Populismus und Gewalt – wie Bolsonaro Rückhalt im Zorn des Volkes findet

Popu­lis­mus ist auf dem Vor­marsch. In Euro­pa sowie welt­weit. All­ge­gen­wär­ti­ge Bei­spie­le sind der Front Natio­nal in Frank­reich, die AfD in Deutsch­land und die Trump-Regie­rung in den USA. Sei­ne gröss­te Kraft aber ent­fal­tet der Popu­lis­mus in Latein­ame­ri­ka, wo er eine lan­ge Tra­di­ti­on hat und eigent­lich schon fast als Mar­ken­zei­chen des gesam­ten Kon­ti­nents bezeich­net wer­den kann. Bekann­te Bei­spie­le von Popu­lis­ten des 21. Jahr­hun­derts sind Hugo Chá­vez und Alber­to Fuji­mo­ri, Ex-Prä­si­den­ten von Vene­zue­la bzw. Peru. Und aktu­ell ist in Bra­si­li­en mit Jair Bol­so­na­ro ein Ultra-Rechts­po­pu­list an der Macht. Doch war­um hat Popu­lis­mus eigent­lich so viel Erfolg? Und was ist Popu­lis­mus über­haupt?

Popu­lis­mus ist einer der Begrif­fe, der in poli­ti­schen Debat­ten häu­fig benutzt aber sel­ten erklärt wird. Dies liegt wohl teil­wei­se dar­an, dass sich popu­lis­ti­sche Bewe­gun­gen in vie­len Hin­sich­ten unter­schei­den, und es des­halb schwie­rig ist, eine ein­heit­li­che Defi­ni­ti­on zu fin­den. Sein Wortur­sprung lässt schlies­sen, er sei «fürs Volk» und auch wenn dies nicht wirk­lich der Fall sein mag, bekräf­ti­gen es Popu­lis­ten von links bis rechts immer wie­der in ihren poli­ti­schen Dis­kur­sen. Ganz egal ob es der Ver­druss über die Eli­ten, ein Gefühl von Hei­mats­ver­lust oder der Frust über eine ver­fehl­te Wirt­schafts­po­li­tik ist; Popu­lis­mus fin­det Rück­halt im Zorn des Vol­kes und ver­spricht nichts Gerin­ge­res als die Ver­än­de­rung des Sta­tus Quo. Die Rhe­to­rik ist dabei oft die­sel­be: ver­ein­facht, oppor­tu­nis­tisch, volks­nah und dra­ma­tisch. Und genau dar­auf spricht die brei­te Mas­se wohl an.

Gewalt als Zünd­stoff

In Latein­ame­ri­ka ist die bren­nen­de Wut des Vol­kes oft auf Gewalt zurück­zu­füh­ren. Die Zah­len spre­chen für sich: 33 Pro­zent aller Mor­de welt­weit gesche­hen in Latein­ame­ri­ka, obwohl in die­ser Regi­on nur acht Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung leben. Eines von fünf Mord­op­fern welt­weit ist ent­we­der Bra­si­lia­ner, Kolum­bia­ner oder Vene­zo­la­ner. Mord-Haupt­stadt der Welt ist Cara­cas mit 120 Tötungs­de­lik­ten pro 100’000 Ein­woh­ner. In Bra­si­li­en star­ben 2014 mehr Zivi­lis­ten durch Gewalt als in den Kri­sen­ge­bie­ten Afgha­ni­stan, Irak, Syri­en und Ukrai­ne zusam­men. 43 der 50 gefähr­lichs­ten Städ­ten welt­weit sowie sechs der zehn töd­lichs­ten Län­der in Frie­dens­zei­ten lie­gen in Latein­ame­ri­ka.

Ange­sichts der desas­trö­sen Zah­len wächst nicht nur die Ver­zweif­lung der Bür­ger und Bür­ge­rin­nen, son­dern auch jene der Regie­rung, die schlicht macht­los gegen die skru­pel­lo­se Gewalt ist. Kri­mi­nel­le Gangs kon­trol­lie­ren Nach­bar­schaf­ten, Städ­te oder im Fall von El Sal­va­dor und Hon­du­ras prak­tisch das gan­ze Land. Selbst­jus­tiz greift um sich und die Mord- und Kri­mi­na­li­täts­ra­ten stei­gen wei­ter an. Sta­tis­ti­ken zei­gen einen bis­her unbe­merk­ten Gewalt­ex­zess.

 

Popu­lis­ti­sche Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten in Latein­ame­ri­ka ver­spre­chen nicht sel­ten, radi­kal gegen die skru­pel­lo­se Gewalt vor­zu­ge­hen und punk­ten wäh­rend dem Wahl­kampf sogar mit men­schen­rechts­ver­ach­ten­den Aus­sa­gen. Aber sind es wirk­lich nur Zorn und Ver­zweif­lung, die Bür­ger und Bür­ge­rin­nen dazu ver­lei­ten, die Miss­ach­tung von Men­schen­rech­ten in Kauf zu neh­men oder gar zu unter­stüt­zen, damit Gewalt effi­zi­ent redu­ziert wer­den kann?

«Eiserne Hand» als Schutz

Laut dem chi­le­ni­schen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Gian­car­lo Vis­con­ti spielt aus­ser­dem eine wich­ti­ge Rol­le, ob eine Per­son Gewalt selbst erlebt hat oder nicht. In einer kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Arbeit belegt Vis­con­ti wis­sen­schaft­lich, dass Opfer einer Gewalt­tat eher für soge­nann­te «iron-fist crime reduc­tion poli­ci­es» stim­men als Men­schen, die noch nie Opfer einer Straf­tat gewor­den sind. Wie der Begriff andeu­tet, gehen die­se «iron-fist crime reduc­tion poli­ci­es» mit «eiser­ner Hand» gegen Straf­tä­ter vor und impli­zie­ren eine Ver­schlech­te­rung oder Ver­wäs­se­rung derer Ver­fah­rens­rech­te. Bei­spie­le sol­cher Mass­nah­men sind extra­le­ga­le Inhaf­tie­rung, will­kür­li­che Bestra­fung und die mili­tä­ri­sche Beset­zung gan­zer Stadt­tei­le. Gemäss Vis­con­ti steigt die Wahr­schein­lich­keit, sol­che Mass­nah­men zu unter­stüt­zen, mit dem Opfer-Wer­den für jede Per­son um gan­ze sie­ben Pro­zent­punk­te. Er erklärt dies damit, dass man, wenn man Gewalt selbst erlebt hat, dazu neigt, das poli­ti­sche Sys­tem infra­ge zu stel­len. Denn der Staat hat es ver­säumt, sei­ne Bür­ger zu beschüt­zen. Opfer einer Gewalt­tat legen aus die­sem Grund weni­ger Wert auf demo­kra­ti­sche Grund­prin­zi­pi­en als Nicht-Opfer und neh­men somit die Miss­ach­tung von Men­schen­rech­ten – ein grund­le­gen­des Prin­zip in jeder Demo­kra­tie – in Kauf oder unter­stüt­zen die­se sogar.

Vis­con­ti konn­te dies anhand von Panel­da­ten zu Kri­mi­na­li­tät und poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen aus den bei­den bra­si­lia­ni­schen Städ­ten Juiz de Fora und Caxi­as do Sul bewei­sen. Da die bei­den Städ­ten zu den siche­re­ren in Bra­si­li­en gehö­ren, kann ange­nom­men wer­den, dass in gefähr­li­che­ren Städ­ten wie Sal­va­dor oder São Pau­lo jene Rela­ti­on zwi­schen zum-Opfer-von-Gewalt-Wer­den und Befür­wor­tung von har­ten Mass­nah­men gegen Straf­tä­ter noch stär­ker ist. Vis­con­ti zeigt aus­ser­dem mit einem Ver­gleich zu Daten aus 18 wei­te­ren Län­dern in Latein­ame­ri­ka, dass die­se Hypo­the­se nicht nur für Bra­si­li­en, son­dern für den gan­zen Kon­ti­nent gilt.

Die Wahl Bol­so­na­ros, die kur­ze Zeit nach der Fina­li­sie­rung der Stu­die erfolg­te, scheint wie eine Bestä­ti­gung der Befun­de Vis­con­tis. Wäh­rend sei­nem Wahl­kampf erklär­te Bol­so­na­ro, er wol­le den Zugang zu Waf­fen erleich­tern und wich­ti­ge Minis­te­ri­en durch Mili­tärs beset­zen. Poli­ti­schen Geg­nern droh­te er mit Gewalt und Gefäng­nis. Auch schreck­te er nicht davor zurück, öffent­lich mit der Mili­tär­dik­ta­tur der 60er bis 80er Jah­re – einem der dun­kels­ten Kapi­tel der Geschich­te Bra­si­li­ens – zu sym­pa­thi­sie­ren. Sein wohl wich­tigs­tes Wahl­ver­spre­chen an die Bevöl­ke­rung war die radi­ka­le Vor­ge­hens­wei­se gegen Kri­mi­nel­le – und genau die­ses Ver­spre­chen gab ihm wohl den Rück­halt der Bevöl­ke­rung. Trotz sei­nen scho­ckie­ren­den Äus­se­run­gen ist er für vie­le Bra­si­lia­ner und Bra­si­lia­ne­rin­nen ein Hoff­nungs­trä­ger; denn von ihm ver­spre­chen sie sich den ersehn­ten Sys­tem­wech­sel.

 


Bild: Wiki­me­dia Com­mons

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