Energiegesetz: Klares Bekenntnis zu Atomausstieg und Umweltschutz

Das Ja zum Ener­gie­ge­setz kann als kla­res Bekennt­nis zu Atom­aus­stieg und Umwelt­schutz gewer­tet wer­den. Bei den Befür­wor­ten­den waren die Ableh­nung der Atom­ener­gie und umwelt­po­li­ti­sche Grün­de aus­schlag­ge­bend für den Stimm­ent­scheid. Für die Nein-Stim­men­den waren Kos­ten und Beden­ken zur Ver­sor­gungs­si­cher­heit die häu­figs­ten Ableh­nungs­grün­de. Der SVP als Refe­ren­dums­füh­re­rin gelang es zu wenig, ihre Anhän­ger­schaft für das The­ma zu begeis­tern. Dies zeigt die aktu­el­le VOTO-Stu­die zur eid­ge­nös­si­schen Volks­ab­stim­mung vom 21. Mai 2017.

VOTO

Zwei­fel an der Atom­ener­gie und die Sor­ge um die Umwelt führ­ten am 21. Mai 2017 zu einem Ja zum Ener­gie­ge­setz. Seit dem Reak­tor­un­fall im japa­ni­schen Fuku­shi­ma stösst die Atom­ener­gie in der Schweiz auf brei­te Ableh­nung (Bon­fa­del­li und Kris­ti­an­sen 2012).

So zeigt auch die Nach­be­fra­gung zum Ener­gie­ge­setz, dass sich drei von vier Stimm­be­rech­tig­ten eine Schweiz ohne Atom­ener­gie wün­schen. Für das Schwei­zer Stimm­volk spielt aber nicht nur die Wünsch­bar­keit, son­dern auch die Mach­bar­keit des Atom­aus­stiegs eine wich­ti­ge Rol­le im Abstimmungsverhalten.

War die Atom­aus­stiegs­in­itia­ti­ve im Novem­ber 2016 haupt­säch­lich am vor­ge­ge­be­nen Zeit­plan geschei­tert, zeig­ten sich nun 78 Pro­zent der Abstim­mungs­teil­neh­me­rin­nen und ‑teil­neh­mer von der Mach­bar­keit des Aus­stiegs in dem von der Ener­gie­stra­te­gie 2050 ange­peil­ten Zeit­rah­men über­zeugt. Die­se Per­so­nen unter­stütz­ten denn auch das revi­dier­te Ener­gie­ge­setz mit einer Zweidrittelmehrheit.

Die Abstim­mungs­vor­la­ge
An der Abstim­mung vom 21. Mai 2017 hat­te das Schwei­zer Stimm­volk über das revi­dier­te Ener­gie­ge­setz zu befin­den. Die­ses ers­te Mass­nah­men­pa­ket zur Umset­zung der Ener­gie­stra­te­gie 2050 wur­de vom Stimm­volk mit einem Ja-Anteil von 58.2% gutgeheissen.
Begründung für den Stimmentscheid

38 Pro­zent der Ja-Stim­men­den bezeich­ne­ten ihren Wunsch zum Atom­aus­stieg sowie diver­se Zwei­fel an der Atom­ener­gie (z.B. Sicher­heits­be­den­ken, Atom­müll) als Haupt­grund für ihre Zustim­mung zum Ener­gie­ge­setz. Für ein wei­te­res Drit­tel der Befür­wor­ten­den stan­den umwelt­po­li­ti­sche Über­le­gun­gen im Vor­der­grund, dar­un­ter bei­spiels­wei­se die För­de­rung erneu­er­ba­rer Energien.

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Dage­gen spiel­ten die Stei­ge­rung der Ener­gie­ef­fi­zi­enz und das Ener­gie­spa­ren, zwei Kern­ele­men­te der Vor­la­ge, für die Ja-Stim­men­den nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Ledig­lich drei Pro­zent erwähn­ten die­se Moti­ve spon­tan als Haupt­grund für ihren Stimm­ent­scheid. Auch das Argu­ment, wonach das Ener­gie­ge­setz gut für die Wirt­schaft sei und neue Arbeits­plät­ze im Bereich der erneu­er­ba­ren Ener­gien schaf­fe, moti­vier­te nur weni­ge Befür­wor­te­rin­nen und Befür­wor­ter zu ihrem Ja-Ent­scheid. Die erneu­er­ba­ren Ener­gien waren zwar für vie­le Ja-Stim­men­den aus­schlag­ge­bend, dies aber ver­mut­lich eher aus umwelt­po­li­ti­schen als aus wirt­schaft­li­chen Gründen.

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Unter den Geg­ne­rin­nen und Geg­nern des Ener­gie­ge­set­zes domi­nier­te die Angst vor Mehr­kos­ten und Ver­sor­gungs­eng­päs­sen. 27 Pro­zent gaben nega­ti­ve finan­zi­el­le und wirt­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen als Haupt­grund ihrer Ableh­nung an. Gut ein Fünf­tel ver­warf das Ener­gie­ge­setz haupt­säch­lich auf­grund von Beden­ken bezüg­lich der Versorgungssicherheit.

Wei­te­re zen­tra­le Argu­men­te des Refe­ren­dums­ko­mi­tees wur­den von den Nein-Stim­men­den wesent­lich sel­te­ner auf­ge­nom­men. So begrün­de­ten nur gera­de sechs Pro­zent ihren Ent­scheid spon­tan damit, dass das Ener­gie­ge­setz zu mehr Büro­kra­tie oder zu einer Bevor­mun­dung der Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten durch den Staat füh­re. Argu­men­te, wonach die Atom­ener­gie sicher genug sei oder die Land­schaft durch Wind­rä­der ver­schan­delt wer­de, wur­den noch sel­te­ner, näm­lich von fünf bzw. drei Pro­zent, als Haupt­grund der Nein-Stim­me genannt.

Im All­ge­mei­nen haben Kon­se­quen­zen für Arbeits­plät­ze und die Wirt­schaft für die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer der Abstim­mung eine gerin­ge Rol­le gespielt, obwohl dies­be­züg­li­che Aspek­te in der Abstim­mungs­kam­pa­gne von bei­den Lagern betont wurden.

SVP kann ihre Anhängerschaft zu wenig für das Thema begeistern

Die Stim­men­den haben dem Ener­gie­ge­setz ins­ge­samt eine rela­tiv hohe Bedeu­tung für sie per­sön­lich bei­gemes­sen. Am wich­tigs­ten war die Vor­la­ge für die Anhän­ger­schaf­ten des links-grü­nen Lagers, wel­che auch am wenigs­ten Mühe bei der Mei­nungs­bil­dung bekun­de­ten. Mit einem Durch­schnitts­wert von 8.6 Punk­ten auf einer Ska­la von 0 („über­haupt nicht wich­tig“) bis 10 („sehr wich­tig“) war die Abstim­mungs­vor­la­ge für Sym­pa­thi­sie­ren­de der Grü­nen Par­tei am wichtigsten.

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Anhän­ge­rin­nen und Anhän­ger des rech­ten Lagers war die Abstim­mung dage­gen weni­ger wich­tig. Aus­ge­rech­net die Anhän­ger­schaft der SVP – der Urhe­be­rin des Refe­ren­dums – sprach dem Ener­gie­ge­setz die ver­gleichs­wei­se gerings­te per­sön­li­che Bedeu­tung zu (7.2).

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SVP-Sym­pa­thi­san­tin­nen und –Sym­pa­thi­san­ten emp­fan­den die Abstim­mung nicht nur als weni­ger wich­tig, sie nah­men im Ver­gleich zu ande­ren Par­tei­an­hän­ger­schaf­ten auch am wenigs­ten dar­an teil. So wie­sen ers­te­re eine Par­ti­zi­pa­ti­ons­ra­te von 38 Pro­zent auf, wäh­rend die Stimm­be­tei­li­gung unter Per­so­nen, die gegen­über der FDP oder der SP Sym­pa­thien äus­sern, mit 50 bzw. 58 Pro­zent über­durch­schnitt­lich hoch war.

Die SVP hat­te folg­lich Mühe, ihre eige­ne Anhän­ger­schaft für das Abstim­mungs­the­ma zu begeis­tern und an die Urnen zu bewe­gen. Aller­dings bekun­de­te auch die CVP gewis­ser­mas­sen Mobi­li­sie­rungs­pro­ble­me für die Vor­la­ge „ihrer“ Bun­des­rä­tin. Mit 43 Pro­zent wie­sen die CVP-Sym­pa­thi­san­tin­nen und –Sym­pa­thi­san­ten näm­lich eine ledig­lich durch­schnitt­li­che Stimm­be­tei­li­gung aus.

Grosse Uneinigkeit unter FDP-Sympathisierenden

Das links-grü­ne Lager stimm­te bei­na­he geschlos­sen für das Ener­gie­ge­setz, wäh­rend die Ableh­nung der SVP-Gefolg­schaft eben­so deut­lich war. Die FDP-Sym­pa­thi­san­tin­nen und ‑Sym­pa­thi­san­ten waren in etwa zwei gleich gros­se Lager gespal­ten, was die gros­se Unei­nig­keit in der FDP bezüg­lich die­ser Abstim­mung tref­fend wider­gibt. So waren im Abstim­mungs­kampf neun Kan­to­nal­sek­tio­nen von der Ja-Paro­le der Mut­ter­par­tei abge­wi­chen und emp­fah­len die Vor­la­ge zur Ableh­nung, wäh­rend eine Stimm­frei­ga­be beschloss und drei wei­te­re kei­ne Paro­le her­aus­ga­ben. Der gröss­te Wirt­schafts­ver­band, die eco­no­mie­su­is­se, fass­te auf­grund von Diver­gen­zen zwi­schen sei­nen Mit­glie­der­ver­bän­den kei­ne Parole.

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Im Ver­gleich zur Atom­aus­stiegs­in­itia­ti­ve, wel­che von der FDP-Anhän­ger­schaft noch deut­lich abge­lehnt wur­de, stieg der Ja-Anteil für das Ener­gie­ge­setz aller­dings stark an (von 18% auf 47%). Ein ähn­li­ches Mus­ter ist in den Anhän­ger­schaf­ten der CVP und klei­ne­rer Par­tei­en sowie bei den Par­tei­un­ab­hän­gi­gen zu beob­ach­ten. Auch in die­sen drei Grup­pen nahm der Ja-Anteil gegen­über der Abstim­mung zur Atom­aus­stiegs­in­itia­ti­ve stark zu. 63 Pro­zent der Per­so­nen, die sich der CVP nahe füh­len, haben sich für das Ener­gie­ge­setz aus­ge­spro­chen. Dem­ge­gen­über hat­te die Atom­aus­stiegs­in­itia­ti­ve von CVP-Sym­pa­thi­sie­ren­den nur 39 Pro­zent Zuspruch erhal­ten. Die­se gros­sen Ver­schie­bun­gen tru­gen letzt­lich mass­geb­lich zum Erfolg des Ener­gie­ge­set­zes an der Urne bei.

Die VOTO-Stu­di­en
Die VOTO-Stu­di­en sind ein gemein­sa­mes Pro­jekt vom Schwei­zer Kom­pe­tenz­zen­trum Sozi­al­wis­sen­schaf­ten (FORS), dem Zen­trum für Demo­kra­tie Aar­au (ZDA) und dem Befra­gungs­in­sti­tut LINK. Finan­ziert wird VOTO von der Schwei­ze­ri­schen Bun­des­kanz­lei. VOTO wird seit Herbst 2016 anstel­le der VOX-Ana­ly­sen vom Bund in Auf­trag gegeben.

Für die­se Stu­die wur­den zwi­schen dem 23.5. und dem 7.6.2017 1‘518 Stimm­be­rech­tig­te per Tele­fon­in­ter­view befragt. 769 Inter­views wur­den in der Deutsch­schweiz, 425 in der Roman­die und 324 in der ita­lie­nisch­spra­chi­gen Schweiz geführt. Alle Befrag­ten wur­den zufäl­lig aus dem Stich­pro­ben­re­gis­ter des Bun­des­am­tes für Sta­tis­tik aus­ge­wählt. Die Befra­gung dau­er­te im Durch­schnitt 19,6 Minuten.

Die Fra­ge­for­mu­lie­run­gen, die Erhe­bun­gen sowie die Daten­ana­ly­se lie­gen in der allei­ni­gen Ver­ant­wor­tung von VOTO und sie fol­gen aus­schliess­lich wis­sen­schaft­li­chen Kri­te­ri­en. Befra­gun­gen unter­lie­gen einem Stich­pro­ben­feh­ler. Die­ser vari­iert in Abhän­gig­keit von der Anzahl und Ver­tei­lung der Befragten.


Refe­ren­zen

  • Anke Tresch, Flo­rence Lebert, Lau­ra Scaper­rot­ta und Lukas Laue­ner (2017). VOTO-Stu­die zur eid­ge­nös­si­schen Volks­ab­stim­mung vom 21. Mai 2017. FORS, ZDA, LINK: Lausanne/Aarau/Luzern.
  • Bon­fa­del­li Heinz und Sil­ja Kris­ti­an­sen (2012). Mei­nungs­kli­ma und Infor­ma­ti­ons­ver­hal­ten im Kon­text von Atom­ener­gie und ENSI. Zwi­schen­be­richt zuhan­den des Eid­ge­nös­si­schen Nukle­ar­si­cher­heits­in­spek­to­rats. Zürich: Insti­tut für Publi­zis­tik­wis­sen­schaft und Medienforschung.

Bild: Wiki­com­mons

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