Sag mir, was Du liest und ich sag Dir, wie Du stimmst

In fün­fzig Jahren Année Poli­tique Suisse hat sich die Poli­tik stark verän­dert, entschei­den­der aber noch die medi­ale Kom­mu­nika­tion über sie. Tageszeitun­gen als Stützpfeil­er demokratis­ch­er Öffentlichkeit wer­den in regelmäs­si­gen Abstän­den tot­ge­sagt, das Lesev­er­hal­ten der Bevölkerung – sofern über­haupt noch vorhan­den – ist im Zeital­ter von Face­book und Twit­ter radikalen Verän­derun­gen unter­wor­fen. Der medi­ale Wan­del, der ober­fläch­lich betra­chtet Ver­net­zung und Vielfalt bringt, führt unter der Hand zu Iso­la­tion und Ein­seit­igkeit. Der fol­gende Beitrag zeich­net die groben Lin­ien diese Entwick­lun­gen nach und skizziert die demokratis­chen Her­aus­forderun­gen für die gegen­wär­tige Gesellschaft.

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Die „ser­iöse Presse als Rück­grat der poli­tis­chen Öffentlichkeit“, so beze­ich­net Jür­gen Haber­mas (2008, S. 131) die Rolle der Print­me­di­en im poli­tis­chen Prozess. Dies ist der Forschungs­ge­gen­stand des Année Poli­tique Suisse, der sein ide­al­isiertes Gegen­stück in einem lesenden Pub­likum find­et, das sich über das aktuelle poli­tis­che Geschehen in der Tage­spresse informiert und darüber in kleineren und grösseren Zirkeln nach den Regeln der Debat­tierkun­st berät. Der­art erken­nt­nis­re­ich, mei­n­ungs­gesät­tigt und präferen­zgeschärft tritt die Stimm­bevölkerung dann in regelmäs­si­gen Zyklen den Gang an die Urne an.

Das sind Vorstel­lun­gen, die selb­st im Jahr 1966 als Année Poli­tique Suisse gegrün­det wird, real­itäts­fern anmuteten. Erst recht ist dies der Fall vor dem Hin­ter­grund der britis­chen „Brexit“-Abstimmung und der US-Präsi­dentschaftswahl, in denen die gesellschaftliche Kom­mu­nika­tion weniger vom jew­eili­gen Gegen­stand geprägt ist, son­dern sich in Vor­wür­fen über gezielte Desin­for­ma­tion und medi­ale Ver­schwörun­gen erge­ht oder über die dig­i­tal­en „Echokam­mern“ disku­tiert wird, in denen sich die Wäh­ler­schaft zu verir­ren dro­ht.

Demge­genüber sind in den 1960er Jahren die hiesige Zeitungs­land­schaft und deren -leser­schaft noch auf eine Art und Weise miteinan­der ver­schränkt, wie es heute nicht mehr vorstell­bar und möglich ist und es lohnt daher, die markan­testen Entwick­lungslin­ien in den fol­gen­den Absätzen schlaglichtar­tig zu beleucht­en.

Grundlegender Wandel der Beziehung zwischen Presse und Publikum

Dabei wird klar, dass ein­er­seits die Verän­derung der Medi­en­land­schaft wie auch die los­er wer­den­den poli­tis­chen Bindun­gen dazu führen, dass sich die Beziehung zwis­chen Presse und Pub­likum gän­zlich umgestal­tet, was unmit­tel­bare Auswirkun­gen auf die im Titel dieses Beitrages geäusserte These hat.

Ander­er­seits hat sich zwar das Ange­bot ins­beson­dere durch die hinzu kom­menden elek­tro­n­is­chen Medi­en stetig ver­bre­it­ert, ohne indes automa­tisch ein gle­icher­massen ver­bre­it­ertes Nutzungsver­hal­ten auf Seit­en des Pub­likums nach sich zu ziehen. Denn para­dox­er­weise dro­ht die steigende Vielfalt auf der Seite der Inhalt­spro­duzen­ten sich in ihr Gegen­teil auf der Seite der Rezip­i­entin­nen und Rezip­i­en­ten zu verkehren, was als anhal­tende Entwick­lung die poli­tis­che Öffentlichkeit vor ern­stzunehmende Her­aus­forderun­gen stellt.

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Fernsehstudio vor 1965 (Bild: SRG SSR)

In den 1960er Jahren sehen die Ver­hält­nisse in der hel­vetis­chen Medi­en­land­schaft und ihrem Pub­likum noch anders aus. Die poli­tis­che Berichter­stat­tung ist zu grossen Teilen immer noch in der Hand von Blät­tern mit gross­er Nähe zu den poli­tis­chen Parteien und die per­sön­liche poli­tis­che Gesin­nung ist vielerorts weniger Aus­druck argu­men­ta­tiv­er Auseinan­der­set­zung mit offen­em Aus­gang als eine einge­spielte Kon­stante, die sich aus Tra­di­tion und gesellschaftlichem Umfeld ergibt.

Poli­tis­che Beteili­gung ist zudem noch moralis­che Bürg­erpflicht und als Folge davon ist die Achse Poli­tik-Presse-Pub­likum-Par­tizipa­tion sta­bil: An die Urne gehen die meis­ten, sie tun dies aus demokratis­chem Pflicht­be­wusst­sein und bekun­den keine Mühe bei der Wahl, da sie auf Basis über­liefer­t­er und eingeübter Ein­stel­lun­gen han­deln, die ihrer­seits in den entsprechen­den Zeitun­gen täglich artikuliert wer­den.

Gle­ichzeit­ig sind ger­ade die 1960er Jahre eine Epoche, in der ein vielschichtiger Umbruch stat­tfind­et – manch­es offen­sichtlich, wie die kul­turellen Gegen­be­we­gun­gen, die hier ihren Aus­gang nehmen, manch­es, wie die Anfänge des Inter­nets, nur andeu­tungsweise und gle­ich­sam noch auf der Hin­ter­bühne gesellschaftlich­er Aufmerk­samkeit. Doch auch vor der noch kom­menden dig­i­tal­en Rev­o­lu­tion befind­et sich die hel­vetis­che Öffentlichkeit in einem struk­turellen Umbruch und die oben skizzierte Achse wird zuse­hends brüchig.

Zunächst erfährt die Deutschschweiz 1959 einen unver­mit­tel­ten Boule­var­disierungss­chock – der Blick wird zu ersten Mal her­aus­gegeben, was für grosse öffentliche Empörung, beim Stammhaus Ringi­er aber für noch grössere Aufla­gen sorgt.

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Studetischer Protest gegen neue Boulevardzeitung “Blick”, Bern 1959 (Bilder: RDB/ATP/Jost)
Medienmarkt in Bewegung

Indes sind es nicht nur einzelne Presse­pro­duk­te, die den Medi­en­markt verän­dern, er befind­et sich ins­ge­samt in Bewe­gung. Die Kartel­lkom­mis­sion legt 1969 ihren ersten Bericht zur Pressekonzen­tra­tion vor, in dem sie ein­er­seits die steigende Vor­ma­cht­stel­lung einzel­ner Ver­lage und ihrer Pro­duk­te aufzeigt, gle­ichzeit­ig vor deren stärk­er wer­dende Abhängigkeit von der Wer­be­wirtschaft mah­nt.

Die Voraus­set­zun­gen zur freien Mei­n­ungs­bil­dung kom­men damit gle­ichzeit­ig von zwei Seit­en her unter Druck, auf die die Poli­tik selb­st nur gerin­gen Ein­fluss hat. Ein­er­seits dro­hen regionale Mono­pole zu entste­hen, die einzel­nen Ver­la­gen zu dom­i­nan­ten Stel­lun­gen ver­helfen und so die Vielfalt des Mei­n­ungsraumes aushöhlen – ger­ade auch auf lokaler Ebene. Ander­er­seits ste­hen die Presse­pro­duzen­ten selb­st unter Druck, die Inhalte ihrer Pro­duk­te inser­enten- und wer­bekon­form gestal­ten.

Die „Schere im Kopf“ der Redak­teure bezieht sich damit nicht mehr auf die Auseinan­der­set­zung mit staatlichen Stellen, namentlich der Zen­surbe­hörde in den Krisen- und Kriegs­jahren, son­dern je länger je mehr auf die kri­tis­che Berichter­stat­tung der Presse zu wirtschaftlichen The­men und deren Expo­nen­ten. Gle­ichzeit­ig nimmt die Presse nun eine zen­trale Stel­lung im poli­tis­chen Prozess ein und löst als Massen­medi­um die Partei als wichtig­ste Instanz der poli­tis­chen Sozial­i­sa­tion ab.

Auf Seit­en der Bevölkerung gewin­nen alter­na­tive Lebens­for­men und Sichtweisen an Bedeu­tung, die Partei- und Kon­fes­sions­bindun­gen schwinden, gle­ichzeit­ig erfährt die Indi­vid­u­al­isierung der Lebensstile einen Schub, was sich nicht zulet­zt in der Abkehr von tra­di­tionellen Iden­ti­fika­tion­s­mustern und der Unter­stützung von ausser­par­la­men­tarischen, „neuen“ sozialen Bewe­gun­gen äussert.

Die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung etwa erlebt eine Hoch­phase und die mod­erne grüne Poli­tik nimmt hier ihren Aus­gang – der WWF etwa wird 1961 gegrün­det – und ist nach wie vor sowohl als ökol­o­gis­che Bewe­gung organ­isiert, wie sie sich auch in Teilen zu ein­er Partei tra­di­tionellen Zuschnitts entwick­elt, die 1983 gegrün­det wird.

Damit ist auch gesagt, dass die genan­nten Ver­schiebun­gen und Verän­derun­gen keineswegs Zeichen ein­er De-Poli­tisierung darstellen – im Gegen­teil. Denn das Pub­likum wen­det sich lediglich von altherge­bracht­en Mustern, Tra­di­tio­nen und Insti­tu­tio­nen ab. Eigentlich sind die 1960er und 1970er Jahre eine Phase der Poli­tisierung und der Par­tizipa­tion, wen­ngle­ich mit anderen Vorstel­lun­gen und Mit­teln.

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Gottlieb Duttweiler, der Gründer der Zeitung Die Tat, 7. Juli 1950 (Bild: Wikimedia Commons)

Dem entspricht auf pub­lizis­tis­ch­er Seite die alter­na­tive Presse, die in dieser Phase an Bedeu­tung gewin­nt, von der die meis­ten Titel aber wieder einge­hen. Der in der Über­schrift des Beitrags geäusserte Zusam­men­hang zwis­chen Lesen und poli­tis­ch­er Präferenz ist damit in Teilen dur­chaus noch gegeben, er wird indes unweiger­lich schwäch­er. Dies gilt ins­beson­dere für die etablierte Pub­lizis­tik, die unter dem Druck der Investi­tio­nen in tech­nol­o­gis­che Neuerun­gen – Stich­wort elek­tro­n­is­che Redak­tion­ssys­teme und Dig­i­tal­isierung des Drucks –, weg­fal­l­en­der Partei- und ergo Leserbindun­gen sowie der wach­senden Inser­aten­ab­hängigkeit sich in immer härter umkämpften Märk­ten befind­et.

 
Publizistische Fusionskaskaden und die elektronische Erweiterung des Spielfeldes

Die 1970er und 1980er Jahre sind denn auch stark davon geprägt, dass ein Grossteil der Ver­lage sich gezwun­gen sieht, einen guten Teil ihrer teil­weise altehrwürdi­gen Blät­ter entwed­er einzustellen oder wie etwa im Raum Luzern mit den Pro­duk­ten des poli­tis­chen Geg­n­ers in den ein­set­zen­den Fusion­skaskaden zusam­men­le­gen. Dieser Prozess find­et wohlge­merkt bei ein­er schweizweit ins­ge­samt steigen­den Auflage statt. Das Pub­likum liest also ins­ge­samt nicht weniger, hat aber weniger starre poli­tis­che Präferen­zen.  Dies bedeutet freilich auch, dass spätestens zu diesem Zeit­punkt die Übere­in­stim­mung zwis­chen der Aus­rich­tung der ange­bote­nen tage­sak­tuellen poli­tis­chen Lek­türe und den indi­vidu­ellen Präferen­zen äusserst schwach gewor­den ist.

Hinzu kommt in den 1980er und ver­stärkt in den 1990er Jahren eine weit­ere medi­ale Entwick­lung, die eine indi­rek­te, jedoch entschei­dende Auswirkung auf das poli­tis­che Inter­esse und damit auf die Beteili­gung des Pub­likums am poli­tis­chen Prozess hat – die Vervielfäl­ti­gung der Kanäle.

Was das Inter­net Ende des Mil­len­ni­ums noch ein­mal poten­zieren wird, man­i­festiert davor bere­its in der Ausweitung des Fernseh- und Radioange­bots. Die Pri­vat­sender hal­ten Einzug und mit ihnen die Möglichkeit, poli­tis­che Infor­ma­tion gän­zlich zu umge­hen, sofern man sich dafür nicht von Haus aus inter­essiert.

Anmerkungen: Ab 2010 bzw. 2013 kein direkter Rückwärtsvergleich möglich, da Gewichtungsverfahren bzw. Messsystem änderten; Messsystem: seit 2013 Kantar Media, 1983–2012 Telecontrol; Basis: Bevölkerung ab 3 Jahren; Mittelwert pro Tag (Montag–Sonntag)
Quelle: Bundesamt für Statistik (BFS) bzw. Mediapulse AG

Das „opt­ing out of pol­i­tics“, das in den USA bere­its in den 1970er Jahren stat­tfind­et, macht sich auch im hiesi­gen Pub­likumsver­hal­ten bemerk­bar, wen­ngle­ich auf andere Art und Weise. Denn die vor­wiegend auf Unter­hal­tung aus­gelegten Sender des pri­vat­en Fernse­hens, sowie die stetig hinzuk­om­menden Spartensender etwa im Bere­ich des Sports, entste­hen zunächst in den grösseren Märk­ten des gle­ich­sprachi­gen Aus­lan­des. Das Radio hinge­gen find­et seine Nis­che im lokalen Bere­ich, und in sein­er Rolle als Begleitmedi­um par excel­lence ist gewis­ser­massen auch vorgegeben, dass hier die poli­tis­che Infor­ma­tion zuse­hends an Bedeu­tung ver­liert. (Siehe Abbil­dung 1, Fernsehkon­sum in der Schweiz)

Für die USA, bei denen das medi­ale Pub­likum seit jeher stärk­er auf das Fernse­hen aus­gerichtet ist, beklagt Eli­hu Katz (1996) den durch die Ange­botsvielfalt schrumpfend­en virtuellen Ort der Gemein­samkeit, der durch die allabendlichen Nachricht­ensendun­gen ent­standen war und der den kog­ni­tiv­en Zusam­men­halt des Nation­al­staates garantierte.

Angebotsvielfalt, politische Apathie und Polarisierung

In der Schweiz ist diese Entwick­lung nicht gle­icher­massen ein­schnei­dend; aber auch hier stellt sich mit dem entste­hen­den elek­tro­n­is­chen Überange­bot die Frage, wer über­haupt noch Nachricht­en kon­sum­iert, ins­beson­dere wer sie noch liest?

Klar ist, dass die Gruppe der stark Inter­essierten gle­ichzeit­ig auch diejeni­gen sind, die eine gefes­tigte und meist starke Mei­n­ung zum poli­tis­chen Geschehen besitzen. Daraus ergeben sich zwei Ten­den­zen: Zunächst bes­timmt das poli­tis­che Inter­esse wie stark sich Teile des Pub­likums Nachricht­en zuwen­den. Erwartungs­gemäss führt hohes poli­tis­ches Inter­esse zu mehr Nachricht­enkon­sum, niedriges Inter­esse dage­gen zur Ver­mei­dung von poli­tis­chen Inhal­ten.

Zweit­ens kann dies, wie für  die USA doku­men­tiert, nicht nur zu ein­er Spal­tung zwis­chen den Inter­essierten und den Nicht-Inter­essierten führen – an sich bere­its eine Ten­denz, die an den Voraus­set­zun­gen demokratis­ch­er Gesellschaften rüt­telt, sind sie doch auf informierte Bürg­erin­nen und Bürg­er angewiesen, die am poli­tis­chen Prozess teil­haben. Darüber hin­aus neigen die poli­tis­che inter­essierten starke Nachricht­enkon­sumentin­nen und -kon­sumenten zu extremeren poli­tis­chen Präferen­zen, die sich nicht so sehr in der Mitte, son­dern eher am Rande des Spek­trums befind­en.

Die let­zte Kon­se­quenz dieser Entwick­lung ist eine Polar­isierung der Gesellschaft, was die Frage aufwirft, wie demokratis­che Ver­ständi­gung, Kom­pro­miss und Kon­sens hergestellt wer­den sollen, wenn sich Per­so­n­en – und Parteien – auf die poli­tis­chen Rän­der zu und damit voneinan­der weg bewe­gen.

Diese Effek­te wer­den durch das Inter­net noch ein­mal ver­stärkt – und zusät­zlich entschei­dend verän­dert. Anfänglich mit der Hoff­nung nach einem dig­i­tal­en Ver­samm­lungsplatz verknüpft, der die unge­hin­derte und faire Kom­mu­nika­tion untere­inan­der ermöglicht – die elek­tro­n­is­che Ago­ra –, weisen die bish­eri­gen Entwick­lun­gen in eine andere Rich­tung.

Zwar besitzen die tra­di­tionelle Medi­en und mit ihnen die vom Année Poli­tique unter­sucht­en Zeitun­gen auch im Inter­net eine Präsenz, hinzu kom­men aber noch andere Fak­toren, die das Lesen im dig­i­tal­en Zeital­ter mit bes­tim­men.

Algorithmen, Hyperlinks und Echokammern

Eine der tief­greifend­sten Verän­derun­gen bezieht sich darauf, wie poli­tis­che Infor­ma­tion über­haupt sicht­bar wird. Im analo­gen Zeital­ter war diese Rolle den Jour­nal­istin­nen und Jour­nal­is­ten zugedacht: Sie wählen poli­tis­che Nachricht­en aus, bere­it­eten sie auf und ver­mit­tel­ten sie via Zeitung an ihr Pub­likum. Dieser Prozess beste­ht zwar nach wie vor, zu ihm fügen sich indes andere For­men der Nachricht­ense­lek­tion.

Erstens ist Onlinekom­mu­nika­tion durch Hyper­links organ­isiert, die Web­seit­en miteinan­der verbindet und dem Inter­net erst seine Net­zstruk­tur geben. Nun sind Hyper­links wed­er zufäl­lig noch gle­ich­mäs­sig zwis­chen Web­seit­en verteilt, son­dern wer­den von den ver­schiede­nen Akteuren bewusst geset­zt. Entsprechend leis­ten sie dem oben genan­nten Phänomen der gesellschaftlichen Polar­isierung weit­er Vorschub, da Hyper­links vorzugsweise zwis­chen solchen Web­seit­en geset­zt wer­den, die diesel­ben poli­tis­chen Posi­tio­nen vertreten. Ist diese Ten­denz aus­geprägt, dann kön­nen „Echokam­mern“ entste­hen, dicht­en Verbindun­gen zwis­chen poli­tis­ch­er Infor­ma­tion gle­ich­er couleur, was den eige­nen Stand­punkt wed­er her­aus­fordert, noch erweit­ert, son­dern lediglich bestätigt. Das kann, wie die Sozialpsy­cholo­gie ein­drück­lich zeigt, dazu führen, dass Indi­viduen immer extremere Posi­tio­nen ein­nehmen. Geschieht diese auf bei­den Seit­en des poli­tis­chen Spek­trums, dann ste­ht poli­tis­che Öffentlichkeit als gesellschaftlich­er Diskus­sion­sraum vor ein­er ern­sthaften Her­aus­forderung.

Dies zumal ähn­liche Effek­te zweit­ens durch diejeni­gen Algo­rith­men entste­hen, die den User vor­wiegend ent­lang der bere­its bekan­nten Präferen­zen im World Wide Web leit­en – seien diese kul­tureller (Büch­er, Filme, usw.) oder poli­tis­ch­er Natur. Auch hier verkehrt sich para­dox­er­weise die ver­meintliche gren­zen­lose Vielfalt möglich­er Entschei­dun­gen vor­ab in die Monot­o­nie des Bekan­nten.

Hinzu kommt schliesslich die Art und Weise, wie ins­beson­dere jün­gere Gen­er­a­tio­nen mit poli­tis­ch­er Infor­ma­tion in Kon­takt kom­men: dies geschieht immer weniger über auf Papi­er gedruck­te Zeitun­gen, noch über deren Web­seit­en, son­dern vor­wiegend darüber, was von Face­book-Fre­un­den geteil­ten wird und „likes“ erhält. Und da der Bekan­ntenkreis in der Regel die eige­nen poli­tis­chen Präferen­zen stark wieder­spiegelt, wird die ver­füg­bare poli­tis­che Infor­ma­tion auch durch diesen Mech­a­nis­mus eher verengt als erweit­ert. Zusam­mengenom­men stellen Hyper­links, Algo­rith­men und soziale Medi­en damit let­ztlich die Grund­vo­raus­set­zung des Lesens in Frage, dass es näm­lich auf ein­er (weit­ge­hend) autonomen Entschei­dung seit­ens der Leserin und des Lesers fusst.

Angesichts dieser Dynamiken und Entwick­lun­gen, die das demokratis­che Ver­ständ­nis von Lesen, Diskus­sion und Par­tizipa­tion auf die Probe zu stellen dro­ht, beste­ht Grund zur Hoff­nung ein­er­seits darin, dass ein gross­er Teil der poli­tis­che Inter­essierten nicht (mehr) über starre poli­tis­che Präferen­zen ver­fügt. Ander­er­seits ver­fü­gen sie auch nicht über das nötige Mass an dig­i­taler Gewandtheit, um gegen­teilige Infor­ma­tio­nen gän­zlich ver­mei­den zu kön­nen, was ger­ade bei neuen, noch unbekan­nten The­men dazu führt, dass die wahrgenommene poli­tis­che Infor­ma­tion den eige­nen Hor­i­zont dur­chaus auszudehnen ver­mag.

Und schliesslich zeigt sich, dass selb­st ide­ol­o­gisch stark geprägte Per­so­n­en medi­ale „Alles­fress­er“ sind, die unter­schiedliche medi­ale Quellen kon­sum­ieren und die ihren Präferen­zen wieder­sprechende Infor­ma­tion nicht ein­fach gezielt ver­mei­den.

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Quelle: Eigene Erhebung. Schweizer Hyperlinknetzwerk im Bereich des Klimawandels (Juni 2012). Grösse der Knoten proportional zu den erhaltenen Links. Grüne Akteure = Klimawarner, rote Akteure = Klimaskeptiker, blaue Akteure = keine Position.
 
Das politische Jahr im digitalen Zeitalter

Poli­tis­che Öffentlichkeit – und das ist es, was das Année Poli­tique eigentlich archiviert, auf­bere­it­et und analysiert – hat sich somit stark gewan­delt, sie bleibt indes unser zen­trales demokratis­ches Gut.

Es ist beson­ders frag­il: wir kön­nen Öffentlichkeit nicht beliebig auf Vor­rat her­stellen für schlechte Zeit­en, sie existiert nur in der Gegen­wart und entste­ht durch die Inter­ak­tion von Jour­nal­is­ten, poli­tis­chen, ökonomis­che und sozialen Akteuren und let­ztlich durch das Inter­esse eines Pub­likums, das nicht mehr nur Kon­sument, son­dern selb­st Pro­duzent poli­tis­ch­er Infor­ma­tion ist. Und sie braucht nicht zulet­zt das Engage­ment von Forsch­ern, die sie unter­suchen, inter­pretieren und kri­tisch reflek­tieren.

Entsprechend müssen wir den Titel für die zukün­ftige Arbeit des Année Poli­tique Suisse abwan­deln: „Sag mir, ob, wo, wie und warum Du was liest, mit einem ‚like‘ ver­siehst und auf Twit­ter teilst“ – dies sind dann einige der Fra­gen, die sich vielle­icht in den näch­sten fün­fzig Jahren beant­worten lassen.


Ref­eren­zen

  • Bak­shy, E., Mess­ing, S., & Adam­ic, L. A. (2015). Expo­sure to ide­o­log­i­cal­ly diverse news and opin­ion on Face­book. Sci­ence, 348(6239), 1130–1132.
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