Wie Kultur und Klasse ethnische Identitäten verändern

Die eth­ni­sche Zusam­men­set­zung einer Gesell­schaft ist poli­tisch von gros­sem Inter­es­se. Es zeigt sich jedoch, dass die eth­ni­sche Selbst­wahr­neh­mung kei­nes­falls sta­tisch ist: In Ecua­dor bei­spiels­wei­se hat sich ein Vier­tel der Bevöl­ke­rung innert zehn Jah­ren einer ande­ren eth­ni­sche Kate­go­rie zuge­ord­net.

Man könn­te mei­nen, dass eine Per­son wäh­rend ihres Lebens immer der­sel­ben eth­ni­schen Grup­pe ange­hört. Denn eth­ni­sche Iden­ti­tät basiert in ers­ter Linie auf der Vor­stel­lung von gemein­sa­mer Abstam­mung. Die­se Vor­stel­lung wie­der­um ist typi­scher­wei­se mit nur schwer ver­än­der­ba­ren per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten wie dem Aus­se­hen (Phä­no­typ), Namen, Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit und Spra­che ver­bun­den.

Eth­ni­sche Iden­ti­tä­ten sind aber weni­ger sta­bil als man anneh­men könn­te. Ins­be­son­de­re für die USA und Län­der Latein­ame­ri­kas wur­de gezeigt, dass sich die Kri­te­ri­en für die Ein­tei­lung in “weiss”, “schwarz”, “indi­gen” und ande­ren Kate­go­rien über die Zeit hin­weg ver­än­dern kön­nen. Und selbst wenn die Kri­te­ri­en gleich blei­ben, so kön­nen Indi­vi­du­en ihre eth­ni­sche Iden­ti­tät im Ver­lauf ihres Lebens ändern. Dies führt dazu, dass über die Jah­re auch unab­hän­gig von Migra­ti­on und unter­schied­li­chen Mor­ta­li­täts­ra­ten die eth­ni­sche Zusam­men­set­zung eines Lan­des ver­än­dern kann. So wur­de gemäss Volks­zäh­lun­gen zum Bei­spiel die Bevöl­ke­rung von Puer­to Rico anfangs des 20. Jahr­hun­derts inner­halb von nur zehn Jah­ren um etwa 8 Pro­zent “weis­ser” (Love­man und Muniz 2007).

Zugehörigkeit verändert sich

In der Lite­ra­tur wer­den ins­be­son­de­re zwei Grün­de dafür genannt, wes­halb Indi­vi­du­en ihre eth­ni­sche Iden­ti­tät ändern. Ers­tens wird davon aus­ge­gan­gen, dass Indi­vi­du­en sich zuneh­mend einer ande­ren eth­ni­schen Grup­pe zuge­hö­rig füh­len, wenn sie sich assi­mi­lie­ren, d.h. deren kul­tu­rel­le Merk­ma­le über­neh­men. Als zwei­ter Grund für eine Ände­rung der eth­ni­schen Iden­ti­tät gilt sozia­le Mobi­li­tät. So konn­te zum Bei­spiel für Bra­si­li­en nach­ge­wie­sen wer­den, dass sich Per­so­nen mit dem­sel­ben Phä­no­typ eher als Weis­se iden­ti­fi­zie­ren, wenn sie einer obe­ren sozio-öko­no­mi­schen Schicht ange­hö­ren (Schwart­z­man 2007).

Bis anhin ist jedoch noch unklar wie rele­vant Assi­mi­lie­rung und sozia­le Mobi­li­tät für eine Ände­rung der eth­ni­schen Selbst­wahr­neh­mung sind. In einer neu­en Stu­die habe ich daher getes­tet, wie bedeu­tend die­se bei­den Erklä­run­gen für Ver­än­de­run­gen in der eth­ni­schen Zusam­men­set­zung einer Gesell­schaft sind (Stri­j­bis 2018).

Daten und Metho­den
Für die vor­lie­gen­de Ana­ly­se wur­den Indi­vi­du­al­da­ten aus den ecua­do­ria­ni­schen Volks­zäh­lun­gen von 2001 und 2010 ver­wen­det. Denn erstaun­li­cher­wei­se sind für die bei­den Volks­zäh­lun­gen die Indi­vi­du­al­da­ten aller Ein­woh­ner Ecua­dors (in anony­mi­sier­ter Form) zugäng­lich. Um Ver­än­de­run­gen im Ant­wort­ver­hal­ten auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne ana­ly­sie­ren zu kön­nen, wur­de auf Basis von detail­lier­ter Infor­ma­ti­on über demo­gra­phi­sche Merk­ma­le ver­sucht, die Befrag­ten aus dem 2001 Zen­sus in der Volks­be­fra­gung neun Jah­re spä­ter wie­der zu iden­ti­fi­zie­ren. Dies ist für etwa 340’000 Per­so­nen gelun­gen. 

In mei­nen Ana­ly­sen bin ich zum Resul­tat gekom­men, dass etwa 23 Pro­zent der Bevöl­ke­rung zwi­schen den bei­den Volks­zäh­lun­gen die eth­ni­sche Iden­ti­tät gewech­selt hat. Aller­dings ist eine über­wie­gen­de Mehr­heit die­ser Ände­run­gen von oder zu einer Misch­lings­ka­te­go­rie gesche­hen (sie­he die Abbil­dung). Ände­run­gen in eth­ni­scher Iden­ti­tät zwi­schen den Kate­go­rien „indi­gen“, „schwarz“ und „weiss“ kamen jedoch nur sehr sel­ten vor.

Abbil­dung: Net­to Ver­än­de­run­gen in eth­ni­schen Iden­ti­tä­ten von etwa 340’000 Ecua­do­ria­ne­rIn­nen zwi­schen 2001 und 2010

Assimilierung als treibender Faktor

Die Ana­ly­se hat aus­ser­dem erge­ben, dass die­se Wech­sel  der eth­ni­schen Iden­ti­tä­ten wesent­lich bes­ser mit dem Fak­tor Assi­mi­lie­rung als mit sozia­ler Mobi­li­tät erklärt wer­den kön­nen. Im Fal­le Ecua­dors hat ins­be­son­de­re das Erler­nen des Spa­ni­schen oder einer Indi­ge­nen­spra­che einen star­ken Effekt auf die Iden­ti­tät. So änder­ten vie­le Per­so­nen, wel­che 2001 nur eine Indi­ge­nen­spra­che beherrsch­ten und bis 2010 spa­nisch lern­ten, ihre Selbst­ka­te­go­ri­sie­rung von „indi­gen“ zu „mes­ti­zo“ („Misch­ling“). Eben­falls – und dies spricht für die Rol­le sozia­ler Mobi­li­tät – kate­go­ri­sie­ren sich Per­so­nen, wel­che zwi­schen 2001 und 2010 ihr Bil­dungs­ni­veau ver­bes­ser­ten, in der Ten­denz auch 2010 noch als „weiss“, wäh­rend vie­le ande­re zu einer gemisch­ten Kate­go­rie wech­sel­ten.

Ins­ge­samt zeigt die Stu­die, dass eth­ni­sche Iden­ti­tä­ten weni­ger sta­tisch sind, als man mei­nen könn­te. Unter ande­rem ändern Indi­vi­du­en ihre eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit auf­grund einer Ver­än­de­rung ihrer kul­tu­rel­len Eigen­schaf­ten und ihrer Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit. Man soll­te die­se Fle­xi­bi­li­tät in den eth­ni­schen Kate­go­ri­sie­run­gen jedoch auch nicht über­schät­zen. Nur eine Min­der­heit der Bevöl­ke­rung ändert die eth­ni­sche Iden­ti­tät und dies typi­scher­wei­se auch nur in Bezug dar­auf, ob sie sich einer “rei­nen” oder einer Misch­ka­te­go­rie zuge­hö­rig fühlt.


Lite­ra­tur:

  • Love­man, Mara, and Jeroni­mo O Muniz. 2007. “How Puer­to Rico Beca­me White: Bounda­ry Dyna­mics and Inter­cen­sus Racial Reclas­si­fi­ca­ti­on.” Ame­ri­can Socio­lo­gi­cal Review 72 (6): 915–39. https://doi.org/10.1177/000312240707200604.
  • Schwart­z­man, Lui­sa Farah. 2007. “Does Money Whiten? Inter­ge­nera­tio­nal Chan­ges in Racial Clas­si­fi­ca­ti­on in Bra­zil.” Ame­ri­can Socio­lo­gi­cal Review 72 (6): 940–63.
  • Stri­j­bis, Oli­ver. 2018. “Assi­mi­la­ti­on or Social Mobi­li­ty? Exp­lai­ning Eth­nic Bounda­ry Cros­sing bet­ween the Ecua­do­ri­an 2001 and 2010 Cen­sus.” Eth­nic and Racial Stu­dies, online first. https://doi.org/10.1080/01419870.2018.1518535.

Bild: commons.wikimedia.com

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