Nach den kantonalen Parlamentswahlen ist vor den Nationalratswahlen. Regionale und parteipolitische Veränderungen.

Mit den Tes­si­ner Wah­len vom 7. April fan­den die letz­ten kan­to­na­len Par­la­ments­wah­len vor den eid­ge­nös­si­schen Wah­len 2019 statt. Somit kann eine Bilanz zu den 25 Par­la­ments­wah­len seit den Natio­nal­rats­wah­len 2015 gezo­gen werden.

Wahlen19

Gros­se Sie­ger sind die Grü­nen: Sie stei­ger­ten sich um 41 Man­da­te. Den zweit­gröss­ten Man­dats­zu­wachs ver­zeich­ne­te die FDP, die sich zusam­men mit den Libe­ra­len um 25 Man­da­te stei­ger­te. Die SP leg­te 21 Man­da­te zu und die Grün­li­be­ra­len 16.

Auf der Ver­lie­rer­sei­te ste­hen, wei­ter­hin, die CVP (-38) sowie, unge­wohnt nach ihrem jahr­zehn­te­lan­gen Auf­stieg, die SVP (-34). Dra­ma­tisch ist die Lage für die klei­ne BDP. Sie büss­te in die­ser Legis­la­tur mehr als jedes vier­te ihrer Man­da­te ein (-21).

Die meis­ten Man­da­te in den 25 kan­to­na­len Par­la­men­ten hat, zusam­men mit den Libe­ra­len, die FDP inne (568), vor der SVP (544), der SP (477) und der CVP (414). Die Grü­nen kom­men auf 216 Man­da­te, die Grün­li­be­ra­len auf 98 und die BDP auf 53.

Auch wenn die hier aus­ge­wer­te­ten kan­to­na­len Par­la­ments­wah­len nicht alle gleich­zei­tig, son­dern im Ver­lau­fe von vier Jah­ren statt­fan­den, und auch wenn die Par­la­men­te nicht in allen Kan­to­nen gleich vie­le Sit­ze haben, las­sen sich gleich­wohl – mit der nöti­gen Zurück­hal­tung – gewis­se par­tei­po­li­ti­sche und regio­na­le Ver­än­de­run­gen feststellen.

Die Grünen erreichen einen neuen Höchststand

Seit dem Herbst 2016 befin­den sich die Grü­nen auf der Sie­ger­stras­se. Sie erziel­ten in den Jah­ren 2017 und 2018 star­ke Gewin­ne in der Roman­die (v.a. VS: +6, NE: +5, GE: +5), im lau­fen­den Jahr star­te­ten sie mit 23 Man­dats­ge­win­nen rich­tig durch (ZH: +9, LU: +8, BL: +6). In den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren muss­ten die Grü­nen nur gera­de in drei Kan­to­nen Man­dats­ver­lus­te hin­neh­men (UR: ‑1, SH: ‑2, BE: ‑2). Sie sta­gnier­ten in neun Kan­to­nen. In 13 Kan­to­nen gewan­nen sie aber 46 Man­da­te hin­zu, womit sie in den kan­to­na­len Par­la­men­ten auf ins­ge­samt 216 Man­da­te kom­men. Damit haben die Grü­nen ihren Höchst­stand von 2011 (202 Man­da­te) übertroffen.

Abbildung 1: Grüne Partei Schweiz — Veränderung der Anzahl Mandate (2015–2019) in den kantonalen Parlamenten

Quel­le: BFS 
Der Wiederaufschwung der FDP gerät ins Stocken

Der knapp vier Jah­re lang andau­ern­de Auf­schwung der FDP wur­de im eid­ge­nös­si­schen Wahl­jahr 2019 gebremst. Zwar erlitt die FDP in den letz­ten vier Jah­ren immer wie­der klei­ne­re Ver­lus­te, die Jah­res­bi­lan­zen der FDP (zusam­men mit den Libe­ra­len) waren aber gleich­wohl immer posi­tiv (2016: +14 Man­da­te; 2017: +8, 2018: +8). Im aktu­el­len Jahr aber war die Bilanz der FDP nega­tiv: Nur gera­de in Appen­zell Aus­ser­rho­den ver­moch­te sie zuzu­le­gen (+1). Sie sta­gnier­te in Basel-Land­schaft und ver­lor in Zürich (-2), Luzern (-3) und im Tes­sin (-1).

Die FDP ist in acht Kan­tons­par­la­men­ten man­dats­stärks­te Par­tei (NW, SO, AR, GR, TI, VD, NE und GE). In Nid­wal­den hat sie die SVP bzw. die CVP, wel­che bei­de gleich stark waren, als stärks­te Par­tei abge­löst und in der Waadt – auch dank der Fusi­on mit den Libe­ra­len – die SP.

Die SP wächst stark im Mittelland und in der Zentralschweiz

Auf der Sie­ger­sei­te stand bei den kan­to­na­len Par­la­ments­wah­len in den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren auch die SP. Sie punk­te­te in 13 Kan­to­nen (+34 Man­da­te) und ver­lor in acht Kan­to­nen (-13 Man­da­te). Am stärks­ten leg­te sie im Mit­tel­land zu: In Bern und im Aar­gau gewann sie je fünf Man­da­te, in Solo­thurn vier. In der Zen­tral­schweiz stei­ger­te sie sich per Sal­do um neun Man­da­te. In der Ost­schweiz resul­tier­te aus ver­schie­de­nen Gewin­nen und Ver­lus­ten für die SP ein Zuwachs von zwei Man­da­ten. Nega­tiv war dage­gen die Bilanz der SP in der Roman­die (-7), ins­be­son­de­re in der Waadt (-4).

Die SP ist in Basel-Stadt sowie, neu, in Frei­burg und Basel-Land­schaft die Par­tei mit den meis­ten Parlamentssitzen.

Abbildung 2: Sozialdemokratische Partei — Veränderung der Anzahl Mandate (2015–2019) in den kantonalen Parlamenten

Quel­le: BFS 
Die Grünliberalen punkten vor allem in der Deutschschweiz

War die Bilanz der Grün­li­be­ra­len in den ers­ten drei Jah­ren nur leicht im Plus (2016: +3, 2017: ‑2, 2018: +3), so pro­fi­tier­ten sie im aktu­el­len Jahr – wie die Grü­nen – von der so genann­ten Kli­ma­wahl, aller­dings nur in den Kan­to­nen Zürich (+9) und Luzern (+3). In der Roman­die, wo sie nur in drei Kan­tons­par­la­men­ten ver­tre­ten sind, sta­gnier­ten sie (FR, VD) bzw. ver­lo­ren ein Man­dat (NE). Im Tes­si­ner Kan­tons­par­la­ment sind die Grün­li­be­ra­len nicht vertreten.

Die Siegesserie der SVP ist gestoppt und gewendet

Seit den Neun­zi­ger­jah­ren hat­te die SVP Wah­len um Wah­len gewon­nen und auch im Jahr 2016 wies sie mit 12 Man­dats­ge­win­nen noch eine posi­ti­ve Bilanz aus. In den Wah­len seit 2017 hat sie aber ins­ge­samt 46 Man­da­te ver­lo­ren. Nur gera­de in drei Kan­to­nen ver­moch­te die SVP noch zuzu­le­gen (VS: +2, OW: +2, TI: +3), in Grau­bün­den sta­gnier­te sie. Beson­ders hap­pig waren die Ver­lus­te in Neu­en­burg, wo sie mehr als die Hälf­te ihrer Man­da­te ver­lor (-11), sowie – im aktu­el­len Jahr – im Kan­ton Zürich (-9), der Geburts­stät­te der «neu­en SVP», wie auch in Luzern und Basel-Land­schaft (je ‑7) und in Appen­zell Aus­ser­rho­den (-5).

Die SVP ist in acht Kan­tons­par­la­men­ten die man­dats­stärks­te Par­tei (in ZH, BE, SZ, GL, SH, SG, AG und TG).

Abbildung 3: Schweizerische Volkspartei — Veränderung der Anzahl Mandate (2015–2019) in den kantonalen Parlamenten

Quel­le: BFS 
Der freie Fall der BDP hält an

Dra­ma­tisch ist die Situa­ti­on der klei­nen BDP in der «Nach-Widmer-Schlumpf»-Ära. Bei sämt­li­chen Wah­len, bei denen sie antrat, ver­lor sie Man­da­te, nament­lich in Grau­bün­den und Zürich (je ‑5). Nur gera­de in Solo­thurn ver­moch­te sie ihre Man­dats­zahl zu hal­ten (doch sind die bei­den Gewähl­ten mitt­ler­wei­le zur FDP über­ge­tre­ten). In vier Kan­to­nen fiel die BDP aus dem Par­la­ment (ZH, FR, BL und SG). Die BDP ist nur noch – ohne Solo­thurn – in fünf Kan­tons­par­la­men­ten ver­tre­ten, wobei sie nament­lich in ihren drei Grün­der­kan­to­nen noch über eine statt­li­che Anzahl Sit­ze ver­fügt (BE: 13, GL: 8, GR: 23).

Die CVP ist weiterhin auf der Verliererstrasse

Die CVP schaff­te es auch im vier­ten Jahr­zehnt ihres elek­to­ra­len Abstiegs nicht, eine Trend­wen­de her­bei zu füh­ren. In ihren Stamm­lan­den büss­te sie flä­chen­de­ckend ins­ge­samt 22 Man­da­te ein (VS ‑6, in LU und FR je ‑4, in OW ‑3, in SZ ‑2 und in UR, ZG und NW je ‑1). Mehr oder weni­ger aus­ge­präg­te Ver­lus­te resul­tier­ten auch in den ande­ren Kan­to­nen. Nur gera­de in Neu­en­burg und Genf konn­te die CVP je ein Man­dat zule­gen. In Gla­rus und Basel-Land­schaft hielt sie ihre Mandate.

Die CVP ist noch in sechs Kan­tons­par­la­men­ten stärks­te Par­tei: in Luzern, Uri, Obwal­den, Zug, im Wal­lis und im Jura.

Abbildung 4: Veränderung der Anzahl Mandate (2015–2019) in den kantonalen Parlamenten der ehemaligen katholischen Stammlande

Quel­le: BFS
Grüne, SP und Grünliberale grasen in den ehemaligen katholischen Stammlanden

Pro­fi­tier­te in den letz­ten Jah­ren vor allem die SVP von den Man­dats­ver­lus­ten der CVP in ihren ehe­ma­li­gen Stamm­lan­den, so waren es dies­mal die Lin­ken und die Grün­li­be­ra­len. Die meis­ten Man­da­te (+17) hol­ten die Grü­nen (v.a. LU: +8, VS: +6, FR: +3). Die SP stei­ger­te sich um 7 Man­da­te (v.a SZ und LU: je +3) und die Grün­li­be­ra­len um 6 (SZ und LU je +3). Die SVP büss­te hin­ge­gen in den ehe­ma­li­gen katho­li­schen Stamm­lan­den per sal­do 7 Man­da­te ein, die FDP stagnierte.

In der Romandie legen Grüne und FDP zu

Von den vier Wahl­ge­win­nern ver­moch­ten in der Roman­die nur die Grü­nen und die FDP ihre Man­dats­zahl zu stei­gern (+21 bzw +17). Die Grü­nen ver­zeich­ne­ten mehr als die Hälf­te ihrer gesamt­schwei­ze­ri­schen Man­dats­ge­win­ne in der Roman­die, nament­lich im Wal­lis (+6), in Neu­en­burg und in Genf (je +5). Bei der FDP fie­len vor allem die 8 Man­dats­ge­win­ne in Neu­en­burg ins Gewicht. Dage­gen büss­te die SP in der Roman­die 7 Man­da­te ein. Sie ver­lor in jedem Kan­ton der fran­zö­sisch­spra­chi­gen Schweiz Man­da­te, aus­ser in Genf (+2). Die Grün­li­be­ra­len ver­lo­ren ein Man­dat (NE), die CVP büss­te per sal­do 12 Man­da­te ein und die SVP 10.

Abbildung 5: Veränderung der Anzahl Mandate (2015–2019) in den kantonalen Parlamenten nach Sprachregionen

Quel­le: BFS
In der Deutschschweiz punkten SP, Grüne und Grünliberale

In der Deutsch­schweiz leg­te dafür die SP am stärks­ten zu (+28): Sie gewann in fast jedem Kan­ton. In drei Kan­to­nen ver­lor sie leicht (UR, TG, ZH), in drei wei­te­ren sta­gnier­te sie. Am zweit­meis­ten Man­da­te gewan­nen in der Deutsch­schweiz die Grü­nen und die Grün­li­be­ra­len hin­zu (+20 bzw. +17). Die FDP ver­stärk­te ihre Dele­ga­ti­on (zusam­men mit den Libe­ra­len) um 9. Gros­se Ver­lie­re­rin­nen der Par­la­ments­wah­len waren in der Deutsch­schweiz die SVP (-27) und die CVP (-25). Die BDP büss­te in der Deutsch­schweiz 19 ihrer bis­he­ri­gen 72 Man­da­te ein.

Im Tes­sin gab es kei­ne gros­sen par­tei­po­li­ti­schen Ver­schie­bun­gen. Die Bür­ger­li­chen (CVP, FDP) und Rechts­par­tei­en (Lega, SVP) ver­fü­gen wei­ter­hin über mehr als zwei Drit­tel der Mandate.

Gesamtschweizerisch gestärkte Linke

Bei 14 kan­to­na­len Par­la­ments­wah­len stei­ger­ten Grü­ne und SP per Sal­do ihre Man­dats­zahl. Das frü­he­re Bild der kom­mu­ni­zie­ren­den Röh­ren, wonach die Gewin­ne der einen Par­tei auf Ver­lus­ten der ande­ren Par­tei beruh­ten, trifft für die Ent­wick­lung seit 2015 nicht mehr zu. In fünf Kan­to­nen gehör­ten sowohl SP wie auch Grü­ne zu den Gewin­ne­rin­nen (LU, ZG, BS, BL und GE). Die SP gewann 9 zusätz­li­che Man­da­te, die Grü­nen 21. In vier Kan­to­nen gewann die SP (+13) und die Grü­nen hiel­ten ihre Man­dats­zahl (SZ, GL, SO und AG), in vier wei­te­ren Kan­to­nen gewan­nen die Grü­nen der­art vie­le Man­da­te (+23), dass sie die Ver­lus­te der SP (-4) mehr als kom­pen­sier­ten (ZH, FR, VS und NE) und in Bern mach­te die SP (+5) die Ver­lus­te der Grü­nen (-2) wett. Nur gera­de in fünf Kan­to­nen büss­ten SP und Grü­ne zusam­men je zwei Man­da­te ein: in Uri, Schaff­hau­sen, im Thur­gau, in der Waadt und im Jura.

Abbildung 6: Grüne Partei Schweiz und Sozialdemokratische Partei — Veränderung der Anzahl Mandate (2015–2019) in den kantonalen Parlamenten

Quel­le: BFS

Refe­ren­zen

  • Bun­des­amt für Sta­tis­tik. Natio­nal­rats­wah­len 2015: Der Wan­del der Par­tei­en­land­schaft seit 1971. Elek­tro­ni­sche Publi­ka­ti­on, Bun­des­amt für Sta­tis­tik 2015.
  • Frei­tag, Mar­kus / Vat­ter, Adri­an. Wah­len und Wäh­ler­schaft in der Schweiz. Zürich 2015: Ver­lag Neue Zür­cher Zeitung.
  • Klö­ti, Ulrich. «Kan­to­na­le Par­tei­en­sys­te­me – Bedeu­tung des kan­to­na­len Kon­texts für die Posi­tio­nie­rung der Par­tei­en», in Krie­si, Hans­pe­ter / Lin­der, Wolf / Klö­ti, Ulrich (Hg.). Schwei­zer Wah­len 1995 (selects – swiss elec­to­ral stu­dies), Bern 1998: Ver­lag Paul Haupt, S. 45–72.
  • Lad­ner, Andre­as. Kan­to­na­le Par­tei­en­sys­te­me im Wan­del. Eine Stu­die mit Daten der Wah­len in den Natio­nal­rat und in die kan­to­na­len Par­la­men­te 1971–2003. Bun­des­amt für Sta­tis­tik (Hg.), Neu­châ­tel 2003.
  • Lad­ner, Andre­as. Sta­bi­li­tät und Wan­del von Par­tei­en und Par­tei­en­sys­te­men. Eine ver­glei­chen­de Ana­ly­se von Kon­flikt­li­ni­en, Par­tei­en und Par­tei­en­sys­te­men in den Schwei­zer Kan­to­nen. Wies­ba­den 2004: Ver­lag für Sozialwissenschaften.
  • Seitz, Wer­ner. Geschich­te der poli­ti­schen Grä­ben in der Schweiz. Eine Dar­stel­lung anhand der eid­ge­nös­si­schen Wahl- und Abstim­mungs­er­geb­nis­se von 1848 bis 2012. Zürich/Chur 2014: Rüeg­ger Verlag.
  • Vat­ter, Adri­an. “Die Par­tei­en und das Par­tei­en­sys­tem”, in Das poli­ti­sche Sys­tem der Schweiz. Baden-Baden 2014: Nomos-Ver­lags­ge­sell­schaft, S. 95–158.
  • Vat­ter, Adri­an. Kan­to­na­le Demo­kra­tien im Ver­gleich. Ent­ste­hungs­grün­de, Inter­ak­tio­nen und Wir­kun­gen poli­ti­scher Insti­tu­tio­nen in den Schwei­zer Kan­to­nen. Opla­den 2002: Les­ke + Budrich. 

 

Links zu den Wahl­da­ten des Bun­des­am­tes für Statistik

 

Hin­weis: Bei die­sem Text han­delt es sich um eine erwei­ter­te Fas­sung des Tex­tes Vor­sicht mit Pro­gno­sen, der am 19. April 2019 in der Online-Zei­tung Journal21 erschie­nen ist.

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