Politik aus Beruf(ung)

Was wäre eigent­lich, wenn es das Miliz­prin­zip nicht mehr gäbe und wir statt­des­sen nur noch Berufs­po­li­ti­ker hät­ten?

Miliz­po­li­ti­ke­rin­nen und -poli­ti­ker tun das, was sich nur noch weni­ge antun. Rich­tig bezahlt wer­den sie dafür nicht. Fragt man sie nach der ansons­ten erhal­te­nen Wert­schät­zung, zucken sie auf­fal­lend oft mit ihren Schul­tern.

Bei­na­he die Hälf­te der Her­an­wach­sen­den in der Schweiz weiss nicht ein­mal, dass es sie gibt (vgl. Abbil­dung). Nicht von unge­fähr bekun­den immer mehr Gre­mi­en enor­me Schwie­rig­kei­ten, ihre Behör­den­stel­len zu beset­zen.

Der ver­pflich­ten­de Cha­rak­ter der Miliz­tä­tig­keit sowie deren zeit­li­che Fremd­be­stim­mung kor­re­spon­die­ren mehr schlecht als recht mit dem Wunsch nach einer fle­xi­blen Lebens­pla­nung. Gera­de im neu zu wäh­len­den Natio­nal- und Stän­de­rat wer­den die Inter­es­sen der Wäh­len­den zuneh­mend weni­ger von ihnen ver­tre­ten. Dabei betrei­ben sie Poli­tik zumeist aus Beru­fung.

Gabe es das Miliz­par­la­ment nicht mehr, wür­den sei­ne Kri­ti­ker auf­at­men. Miliz­tä­ti­ge sind in deren Augen mit zu hohen Leis­tungs­an­for­de­run­gen und Anspruchs­hal­tun­gen kon­fron­tiert, denen sie als unvoll­kom­men qua­li­fi­zier­te Frei­zeit­po­li­ti­ker nicht gerecht wer­den kön­nen. Ihre zeit­lich begrenz­te Ver­füg­bar­keit erschwert denn auch die arbeits­tei­li­ge Koor­di­na­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Ver­wal­tung. Zudem geht die mit der beschränk­ten Ein­satz­fä­hig­keit ein­her­ge­hen­de Fokus­sie­rung auf das Tages­ge­schäft zulas­ten der Ver­fol­gung lang­fris­tig ange­leg­ter Pro­jek­te und kon­zep­tio­nell-stra­te­gi­scher Anlie­gen.

Ohne­hin lei­de das Enga­ge­ment im Miliz­we­sen unter einer sozia­len Dis­kri­mi­nie­rung und die Arbeit wird eher von den «haves» als von den «have-nots» gestal­tet. Eine Miliz­tä­tig­keit muss man sich eben leis­ten kön­nen. Auch schwö­ren die haupt­be­ruf­li­chen Bezie­hun­gen und Erfah­run­gen der Miliz­tä­ti­gen immer wie­der Inter­es­sen­kol­li­sio­nen her­auf. Ins­be­son­de­re feh­len­de ange­mes­se­ne Ver­gü­tun­gen ver­füh­ren die Behör­den­mit­glie­der zu intrans­pa­ren­ten Vor­teils­nah­men und ver­wi­schen die Grenz­zie­hung zwi­schen pri­va­tem und öffent­li­chem Inter­es­se.

Allen Unken­ru­fen zum Trotz, ist der Preis der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung hoch. Fixe Besol­dungs­kos­ten für Berufs­po­li­ti­ker schrän­ken den finan­zi­el­len Spiel­raum ein. Ein Rück­bau einer ein­mal geschaf­fe­ne Stel­len ist pro­ble­ma­tisch. Zudem könn­te der Ein­satz mone­tä­rer Impul­se auch zu cha­rak­ter­li­chen Umschich­tun­gen im Miliz­per­so­nal füh­ren, sodass die Unei­gen­nüt­zig­keit und Gemein­wohl­ori­en­tie­rung des Enga­ge­ments suk­zes­si­ve durch Pro­fit­stre­ben abge­löst wer­den. Fest­an­ge­stell­ten Poli­ti­kern dro­hen bei einer Abwahl oft­mals auch emp­find­li­che Ein­kom­mens­ver­lus­te.

Sol­che Aus­sich­ten brin­gen eine ande­re Art des Poli­ti­sie­ren mit sich. Statt auf Sach­po­li­tik wird sich auf die Wie­der­wahl kon­zen­triert. Über­dies schafft das Miliz­prin­zip Ver­trau­en in die Insti­tu­tio­nen und damit poli­ti­sches Kapi­tal. Ohne die­ses Sys­tem könn­te die implan­tier­te Iden­ti­tät zwi­schen Regie­ren­den und Regier­ten Scha­den neh­men und die Poli­tik mit der Zeit als abge­ho­be­ner emp­fun­den wer­den, da weni­ger All­tags­er­fah­run­gen in die Poli­tik ein­flies­sen.

Der Königs­weg wird kein Ent­we­der-oder sein. Die Schwei­zer Betei­li­gungs­de­mo­kra­tie wird nicht allein als Lai­en­schau­spiel auf­ge­führt wer­den kön­nen. Aller­dings macht eine Pro­fes­sio­na­li­sie­rung die poli­ti­sche Arbeit nicht zwin­gend bes­ser. Es braucht den Lai­en als Kor­rek­tiv, um etwai­ge Qua­li­fi­ka­ti­ons­lü­cken der Pro­fes­sio­nel­len wir­kungs­voll mit pra­xis­na­hem Gedan­ken­gut zu ergän­zen und die Boden­haf­tung der Poli­tik nicht zu ver­lie­ren. Sowie­so: Lei­den­schaft, Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl und Augen­mass las­sen sich nicht mit Geld auf­wie­gen.

Hin­weis: Die­ser Bei­trag erschien am 10. Sep­tem­ber 2019 in der Neu­en Zür­cher Zei­tung.


Lite­ra­tur

Frei­tag, Mar­kus; Pir­min Bun­di und Mar­ti­na Flick Wit­zig (2019): Miliz­ar­beit in der Schweiz. Zah­len und Fak­ten zum poli­ti­schen Leben in der Gemein­de. Zürich: NZZ Libro.

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