Die Politik unter Druck

Kom­ple­xe Pro­ble­me und hohe Erwar­tun­gen set­zen Poli­ti­ker und Poli­ti­ke­rin­nen ver­stärkt unter Druck. Das Kon­zept der Bla­me Avo­id­ance erlaubt es, ihre Reak­tio­nen – von Recht­fer­ti­gun­gen über Schön­fär­be­rei bis hin zu Ablen­kungs­ma­nö­vern – auf die­se Her­aus­for­de­run­gen ein­zu­ord­nen. Pro­ble­ma­tisch ist Bla­me Avo­id­ance dann, wenn poli­ti­sche Akteu­re wenig ande­res mehr im Sinn haben und des­we­gen wich­ti­ge Pro­ble­me unge­löst blei­ben. Abhil­fe ver­spre­chen eine ver­ant­wor­tungs­vol­le media­le Bericht­erstat­tung, ver­nünf­ti­ge Umgangs­for­men in der Poli­tik, sowie Poli­ti­ker und Poli­ti­ke­rin­nen, die ihre Ent­schei­dun­gen erklä­ren und mutig ver­tre­ten.

Barack Oba­ma ant­wor­te­te ein­mal auf die Fra­ge, was denn eigent­lich die Auf­ga­be der Regie­rung sei, in für ihn typi­scher, läs­si­ger Manier: «To get stuff done». Regie­ren heisst Pro­ble­me lösen und wich­ti­ge öffent­li­che Auf­ga­ben erle­di­gen.

Aller­dings muss­te auch der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten erfah­ren, dass das im aktu­el­len poli­ti­schen Umfeld gar nicht so leicht ist. Denn die Kom­ple­xi­tät zu bewäl­ti­gen­der Pro­ble­me, die an die Poli­tik gestell­ten Ansprü­che, aber auch der Trans­pa­renz­druck auf öffent­li­ches Han­deln, neh­men seit Jah­ren zu.

Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rIn­nen stel­len sich des­we­gen ver­stärkt die Fra­ge, wie Regie­rungs­ak­teu­re – von Staats­ober­häup­tern über Minis­te­rin­nen bis hin zu Ver­wal­tungs­ka­dern – auf die­se Her­aus­for­de­run­gen reagie­ren.

Blame Avoidance als Reaktion

Mit dem Kon­zept der Bla­me Avo­id­ance (zu dt. etwa ‚Anschul­di­gungs­ver­mei­dungs­ver­hal­ten‘) hält die Poli­tik­wis­sen­schaft ein zuse­hends popu­lä­res Kon­zept bereit, um das Ver­hal­ten poli­ti­scher Akteu­re unter Druck zu ana­ly­sie­ren. Der Begriff Bla­me Avo­id­ance bezeich­net Ver­hal­tens­wei­sen, die dazu die­nen, sich vor öffent­li­cher Kri­tik und Anschul­di­gun­gen an der eige­nen Amts­füh­rung, an Hand­lun­gen und Äus­se­run­gen zu schüt­zen und somit die öffent­li­che Mei­nung betref­fend der eige­nen Per­son posi­tiv zu beein­flus­sen. Bla­me Avo­id­ance kommt vor allem dann zur Anwen­dung, wenn Regie­rungs­ak­teu­re ihre viel­fäl­ti­gen per­sön­li­chen und poli­ti­schen Zie­le und Errun­gen­schaf­ten bedroht sehen.

  • Bla­me Avo­id­ance Stra­te­gien umfas­sen Recht­fer­ti­gun­gen, Ent­schul­di­gun­gen, und Ablen­kungs­ma­nö­ver, genau­so wie Rela­ti­vie­run­gen (Reframing). Auch kön­nen beschul­dig­te Regie­rungs­ak­teu­re ver­su­chen, Ent­schlos­sen­heit in Bezug auf die Auf­ar­bei­tung einer Kri­se zu demons­trie­ren, bspw. durch die Lan­cie­rung von Unter­su­chun­gen oder der sym­bo­li­schen Ent­las­sung unter­stell­ter Akteu­re (Acti­vism). Hilft dies nichts, kann auch ver­sucht wer­den, Bla­me an ande­re, oft wei­ter unten in der Hier­ar­chie ange­sie­del­te Regie­rungs­ak­teu­re abzu­schie­ben (Bla­me Deflec­tion) oder auf mög­lichst vie­le Schul­tern zu ver­tei­len (Bla­me Dif­fu­si­on). Aus­ser­dem kön­nen Regie­rungs­ak­teu­re ver­su­chen, unpo­pu­lä­re Reform­vor­ha­ben unauf­fäl­lig zu ver­ab­schie­den, damit sich öffent­li­che Empö­rung gar nicht erst ent­wi­ckelt.
  • Bla­me Avo­id­ance Stra­te­gien erlau­ben es Regie­rungs­ak­teu­ren bspw., die Kür­zun­gen sozia­ler Leis­tun­gen gegen öffent­li­chen Wider­stand durch­zu­set­zen, ohne dabei Anse­hens- und Macht­ver­lust zu erlei­den. Regie­rungs­ak­teu­re bezeich­nen Ein­spa­run­gen etwa als alter­na­tiv­los, ver­pa­cken ein­schnei­den­de Refor­men in grös­se­ren Reform­pa­ke­ten, um ihre Sicht­bar­keit zu ver­rin­gern, oder ver­ab­schie­den unpo­pu­lä­re Refor­men direkt nach Amts­an­tritt, in der Hoff­nung, dass sich Kri­tik dar­an bis zur nächs­ten Wahl wie­der abschwächt.
  • Bla­me Avo­id­ance Stra­te­gien spie­len auch bei der Umset­zung von gros­sen, staat­lich ver­ant­wor­te­ten Infra­struk­tur­pro­jek­ten eine wich­ti­ge Rol­le. Gross­pro­jek­te brin­gen oft sehr kom­pli­zier­te Orga­ni­sa­ti­ons- und Umset­zungs­ar­ran­ge­ments mit sich, in die eine Viel­zahl von öffent­li­chen, halb­öf­fent­li­chen, und pri­va­ten Akteu­ren ein­ge­bun­den ist. Nicht immer die­nen sol­che Arran­ge­ments allein der effi­zi­en­ten und effek­ti­ven Aus­füh­rung des Pro­jekts. Sie bil­den auch einen Kon­text, der es den ver­ant­wort­li­chen Regie­rungs­ak­teu­ren erlaubt, Anschul­di­gun­gen für etwai­ge Ver­zö­ge­run­gen oder Kos­ten­stei­ge­run­gen auf die an der Orga­ni­sa­ti­on und Umset­zung des Pro­jekts betei­lig­ten Akteu­re abzu­schie­ben. Bla­me Avo­id­ance Stra­te­gien füh­ren oft zu wei­te­ren Ver­zö­ge­run­gen und ste­hen somit der geziel­ten Fer­tig­stel­lung des Pro­jekts im Weg.
Auswirkungen von vermehrter Blame Avoidance auf die Politik

Bla­me Avo­id­ance ist per se noch kein für die Demo­kra­tie pro­ble­ma­ti­sches Phä­no­men. Poli­ti­sche Akteu­re kon­kur­rie­ren um die Aner­ken­nung und das Ver­trau­en von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern und sind hier­für schlicht dar­auf ange­wie­sen, die eige­ne Leis­tung und das eige­ne Ver­hal­ten in posi­ti­vem Licht erschei­nen zu las­sen, sowie sich Kri­tik und Anschul­di­gun­gen zu erweh­ren.

Pro­ble­ma­tisch wird es erst, wenn auf­grund ver­mehr­ter Anwen­dung von Bla­me Avo­id­ance wich­ti­ge Auf­ga­ben in den Hin­ter­grund tre­ten und Pro­ble­me unge­löst blei­ben. Regie­rungs­ak­teu­re, die ver­stärkt Bla­me Avo­id­ance anwen­den und des­halb poli­ti­sche Ant­wor­ten ver­wei­gern, erschei­nen zwangs­läu­fig als ego­is­tisch und mit sich selbst beschäf­tigt. Auch erwe­cken sie den Ein­druck, nicht mehr auf der Höhe des poli­ti­schen Gesche­hens zu sein. So kann ver­mehr­te Bla­me Avo­id­ance Poli­tik­mü­dig­keit und Zynis­mus bei den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern Vor­schub leis­ten.

Politik und Medien in der Verantwortung

Um einer sol­chen Ent­wick­lung ent­ge­gen­zu­wir­ken, ste­hen in ers­ter Linie die poli­ti­schen Eli­ten und die Medi­en in der Ver­ant­wor­tung. Für die Medi­en gilt es, auch ange­sichts schwie­ri­ger poli­ti­scher Her­aus­for­de­run­gen, fak­ten­ba­siert und erre­gungs­arm zu berich­ten. Für Poli­ti­ke­rIn­nen gilt es, im poli­ti­schen Umgang Nor­men gegen­sei­ti­ger Tole­ranz zu respek­tie­ren. Auch wich­tig ist, dass Regie­rungs­ak­teu­re in der Öffent­lich­keit bei anstei­gen­den Empö­rungs­wel­len nicht ein­fach ein­kni­cken, son­dern zu ihren Ent­schei­dun­gen ste­hen, die­se erklä­ren und mutig ver­tre­ten.


Refe­renz:

Mar­kus Hin­ter­leit­ner und Fritz Sager (2019). Kri­sen­ma­nage­ment und Risi­ko­ver­mei­dung. In: Black­box Exe­ku­ti­ve – Regie­rungs­leh­re in der Schweiz. Zürich: NZZ Libro, Rei­he „Poli­tik und Gesell­schaft in der Schweiz“.


Ver­an­stal­tungs­hin­weis:

Am 18. Juni 2019 fin­det an der Uni­ver­si­tät Bern das vom Kom­pe­tenz­zen­trum für Public Manage­ment orga­ni­sier­te Swiss Gover­nan­ce Forum mit dem Fokus “Regie­ren in der Schweiz” statt. Im Rah­men der Ver­an­stal­tung wird das Buch “Black­box Exe­ku­ti­ve – Regie­rungs­leh­re in der Schweiz” vor­ge­stellt.


Bild: rawpixel.com

 

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