Wirklich eine gute Idee? Das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien

Über Jah­re hin­weg haben kata­la­ni­sche Poli­ti­ker und die Zivil­ge­sell­schaft an einem Selbst­be­stim­mungs­re­fe­ren­dum gear­bei­tet. Die Durch­füh­rung und die dar­auf­fol­gen­de Reak­ti­on der spa­ni­schen Regie­rung haben für Kata­lo­ni­en einen Ver­lust an Selbst­re­gie­rung bedeu­tet und eine unüber­sicht­li­che poli­ti­sche Lage her­bei­ge­führt. War es wirk­lich eine gute Idee, das Refe­ren­dum abzu­hal­ten?

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Der Weg zum Unabhängigkeitsreferendum

Das Ver­hält­nis zwi­schen Spa­ni­en und Kata­lo­ni­en erleb­te seit einem Urteil des spa­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richts aus dem Jahr 2010, das meh­re­re Bestim­mun­gen des neu­en kata­la­ni­schen Auto­no­mie­sta­tuts ver­nich­tet hat, eine kon­ti­nu­ier­li­che Anspan­nung.

In einem Kon­text von brei­ten Pro­tes­ten in ganz Spa­ni­en gegen Wirt­schafts­kri­se, Spar­kurs und Kor­rup­ti­on und für mehr Bür­ger­be­tei­li­gung und direk­te Demo­kra­tie wur­den For­de­run­gen nach mehr Selbst­be­stim­mung in Kata­lo­ni­en immer lau­ter und stär­ker. Die­se For­de­run­gen kon­kre­ti­sier­ten sich in der Idee eines Refe­ren­dums über den poli­ti­schen Sta­tus Kata­lo­ni­ens. Die kata­la­ni­schen Par­tei­en und mit ihnen die Regie­rung und das Par­la­ment stie­gen ein und fin­gen bereits im Jahr 2013 an, an einem sol­chen Refe­ren­dum zu arbei­ten.

Die klas­si­schen kata­la­ni­schen Par­tei­en, die bis 2012 kei­ne inde­pen­den­tis­ti­schen Par­tei­en gewe­sen waren, wech­sel­ten in die­sen Jah­ren all­mäh­lich ihre Posi­ti­on und ver­scho­ben somit die Ach­se der kata­la­ni­schen Poli­tik von links-rechts zu Unab­hän­gig­keit: ja oder nein, wobei die sozia­le Fra­ge im Kon­text der Wirt­schafts­kri­se wei­ter­hin eine sehr wich­ti­ge Rol­le spiel­te.

Tat­säch­lich gelang es den Par­tei­en bereits im Novem­ber 2014, eine Kon­sul­ta­ti­on in Form einer Abstim­mung durch­zu­füh­ren. Die Bürger*innen soll­ten dabei ent­schei­den, ob Kata­lo­ni­en ein Staat, und ob die­ser Staat unab­hän­gig von Spa­ni­en wer­den soll­te. Bei einer Betei­li­gung von 2,3 Mil­lio­nen Men­schen stimm­ten 1,9 Mil­lio­nen zwei­mal mit „ja“ ab. Dies ver­stärk­te das inde­pen­den­tis­ti­schen Lager in sei­nen For­de­run­gen.

Eine vor­ge­zo­ge­ne Par­la­ments­wahl am 27.9.2015 resul­tier­te in einer abso­lu­ten Mehr­heit der inde­pen­den­tis­ti­schen Kräf­ten im Par­la­ment, die jedoch von nur 47,8% der Stim­men getra­gen wur­de. Da die Wahl von den inde­pen­den­tis­ti­schen Kräf­ten als ple­bis­zi­tär über die Unab­hän­gig­keit prä­sen­tiert wor­den war, sahen sie sich nun­mehr erst recht legi­ti­miert,  ihr Pro­jekt durch­zu­füh­ren. Die wich­tigs­ten inde­pen­den­tis­ti­schen Kräf­ten waren eine gemein­sa­me Lis­te aus der klas­si­schen kata­la­ni­schen christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei und der kata­la­ni­schen repu­bli­ka­ni­schen Lin­ke und eine klei­ne anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Par­tei, deren Sit­ze für die abso­lu­te Mehr­heit not­wen­dig waren.

In den zwei dar­auf­fol­gen­den Jah­ren kon­zen­trier­te sich das kata­la­ni­sche Par­la­ment auf das Refe­ren­dum. Immer wie­der wur­den sei­ne Beschlüs­se über ein Unab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum und einen ver­fas­sungs­ge­ben­den Pro­zess von der spa­ni­schen Regie­rung vor Ver­fas­sungs­ge­richt ange­foch­ten und von die­sem ver­nich­tet, da sie einen kla­ren Bruch mit den Grund­sät­zen der Ver­fas­sung Spa­ni­ens dar­stell­ten. Die kata­la­ni­schen For­de­run­gen sei­en in der spa­ni­schen Demo­kra­tie zwar ein legi­ti­mes poli­ti­sches Ziel, das ver­tre­ten und ver­folgt wer­den dür­fe. Dafür müs­se aber das vor­ge­se­he­ne Ver­fas­sungs­än­de­rungs­ver­fah­ren ein­ge­hal­ten wer­den, und dies hat­te das kata­la­ni­sche Par­la­ment mit sei­nem ein­sei­ti­gen Vor­ge­hen nicht vor.

Endakt mit Tragödie: das Referendum vom 1.10.2017

In Sep­tem­ber 2017 ver­ab­schie­de­te die inde­pen­den­tis­ti­sche Mehr­heit im kata­la­ni­schen Par­la­ment das Gesetz, das ein Selbst­be­stim­mungs­re­fe­ren­dum für den 1.10.2017 ange­setzt hat. Die Fra­ge lau­te­te: „Wol­len Sie, dass Kata­lo­ni­en ein unab­hän­gi­ger Staat in Form einer Repu­blik wird?“. Das Gesetz wur­de in einer sehr rau­en Sit­zung ver­ab­schie­det, in einer ein­zi­gen Lesung und mit kaum Mit­wir­kungs­mög­lich­kei­ten für die Oppo­si­ti­on.

Laut sei­nem Para­gra­phen 4 Abs. 4 soll­te das kata­la­ni­sche Par­la­ment zwei Tage nach Ver­kün­dung der offi­zi­el­len Ergeb­nis­se durch die eben­falls im Gesetz vor­ge­se­he­ne Son­der­wahl­be­hör­de zusam­men­tre­ten und sich vom Ergeb­nis unter­rich­ten las­sen. Bei mehr „Ja“ als „Nein“-Stimmen, ohne Quo­rum, wür­de das Par­la­ment die Unab­hän­gig­keit erklä­ren. Das Gesetz wur­de sofort vom spa­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt sus­pen­diert, sodass das Refe­ren­dum sei­ne Rechts­grund­la­ge ver­lor. Am 17.10.2017 wur­de es nach­träg­lich für ver­fas­sungs­wid­rig und nich­tig erklärt.

Die spa­ni­sche Regie­rung setz­te alles dar­an, das Refe­ren­dum zu ver­hin­dern. In den Wochen vor dem 1.10.2017 wur­den ver­schie­de­ne admi­nis­tra­ti­ve und poli­zei­li­che Mass­nah­men getrof­fen, deren Rechts­mä­ßig­keit teil­wei­se ange­zwei­felt wur­de. Die­se erwie­sen sich aber als unzu­läng­lich. Dra­ma­tisch wur­de es aber am Tag des Refe­ren­dums selbst, als meh­re­re unver­hält­nis­mäs­si­ge und poli­tisch sehr unge­schick­te poli­zei­li­che Ein­sät­ze zu 1.066 Ver­letz­ten nach Anga­ben der kata­la­ni­schen Gesund­heits­be­hör­de führ­ten. Die­se Ein­sät­ze sorg­ten zurecht für Empö­rung nicht nur in Spa­ni­en und Kata­lo­ni­en, son­dern auch im Aus­land. Sie zer­bra­chen zudem das weni­ge Por­zel­lan, das im spa­nisch-kata­la­ni­schen Ver­hält­nis noch unver­sehrt geblie­ben war.

Bei einer Betei­li­gung von knapp unter 2,3 Mil­lio­nen Men­schen stimm­ten 90,2% für die Unab­hän­gig­keit Kata­lo­ni­ens. Umge­rech­net also stimm­ten 43% der Wahl­be­rech­tig­ten über­haupt ab – 38% mit „ja“. Die gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Fol­gen tra­ten aller­dings nicht ein. Nach einem merk­wür­di­gen schrift­li­chen Hin-und-her zwi­schen der spa­ni­schen und der kata­la­ni­schen Regie­rung, der Wei­ge­rung des Dia­logs durch die spa­ni­sche Sei­te und eini­gen Ver­zer­run­gen und Unent­schlos­sen­heit auf kata­la­ni­scher Sei­te, erklär­te die inde­pen­den­tis­ti­sche Mehr­heit im kata­la­ni­schen Par­la­ment die Unab­hän­gig­keit am 27.10.2017.

Im unmit­tel­ba­ren Anschluss akti­vier­te die spa­ni­sche Regie­rung mit Zustim­mung des Senats den Arti­kel 155 der Ver­fas­sung und griff in die kata­la­ni­sche Selbst­re­gie­rung ein. Weni­ge Tage spä­ter wur­den füh­ren­de kata­la­ni­sche Poli­ti­ker und Anfüh­rer zivil­ge­sell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen in Unter­su­chungs­haft gebracht, die in eini­gen Fäl­len bis heu­te andau­ert. Der Minis­ter­prä­si­dent setz­te sich nach Bel­gi­en ab, wo er sich eben­falls bis heu­te auf­hält.

Und wer hat was gewonnen?

Das Unab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum in Kata­lo­ni­en hat zu der tiefs­ten Ver­fas­sungs­kri­se der spa­ni­schen Demo­kra­tie geführt. Dabei hat vor allem Kata­lo­ni­en ver­lo­ren. Nicht nur ist sei­ne Selbst­re­gie­rung stark ein­ge­schränkt. Sei­ne Gesell­schaft ist zudem tief­ge­spal­ten. Die Par­la­ments­wahl vom 21.12.2017 brach­te eine neue inde­pen­den­tis­ti­sche abso­lu­te Mehr­heit, stärks­te Kraft wur­de den­noch eine libe­ra­le Par­tei, die sich gegen die Unab­hän­gig­keit und gegen ein Refe­ren­dum dar­über posi­tio­niert, und die Akti­vie­rung des Arti­kels 155 unter­stützt hat.

Zu die­ser Spal­tung haben nicht zuletzt bestimm­te popu­lis­ti­sche Ele­men­te geführt. Zum einen die Idee, dass eine Mehr­heit im Par­la­ment den Wil­len des Volks wie­der­spie­gelt und zu jedem Bruch mit der demo­kra­ti­schen Ver­fas­sungs­ord­nung legi­ti­miert. Zum ande­ren die Aus­sicht, dass die sozia­len Pro­ble­me Kata­lo­ni­ens durch die Unab­hän­gig­keit sofort gelöst wür­den, zusam­men mit dem Ver­spre­chen, dass ein für unab­hän­gig erklär­tes Kata­lo­ni­en in der Euro­päi­schen Uni­on ver­blei­ben wür­de. Die­ses Ver­spre­chen wur­de trotz Wider­spruch durch die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on bis zum Ende auf­recht­erhal­ten.

Über die Stär­ke vom Inde­pen­den­tis­mus in Kata­lo­ni­en sind wir durch die­ses Refe­ren­dum nicht schlau­er gewor­den, denn die Ergeb­nis­se sind fast die­sel­ben wie im Novem­ber 2014. So viel wuss­te man also bereits. Die Kluft zwi­schen der spa­ni­schen und der kata­la­ni­schen poli­ti­schen Füh­rung ist so tief wie noch nie zuvor und Kata­lo­ni­en befin­det sich ein einem Dead­lock, in wel­chem es nicht zu gelin­gen ver­mag, einen neu­en Minis­ter­prä­si­den­ten durch das Par­la­ment wäh­len zu las­sen. Somit blei­ben die Mass­nah­men unter dem Arti­kel 155 wei­ter­hin in Kraft.

Die kata­la­ni­sche Unab­hän­gig­keit ist, wie das Ver­fas­sungs­ge­richt das mehr­fach betont hat, ein legi­ti­mes poli­ti­sches Pro­jekt. Es gibt in Kata­lo­ni­en eine brei­te Mehr­heit der Bürger*innen, die ger­ne dar­über abstim­men möch­ten. Den­noch darf eine ver­ant­wort­li­che poli­ti­sche Füh­rung die Bürger*innen nicht glau­ben las­sen, dass sie gegen das gel­ten­de Recht zur Urne geru­fen wer­den dür­fen. Die Fol­gen des Vor­ge­hens der kata­la­ni­schen Regie­rung und des kata­l­an­si­chen Par­la­ments haben nie­man­dem genutzt. Eine ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te poli­ti­sche Füh­rung auf der ande­ren Sei­te hät­te sie sich nicht über Jah­re dem Dia­log über eine legi­ti­me For­de­rung ver­schlos­sen und hät­te die Not­wen­dig­keit von Refor­men erkannt.

Fazit

Zur Lösung des Kon­flikts kommt man recht­lich nicht um ein Refe­ren­dum her­um, weil ein neu­er Sta­tus Kata­lo­ni­ens inner­halb oder aus­ser­halb Spa­ni­ens eine Ver­fas­sungs­än­de­rung bedeu­te­te, die zur Abstim­mung durch die Bevöl­ke­rung gestellt wer­den müss­te. Dann wären es zwei Refe­ren­da: ein­mal in ganz Spa­ni­en über die Ver­fas­sungs­än­de­rung, bei Erfolg im Anschluss in Kata­lo­ni­en über sei­nen Sta­tus.

Ob poli­tisch gese­hen ein Refe­ren­dum ein taug­li­ches Mit­tel ist, um die Fra­ge der Ver­hält­nis­se zwi­schen Kata­lo­ni­en und Spa­ni­en zu klä­ren, kann man dis­ku­tie­ren. Wie gesagt, wol­len die meis­ten Katalan*innen ein sol­ches. Der aktu­el­le Moment erscheint aber etwas zu auf­ge­heizt, um sol­che Fra­gen direkt­de­mo­kra­tisch ent­schei­den zu las­sen – denn es geht um viel. Es wäre also rat­sam, noch etwas Zeit ver­strei­chen und die Gesell­schaft noch­mals zusam­men­wach­sen zu las­sen und sich wäh­rend­des­sen um einen Dia­log zu bemü­hen. Das Refe­ren­dum vom 1.10.2017 hat die Aus­sich­ten auf ein recht­mäs­si­ges, gül­ti­ges und kon­sens­ba­sier­tes Refe­ren­dum also nur in die Fer­ne ver­scho­ben.


Bild: Wiki­me­dia Com­mons

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