Die «Causa Vincenz» – wie der Skandal um Pierin Vincenz die Reputation der Raiffeisenbank gefährdet

Der Skan­dal um Pie­rin Vin­cenz, ehe­ma­li­ger Raiff­ei­sen-CEO, hat medi­al hohe Wel­len geschla­gen. Sei­ne Repu­ta­ti­on scheint am Tief­punkt ange­langt zu sein. Wie der Skan­dal um sei­ne Per­son auch die Repu­ta­ti­on der Raiff­ei­sen-Grup­pe beschä­digt, zeigt die fol­gen­de Analyse.

Die Finanz­auf­sichts­be­hör­de Fin­ma ermit­telt gegen den ehe­ma­li­gen Raiff­ei­sen-Chef Pie­rin Vin­cenz. Streit­punkt sind mög­li­che Inter­es­sens­kon­flik­te wäh­rend sei­ner Zeit bei Raiff­ei­sen Schweiz“ (Fus­ter, 2017), berich­te­te die NZZ am 5. Novem­ber 2017. Dem Top Ban­ker wird unge­treue Geschäfts­be­sor­gung im Kon­text von Zukäu­fen der Raiff­ei­sen­grup­pe vor­ge­wor­fen – die Staats­an­walt­schaft ermit­telt bis dato, Vin­cenz sass 106 Tage in Unter­su­chungs­haft (Schmid, 2019). Der Skan­dal um Vin­cenz wur­de medi­al hef­tig dis­ku­tiert; in der Anfangs­pha­se vor allem getrie­ben durch den Wirt­schafts­jour­na­lis­ten Lukas Häs­sig, dem Her­aus­ge­ber von Insi­de Para­de­platz, einem Online-Fach­me­di­um, das sich spe­zi­fisch auf den Finanz­platz am und um den Zür­cher Para­de­platz fokus­siert. Die Cau­sa Vin­cenz hat aber längst die mas­sen­me­dia­le Are­na erreicht; die Voten rei­chen von Unschulds­ver­mu­tun­gen bis hin zu Vor­ab­ver­ur­tei­lun­gen – die bis anhin intak­te und für den Ban­ken­sek­tor über­durch­schnitt­lich hohe Repu­ta­ti­on der Raiff­ei­sen­bank (GfK, 2018), aber auch die­je­ni­ge von Pie­rin Vin­cenz wer­den fun­da­men­tal in Fra­ge gestellt.

Reputation als wichtigste Ressource in der Mediengesellschaft

Doch was lässt sich über­haupt unter Repu­ta­ti­on ver­ste­hen und wie kann die­se gemes­sen wer­den? In ver­ein­fach­ter Sicht­wei­se gilt die Repu­ta­ti­on als der gute bzw. schlech­te Ruf – sprich das öffent­li­che Anse­hen, das ein­zel­ne Akteu­re, wie bei­spiels­wei­se Insti­tu­tio­nen, Orga­ni­sa­tio­nen oder Per­so­nen genies­sen. Gera­de in der heu­ti­gen Medi­en­ge­sell­schaft stellt eine intak­te Repu­ta­ti­on für Unter­neh­men und öffent­lich expo­nier­te Per­so­nen die wohl wich­tigs­te Res­sour­ce dar – kann die­se doch für den Fort­be­stand oder Nie­der­gang des Betrof­fe­nen von ent­schei­den­der Bedeu­tung sein.

Die medi­al ver­mit­tel­te Repu­ta­ti­on lässt sich nume­risch mes­sen, wie es bspw. das For­schungs­in­sti­tut Öffent­lich­keit und Gesell­schaft (fög) mit ihrem eigens ent­wi­ckel­ten Repu­ta­ti­ons­in­dex tut.

Der Repu­ta­ti­ons­wert* wird anhand der posi­ti­ven, nega­ti­ven wie auch neu­tra­len Bericht­erstat­tung über einen Akteur gemes­sen (sie­he metho­di­sche Anmer­kun­gen am Ende des Beitrags).

Skandal beschädigt auch Reputation der Raiffeisenbank

Wie sich die Repu­ta­ti­on von Pie­rin Vin­cenz und der Raiff­ei­sen­bank im Skan­dal­ver­lauf ver­än­dert hat, kann aus der nach­fol­gen­den Gra­fik** (sie­he metho­di­sche Anmer­kun­gen am Ende des Bei­trags) ent­nom­men werden.

Abbildung 1: Reputationsverlauf Raiffeisenbank und Pierin Vincenz

Die Ana­ly­se des Repu­ta­ti­ons­ver­laufs zeigt, dass der Skan­dal um Vin­cenz sowohl sei­ne per­sön­li­che Repu­ta­ti­on, als auch die­je­ni­ge der Raiff­ei­sen­bank fun­da­men­tal beschä­digt hat. Die vor dem Skan­dal deut­lich posi­ti­ve Repu­ta­ti­on der Raiff­ei­sen­bank wird durch den Skan­dal­ein­tritt im Oktober/November stark beschä­digt und sinkt in den nega­ti­ven Bereich. Wäh­rend sich die Repu­ta­ti­on der Raiff­ei­sen­bank in den Fol­ge­mo­na­ten etwas erholt und auf einem, wenn auch unter­durch­schnitt­li­chen Niveau sta­bi­li­siert, ver­läuft die Repu­ta­ti­ons­ent­wick­lung von Vin­cenz vola­ti­ler und sinkt im Febru­ar auf den Allzeit-Tiefstwert.

Vincenz’ soziale Reputation scheint kaum wiederherstellbar

In der aka­de­mi­schen Repu­ta­ti­ons­for­schung wer­den zudem spe­zi­fi­sche Repu­ta­ti­ons­di­men­sio­nen unter­schie­den: die funk­tio­na­le und sozia­le Repu­ta­ti­ons­di­men­sio­nen. Wird ein Akteur in sei­ner funk­tio­na­len Repu­ta­ti­on tan­giert, geht es pri­mär um die Beur­tei­lung sei­ner Kom­pe­ten­zen und Erfol­ge. Unter­neh­men oder Mana­ger ver­grös­sern bei­spiels­wei­se ihre funk­tio­na­le Repu­ta­ti­on dadurch, wenn sie stei­gen­de Gewin­ne, Ren­di­ten oder Akti­en­kur­se zu ver­zeich­nen haben und posi­tiv dar­über berich­tet wird.

Wird hin­ge­gen über die sozia­le Repu­ta­ti­on eines Akteurs berich­tet, so geht es pri­mär um ethi­sche (In-)Korrektheit. Es geht dabei um die Beur­tei­lung, inwie­fern Hand­lun­gen eines Akteurs als sozi­al legi­tim bzw. ille­gi­tim erschei­nen. Eine ver­lo­re­ne sozia­le Repu­ta­ti­on ist ver­hee­rend, wie ein Exper­te in die­sem Gebiet bestä­tigt: «Ethi­sche Defi­zi­te prä­gen den Ruf nach­hal­ti­ger», meint Mark Eisen­eg­ger, Medi­en­pro­fes­sor am Insti­tut für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft und Medi­en­for­schung der Uni­ver­si­tät Zürich. Ist die sozia­le Repu­ta­ti­on ein­mal beschä­digt, ist die­se nur schwer wiederherstellbar.

Die inhalts­ana­ly­ti­sche Unter­su­chung der Medi­en­be­richt­erstat­tung über Vin­cenz und die Raiff­ei­sen­bank zeigt ein deut­li­ches Mus­ter, wie aus den nach­fol­gen­den Gra­fi­ken*** (sie­he metho­di­sche Anmer­kun­gen am Ende des Bei­trags) zu ent­neh­men ist.

Abbildung 2: Reputationsdimensionen Raiffeisenbank

Abbildung 3: Reputationsdimensionen Pierin Vincenz

Wäh­rend die Raiff­ei­sen­bank pri­mär über ihre funk­tio­na­le Repu­ta­ti­ons­di­men­si­on the­ma­ti­siert wird, zeigt sich für Pie­rin Vin­cenz ein ande­res Bild: Der Mana­ger wird erheb­lich häu­fi­ger und über den Skan­dal­ver­lauf zuneh­mend über sei­ne sozia­le Repu­ta­ti­on the­ma­ti­siert. So ste­hen sei­ne ethisch inkor­rek­ten Hand­lun­gen im Zen­trum der Medi­en­be­richt­erstat­tung. Dies beschä­digt sei­ne Repu­ta­ti­on nach­hal­tig; es scheint schwie­rig, die­se mit ein­fa­chen Mit­teln wiederherzustellen.

Gerichtliche Verurteilung steht noch aus

Ob es zu einer gericht­li­chen Ver­ur­tei­lung von Vin­cenz kommt, steht bis heu­te noch aus. Fakt ist jedoch, dass die Zukunfts­per­spek­ti­ven für Vin­cenz eher düs­ter aus­se­hen. Der Repu­ta­ti­ons­ver­lust des eins­ti­gen Top-Mana­gers ist enorm. Der Skan­dal hat aber auch die Repu­ta­ti­on der Raiff­ei­sen­bank beschä­digt, wie aus den Ana­ly­sen her­vor­geht. Ob sich die Repu­ta­ti­on der Raiff­ei­sen­bank durch die aktu­el­len per­so­nel­len Ver­än­de­run­gen erholt, zeigt die Zukunft.


Metho­di­sche Anmerkungen: 

Der vor­lie­gen­de Blog­bei­trag basiert auf einer eigens rea­li­sier­ten Inhalts­ana­ly­se von vier Schwei­zer Online-Medi­en: nzz.ch, tagesanzeiger.ch, blick.ch und 20min.ch. Ins­ge­samt wur­den 371 Arti­kel ana­ly­siert. Der Unter­su­chungs­zeit­raum erstreckt sich vom 1. Juli 2017 bis zum 31. Mai 2018.

Nach­trag zum Reputationsindex:

* Die Repu­ta­ti­ons­wer­te las­sen sich wie folgt berech­nen: Anzahl posi­ti­ver Arti­kel – Anzahl nega­ti­ver Arti­kel / Gesamt­an­zahl der Arti­kel * 100. Die Wer­te kön­nen zwi­schen ‑100 und +100 vari­ie­ren. Ein Repu­ta­ti­ons­wert von ‑100 beschreibt folg­lich eine voll­stän­dig nega­ti­ve Repu­ta­ti­on, wäh­rend ein Repu­ta­ti­ons­wert von +100 eine voll­stän­dig posi­ti­ve Repu­ta­ti­on beschreibt.

Lese­bei­spiel für die Grafiken:

**Gra­fik Repu­ta­ti­ons­ver­lauf Raiff­ei­sen­bank und Pie­rin Vin­cenz, Lese­bei­spiel: Der Repu­ta­ti­ons­wert für Pie­rin Vin­cenz ist im Juli 2017 auf ‑65, was von einer sehr nega­ti­ven Bericht­erstat­tung zeugt. Im Okto­ber 2017 hin­ge­gen ist die Bericht­erstat­tung  über Pie­rin Vin­cenz von einem neu­tra­len Ton (Repu­ta­ti­on-Score = 0) geprägt.

***Gra­fi­ken zu den Repu­ta­ti­ons­di­men­sio­nen, Lese­bei­spiel: Für Raiff­ei­sen­bank wird im Sep­tem­ber 2017 aus­schliess­lich über die sozia­le Repu­ta­ti­ons­di­men­si­on berich­tet (Wert = 100%), wohin­ge­gen im Mai 2018 die funk­tio­na­le Dimen­si­on im Fokus steht (Wert = 86%).


Bild: Wiki­me­dia Commons

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