Neue Väter brauchen neue Mütter!

Väter neh­men immer facet­ten­rei­che­re Rol­len inner­halb der Fami­lie ein. Damit dies gelingt, braucht es aber nicht nur eine Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en, son­dern auch eine Eman­zi­pa­ti­on der Müt­ter.

Am Mor­gen müs­sen sie früh weg, am Abend kom­men sie spät nach Hau­se. Sind sie end­lich da, wech­seln sie Win­deln, erzäh­len eine Gute­nacht­ge­schich­te oder hel­fen bei den Haus­auf­ga­ben zum Drei­satz­rech­nen. Tat­säch­lich hat sich bei den Vätern in den letz­ten Jah­ren Vie­les geän­dert. Sie inves­tie­ren deut­lich mehr Zeit in ihre Kin­der und tun dies mit über­wie­gend hohem Enga­ge­ment. Trotz­dem ist der Stan­dard­vor­wurf – oft aus weib­li­chem Mun­de – immer noch weit­ge­hend der­sel­be: Män­ner sind das fau­le Geschlecht. Sie klam­mern sich zu fest an den Beruf, tun zu wenig im Haus­halt, und wenn das Kind ein­mal krank ist, sind es die berufs­tä­ti­gen Müt­ter, wel­che zu Hau­se blei­ben müs­sen. Auch im Pri­va­ten sei­en Män­ner immer noch Prak­ti­kan­ten und Juni­or­part­ner der Part­ne­rin­nen.

Die Sta­tis­tik zeigt jedoch, dass ein Wan­del statt­ge­fun­den hat. Män­ner wen­den deut­lich mehr Zeit für die Fami­lie auf als jede Genera­ti­on zuvor. Trotz­dem sind nicht weni­ge über­zeugt, dass Vie­les bes­ser wäre, wenn die Väter zu Hau­se mehr Prä­senz mar­kie­ren wür­den. Sol­che Vor­stel­lun­gen sind jedoch trü­ge­risch und ein­sei­tig. Denn sie beru­hen auf der Annah­me, dass ein Mehr an zeit­li­cher Ver­füg­bar­keit auto­ma­tisch die Ent­wick­lung der Kin­der för­dert und die Part­ner­schaft glück­li­cher macht. Unse­re For­schungs­er­geb­nis­se der Väter-Stu­die Tar­zan, die 2016 ver­öf­fent­licht wur­den und deren Daten mei­nem Buch zugrun­de lie­gen, zei­gen ande­res: Es kommt weni­ger auf die Anzahl Stun­den an, son­dern mehr, mit wie viel Herz­blut der Vater in der Fami­lie mit­wirkt und wie die Qua­li­tät der Paar­be­zie­hung ist. Auch Voll­zeit arbei­ten­de Män­ner kön­nen eine enga­gier­te Vater­schaft prak­ti­zie­ren und ihre Kin­der posi­tiv beein­flus­sen. Dass eine höhe­re väter­li­che Prä­senz auto­ma­tisch bes­ser sei, ist somit in Zwei­fel zu zie­hen.

Wes­halb nimmt man dies nicht ver­stärkt zur Kennt­nis? Und war­um setzt man so sehr auf das Ste­reo­typ des all­zeit prä­sen­ten Vaters als qua­si ein­zi­gem Qua­li­täts­merk­mal? Mit Sicher­heit auch des­halb, weil sich die For­schung jah­re­lang aus­schließ­lich dar­auf ein­ge­schos­sen hat. So stellt eine Stu­die nach der ande­ren fast Iden­ti­sches fest: dass Müt­ter nach wie vor in der Für­sor­ge für die Kin­der und im Haus­halt mehr leis­ten, wes­halb es eine deut­li­che Asym­me­trie zu Las­ten der Frau­en gibt. Dies ist sta­tis­tisch zwar rich­tig, trotz­dem eine zu ein­sei­ti­ge Sicht­wei­se.

Problematik

Die­ser zu enge Fokus hat dazu geführt, dass beson­ders wich­ti­ge Aspek­te der Vater­schaft in der hie­si­gen Dis­kus­si­on aus­ge­blen­det wer­den. Ers­tens ist es der bis­her feh­len­de theo­re­ti­sche Fokus auf ein umfas­sen­de­res Väter­kon­zept, zwei­tens die Aus­blen­dung der Tat­sa­che, dass das Ver­ständ­nis von Vater­schaft immer mit dem Ver­ständ­nis von Mut­ter­schaft inter­agiert.

So posi­tio­niert sich die anglo-ame­ri­ka­ni­sche Väter­for­schung viel umfas­sen­der als die deutsch­spra­chi­ge Väter­for­schung, weil sie auch indi­rek­te Betreu­ungs­ar­bei­ten in den Fokus nimmt. Damit grenzt sie sich von der femi­nis­ti­schen Care-For­schung ab, wel­che Betreu­ungs­ar­bei­ten als Gegen­satz und nicht als Bestand­teil von Für­sor­ge­ar­beit ver­steht.

Als indi­rek­te Für­sor­ge­ar­bei­ten gel­ten bei­spiels­wei­se Ser­vice- und Instand­hal­tungs­tä­tig­kei­ten (Steu­er­erklä­rung aus­fül­len, Repa­ra­tu­ren vor­neh­men, Abfall ent­sor­gen, das Auto war­ten), Kon­troll- und Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen (z. B. Haus­auf­ga­ben oder Medi­en­kon­sum betreu­en und über­wa­chen), die Beschaf­fung von Gütern und Dienst­leis­tun­gen zur mate­ri­el­len Ver­sor­gung der Fami­lie (z.B. Über­stun­den machen, um eine Aus­stat­tung oder eine För­der­maß­nah­me des Nach­wuch­ses finan­zie­ren zu kön­nen), die Unter­stüt­zung der sozia­len Kon­tak­te mit ande­ren Kin­dern (z.B. die För­de­rung von Freund­schaf­ten) oder das väter­li­che Enga­ge­ment in der Schu­le oder in ande­ren Insti­tu­tio­nen zu Guns­ten der Kin­der.

Der zwei­te Punkt betrifft wich­ti­ge Fra­gen zum Väter­en­ga­ge­ment im Ver­gleich zum Mut­ter­en­ga­ge­ment, die sowohl in der gesell­schaft­li­chen Dis­kus­si­on als auch in For­schungs­stu­di­en kaum ange­spro­chen wer­den. Dazu gehö­ren etwa die Ein­flüs­se des aktu­el­len Ver­ständ­nis­ses von Mut­ter­schaft, wel­ches von der guten Mut­ter als inten­si­ve Mut­ter aus­geht (»inten­si­ve mothe­ring«) und sei­ne Ver­bin­dung mit dem väter­li­chen Enga­ge­ment (dass sich Müt­ter im Ver­gleich zu ihren Part­nern oft als die bes­se­ren und für­sorg­li­che­ren Erzie­hungs­per­son defi­nie­ren und ihre Part­ner des­halb als Zudie­ner ver­ste­hen) oder ob und wie Paa­re aus­han­deln, wel­ches Ver­ein­bar­keits­mo­dell sie wäh­len wol­len.

Neue Väter nicht ohne neue Mütter! Weshalb Familie nur gemeinsam gelingt

Um die gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be bei­der Geschlech­ter im Arbeits- und Fami­li­en­le­ben ver­wirk­li­chen zu kön­nen, brau­chen wir ein neu­es Eman­zi­pa­ti­ons­bünd­nis zwi­schen Frau­en und Män­nern, zwi­schen Müt­tern und Vätern. Män­ner soll­ten sich der Ver­än­de­rung von Männ­lich­keit stel­len, alte Macht­an­sprü­che auf­ge­ben und mehr Enga­ge­ment in der Fami­lie auch tat­säch­lich ver­wirk­li­chen wol­len. Frau­en wie­der­um sind zu ermu­ti­gen, dass sie sich die Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie nicht nur erstrei­ten müs­sen, son­dern auch auf die eige­nen Bedürf­nis­se hören dür­fen. Gleich­zei­tig soll­ten sie einen Bei­trag dazu leis­ten, dass sich ihre Part­ner nicht nur ins Fami­li­en­le­ben ein­pas­sen, son­dern sich auch eigen­stän­dig als Män­ner und Väter ent­wi­ckeln kön­nen. Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit heisst, dass Män­ner und Frau­en nicht Kopi­en des je ande­ren Geschlechts wer­den, son­dern in gegen­sei­ti­ger Bezo­gen­heit eine unab­hän­gi­ge Iden­ti­tät auf­bau­en.

Dies kann nur geleis­tet wer­den, wenn wir unse­ren Blick auf die Auf­ga­ben objek­ti­vie­ren, wel­che Väter in und neben der Fami­lie für die­se erbrin­gen und auch nach der Rol­le fra­gen, wel­che ihre Part­ne­rin­nen dabei spie­len. Bei­de Geschlech­ter sind von kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­chen betrof­fen, aus denen sie sich nur schwer befrei­en kön­nen. Des­halb müs­sen wir uns von den pro­ble­ma­ti­schen Sei­ten der gegen­wär­ti­gen Dis­kus­si­on befrei­en, wel­che unse­re Gleich­stel­lungs­po­li­tik prägt und Män­ner andau­ernd schul­dig spricht. Nur so kön­nen die ein­sei­ti­gen und mit zu gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit pos­tu­lier­ten Vor­stel­lun­gen des­sen gesprengt wer­den, was einen guten Vater (oder eine gute Mut­ter) aus­ma­chen soll. Man muss somit etwas genau­er hin­schau­en, um die damit ver­bun­de­nen pro­ble­ma­ti­schen Fol­gen für die Män­ner selbst, ihre Part­ne­rin­nen und die Gesell­schaft ins­ge­samt zu erken­nen.

Auf sol­chen Über­le­gun­gen basiert die The­se, wel­che ich in mei­nem Buch dis­ku­tie­re und in einen gesell­schaft­li­chen Gesamt­zu­sam­men­hang stel­le. Sie lau­tet:

Män­ner enga­gie­ren sich facet­ten­rei­cher in der Fami­lie als dies die Gesell­schaft wahr­neh­men will. Dazu brau­chen sie jedoch Part­ne­rin­nen, wel­che ihnen Hand bie­ten. Obwohl sich Frau­en in den letz­ten Jahr­zehn­ten enorm eman­zi­piert haben, gilt dies kaum für ihre Mut­ter­rol­le. Krie­gen sie Nach­wuchs, dann fal­len sie schnell ein­mal in alte Rol­len­mus­ter zurück und bean­spru­chen in der Fami­lie die allei­ni­ge Bestim­mungs­ho­heit. Dies bremst das väter­li­che Enga­ge­ment.

Die­se The­se bear­bei­te ich in vier Schwer­punk­ten: Sie fokus­sie­ren auf Väter und Müt­ter in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on (I), auf die Fra­ge, wer Väter sind und wel­che Rol­le die Part­ne­rin spielt (II); auf die Inhal­te der Tätig­kei­ten der Väter und wie sie ihre Part­ne­rin ent­las­ten (III), auf die Wir­kun­gen der Väter auf ihren Nach­wuchs und wie sie von Müt­tern beein­flusst wer­den (IV) sowie auf die Bilanz: Neue Väter brau­chen neue Müt­ter!


Das Buch “Neue Väter brau­chen neue Müt­ter – War­um Fami­lie nur gemein­sam gelingt” hat 301 Sei­ten und 28 Abbildungen/Tabellen. Es erscheint bei Piper am 1. August 2018 und kos­tet ca. 24 Euro.

Bild: rawpixel.com

Print Friendly, PDF & Email