Eine Frage des Charakters

Was nicht alles die Wahl­ent­schei­dung beein­flus­sen soll. Sind für ein­mal weder Geschlecht, Alter, Ein­kom­men oder das Umfeld rele­vant, dann wer­den ger­ne Ereig­nis­se wie die Flücht­lings­kri­se oder der Kli­ma­wan­del für die Stim­mung im Land ver­ant­wort­lich gemacht. Doch was wäre, wenn allein unser Cha­rak­ter die Wahl­ent­schei­dung bestim­men würde?

Infor­ma­tio­nen zu den Psy­cho­gram­men poten­ti­el­ler Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler las­sen sich anhand von fünf Cha­rak­ter­zü­gen bezie­hen. Unser Grad der Offen­heit bemisst sich an unse­ren viel­fäl­ti­gen Inter­es­sen und unse­ren Vor­lie­ben für das Unge­wöhn­li­che und Ver­rück­te. Gewis­sen­haft ist, wer boden­stän­dig, regel­treu und ziel­stre­big und nicht all­zu sorg­los oder unzu­ver­läs­sig agiert.

Der Cha­rak­ter­zug Extra­ver­si­on zeigt, wie zurück­ge­zo­gen oder wie gesel­lig und sozi­al domi­nant wir uns geben. Ver­träg­lich­keit wie­der­um infor­miert über unser Niveau an Gut­mü­tig­keit und unser Bedürf­nis nach Har­mo­nie. Und Neu­ro­ti­zis­mus gibt Auf­schluss über unse­re emo­tio­na­le Belast- und Ver­letz­bar­keit. Die­se fünf Wesens­zü­ge sind zur Hälf­te ver­erbt und mit zuneh­men­dem Alter nur schwer veränderbar.

Schau­en wir uns jetzt ein­mal Reto an. Reto ist seit jeher als boden­stän­dig und wenig extra­va­gant ver­schrien. Der­ar­tig ver­an­lagt, sucht er nicht unent­wegt Abwechs­lung und bevor­zugt höchst­wahr­schein­lich ein struk­tu­rier­tes, vor­her­seh­ba­res und fami­liä­res Umfeld. Durch Erfah­run­gen lernt er, dass Tra­di­tio­nen, Regel­mäs­sig­kei­ten, for­ma­le Über­ein­künf­te und unver­rück­ba­re Vor­stel­lun­gen pro­ba­te Mit­tel dar­stel­len, um das Leben und des­sen Her­aus­for­de­run­gen zu meistern.

Men­schen wie Reto ent­wi­ckeln sehr wahr­schein­lich bewah­ren­de, will sagen kon­ser­va­ti­ve Ein­stel­lun­gen und suchen sich Weg­ge­fähr­tin­nen und Weg­ge­fähr­ten, die ähn­lich ticken und die ihre Wert- und Glau­bens­sys­te­me nicht stän­dig und unnö­tig her­aus­for­dern. Es ist auch nahe­lie­gend, dass ihre poli­ti­schen Prä­fe­ren­zen bei den Akteu­ren und Orga­ni­sa­tio­nen lie­gen, wel­che die Über­schau­bar­keit der Lebens­be­din­gun­gen zum poli­ti­schen Pro­gramm ausrufen.

Ein ande­res Bei­spiel ist Car­men. Sie gilt seit Kin­des­bei­nen als ver­ständ­nis­voll und zuvor­kom­mend und kann dies­be­züg­lich nicht aus ihrer Haut her­aus. Sie geht Kon­flik­ten ger­ne aus dem Weg und favo­ri­siert eine har­mo­ni­sche, hilfs­be­rei­te und ver­trau­ens­vol­le Umge­bung. Im Lau­fe ihres Lebens lernt sie des­sen Tücken durch Zurück­hal­tung, Beschei­den­heit und Tole­ranz zu meistern.

Men­schen wie Car­men hin­ge­gen suchen nicht unbe­dingt die poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung und den Wett­be­werb ideo­lo­gisch gefärb­ter Argu­men­te. Sofern sie über­haupt ein poli­ti­sches Inter­es­se hegen, sym­pa­thi­sie­ren sie am ehes­ten noch mit Par­tei­en, die für Kom­pro­miss­be­reit­schaft und respekt­vol­les Mit­ein­an­der ste­hen oder den sozia­len Aus­gleich und die soli­da­ri­sche Bewah­rung indi­vi­du­el­ler Lebens­chan­cen verfolgen.

Abbildung 1: Anteile der Persönlichkeitseigenschaften in der Schweiz

Quel­len: Eige­ne Berech­nun­gen auf der Grund­la­ge der Umfra­gen «Poli­tik und Gesell­schaft in der Schweiz» (PUGS) 2012; «Frei­wil­li­gen-Moni­tor Schweiz» (FWM) 2014; «Schwei­zer Wahl­stu­die» (Selects) 2015; «Demo­kra­tie und Gesell­schaft in der Schweiz» (DUGS) 2016.

Aus­wer­tun­gen zu meh­re­ren tau­send Cha­rak­ter­pro­fi­len in der Schweiz legen nahe, dass sich rund die Hälf­te der Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer mit Reto ver­bun­den fühlt und rund 40 Pro­zent die See­le Car­mens in sich tra­gen. Dar­über hin­aus attes­tiert sich ein Vier­tel eine gewis­se Offen­heit und weni­ger als ein Fünf­tel hält sich für extrovertiert.

Ers­te­re ten­die­ren poli­tisch nach links, letz­te­re nach rechts. Nicht ein­mal fünf Pro­zent schät­zen sich als neu­ro­tisch ein und prä­fe­rie­ren eben­so das lin­ke Polit­spek­trum. Unterm Strich weist die cha­rak­ter­li­che Ver­tei­lung auf aus­ge­gli­che­ne Kräf­te­ver­hält­nis­se hin. Wenn also nie­mand im Okto­ber aus sei­ner Haut schlüpft, dann wird trotz all­sei­ti­ger Erwar­tun­gen kein poli­ti­sches Lager ein ande­res nen­nens­wert über­ra­gen. Und wenn doch: Wäre das ein Zei­chen von Charakterschwäche?

 

Hin­weis: Die­ser Bei­trag erschien am 27. August 2019 in der Neu­en Zür­cher Zei­tung.

 Referenz: 

Frei­tag, Mar­kus (2017): Die Psy­che des Poli­ti­schen. Was der Cha­rak­ter über unser poli­ti­sches Den­ken und Han­deln ver­rät, Zürich: NZZ Libro: 72.

 

Bild: Trui­ty

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