Sag mir, was Du liest und ich sag Dir, wie Du stimmst

In fünf­zig Jah­ren Année Poli­tique Suis­se hat sich die Poli­tik stark ver­än­dert, ent­schei­den­der aber noch die media­le Kom­mu­ni­ka­ti­on über sie. Tages­zei­tun­gen als Stütz­pfei­ler demo­kra­ti­scher Öffent­lich­keit wer­den in regel­mäs­si­gen Abstän­den tot­ge­sagt, das Lese­ver­hal­ten der Bevöl­ke­rung – sofern über­haupt noch vor­han­den – ist im Zeit­al­ter von Face­book und Twit­ter radi­ka­len Ver­än­de­run­gen unter­wor­fen. Der media­le Wan­del, der ober­fläch­lich betrach­tet Ver­net­zung und Viel­falt bringt, führt unter der Hand zu Iso­la­ti­on und Ein­sei­tig­keit. Der fol­gen­de Bei­trag zeich­net die gro­ben Lini­en die­se Ent­wick­lun­gen nach und skiz­ziert die demo­kra­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen für die gegen­wär­ti­ge Gesell­schaft.

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Die „seriö­se Pres­se als Rück­grat der poli­ti­schen Öffent­lich­keit“, so bezeich­net Jür­gen Haber­mas (2008, S. 131) die Rol­le der Print­me­di­en im poli­ti­schen Pro­zess. Dies ist der For­schungs­ge­gen­stand des Année Poli­tique Suis­se, der sein idea­li­sier­tes Gegen­stück in einem lesen­den Publi­kum fin­det, das sich über das aktu­el­le poli­ti­sche Gesche­hen in der Tages­pres­se infor­miert und dar­über in klei­ne­ren und grös­se­ren Zir­keln nach den Regeln der Debat­tier­kunst berät. Der­art erkennt­nis­reich, mei­nungs­ge­sät­tigt und prä­fe­renz­ge­schärft tritt die Stimm­be­völ­ke­rung dann in regel­mäs­si­gen Zyklen den Gang an die Urne an.

Das sind Vor­stel­lun­gen, die selbst im Jahr 1966 als Année Poli­tique Suis­se gegrün­det wird, rea­li­täts­fern anmu­te­ten. Erst recht ist dies der Fall vor dem Hin­ter­grund der bri­ti­schen „Brexit“-Abstimmung und der US-Prä­si­dent­schafts­wahl, in denen die gesell­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on weni­ger vom jewei­li­gen Gegen­stand geprägt ist, son­dern sich in Vor­wür­fen über geziel­te Des­in­for­ma­ti­on und media­le Ver­schwö­run­gen ergeht oder über die digi­ta­len „Echo­kam­mern“ dis­ku­tiert wird, in denen sich die Wäh­ler­schaft zu ver­ir­ren droht.

Dem­ge­gen­über sind in den 1960er Jah­ren die hie­si­ge Zei­tungs­land­schaft und deren -leser­schaft noch auf eine Art und Wei­se mit­ein­an­der ver­schränkt, wie es heu­te nicht mehr vor­stell­bar und mög­lich ist und es lohnt daher, die mar­kan­tes­ten Ent­wick­lungs­li­ni­en in den fol­gen­den Absät­zen schlag­licht­ar­tig zu beleuch­ten.

Grundlegender Wandel der Beziehung zwischen Presse und Publikum

Dabei wird klar, dass einer­seits die Ver­än­de­rung der Medi­en­land­schaft wie auch die loser wer­den­den poli­ti­schen Bin­dun­gen dazu füh­ren, dass sich die Bezie­hung zwi­schen Pres­se und Publi­kum gänz­lich umge­stal­tet, was unmit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen auf die im Titel die­ses Bei­tra­ges geäus­ser­te The­se hat.

Ande­rer­seits hat sich zwar das Ange­bot ins­be­son­de­re durch die hin­zu kom­men­den elek­tro­ni­schen Medi­en ste­tig ver­brei­tert, ohne indes auto­ma­tisch ein glei­cher­mas­sen ver­brei­ter­tes Nut­zungs­ver­hal­ten auf Sei­ten des Publi­kums nach sich zu zie­hen. Denn para­do­xer­wei­se droht die stei­gen­de Viel­falt auf der Sei­te der Inhalts­pro­du­zen­ten sich in ihr Gegen­teil auf der Sei­te der Rezi­pi­en­tin­nen und Rezi­pi­en­ten zu ver­keh­ren, was als anhal­ten­de Ent­wick­lung die poli­ti­sche Öffent­lich­keit vor ernst­zu­neh­men­de Her­aus­for­de­run­gen stellt.

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Fernsehstudio vor 1965 (Bild: SRG SSR)

In den 1960er Jah­ren sehen die Ver­hält­nis­se in der hel­ve­ti­schen Medi­en­land­schaft und ihrem Publi­kum noch anders aus. Die poli­ti­sche Bericht­erstat­tung ist zu gros­sen Tei­len immer noch in der Hand von Blät­tern mit gros­ser Nähe zu den poli­ti­schen Par­tei­en und die per­sön­li­che poli­ti­sche Gesin­nung ist vie­ler­orts weni­ger Aus­druck argu­men­ta­ti­ver Aus­ein­an­der­set­zung mit offe­nem Aus­gang als eine ein­ge­spiel­te Kon­stan­te, die sich aus Tra­di­ti­on und gesell­schaft­li­chem Umfeld ergibt.

Poli­ti­sche Betei­li­gung ist zudem noch mora­li­sche Bür­ger­pflicht und als Fol­ge davon ist die Ach­se Poli­tik-Pres­se-Publi­kum-Par­ti­zi­pa­ti­on sta­bil: An die Urne gehen die meis­ten, sie tun dies aus demo­kra­ti­schem Pflicht­be­wusst­sein und bekun­den kei­ne Mühe bei der Wahl, da sie auf Basis über­lie­fer­ter und ein­ge­üb­ter Ein­stel­lun­gen han­deln, die ihrer­seits in den ent­spre­chen­den Zei­tun­gen täg­lich arti­ku­liert wer­den.

Gleich­zei­tig sind gera­de die 1960er Jah­re eine Epo­che, in der ein viel­schich­ti­ger Umbruch statt­fin­det – man­ches offen­sicht­lich, wie die kul­tu­rel­len Gegen­be­we­gun­gen, die hier ihren Aus­gang neh­men, man­ches, wie die Anfän­ge des Inter­nets, nur andeu­tungs­wei­se und gleich­sam noch auf der Hin­ter­büh­ne gesell­schaft­li­cher Auf­merk­sam­keit. Doch auch vor der noch kom­men­den digi­ta­len Revo­lu­ti­on befin­det sich die hel­ve­ti­sche Öffent­lich­keit in einem struk­tu­rel­len Umbruch und die oben skiz­zier­te Ach­se wird zuse­hends brü­chig.

Zunächst erfährt die Deutsch­schweiz 1959 einen unver­mit­tel­ten Bou­le­var­di­sie­rungs­schock – der Blick wird zu ers­ten Mal her­aus­ge­ge­ben, was für gros­se öffent­li­che Empö­rung, beim Stamm­haus Rin­gier aber für noch grös­se­re Auf­la­gen sorgt.

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Studetischer Protest gegen neue Boulevardzeitung “Blick”, Bern 1959 (Bilder: RDB/ATP/Jost)
Medienmarkt in Bewegung

Indes sind es nicht nur ein­zel­ne Pres­se­pro­duk­te, die den Medi­en­markt ver­än­dern, er befin­det sich ins­ge­samt in Bewe­gung. Die Kar­tell­kom­mis­si­on legt 1969 ihren ers­ten Bericht zur Pres­se­kon­zen­tra­ti­on vor, in dem sie einer­seits die stei­gen­de Vor­macht­stel­lung ein­zel­ner Ver­la­ge und ihrer Pro­duk­te auf­zeigt, gleich­zei­tig vor deren stär­ker wer­den­de Abhän­gig­keit von der Wer­be­wirt­schaft mahnt.

Die Vor­aus­set­zun­gen zur frei­en Mei­nungs­bil­dung kom­men damit gleich­zei­tig von zwei Sei­ten her unter Druck, auf die die Poli­tik selbst nur gerin­gen Ein­fluss hat. Einer­seits dro­hen regio­na­le Mono­po­le zu ent­ste­hen, die ein­zel­nen Ver­la­gen zu domi­nan­ten Stel­lun­gen ver­hel­fen und so die Viel­falt des Mei­nungs­rau­mes aus­höh­len – gera­de auch auf loka­ler Ebe­ne. Ande­rer­seits ste­hen die Pres­se­pro­du­zen­ten selbst unter Druck, die Inhal­te ihrer Pro­duk­te inse­ren­ten- und wer­be­kon­form gestal­ten.

Die „Sche­re im Kopf“ der Redak­teu­re bezieht sich damit nicht mehr auf die Aus­ein­an­der­set­zung mit staat­li­chen Stel­len, nament­lich der Zen­sur­be­hör­de in den Kri­sen- und Kriegs­jah­ren, son­dern je län­ger je mehr auf die kri­ti­sche Bericht­erstat­tung der Pres­se zu wirt­schaft­li­chen The­men und deren Expo­nen­ten. Gleich­zei­tig nimmt die Pres­se nun eine zen­tra­le Stel­lung im poli­ti­schen Pro­zess ein und löst als Mas­sen­me­di­um die Par­tei als wich­tigs­te Instanz der poli­ti­schen Sozia­li­sa­ti­on ab.

Auf Sei­ten der Bevöl­ke­rung gewin­nen alter­na­ti­ve Lebens­for­men und Sicht­wei­sen an Bedeu­tung, die Par­tei- und Kon­fes­si­ons­bin­dun­gen schwin­den, gleich­zei­tig erfährt die Indi­vi­dua­li­sie­rung der Lebens­sti­le einen Schub, was sich nicht zuletzt in der Abkehr von tra­di­tio­nel­len Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mus­tern und der Unter­stüt­zung von aus­ser­par­la­men­ta­ri­schen, „neu­en“ sozia­len Bewe­gun­gen äus­sert.

Die femi­nis­ti­sche Bewe­gung etwa erlebt eine Hoch­pha­se und die moder­ne grü­ne Poli­tik nimmt hier ihren Aus­gang – der WWF etwa wird 1961 gegrün­det – und ist nach wie vor sowohl als öko­lo­gi­sche Bewe­gung orga­ni­siert, wie sie sich auch in Tei­len zu einer Par­tei tra­di­tio­nel­len Zuschnitts ent­wi­ckelt, die 1983 gegrün­det wird.

Damit ist auch gesagt, dass die genann­ten Ver­schie­bun­gen und Ver­än­de­run­gen kei­nes­wegs Zei­chen einer De-Poli­ti­sie­rung dar­stel­len – im Gegen­teil. Denn das Publi­kum wen­det sich ledig­lich von alt­her­ge­brach­ten Mus­tern, Tra­di­tio­nen und Insti­tu­tio­nen ab. Eigent­lich sind die 1960er und 1970er Jah­re eine Pha­se der Poli­ti­sie­rung und der Par­ti­zi­pa­ti­on, wenn­gleich mit ande­ren Vor­stel­lun­gen und Mit­teln.

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Gottlieb Duttweiler, der Gründer der Zeitung Die Tat, 7. Juli 1950 (Bild: Wikimedia Commons)

Dem ent­spricht auf publi­zis­ti­scher Sei­te die alter­na­ti­ve Pres­se, die in die­ser Pha­se an Bedeu­tung gewinnt, von der die meis­ten Titel aber wie­der ein­ge­hen. Der in der Über­schrift des Bei­trags geäus­ser­te Zusam­men­hang zwi­schen Lesen und poli­ti­scher Prä­fe­renz ist damit in Tei­len durch­aus noch gege­ben, er wird indes unwei­ger­lich schwä­cher. Dies gilt ins­be­son­de­re für die eta­blier­te Publi­zis­tik, die unter dem Druck der Inves­ti­tio­nen in tech­no­lo­gi­sche Neue­run­gen – Stich­wort elek­tro­ni­sche Redak­ti­ons­sys­te­me und Digi­ta­li­sie­rung des Drucks –, weg­fal­len­der Par­tei- und ergo Leser­bin­dun­gen sowie der wach­sen­den Inse­ra­ten­ab­hän­gig­keit sich in immer här­ter umkämpf­ten Märk­ten befin­det.

 
Publizistische Fusionskaskaden und die elektronische Erweiterung des Spielfeldes

Die 1970er und 1980er Jah­re sind denn auch stark davon geprägt, dass ein Gross­teil der Ver­la­ge sich gezwun­gen sieht, einen guten Teil ihrer teil­wei­se alt­ehr­wür­di­gen Blät­ter ent­we­der ein­zu­stel­len oder wie etwa im Raum Luzern mit den Pro­duk­ten des poli­ti­schen Geg­ners in den ein­set­zen­den Fusi­ons­kas­ka­den zusam­men­le­gen. Die­ser Pro­zess fin­det wohl­ge­merkt bei einer schweiz­weit ins­ge­samt stei­gen­den Auf­la­ge statt. Das Publi­kum liest also ins­ge­samt nicht weni­ger, hat aber weni­ger star­re poli­ti­sche Prä­fe­ren­zen.  Dies bedeu­tet frei­lich auch, dass spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt die Über­ein­stim­mung zwi­schen der Aus­rich­tung der ange­bo­te­nen tages­ak­tu­el­len poli­ti­schen Lek­tü­re und den indi­vi­du­el­len Prä­fe­ren­zen äus­serst schwach gewor­den ist.

Hin­zu kommt in den 1980er und ver­stärkt in den 1990er Jah­ren eine wei­te­re media­le Ent­wick­lung, die eine indi­rek­te, jedoch ent­schei­den­de Aus­wir­kung auf das poli­ti­sche Inter­es­se und damit auf die Betei­li­gung des Publi­kums am poli­ti­schen Pro­zess hat – die Ver­viel­fäl­ti­gung der Kanä­le.

Was das Inter­net Ende des Mill­en­ni­ums noch ein­mal poten­zie­ren wird, mani­fes­tiert davor bereits in der Aus­wei­tung des Fern­seh- und Radio­an­ge­bots. Die Pri­vat­sen­der hal­ten Ein­zug und mit ihnen die Mög­lich­keit, poli­ti­sche Infor­ma­ti­on gänz­lich zu umge­hen, sofern man sich dafür nicht von Haus aus inter­es­siert.

Anmerkungen: Ab 2010 bzw. 2013 kein direkter Rückwärtsvergleich möglich, da Gewichtungsverfahren bzw. Messsystem änderten; Messsystem: seit 2013 Kantar Media, 1983–2012 Telecontrol; Basis: Bevölkerung ab 3 Jahren; Mittelwert pro Tag (Montag–Sonntag)
Quelle: Bundesamt für Statistik (BFS) bzw. Mediapulse AG

Das „opting out of poli­tics“, das in den USA bereits in den 1970er Jah­ren statt­fin­det, macht sich auch im hie­si­gen Publi­kums­ver­hal­ten bemerk­bar, wenn­gleich auf ande­re Art und Wei­se. Denn die vor­wie­gend auf Unter­hal­tung aus­ge­leg­ten Sen­der des pri­va­ten Fern­se­hens, sowie die ste­tig hin­zu­kom­men­den Spar­ten­sen­der etwa im Bereich des Sports, ent­ste­hen zunächst in den grös­se­ren Märk­ten des gleich­spra­chi­gen Aus­lan­des. Das Radio hin­ge­gen fin­det sei­ne Nische im loka­len Bereich, und in sei­ner Rol­le als Begleit­me­di­um par excel­lence ist gewis­ser­mas­sen auch vor­ge­ge­ben, dass hier die poli­ti­sche Infor­ma­ti­on zuse­hends an Bedeu­tung ver­liert. (Sie­he Abbil­dung 1, Fern­seh­kon­sum in der Schweiz)

Für die USA, bei denen das media­le Publi­kum seit jeher stär­ker auf das Fern­se­hen aus­ge­rich­tet ist, beklagt Eli­hu Katz (1996) den durch die Ange­bots­viel­falt schrump­fen­den vir­tu­el­len Ort der Gemein­sam­keit, der durch die all­abend­li­chen Nach­rich­ten­sen­dun­gen ent­stan­den war und der den kogni­ti­ven Zusam­men­halt des Natio­nal­staa­tes garan­tier­te.

Angebotsvielfalt, politische Apathie und Polarisierung

In der Schweiz ist die­se Ent­wick­lung nicht glei­cher­mas­sen ein­schnei­dend; aber auch hier stellt sich mit dem ent­ste­hen­den elek­tro­ni­schen Über­an­ge­bot die Fra­ge, wer über­haupt noch Nach­rich­ten kon­su­miert, ins­be­son­de­re wer sie noch liest?

Klar ist, dass die Grup­pe der stark Inter­es­sier­ten gleich­zei­tig auch die­je­ni­gen sind, die eine gefes­tig­te und meist star­ke Mei­nung zum poli­ti­schen Gesche­hen besit­zen. Dar­aus erge­ben sich zwei Ten­den­zen: Zunächst bestimmt das poli­ti­sche Inter­es­se wie stark sich Tei­le des Publi­kums Nach­rich­ten zuwen­den. Erwar­tungs­ge­mäss führt hohes poli­ti­sches Inter­es­se zu mehr Nach­rich­ten­kon­sum, nied­ri­ges Inter­es­se dage­gen zur Ver­mei­dung von poli­ti­schen Inhal­ten.

Zwei­tens kann dies, wie für  die USA doku­men­tiert, nicht nur zu einer Spal­tung zwi­schen den Inter­es­sier­ten und den Nicht-Inter­es­sier­ten füh­ren – an sich bereits eine Ten­denz, die an den Vor­aus­set­zun­gen demo­kra­ti­scher Gesell­schaf­ten rüt­telt, sind sie doch auf infor­mier­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ange­wie­sen, die am poli­ti­schen Pro­zess teil­ha­ben. Dar­über hin­aus nei­gen die poli­ti­sche inter­es­sier­ten star­ke Nach­rich­ten­kon­su­men­tin­nen und -kon­su­men­ten zu extre­me­ren poli­ti­schen Prä­fe­ren­zen, die sich nicht so sehr in der Mit­te, son­dern eher am Ran­de des Spek­trums befin­den.

Die letz­te Kon­se­quenz die­ser Ent­wick­lung ist eine Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft, was die Fra­ge auf­wirft, wie demo­kra­ti­sche Ver­stän­di­gung, Kom­pro­miss und Kon­sens her­ge­stellt wer­den sol­len, wenn sich Per­so­nen – und Par­tei­en – auf die poli­ti­schen Rän­der zu und damit von­ein­an­der weg bewe­gen.

Die­se Effek­te wer­den durch das Inter­net noch ein­mal ver­stärkt – und zusätz­lich ent­schei­dend ver­än­dert. Anfäng­lich mit der Hoff­nung nach einem digi­ta­len Ver­samm­lungs­platz ver­knüpft, der die unge­hin­der­te und fai­re Kom­mu­ni­ka­ti­on unter­ein­an­der ermög­licht – die elek­tro­ni­sche Ago­ra –, wei­sen die bis­he­ri­gen Ent­wick­lun­gen in eine ande­re Rich­tung.

Zwar besit­zen die tra­di­tio­nel­le Medi­en und mit ihnen die vom Année Poli­tique unter­such­ten Zei­tun­gen auch im Inter­net eine Prä­senz, hin­zu kom­men aber noch ande­re Fak­to­ren, die das Lesen im digi­ta­len Zeit­al­ter mit bestim­men.

Algorithmen, Hyperlinks und Echokammern

Eine der tief­grei­fends­ten Ver­än­de­run­gen bezieht sich dar­auf, wie poli­ti­sche Infor­ma­ti­on über­haupt sicht­bar wird. Im ana­lo­gen Zeit­al­ter war die­se Rol­le den Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten zuge­dacht: Sie wäh­len poli­ti­sche Nach­rich­ten aus, berei­te­ten sie auf und ver­mit­tel­ten sie via Zei­tung an ihr Publi­kum. Die­ser Pro­zess besteht zwar nach wie vor, zu ihm fügen sich indes ande­re For­men der Nach­rich­ten­se­lek­ti­on.

Ers­tens ist Online­kom­mu­ni­ka­ti­on durch Hyper­links orga­ni­siert, die Web­sei­ten mit­ein­an­der ver­bin­det und dem Inter­net erst sei­ne Netz­struk­tur geben. Nun sind Hyper­links weder zufäl­lig noch gleich­mäs­sig zwi­schen Web­sei­ten ver­teilt, son­dern wer­den von den ver­schie­de­nen Akteu­ren bewusst gesetzt. Ent­spre­chend leis­ten sie dem oben genann­ten Phä­no­men der gesell­schaft­li­chen Pola­ri­sie­rung wei­ter Vor­schub, da Hyper­links vor­zugs­wei­se zwi­schen sol­chen Web­sei­ten gesetzt wer­den, die die­sel­ben poli­ti­schen Posi­tio­nen ver­tre­ten. Ist die­se Ten­denz aus­ge­prägt, dann kön­nen „Echo­kam­mern“ ent­ste­hen, dich­ten Ver­bin­dun­gen zwi­schen poli­ti­scher Infor­ma­ti­on glei­cher cou­leur, was den eige­nen Stand­punkt weder her­aus­for­dert, noch erwei­tert, son­dern ledig­lich bestä­tigt. Das kann, wie die Sozi­al­psy­cho­lo­gie ein­drück­lich zeigt, dazu füh­ren, dass Indi­vi­du­en immer extre­me­re Posi­tio­nen ein­neh­men. Geschieht die­se auf bei­den Sei­ten des poli­ti­schen Spek­trums, dann steht poli­ti­sche Öffent­lich­keit als gesell­schaft­li­cher Dis­kus­si­ons­raum vor einer ernst­haf­ten Her­aus­for­de­rung.

Dies zumal ähn­li­che Effek­te zwei­tens durch die­je­ni­gen Algo­rith­men ent­ste­hen, die den User vor­wie­gend ent­lang der bereits bekann­ten Prä­fe­ren­zen im World Wide Web lei­ten – sei­en die­se kul­tu­rel­ler (Bücher, Fil­me, usw.) oder poli­ti­scher Natur. Auch hier ver­kehrt sich para­do­xer­wei­se die ver­meint­li­che gren­zen­lo­se Viel­falt mög­li­cher Ent­schei­dun­gen vor­ab in die Mono­to­nie des Bekann­ten.

Hin­zu kommt schliess­lich die Art und Wei­se, wie ins­be­son­de­re jün­ge­re Genera­tio­nen mit poli­ti­scher Infor­ma­ti­on in Kon­takt kom­men: dies geschieht immer weni­ger über auf Papier gedruck­te Zei­tun­gen, noch über deren Web­sei­ten, son­dern vor­wie­gend dar­über, was von Face­book-Freun­den geteil­ten wird und „likes“ erhält. Und da der Bekann­ten­kreis in der Regel die eige­nen poli­ti­schen Prä­fe­ren­zen stark wie­der­spie­gelt, wird die ver­füg­ba­re poli­ti­sche Infor­ma­ti­on auch durch die­sen Mecha­nis­mus eher ver­engt als erwei­tert. Zusam­men­ge­nom­men stel­len Hyper­links, Algo­rith­men und sozia­le Medi­en damit letzt­lich die Grund­vor­aus­set­zung des Lesens in Fra­ge, dass es näm­lich auf einer (weit­ge­hend) auto­no­men Ent­schei­dung sei­tens der Lese­rin und des Lesers fusst.

Ange­sichts die­ser Dyna­mi­ken und Ent­wick­lun­gen, die das demo­kra­ti­sche Ver­ständ­nis von Lesen, Dis­kus­si­on und Par­ti­zi­pa­ti­on auf die Pro­be zu stel­len droht, besteht Grund zur Hoff­nung einer­seits dar­in, dass ein gros­ser Teil der poli­ti­sche Inter­es­sier­ten nicht (mehr) über star­re poli­ti­sche Prä­fe­ren­zen ver­fügt. Ande­rer­seits ver­fü­gen sie auch nicht über das nöti­ge Mass an digi­ta­ler Gewandt­heit, um gegen­tei­li­ge Infor­ma­tio­nen gänz­lich ver­mei­den zu kön­nen, was gera­de bei neu­en, noch unbe­kann­ten The­men dazu führt, dass die wahr­ge­nom­me­ne poli­ti­sche Infor­ma­ti­on den eige­nen Hori­zont durch­aus aus­zu­deh­nen ver­mag.

Und schliess­lich zeigt sich, dass selbst ideo­lo­gisch stark gepräg­te Per­so­nen media­le „Alles­fres­ser“ sind, die unter­schied­li­che media­le Quel­len kon­su­mie­ren und die ihren Prä­fe­ren­zen wie­der­spre­chen­de Infor­ma­ti­on nicht ein­fach gezielt ver­mei­den.

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Quelle: Eigene Erhebung. Schweizer Hyperlinknetzwerk im Bereich des Klimawandels (Juni 2012). Grösse der Knoten proportional zu den erhaltenen Links. Grüne Akteure = Klimawarner, rote Akteure = Klimaskeptiker, blaue Akteure = keine Position.
 
Das politische Jahr im digitalen Zeitalter

Poli­ti­sche Öffent­lich­keit – und das ist es, was das Année Poli­tique eigent­lich archi­viert, auf­be­rei­tet und ana­ly­siert – hat sich somit stark gewan­delt, sie bleibt indes unser zen­tra­les demo­kra­ti­sches Gut.

Es ist beson­ders fra­gil: wir kön­nen Öffent­lich­keit nicht belie­big auf Vor­rat her­stel­len für schlech­te Zei­ten, sie exis­tiert nur in der Gegen­wart und ent­steht durch die Inter­ak­ti­on von Jour­na­lis­ten, poli­ti­schen, öko­no­mi­sche und sozia­len Akteu­ren und letzt­lich durch das Inter­es­se eines Publi­kums, das nicht mehr nur Kon­su­ment, son­dern selbst Pro­du­zent poli­ti­scher Infor­ma­ti­on ist. Und sie braucht nicht zuletzt das Enga­ge­ment von For­schern, die sie unter­su­chen, inter­pre­tie­ren und kri­tisch reflek­tie­ren.

Ent­spre­chend müs­sen wir den Titel für die zukünf­ti­ge Arbeit des Année Poli­tique Suis­se abwan­deln: „Sag mir, ob, wo, wie und war­um Du was liest, mit einem ‚like‘ ver­siehst und auf Twit­ter teilst“ – dies sind dann eini­ge der Fra­gen, die sich viel­leicht in den nächs­ten fünf­zig Jah­ren beant­wor­ten las­sen.


Refe­ren­zen

  • Bak­s­hy, E., Mes­sing, S., & Ada­mic, L. A. (2015). Expo­sure to ideo­lo­gi­cal­ly diver­se news and opi­ni­on on Face­book. Sci­ence, 348(6239), 1130–1132.
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