Warum “No-Billag” die Schweiz verscherbelt

Die No-Bil­lag-Initi­an­ten wol­len nicht nur die öffent­lich-recht­li­che Medi­en­fi­nan­zie­rung abschaf­fen, son­dern auch die Insti­tu­ti­on SRG, die die natio­na­le Iden­ti­tät der Schweiz wie kei­ne ande­re prägt. Erstaun­lich ist im Abstim­mungs­kampf, dass die SVP des­we­gen nicht das Ende der Schweiz pro­kla­miert und dass Lin­ke wie Bür­ger­li­che ihr dies nicht anhaf­ten.

Im hef­tig geführ­ten Abstim­mungs­kampf um die No-Bil­lag-Initia­ti­ve hat die Stun­de der Buch­hal­ter geschla­gen. Die poli­ti­sche Schweiz dis­ku­tiert über das Für und Wider der SRG SSR und wie­viel die­se kos­ten darf. Zu Recht brin­gen die Geg­ner die Argu­men­te ins Spiel, dass eine unab­hän­gi­ge Medi­en­land­schaft für die Demo­kra­tie uner­läss­lich und ein star­kes öffent­lich-recht­li­ches Medi­en­haus für die Sprach­min­der­hei­ten ent­schei­dend ist.

Motiviert buchhalterische Kalkulation strategisches abstimmen?

Doch lässt sich die Mehr­heit der Stim­men­den tat­säch­lich von ein biss­chen abs­trak­ter Demo­kra­tie- und Viel­spra­chig­keits­ro­man­tik mit­reis­sen, wenn die­se jähr­lich mit 450 CHF (pro Haus­halt) zu Buche schla­gen? Respek­ti­ve 365 CHF, oder wie viel es gemäss dem zuletzt dis­ku­tier­ten SRG-Spar­sze­na­rio gera­de sein mögen. Die Rap­pen­spal­te­rei, von den Initi­an­ten wie von der zustän­di­gen Bun­des­rä­tin betrie­ben, sug­ge­riert, jede Ja-Stim­me wür­de den künf­ti­gen Bil­lag-Betrag um eini­ge Rap­pen redu­zie­ren, was einer Ein­la­dung zum stra­te­gi­schen Abstim­men gleich­kommt.

Doch bei der Abstim­mung geht es nicht um sol­che Rechen­spie­le, son­dern um ganz Grund­sätz­li­ches. Was nach einem all­fäl­li­gen Ja geschieht, weiss zwar nie­mand genau, klar ist hin­ge­gen: Alle bis­he­ri­gen Ver­su­che, in der Schweiz ein Pri­vat­fern­se­hen mit gesell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Inhal­ten gewinn­brin­gend zu betrei­ben, sind unter den bestehen­den Rah­men­be­din­gun­gen geschei­tert.

Nicht ein­mal eine Miss-Schweiz-Wahl scheint sich pro­fi­ta­bel rea­li­sie­ren las­sen. Doch auf­grund des Initia­tiv­texts soll’s der Markt rich­ten: “Der Bund ver­stei­gert regel­mäs­sig Kon­zes­sio­nen für Radio und Fern­se­hen”. Pro­gramm­auf­la­gen, wie sie heu­te bei der Kon­zes­si­ons­ver­ga­be bestehen, sind durch den vor­ge­schla­ge­nen neu­en Ver­fas­sungs­ar­ti­kel nicht mehr gedeckt.

Tessin fürchtet Mediaset

Genau so sicher ist auch, dass bei einer Umset­zung der Initia­ti­ve die stärks­ten Markt­teil­neh­mer im Vor­teil wären. Die heu­te erfolg­reichs­ten pri­va­ten Sen­der im Schwei­zer Fern­seh­markt sind aus­län­di­sche Pri­vat­fern­se­hen, vor­ab mit Unter­hal­tungs­for­ma­ten. Sie wären am ehes­ten in der Lage, die jewei­li­gen Sprach­ge­bie­te der Schweiz mit einem attrak­ti­ven Voll­pro­gramm zu ver­sor­gen, ergänzt um auf die Schweiz zuge­schnit­te­ne Pro­gramm­fens­ter.

Im Tes­sin wird die aktu­el­le Debat­te des­halb nicht nur über öffent­lich-recht­li­che Sen­der geführt, son­dern auch um Schwei­zer Sen­der ver­sus Ber­lus­co­nis Media­set. Doch droht die gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Kolo­nia­li­sie­rung durch Deutsch­land und Frank­reich nicht genau­so in der Deutsch­schweiz und in der Roman­die? Ein Schwei­zer Pro­gramm­fens­ter, etwa eine Nach­rich­ten­sen­dung, das die Voll­pro­gram­me von RTL, Pro7 oder Sat1 ergänzt, dürf­te viel kos­ten­güns­ti­ger zu pro­du­zie­ren sein als ein Deutsch­schwei­zer Pri­vat­fern­se­hen. Sie könn­ten die künf­ti­ge Fern­seh­land­schaft der Schweiz prä­gen. Die Schweiz stimmt dar­um auch ein wenig über ihre eige­ne Abschaf­fung ab.

Miss Schweiz oder Germany’s Next Top-Model?

Die natio­na­le Kon­trol­le über den Rund­funk hat in einer glo­ba­li­sier­ten Wirt­schaft einen ande­ren Stel­len­wert als ande­re Güter wie bei­spiels­wei­se der Mobil­funk oder eine Flug­ge­sell­schaft. Schu­len und Medi­en kommt bei der Bil­dung von Natio­nal­staa­ten eine tra­gen­de Rol­le zu: Sie ver­dich­ten Tra­di­tio­nen und kul­tu­rel­le Mani­fes­ta­tio­nen zur natio­na­len Kul­tur, sie ermög­li­chen den gesell­schaft­li­chen Dis­kurs und dadurch erst die Ori­en­tie­rung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger an einer gemein­sa­men Iden­ti­tät.

Ent­spre­chend sind Medi­en für die Schaf­fung einer natio­na­len Iden­ti­tät unver­zicht­bar, ob staat­lich gelenkt, im frei­en Wett­be­werb oder in einem öffent­lich-recht­li­chen Rah­men spielt weni­ger eine Rol­le, als dass sie einen Raum bie­ten für die ‚natio­na­le’ Debat­te. Kein Wun­der also rich­te­te sich in jüngs­ter Zeit das Augen­merk der Poli­tik über­all dort, wo um die vor­herr­schen­de natio­na­le Iden­ti­tät gekämpft wird, auf die Medi­en, sei es in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, Flan­dern oder Kata­lo­ni­en.

Es gibt denn auch kaum moder­ne Demo­kra­ti­en, wel­che die Hoheit über das Fern­seh­an­ge­bot dem Aus­land über­las­sen. Eine Aus­nah­me bil­det Est­land, wo bis 2015 das est­ni­sche Fern­se­hen nur auf Est­nisch sen­de­te und damit den rus­sisch­spra­chi­gen Bevöl­ke­rungs­teil den Sen­dern aus dem benach­bar­ten Russ­land über­liess (sie­he Info­box). Doch ein sol­cher Feh­ler lässt sich nicht in zwei Jah­ren behe­ben, denn die Bil­dung einer natio­na­len Iden­ti­tät ist ein Genera­tio­nen­pro­jekt.

Der Rund­funk prägt die natio­na­le Iden­ti­tät in einem viel grös­se­ren Mass als dass dies die Debat­te um Demo­kra­tie und Medi­en­qua­li­tät im lau­fen­den Abstim­mungs­kampf um die No-Bil­lag-Vor­la­ge sug­ge­rie­ren mag. Das Fern­se­hen ist der Lands­ge­mein­de­platz der Moder­ne. Es schafft die Iden­ti­tät, bewahrt die Tra­di­tio­nen und erneu­ert das Selbst­bild der Schweiz, das vom Sams­tags-Jass bis zur Ber­ner Reit­schu­le reicht. Es macht den Schwei­zer Sport popu­lär und rollt der Cer­ve­lat-Pro­mi­nenz den roten Tep­pich aus. Das Fern­se­hen ver­mit­telt Geschich­te, Wirt­schaft und Poli­tik mit Facet­ten und Wor­ten, die der Iden­ti­tät eines Klein­staats und eines föde­ra­len Lan­des mit direk­ter Demo­kra­tie Rech­nung tra­gen.

Gewiss, die Schwei­zer Iden­ti­tät ist den No-Bil­lag-Initi­an­ten kein Dorn im Auge. Sie ist ihnen schlicht egal. Jede Spra­che, Kul­tur und Iden­ti­tät, die kei­nen Gewinn erwirt­schaf­tet, soll ihrer Ansicht nach durch den frei­en Markt besei­tigt wer­den. Sprich: Mit der No-Bil­lag-Initia­ti­ve stimmt die Schweiz auch über den kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Anschluss an Deutsch­land, Frank­reich und Ita­li­en ab.

Wer steu­ert die est­ni­sche Iden­ti­tät: Tal­linn oder Mos­kau?
Die Sprach- und Medi­en­po­li­tik des unab­hän­gi­gen Est­lands ori­en­tier­te sich an der Stär­kung der est­ni­schen Spra­che. Es wur­de 1991 als ein­zi­ge Lan­des­spra­che bestimmt, das Fern­se­hen sen­de­te auf Est­nisch. Die rus­sisch­spra­chi­gen Esten, etwa ein Drit­tel der Lan­des­be­völ­ke­rung, wand­ten sich dem rus­si­schen Fern­se­hen zu. Est­land ver­pass­te dadurch die Gele­gen­heit, sei­ne rus­sisch­spra­chi­gen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sowie alle Nicht-Bür­ger in den natio­na­len Dis­kurs ein­zu­bin­den. Heu­te, eine Genera­ti­on nach der Unab­hän­gig­keit, ist immer noch von einer gesell­schaft­li­chen Spal­tung die Rede. Der rus­sisch­spra­chi­ge Bevöl­ke­rungs­teil lebt teil­wei­se in einer rus­sisch gepräg­ten Rea­li­tät, die im Kon­text des Ukrai­ne­krie­ges auch ihr poli­ti­sches Gesicht zeig­te. Als 2014 die Air Malay­sia-Maschi­ne über Luhansk abge­schos­sen wur­de, mach­te die est­ni­sche Mehr­heits­be­völ­ke­rung dafür die rus­si­sche Regie­rung und ihre irre­gu­lä­re Armee ver­ant­wort­lich. Für die aller­meis­ten rus­sisch­spra­chi­gen Esten hat, gemäss Mei­nungs­um­fra­gen, jedoch die ukrai­ni­sche Regie­rung den Abschuss zu ver­ant­wor­ten. Kurz dar­auf folg­te die gros­se Wen­de in der est­ni­schen Medi­en- und Sprach­po­li­tik: seit 2015 sen­det das öffent­lich-recht­li­che Fern­se­hen auch auf einem eige­nen rus­sisch­spra­chi­gen Fern­seh­ka­nal und erreicht dadurch auch die Sprach­min­der­heit.

Refe­ren­zen:

  • Jõe­saar, A., 2015. One Coun­try, Two Pola­ri­sed Audi­en­ces: Esto­nia and the Defi­ci­en­cy of the Audio­vi­su­al Media Ser­vices Direc­tive. Media and Com­mu­ni­ca­ti­on 3(4), 45–51.
  • Sny­der, J., Bal­len­ti­ne, K., 1996. Natio­na­lism and the Mar­ket­place of Ide­as. Inter­na­tio­nal Secu­ri­ty 21(2), 5–40.
  • Sny­der, J., 2000. From Voting to Vio­lence: Demo­cra­ti­sa­ti­on and Natio­na­list Con­flict. Nor­ton, Lon­don.

Bild (eige­ne Bear­bei­tung): Die Unter­neh­men der Gold­bach Group ver­mark­ten und ver­mit­teln Wer­bung in pri­va­ten elek­tro­ni­schen Medi­en, bei­spiels­wei­se für die Wer­be­fens­ter der in der Schweiz gesen­de­ten Pro­gram­me deut­scher Pri­vat­sen­der.

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