Die rechtspopulistische Wählerschaft ist unzufrieden mit der Demokratie

Die Wäh­ler­schaft von recht­spop­ulis­tis­chen Parteien in Europa weist eine tief­ere Demokratiezufrieden­heit auf als die Wäh­ler­schaft ander­er Parteien. Nur in Ungarn sind recht­spop­ulis­tis­che Wäh­lerin­nen und Wäh­ler deut­lich zufrieden­er mit dem Funk­tion­ieren der Demokratie als die übrige Wäh­ler­schaft. Dies geht aus mein­er Bach­e­lo­rar­beit her­vor, in welch­er ich die poli­tis­che Zufrieden­heit der recht­spop­ulis­tis­chen Wäh­ler­schaften in zwölf europäis­chen Län­dern unter­sucht habe.

Fast über­all in Europa kon­nten recht­spop­ulis­tis­che Parteien während der let­zten Jahrzehnte stark an Wäh­ler­stim­men gewin­nen. Par­al­lel zum Auf­stieg recht­spop­ulis­tis­ch­er Parteien war auch eine kon­tinuier­liche Abnahme der poli­tis­chen Zufrieden­heit der Bürg­erin­nen und Bürg­er in Europa beobacht­bar (Kaase & New­ton 1995, New­ton 2007). Es liegt nahe, dass diese bei­den Entwick­lun­gen in einem direk­ten Zusam­men­hang ste­hen: Neben Frem­den­feindlichkeit und Euroskep­tizis­mus ist poli­tis­che Unzufrieden­heit eines der Kern­merk­male der recht­spop­ulis­tis­chen Wäh­ler­schaft (Tag­gart 1998; Oesch 2008).

Politische Unzufriedenheit als Auslöser, rechtspopulistischen Parteien zu wählen

Recht­spop­ulis­mus basiert auf ein­er grund­sät­zlich neg­a­tiv­en Bew­er­tung oder sog­ar Ablehnung der aktuellen Poli­tik und ihren Akteuren. Die recht­spop­ulis­tis­che Kri­tik richtet sich gegen eine als vom Volk entrückt dif­famierte poli­tis­che Elite, gegen die etablierten Parteien sowie gegen den all­ge­meinen poli­tis­chen sta­tus quo (Deck­er 2006). Stu­di­en bele­gen, dass sich in der Wahl von recht­spop­ulis­tis­chen oder anderen sys­tem­feindlichen Parteien eine grund­sät­zliche poli­tis­che Unzufrieden­heit aus­drückt (z.B. Betz 1994, Bélanger und Aarts 2006). Poli­tis­che Unzufrieden­heit wird damit zu einem der wichtig­sten Bes­tim­mungs­fak­toren, um die Wahl ein­er recht­spop­ulis­tis­chen Partei zu erk­lären.

Vergleich Wählerschaft rechtspopulistischer vs.  anderer Parteien

Doch ist die Wäh­ler­schaft recht­spop­ulis­tis­ch­er Parteien tat­säch­lich unzufrieden­er mit der Demokratie in ihrem Land als Wäh­lerin­nen und Wäh­ler ander­er Parteien? In mein­er Bach­e­lo­rar­beit unter­suchte ich mit den Dat­en des Euro­pean Social Sur­veys die rel­a­tive Demokratiezufrieden­heit der Wäh­ler­schaft recht­spop­ulis­tis­ch­er Parteien in zwölf europäis­chen Län­dern.

Den Erwartun­gen entsprechend weist die Wäh­ler­schaft recht­spop­ulis­tis­ch­er Parteien in elf der zwölf unter­sucht­en Län­der tat­säch­lich eine (meis­tens sig­nifikante) tief­ere Demokratiezufrieden­heit auf als die Wäh­ler­schaft ander­er Parteien (siehe Abbil­dung 1). 

Abbildung 1:

Graph 1

Die Balken geben die durchschnittlichen Demokratiezufriedenheitswerte der Wählerschaft rechtspopulistischer Parteien (gelb) sowie der Wählerschaft aller anderen Parteien (violett) an. Je höher der Wert auf einer Skala von 0 bis 10, desto zufriedener sind die Befragten mit dem Funktionieren der Demokratie.

Wie aus der Abbil­dung her­vorge­ht, sind die recht­spop­ulis­tis­chen Wäh­lerin­nen und Wäh­ler in Bel­gien deut­lich unzufrieden­er als die Wäh­ler­schaft ander­er Parteien. Auch in Nor­we­gen, Däne­mark, Frankre­ich, Finn­land und den Nieder­lan­den fällt die Bew­er­tung der aktuellen Demokratie von recht­spop­ulis­tis­chen Wäh­lerin­nen und Wäh­lern schlechter aus als jene der übri­gen Wäh­ler­schaft. In Schwe­den und Polen sind die Unter­schiede zwar klein­er, jedoch trotz­dem beträchtlich. In drei von den elf Län­dern – Tschechien, Ital­ien und der Schweiz – gibt es keine sta­tis­tisch sig­nifikan­ten Unter­schiede.

Ungarn als Ausreisser

Einzig in Ungarn sind recht­spop­ulis­tis­che Wäh­lerin­nen und Wäh­ler deut­lich zufrieden­er mit der Demokratie als andere Wäh­ler. Eine mögliche Erk­lärung dafür wäre die Tat­sache, dass recht­spop­ulis­tis­che Parteien in Ungarn enorme wahlpoli­tis­che Erfolge erzie­len kon­nten und eine recht­spop­ulis­tis­che Partei bere­its seit mehreren Jahren an der Macht ist.

Bei den let­zten Wahlen im Jahre 2014 kon­nte in Ungarn die Regierungspartei Fidesz fast die Hälfte der Stim­men abholen. 2010 erlangte sie mit 52,7 Prozent der Wäh­ler­stim­men sog­ar eine absolute Mehrheit. Wenn man die kleineren Parteien Job­bik und MIÉP, die bei­de zwis­chen Recht­sex­trem­is­mus und Recht­spop­ulis­mus schwanken, auch dazu zählt, kon­nte die pop­ulis­tis­che Rechte zusam­men sog­ar fast 70 Prozent der Wäh­ler­stim­men vere­inen.

Auch bezüglich ander­er unter­suchter Vari­ablen präsen­tiert sich Ungarn als Aus­nah­me­fall. Das Geschlecht, das Einkom­men oder der Bil­dungs­stand der Wäh­ler­schaft hat­ten in Ungarn über­raschen­der­weise und im Gegen­satz zu den meis­ten anderen Unter­suchungslän­dern keinen sig­nifikan­ten Ein­fluss auf die Zufrieden­heit mit der Demokratie. Neben der Partei­wahl hat­ten nur das Alter und die ökonomis­che Zufrieden­heit einen sig­nifikant pos­i­tiv­en Ein­fluss auf die Demokratiezufrieden­heit der ungarischen Befragten.

INFOBOX: Mes­sung Demokratiezufrieden­heit
Die Mes­sung der Demokratiezufrieden­heit erfol­gte anhand der Vari­able Sat­is­fac­tion with Democ­ra­cy des Euro­pean Social Sur­vey Daten­satzes. Sat­is­fac­tion with Democ­ra­cy ist ein Indika­tor, der in der Demokratieforschung weitver­bre­it­et ist. Er bezieht sich nicht auf die Unter­stützung der Demokratie als poli­tis­ches Sys­tem, son­dern auf die demokratis­che Per­for­manz (Linde und Ekmann 2003). Die Demokratiezufrieden­heit wird im Euro­pean Social Sur­vey wie fol­gt erfragt: And on the whole, how sat­is­fied are you with the way democ­ra­cy works in [coun­try]? Die Befragten kon­nten auf ein­er Skala von 0 bis 10 antworten, wobei 0 ‚extrem unzufrieden’ und 10 ‚extrem zufrieden’ bedeutet.
Was beeinflusst die Unterschiede?

Ich habe eben­falls unter­sucht, was genau den Unter­schied in der Demokratiezufrieden­heit der Wäh­ler­schaft recht­spop­ulis­tis­ch­er Parteien und den Wäh­ler­schaften ander­er Parteien bee­in­flusst. Macht­teilende Insti­tu­tio­nen wie beispiel­sweise ein pro­por­tionales Wahlsys­tem, Föder­al­is­mus und direk­te Demokratie kon­nten den Unter­schied aber ent­ge­gen der ursprünglichen Ver­mu­tung nicht erk­lären.

Vielmehr stellte sich her­aus, dass die elek­torale Stärke recht­spop­ulis­tis­ch­er Parteien in einem Land einen Ein­fluss hat. Das bedeutet, je gröss­er der prozen­tuale Stim­mengewinn der recht­spop­ulis­tis­chen Parteien bei den let­zten Wahlen, desto klein­er ist der Unter­schied zwis­chen der Demokratiezufrieden­heit der recht­spop­ulis­tis­chen Wäh­ler­schaft und der übri­gen Wäh­ler­schaft.

Die Ergeb­nisse mein­er Arbeit bestäti­gen eine weit ver­bre­it­ete Ver­mu­tung: recht­spop­ulis­tis­che Wäh­lerin­nen und Wäh­ler weisen eine tief­ere Demokratiezufrieden­heit auf als Wäh­lerin­nen und Wäh­ler nicht recht­spop­ulis­tis­ch­er Parteien.


Lit­er­atur:

  • Bélanger, E., & Aarts, K. (2006): Explain­ing the rise of the LPF: Issues, dis­con­tent, and the 2002 Dutch elec­tion. Acta polit­i­ca, 41(1), 4–20.

  • Betz, H. G. (1994): Rad­i­cal Right-Wing Pop­ulism in West­ern Europe. Bas­ingstoke: Macmil­lan.

  • Deck­er, F. (2006): Pop­ulis­mus. Gefahr für die Demokratie oder nüt­zlich­es Kor­rek­tiv?. Wies­baden: VS Ver­lag für Sozial­wis­senschaften.

  • Kaase, M., & New­ton, K. (1995): Beliefs in gov­ern­ment. Vol­ume 5. Oxford: Oxford Uni­ver­si­ty Press.

  • Linde, J., & Ekman, J. (2003): Sat­is­fac­tion with democ­ra­cy: A note on a fre­quent­ly used indi­ca­tor in com­par­a­tive pol­i­tics. Euro­pean Jour­nal of Polit­i­cal Research, 42(3), 391- 408.

  • New­ton, K. (2007): Social and Polit­i­cal Trust. In: Dal­ton, R. & Klinge­mann, H. D. (Hrsg.): Oxford Hand­book of Polit­i­cal Behav­ior. Oxford: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 342–361.

  • Oesch, D. (2008): Explain­ing Work­ers’ Sup­port for Right-Wing Pop­ulist Par­ties in West­ern Europe: Evi­dence from Aus­tria, Bel­gium, France, Nor­way, and Switzer­land. Inter­na­tion­al Polit­i­cal Sci­ence Review, 29(3), 349–373.

  • Tag­gart, P. (1998): A Touch­stone of Dis­sent. Euroscep­ti­cism in Con­tem­po­rary West­ern Euro­pean Par­ty Sys­tems. Euro­pean Jour­nal of Polit­i­cal Research, 33, 363–388.

Grafik und Lek­torat: Pas­cal Burkhard

Titel­bild: Marine Le Pen, Parteivor­sitzende der recht­spop­ulis­tis­chen Partei Front Nation­al, am 1. Mai 2012 in Paris. Quelle: Flickr

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