Die SVP -
die Männerpartei?

Unter­stützen nur Män­ner die SVP? Meine Analyse zeigt, dass die geschlechtsspez­i­fis­chen Unter­schiede sowohl bei Wahlen als auch bei Abstim­mungen über SVP-Ini­tia­tiv­en und Ref­er­en­den in die gle­iche Rich­tung gehen. Frauen unter­stützen die SVP zwar nicht über­haupt nicht, aber in einem gerin­geren Aus­mass wie die Män­ner. Ins­ge­samt ist die SVP als Partei attrak­tiv­er für Män­ner als für Frauen.

aps_banner

Unter­schiede im Wahlver­hal­ten zwis­chen Frauen und Män­nern beschäfti­gen die Wis­senschaft schon lange. War es in den 1950er Jahren noch die Frage, warum Frauen in Europa kon­ser­v­a­tiv­er wählten als die Män­ner, kehrten sich die Ver­hält­nisse in den 1980er Jahren in den meis­ten Län­dern. Frauen unter­stützen heute in der Ten­denz linke Parteien stärk­er als Män­ner. Der gen­der gap im Wahlver­hal­ten, d. h. die Unter­schiede zwis­chen Män­nern und Frauen, hat also seine Rich­tung geän­dert.

Mit den Auf­stieg von recht­spop­ulis­tis­chen Parteien zeigte sich allerd­ings noch ein ander­er Aspekt des Phänomens: Diese Parteien wiesen einen mas­siv höheren Anteil an Män­nern unter ihren Unter­stützern auf, für Frauen waren und sind diese Parteien anscheinend weniger attrak­tiv. Dies ist ver­mut­lich auf ihr ultra­kon­ser­v­a­tives und anti-fem­i­nis­tis­ches Pro­gramm zurück­zuführen oder auch auf die Tat­sache, dass sie fast nur männliche Aktivis­ten und Poli­tik­er haben.

Gilt das auch für die Schweiz­er SVP? Ich möchte die These von einem gen­der gap in der Unter­stützung für die SVP in zweier­lei Hin­sicht über­prüfen: Zum einen im Abstim­mungsver­hal­ten, genauer in der Unter­stützung für Ini­tia­tiv­en, die von der SVP ini­ti­iert wor­den sind, und zweit­ens im Wahlver­hal­ten, spez­i­fis­ch­er bei den Nation­al­ratswahlen.

Graphik 1 zeigt die unter­schiedliche Unter­stützung von Frauen und Män­nern für Ini­tia­tiv­en und Ref­er­en­den, die die SVP in den let­zten zehn Jahren organ­isiert hat.[1]

Graphik 1

Lesehilfe: Positive Werte bedeuten, dass Männer die SVP-Position (“Ja” im Falle der Initiativen und “Nein” im Falle der beiden Refenden) mehr unterstützten als Frauen. Negative Werte bedeuten umgekehrt, dass Frauen die SVP-Position mehr unterstützten als Männer.

Pos­i­tive Werte bedeuten, dass die Ini­tia­tive stärk­er von Män­nern unter­stützt wurde, neg­a­tive Werte sind so zu lesen, dass Frauen diese Ini­tia­tive zu einem grösseren Prozentsatz angenom­men haben.

Zwischentitel: Männer unterstützen Vorlagen der SVP stärker als Frauen

Es zeigt sich, dass Män­ner Ini­tia­tiv­en und Ref­er­en­den der SVP stärk­er unter­stützen als Frauen. Diese Unter­schiede kön­nen zum Teil recht bedeu­tend aus­fall­en, z.B. bei der Ein­bürgerungsini­tia­tive 2008 (15.3 Prozent Unter­schied) oder bei der Frage zur Volk­swahl des Bun­desrats im Jahr 2013 (15.8 Prozent Unter­schied), während sie bei den let­zten drei Vor­la­gen (Massenein­wan­derungsini­tia­tive, Durch­set­zungsini­tia­tive und Asylge­setz Ref­er­en­dum) eher klein (zwis­chen 1 und 3 Prozent) und nicht sys­tem­a­tisch aus­fie­len.

Geht man diesen Unter­schieden auf den Grund, zeigt sich, dass es dafür keine ein­heitliche Erk­lärung gibt. Sind die Unter­schiede zwis­chen Män­nern und Frauen sig­nifikant, kön­nen bei zwei Vor­la­gen (Auss­chaf­fungsini­tia­tive und Volk­swahl Bun­desrat) wed­er sozio-demographis­che Unter­schiede noch Ein­stel­lung­sun­ter­schiede für den gen­der gap ver­ant­wortlich gemacht wer­den.

Es sind also wed­er geschlechtsspez­i­fis­che Unter­schiede in der Beruf­sstruk­tur oder der Bil­dung noch unter­schiedliche Ein­stel­lun­gen bezüglich der Rolle der Schweiz, die die unter­schiedlich hohe Zus­tim­mung erk­lären kön­nen. Einzig bei der Auss­chaf­fungsini­tia­tive erk­lärt das höhere Regierungsver­trauen der Frauen den Geschlecht­sun­ter­schied.

Über solche Indi­vid­ualerk­lärungsan­sätze hin­aus kann natür­lich auch das The­ma oder der Ver­lauf der Kam­pagne der jew­eili­gen Vor­lage entschei­dend sein – etwas, das wir auf­grund der begren­zten Anzahl an Ini­tia­tiv­en, die wir hier genauer unter­sucht haben, nicht genauer ergrün­den kön­nen. Allerd­ings lässt sich sagen, dass auch bei den Kern­the­men der SVP wie der Immi­gra­tions- und Asylpoli­tik keine grosse Dif­feren­zen zwis­chen den Geschlechtern beste­hen (z. B. MEI).

Span­nend wäre es zum Beispiel auch sich genauer anzuschauen warum der „gen­der gap“ bei der Auss­chaf­fungsini­tia­tive höher aus­ge­fall­en ist als bei der Durch­set­zungsini­tia­tive, behan­deln doch bei­de Vor­la­gen das iden­tis­che The­ma.

Ins­ge­samt kön­nen wir die kurze Unter­suchung des Abstim­mungsver­hal­tens bei SVP-Ini­tia­tiv­en wie fol­gt zusam­men­fassen: Es existieren geschlechtsspez­i­fis­che Unter­schiede in der Unter­stützung. Diese sind unter­schiedlich stark aus­geprägt und sind nur in eini­gen Fällen bedeu­tend (gröss­er als einige Prozent­punk­te und sta­tis­tisch sig­nifikant). Die gängi­gen Erk­lärungsan­sätze (sozio-demographis­che oder Ein­stel­lung­sun­ter­schiede) tau­gen nicht viel, um diesen gen­der gap zu erk­lären.

Männer wählen häufiger SVP als Frauen

Wen­den wir uns nun in einem zweit­en Schritt dem Wahlver­hal­ten zu. Find­en wir hier die aus anderen Europäis­chen Län­dern bekan­nten Unter­schiede in der Unter­stützung ein­er recht­spop­ulis­tis­chen Partei?

Graphik 2 zeigt die Unter­schiede in der Wahl der SVP nach Geschlecht. Pos­i­tive Werte bedeuten, dass Män­ner die SVP in einem stärk­eren Aus­mass unter­stützen als Frauen, neg­a­tive Werte das Gegen­teil.

Inter­es­sant zu sehen ist die zeitliche Entwick­lung der Unter­schiede: Die Unter­schiede stiegen in den 1990er Jahren stark an, was mit dem Auf­stieg der SVP und ihrem Wan­del zur recht­spop­ulis­tis­chen Partei zusam­men­fällt. Seit 1995 ist der Unter­schied im Durch­schnitt gröss­er als fünf Prozent, d.h. dass beispiel­sweise im Jahr 1999 der Wäh­ler­an­teil der SVP unter den Män­nern 26.2 Prozent betrug, während nur 18.4 Prozent der Frauen SVP wählten. Die let­zten Zahlen aus dem Jahr 2015 entsprechen dabei ziem­lich genau den durch­schnit­tlichen fünf Prozent Unter­schied: 31.9 Prozent der Män­ner und 26.6 Prozent der Frauen unter­stützten bei den Nation­al­ratswahlen die Schweiz­erische Volkspartei.

Graphik 2

Lesehilfe: Positive Werte bedeuten, dass der SVP-Wähleranteil unter den Männern höher lag als unter den Frauen. Negative Werte bedeuten umgekehrt, dass der SVP-Wähleranteil unter den Frauen höher lag als unter den Männern.

Was erk­lärt diese Unter­schiede in der Unter­stützung? Regres­sion­s­analy­sen lassen den Schluss zu, dass vor allem die etwas link­eren und pro­gres­siv­eren Ein­stel­lun­gen der Frauen sind, die sie die SVP weniger unter­stützen lassen. Rech­net man diese Ein­stel­lung­sun­ter­schiede raus, ver­schwindet auch der „gen­der gap“ in den aller­meis­ten Fällen[2].

Ein Image-Problem der SVP?

Die par­al­lele Analyse von Abstim­mungen und Nation­al­ratswahlen ermöglicht einen inter­es­san­ten Ver­gle­ich von poli­tis­chem Ver­hal­ten in Wahlen und direk­t­demokratis­chen Abstim­mungen. Dabei zeigt sich, dass der gen­der gap in der Unter­stützung der SVP bei Wahlen gröss­er und kon­sis­ten­ter ist als bei SVP-ini­ti­ierten Ini­tia­tiv­en. Bei den Abstim­mungen sind die Unter­schiede viel volatil­er, dabei jedoch zum Teil recht mas­siv (gröss­er als zehn Prozent) oder auch prak­tisch nicht-exis­tent.

Es gibt mein­er Mei­n­ung nach drei mögliche Erk­lärun­gen für dieses Phänomen. Zum einen kann es an der Mobil­isierung liegen, d. h. dass bei Abstim­mungen kon­ser­v­a­ti­vere Frauen eher teil­nehmen als an Wahlen oder anders aus­ge­drückt, dass die SVP ihr Poten­tial bei hau­seige­nen Abstim­mungen bess­er mobil­isiert als bei Wahlen. Ein Indiz für diese Erk­lärung ist, dass die Zus­tim­mungsrat­en bei SVP-Ini­tia­tiv­en zum Teil weit über ihrem Wäh­ler­an­teil liegen.

Eine mögliche zweite Erk­lärung fokussiert auf das poli­tis­che Per­son­al der SVP. Es kann dur­chaus sein, dass die meist männlichen Kan­di­dat­en der SVP Frauen weniger ansprechen als Män­ner und sie deshalb der Partei die Unter­stützung teil­weise ver­weigern oder eben ganz zu Hause bleiben. Um diese Erk­lärung zu erhärten wären weit­ere Analy­sen zur geschlechter­spez­i­fis­chen Unter­stützung der SVP bei Lis­ten mit unter­schiedlichen Frauenan­teilen nötig.

Schliesslich kann es aber auch ein­fach sein, dass das Image der SVP bei Wahlen deut­lich­er raussticht und die Frauen die Partei deshalb weniger wählen. Bei Abstim­mungen ste­hen Sachthe­men im Vorder­grund. Dafür sind die Frauen dur­chaus empfänglich, während bei Wahlen neben den konkreten Kan­di­dieren­den eben auch die Partei und die dazuge­höri­gen Assozi­a­tio­nen im Vorder­grund ste­hen.

Abschliessend soll jedoch nochmals betont wer­den, dass ich für keine der drei Erk­lärungsan­sätze starke empirische Grund­la­gen habe, sie sind deshalb vor allem Speku­la­tion. Erst weit­ere Forschung und neue Dat­en wer­den uns mehr dazu sagen kön­nen.


Anmerkun­gen

[1] Was die Graphik nicht zeigt, sind die Niveaus der Unter­stützung oder in anderen Worten die generelle Zus­tim­mung oder Ablehnung der Vor­lage, da diese für die Unter­suchung nicht zen­tral sind.

[2] Eine Aus­nahme bildet die Wahl 2003, für die wed­er links-rechts noch spez­i­fis­che Ein­stel­lun­gen den „gen­der gap“ zu erk­lären ver­mö­gen.

Graphiken: Sal­im Brügge­mann

Titel­bild: Schweiz­erische Volkspartei

Print Friendly, PDF & Email