­des­rat.

 

Hin­weis: Die­ser Bei­trag erschien am 24. Sep­tem­ber 2019 in der NZZ.


Bild: Bun­des­kanz­lei

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