Wie Emotionen in der Politik Sinn stiften und die Partizipation fördern

Die Schweiz­er Poli­tik ist beson­ders inten­siv auf Par­tizipa­tion und kon­struk­tive Dialoge angewiesen. Der Medi­en­wan­del bietet hier­für ger­ade dank ein­fach­er emo­tionaler und per­sön­lich­er Ansprache eine Chance. Emo­tions­be­wirtschaf­tung auf Social Media dient dabei als Katalysator und fördert den Kon­sum etabliert­er Medi­en­marken zur ver­tieften Infor­ma­tions­beschaf­fung.

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Medi­en helfen, die Teil­nahme an Abstim­mungen zu erhöhen. Seit den Neun­ziger­jahren steigt im Mit­tel die Teil­nahme bei Abstim­mungen und Wahlen, obwohl mit der Indi­vid­u­al­isierung Wählen und Stim­men immer weniger als all­ge­me­ingültige Bürg­erpflicht wahrgenom­men wird.

Die meis­ten Stimm­berechtigten und beson­ders die Jun­gen entschei­den heute dabei selek­tiv, ob sie stim­men oder wählen wollen. Die nationale Poli­tik ist lauter und polar­isiert­er gewor­den und sie wird massen­medi­al gerne auch so dargestellt. Das Fernse­hen spielte hier­für eine Schlüs­sel­rolle. Der Umbruch der Medi­en und Kam­pag­nen im Rah­men der Dig­i­tal­isierung wird zwar kri­tisch disku­tiert, bietet aber erneut eine Chance, mehr Per­so­n­en für die Par­tizipa­tion zu begeis­tern.

Politische Information muss greifbarer werden

Das poli­tis­che Sys­tem der Schweiz ist nicht nur wegen der weg­weisenden Abstim­mungsentschei­dun­gen auf inten­sive Par­tizipa­tion angewiesen. Die stark föderale und dezen­trale Struk­tur und das ver­wurzelte Milizprinzip sowie die zahlre­ichen Kon­flik­tlin­ien erfordern Mitbes­tim­mung und –gestal­tung in zahlre­ichen Gremien. Hier krankt unser Sys­tem laut Gemein­de­mon­i­tor­ing des kpm schon heute, denn es gelingt immer weniger, genü­gend Per­so­n­en für poli­tis­che Man­date zu find­en.

Die Gen­er­a­tion der Mil­lenials ist gemäss CS-Jugend­barom­e­ter wenig von insti­tu­tion­al­isiert­er Poli­tik begeis­tert. Wenn nicht sys­tem­a­tisch ver­sucht wird, Junge für die poli­tis­che Par­tizipa­tion zu gewin­nen, steigt par­al­lel zu den Prob­le­men mit dem Milizsys­tem die Gefahr von Gen­er­a­tio­nenkon­flik­ten.

Basierend auf den Arbeit­en von Claude Der­mont warnt Avenir Suisse ein­dringlich vor ein­er Geron­tokratie: Weil die Stimm­beteili­gung vom Alter abhängt und die Stimm­berechtigten im Mit­tel altern, ver­stärkt sich die Gefahr, dass Ältere Jün­gere sys­tem­a­tisch über­stim­men. Der mit­tlere Stim­mende wird in der Schweiz bald sechzig Jahre alt sein.

Um Inter­esse, Par­tizipa­tion und damit auch das poli­tis­che Sys­tem langfristig zu stärken, muss die Zugänglichkeit der Poli­tik für Junge erhöht wer­den. Hier­für ist ein­er­seits die poli­tis­che Bil­dung gefordert, die das Wis­sen bess­er ver­mit­teln soll.

Ander­er­seits kön­nen Kam­pag­nen und Infor­ma­tio­nen, die ausser­halb der Schulen ver­mit­telt wer­den, einen wichti­gen Beitrag der Par­tizipa­tion­ssteigerung leis­ten. Sehr viele Jugendliche wären beson­ders an nationalen Abstim­mungen inter­essiert, der Zugang fehlt aber, weil Ken­nt­nisse fehlen, die Infor­ma­tion­ssuche zu schwierig-, oder die Sprache schlicht zu kom­pliziert ist.

Über­forderung ist also eher das Prob­lem als das grund­sät­zliche Inter­esse. Die grosse Chance ein­er direk­ten Demokratie ist, dass man die Bürg­erin­nen und Bürg­er über The­men direkt ansprechen und für die (selek­tive) Teil­nahme motivieren kann. Auch das senkt die sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Hür­den.

Kampagnenführung in der Schweiz im digitalen Umbruch

Ein Ele­ment zur Steigerung der durch­schnit­tlichen Teil­nahme seit den Neun­ziger­jahren war die emo­tionalere und per­son­al­isierte Ver­mit­tlung über Massen­me­di­en und spez­i­fisch über das Fernse­hen. Den Medi­en­wan­del kann man weit­er zur Steigerung der Par­tizipa­tion nutzen. Mit den Möglichkeit­en der Online-Medi­en und von Social Media ist die medi­ale Ver­mit­tlung von Emo­tio­nen heute ein­fach­er und in der Auf­bere­itung und Ver­mit­tlung sog­ar deut­lich preiswert­er gewor­den. Die Rel­e­vanz von Online-Medi­en und Online-Kam­pag­nen steigen in der Schweiz drama­tisch. Im Ver­lauf der Debat­te zur Durch­set­zungsini­tia­tive, die schliesslich zur höch­sten Mobil­isierung seit der EWR-Abstim­mung von 1992 führte, wurde der Öffentlichkeit die Bedeu­tung der Online-Mobil­isierung defin­i­tiv vorge­führt.

Mobile Kom­mu­nika­tion und Social Media beschle­u­ni­gen die Infor­ma­tionsver­mit­tlung und machen sie über­raschen­der und unvorherse­hbar­er. Die per­sön­liche Ansprache ermöglicht direk­te, emo­tionale Appelle. Diese Dig­i­tal­isierung wird Kam­pag­nen in der Schweiz stärk­er verän­dern als das Fernse­hen, denn poli­tis­che Wer­bung am Fernse­hen ist ver­boten.

Ein SVP-Wahlvideo erre­icht zwis­chen­zeitlich über Youtube ein Mil­lio­nen­pub­likum, Face­book wird in grossem Mass für poli­tis­che Wer­bung genutzt, Twit­ter wird erfol­gre­ich als schnell­stes Mit­tel für Medi­en­ar­beit und Spin-Doc­tor­ing genutzt, über Crowd­found­ing wur­den mehrmals grosse Mit­tel für Inser­ate oder Plakate gesam­melt und über eine Online-Plat­tform kon­nten bere­its über 30’000 Unter­schriften für die Ini­tia­tive zur Ein­führung des Vater­schaft­surlaubs gesam­melt wer­den.

Neue Formen der Integration, aber auch mehr negative Emotionen

Neben Chaos, Nicht­lin­ear­ität und Desin­te­gra­tion führt die heutige Medi­en­si­t­u­a­tion zu über­raschen­den Mustern von Inte­gra­tion, wie das Andrew Chad­wick 2013 the­o­retisch aufzeigte und uns die Kam­pagne gegen die Durch­set­zungsini­tia­tive 2016 prak­tisch vor­führte. Kurzfristig bün­del­ten unter­schiedliche poli­tis­che Nein-Akteure gegen dieses Ini­tia­tive min­destens online ihre Aktiv­itäten und erfuhren unmit­tel­bar starken Rück­halt aus der Bevölkerung.

Auch neg­a­tive Fol­gen des Medi­en­bruchs sind ernst zu nehmen. Neg­a­tive Cam­paign­ing zielt immer mehr auf Schwächen von Per­so­n­en statt auf Fak­ten, dig­i­taler Pop­ulis­mus sug­geriert wie beispiel­sweise im Migra­tions­bere­ich ein­fache Lösun­gen für kom­plizierte Prob­leme oder mit dig­i­tal­en Feuer­stür­men (“Shit­storm”) wer­den ganze Organ­i­sa­tio­nen von Wut­bürg­ern bedro­ht oder dif­famiert.

Effek­tiv ist beispiel­sweise die Wut die am meis­ten ver­bre­it­ete Emo­tion auf Social Media und die Diskus­sion um dig­i­tal­en Pop­ulis­mus sieht die Stärkung pop­ulis­tis­ch­er Parteien in Wes­teu­ropa auch online gespiegelt.

Der konstruktive Beitrag der Emotionen ist theoretisch untermauert

Emo­tio­nen haben einen schlecht­en Ruf. Die poli­tik- und medi­en­wis­senschaftlichen Diskus­sion in der Schweiz ist von den nor­ma­tiv­en Forderun­gen von Jür­gen Haber­mas und seinen Ansprüchen an Argu­mente und den Aus­tausch von Argu­menten geprägt. Mit der Vorstel­lung eines herrschafts­freien Diskurs­es sper­rte Haber­mas mit der Herrschaft auch gle­ich Emo­tio­nen aus.

Allerd­ings stellen the­o­retis­che Konzepte auch pos­i­tive Leseweisen von Social Medi­al zur Ver­fü­gung. Social Media unter­stützen neue For­men des Protests, weil sie die offene Ver­net­zung und Zusam­me­nar­beit erle­ichtern. Diese Bot­tom-up-Phänomene befördern sit­u­a­tive Beteili­gung und poli­tis­che Inno­va­tion.

Noch hil­fre­ich­er erscheinen Konzepte aus der Psy­cholo­gie, die Emo­tio­nen eine hohe Bedeu­tung für gute Entschei­dun­gen zuschreiben. Ger­ade neg­a­tive Emo­tio­nen haben einen starken Effekt und fördern je nach­dem aufgek­lärte Entschei­dun­gen. Neg­a­tive Emo­tio­nen lenken beson­ders stark die Aufmerk­samkeit, denn beispiel­sweise Angst macht auf ein Prob­lem aufmerk­sam.

Das kann kurzfristige Reak­tio­nen zur Emo­tion­ss­teuerung aus­lösen und ober­fläch­liche Entschei­dun­gen zur Folge haben, wie uns der Fluchtre­flex in der Natur aufzeigt. Neg­a­tive Emo­tio­nen kön­nen aber par­al­lel dazu eine ver­tiefte Auseinan­der­set­zung fördern. Angst zeigt eben auch, dass ein Prob­lem vorhan­den ist und führt zu ein­er inten­siv­eren Auseinan­der­set­zung mit den hin­ter­liegen­den Ursachen.

Diese duale psy­chol­o­gis­che Logik wurde erfol­gre­ich auf die empirische Kom­mu­nika­tions­forschung über­tra­gen. Das Zwei-Prozess Mod­ell des Unter­hal­tungser­lebens pos­tuliert, dass poli­tis­che Infor­ma­tion in einem Unter­hal­tungskon­text nicht nur der puren unmit­tel­baren Unter­hal­tung und sit­u­a­tiv­en Emo­tions­be­wirtschaf­tung dient, son­dern par­al­lel dazu auch eudai­monis­ches (“sinnhaftes”) Unter­hal­tungser­leben fördert.

Konkret: Um den tief­er­en Sinn der poli­tis­chen Satire oder Unter­hal­tung zu ver­ste­hen, suchen Men­schen ver­tiefende Kon­tex­tin­for­ma­tion. So fördert unter­hal­tende Infor­ma­tion zu Zuwen­dung zu tra­di­tionellen Hard News. Poli­tis­che Satire genau­so wie neg­a­tive Emo­tio­nen gegenüber der Poli­tik kön­nen somit langfristig Sinn stiften und einen pos­i­tiv­en Effekt auf die poli­tis­che Par­tizipa­tion haben.

Wenn Emotionen mobilisieren, werden Fakten nicht ausgeblendet

Emo­tio­nen lenken unsere Aufmerk­samkeit und kön­nen mobil­isieren, die Mobil­i­sa­tion fördert aber nicht unaufgek­lärte Entschei­dun­gen. Das gilt spez­i­fisch für Abstim­mungen in der Schweiz und lässt sich empirisch nach­weisen. Simon Lanz und Alessan­dro Nai zeigen in ihrer Arbeit auf, dass eher eher die Inten­sität der Kam­pag­nen und der Typ der Vor­lage für eine aufgek­lärte Entschei­dung wichtig sind.

Ein eigen­er, ähn­lich­er Test zeigte für eine Auswahl an Vor­la­gen mit beson­ders hoher und beson­ders tiefer Teil­nahme, dass in der Regel über 80 Prozent der Stim­menden kon­gru­ent zu ihrer Argu­menten­po­si­tio­nen stim­men. Bei der Volksini­tia­tive gegen Massenein­wan­derung – eine Vor­lage mit beson­ders stark­er pop­ulis­tis­ch­er Aufladung und Mobil­isierung, wie auch die SRG-Trend-Stu­di­en aufzeigen — war der Wert der kon­gru­ent Stim­menden beson­ders hoch.

Das bestätigt die Resul­tate von Thomas Mil­ic aus dem Jahr 2015. Tiefer fällt dieser Wert argu­mente­basiert­er Stim­men eher bei schwach prädisponierten Vor­la­gen aus, wie dies beispiel­sweise die Spezial­fi­nanzierung des Luftverkehrs war. Bei aus­gewählten Vor­la­gen mit beson­ders tiefen Beteili­gungsrat­en sind die Anteile, die kon­gru­ent zu ihrer Argu­menten­po­si­tion stim­men, unge­fähr im Mit­tel und nicht etwa erhöht.

Wer sinnhafte politische Informationen sucht, wendet sich etablierten Medienmarken zu

Emo­tions­be­wirtschaf­tung steigert die Wahrnehmung der Bedeu­tung ein­er Vor­lage und damit die Wahrschein­lichkeit der Teil­nahme als Zuwen­dung zur Poli­tik. Für die poli­tis­che Infor­ma­tions­beschaf­fung im Rah­men der Mei­n­ungs­bil­dung wer­den dann aber selb­st von Jugendlichen sehr gerne etablierte Medi­en­marken gewählt, wie die nach­fol­gende Grafik aus dem CS-Jugend­barom­e­ter zeigt.

Wenn also die gefühlte Dis­tanz zwis­chen Jugend und Poli­tik dank Emo­tio­nen und Social Media ver­ringert wird, so liefert dieses Rank­ing einen Hin­weis, dass diese Emo­tio­nen einen eudai­monis­chen Prozess befördern: Einen auf Sinnsuche aus­gelegten Prozess der Infor­ma­tions­beschaf­fung auf etablierten Medi­enkanälen. Emo­tionale Abstim­mungskämpfe kön­nen einen sin­nvollen Beitrag zur Steigerung der Par­tizipa­tion leis­ten.


Ref­eren­zen:

  • Clau Der­mont 2016, Tak­ing Turns at the Bal­lot Box: Selec­tive Par­tic­i­pa­tion as a New Per­spec­tive on Low Turnout. Swiss Polit­i­cal Sci­ence Review. 22 (2), 213–231.
  • Simon Lanz und Alessan­dro Nai 2015: “Vote as you Think: Deter­mi­nants of Con­sis­tent Deci­sion Mak­ing in Direct Democ­ra­cy”, Swiss Polit­i­cal Sci­ence Review, 21 (1), 119–139.
  • Bri­an D. Loader & Dan Mer­cea 2011: Net­work­ing Democ­ra­cy?: Social media inno­va­tions and par­tic­i­pa­to­ry pol­i­tics. In: Jour­nal Infor­ma­tion, Com­mu­ni­ca­tion & Soci­ety, 14 (6), 757–769.
  • Thomas Mil­ic 2015. For They Knew What They Did. What Swiss Vot­ers Did (Not) Know About The Mass Immi­gra­tion Ini­tia­tive. Swiss Polit­i­cal Sci­ence Review 21 (1): 48–62.
  • Andrew Chatwik 2013. The Hybrid Media Sys­tem: Poli­tik and Pow­er. Oford: Oxford Uni­ver­si­ty Press
  • VOX-Analy­sen eid­genös­sis­ch­er Urnengänge in Zusam­me­nar­beit mit den poli­tik­wis­senschaftlichen Insti­tuten der Uni­ver­sitäten Bern, Genf und Zürich. Durcheführt von gfs.bern.
  • Anne Bartsch, & Frank M. Schnei­der 2014. Enter­tain­ment and pol­i­tics revis­it­ed: How non-escapist forms of enter­tain­ment can stim­u­late polit­i­cal inter­est and infor­ma­tion seek­ing. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­tion, 64(3), 369–396.

Titel­bild: Stree­tart, aufgenom­men von Ayana T. Miller (CC-BY-ND)

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