Ein starker Service public fördert das Vertrauen ins Mediensystem

Ein star­ker Ser­vice public för­dert das Ver­trau­en ins Medi­en­sys­tem. Das ist einer der Haupt­be­fun­de der aktu­el­len Medi­en­qua­li­täts-For­schung des fög-For­schungs­in­sti­tut Öffent­lich­keit und Gesell­schaft der Uni­ver­si­tät Zürich, die an der gut besuch­ten Medi­en­kon­fe­renz vom 17. Novem­ber 2016 in Bern vor­ge­stellt wur­den. Das Jahr­buch Qua­li­tät der Medi­en – Schweiz Suis­se Svizze­ra erscheint in die­sem Jahr bereits zum sieb­ten Mal. Neben dem Jahr­buch wur­den in die­sem Jahr auch zwei Ver­tie­fungs­stu­di­en prä­sen­tiert: eine inter­na­tio­nal ver­glei­chen­de Ana­ly­se zum Medi­en­ver­trau­en und eine wei­ter­füh­ren­de Ana­ly­se zu den News-Reper­toires der Schwei­zer Bevöl­ke­rung. 

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Im inter­na­tio­na­len Län­der­ver­gleich ist das Ver­trau­en der hie­si­gen Bevöl­ke­rung in die Schwei­zer Medi­en nach wir vor gross, deut­lich grös­ser als bei­spiels­wei­se in den USA oder in den Län­dern mit Medi­en­sys­te­men, die in der For­schung als „Sou­thern“ bezeich­net wer­den (z.B. Ita­li­en oder Spa­ni­en). Dies zeigt eine Regres­si­ons­ana­ly­se, die auf Umfra­ge­da­ten zur News­nut­zung in 13 Län­dern basiert. Die­se reprä­sen­ta­ti­ven Befra­gun­gen wur­den im Kon­text des «Digi­tal News Report 2016» von der Uni­ver­si­ty of Oxford durch­ge­führt. In die­sem Jahr wur­den erst­mals mit dem fög als Koope­ra­ti­ons­part­ner auch für die Schweiz Daten erho­ben.

Im Ver­gleich die­ser Län­der wird also deut­lich: Ver­trau­en ist offen­bar vom grös­se­ren gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Kon­text abhän­gig. Aber auch Fak­to­ren auf der Indi­vi­du­al­ebe­ne spie­len eine ent­schei­den­de Rol­le. Signi­fi­kant hän­gen Medi­en­sys­tem­ver­trau­en und poli­ti­sche Selbst­ver­or­tun­gen der Befrag­ten zusam­men. Je mehr die Befrag­ten mit poli­ti­schen Flü­gel­par­tei­en sym­pa­thi­sie­ren, des­to grös­ser ist das Miss­trau­en in die Medi­en – bei rechts Ste­hen­den gegen­wär­tig noch stär­ker als bei links Ste­hen­den.

Einen ganz ent­schei­den­den Ein­fluss auf das Medi­en­ver­trau­en hat aber das indi­vi­du­el­le News­nut­zungs­ver­hal­ten. Wer regel­mäs­sig tra­di­tio­nel­le Infor­ma­ti­ons­me­di­en nutzt, ent­wi­ckelt ein grös­se­res Ver­trau­en ins Medi­en­sys­tem. Umge­kehrt geht Ver­trau­en ver­lo­ren, wenn die ritua­li­sier­te Nut­zung pro­fes­sio­nel­ler Infor­ma­ti­ons­me­di­en an Bedeu­tung ver­liert oder News über­wie­gend bis aus­schliess­lich via Soci­al Media kon­su­miert wer­den.

Es zeigt sich zudem, dass wer häu­fig Nach­rich­ten des öffent­li­chen Rund­funks nutzt, ein grös­se­res Ver­trau­en ins Medi­en­sys­tem hat. Die­ser Befund gilt sowohl im inter­na­tio­na­len Ver­gleich als auch für die Schweiz. Es erstaunt des­halb nicht, dass jun­ge Erwach­se­ne ein beson­ders gros­ses Miss­trau­en ins Medi­en­sys­tem äus­sern: In die­ser Alters­grup­pe ist der Anteil der­je­ni­gen, die dem News-Jour­na­lis­mus den Rücken keh­ren, beson­ders hoch.

Medienvertrauen zahlt sich auch für die Branche aus

Ein grund­le­gen­des Ver­trau­en ins Medi­en­sys­tem ist nicht nur gesell­schafts­po­li­tisch bedeut­sam, son­dern auch für die Medi­en­bran­che selbst wich­tig. Ein posi­ti­ves Medi­en­sys­tem­ver­trau­en erhöht näm­lich bei den Nut­ze­rin­nen und Nut­zern die Bereit­schaft, für News zu bezah­len und auch Wer­bung, bei­spiels­wei­se in Form von Online-Ban­nern, zu akzep­tie­ren. Dies heisst letzt­lich, dass die Nut­zung von Ser­vice-public-Ange­bo­ten, die eng mit dem Ver­trau­en, zusam­men­hän­gen ins­ge­samt posi­ti­ve (öko­no­mi­sche) Effek­te auf das Medi­en­sys­tem ins­ge­samt und eben auch für pri­va­te Medi­en hat (vgl. auch Fletcher/Kleis Niel­sen 2016).

Dies ist eine wich­ti­ge Erkennt­nis gera­de in Zei­ten, in denen der öffent­li­che Rund­funk poli­tisch unter Druck steht. Trotz­dem ist klar, dass die „Gra­tis­kul­tur“ in der Schweiz wie auch in den Ver­gleichs­län­dern aus­ge­prägt ist und wohl nicht so leicht zu über­win­den ist. Bei der Zah­lungs­be­reit­schaft für News belegt die Schweiz im inter­na­tio­na­len Ver­gleich einen Platz im Mit­tel­feld.

«News-Deprivierte» bilden heute die grösste Nutzergruppe überhaupt

Die zwei­te Stu­die, die an der dies­jäh­ri­gen Medi­en­kon­fe­renz vor­ge­stellt wur­de, wid­met sich den News­re­per­toires der Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer. Dabei zeigt sich, dass immer weni­ger Per­so­nen ein brei­tes Bün­del an qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Medi­en nut­zen. Basis der Ana­ly­se bil­den Online-Inter­views zum Medi­en­nut­zungs­ver­hal­ten in der Schweiz, die das fög in Zusam­men­ar­beit mit GfK Switz­er­land seit 2009 durch­führt.

Die Ana­ly­se zeigt, dass bereits ein Drit­tel der Schwei­zer Bevöl­ke­rung zur Grup­pe der so genann­ten «News-Depri­vier­ten» gehört. Die­se Nut­zer­grup­pe inter­es­siert sich weit unter­durch­schnitt­lich für pro­fes­sio­nel­le Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te und wenn, dann greift sie auf qua­li­täts­min­de­re Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te zurück oder kon­su­miert News via Soci­al Media. Ihr Anteil stieg in den letz­ten Jah­ren um bemer­kens­wer­te 10 Pro­zent­punk­te von 21 Pro­zent (2009) auf 31 Pro­zent (2016). Es han­delt sich hier um eine Nut­zer­grup­pe, bei denen Jun­ge über­ver­tre­ten sind: Bei den Frau­en unter dreis­sig Jah­ren gehört sogar fast die Hälf­te zu die­ser Grup­pe der “News-Depri­vier­ten”.

Legende:
Die Darstellung bildet den Anteil der Repertoiretypen an der Schweizer Wohnbevölkerung in den Jahren 2009 und 2016 ab.
Quelle: Schneider/Eisenegger (2016).
Lesebeispiel: Der Anteil der «News-Deprivierten» ist seit 2009 um beträchtliche 10 Prozentpunkte auf heute 31 % gestiegen.

Die­se Form des Medi­en­kon­sums hat Aus­wir­kun­gen dar­auf, wie die Gesell­schaft und ihre Pro­ble­me wahr­ge­nom­men wer­den. Fragt man die Men­schen, wel­che The­men sie beach­tet haben, dann erge­ben ihre Ant­wor­ten fol­gen­des Bild: «News-Depri­vier­te» schen­ken vor allem sehr punk­tu­el­len, auf die Per­son zie­len­den oder mora­lisch-emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Ereig­nis­sen wie Kata­stro­phen und Skan­da­len viel Auf­merk­sam­keit. Unter­durch­schnitt­lich beach­tet wer­den The­men aus Poli­tik und Wirt­schaft, die län­ger­fris­ti­ge Pro­zes­se beinhal­ten und die weni­ger emo­tio­nal auf­ge­la­den sind. Der Blick der «News-Depri­vier­ten» auf die Welt ori­en­tiert sich am Empö­ren­den und Bedroh­li­chen, das dann weni­ger gut ein­ge­ord­net wer­den kann. Es ist plau­si­bel anzu­neh­men, dass dies die­se Nut­zer­grup­pe für ver­kürz­te Welt­erklä­run­gen von popu­lis­ti­schen Akteu­ren anfäl­lig macht. Die­se The­se gilt es mit wei­te­ren Daten empi­risch zu prü­fen.

Normatives Qualitätsverständnis wird durch die Bevölkerung gestützt

Das Qua­li­tätssco­ring des fög, mit dem im Jahr­buch die Qua­li­tät der Medi­en gemes­sen und dar­ge­stellt wird, beschei­nigt für das Jahr 2015 den Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­ten des öffent­li­chen Rund­funks und den über­re­gio­na­len, gedruck­ten Abon­ne­ments­zei­tun­gen auch im aktu­el­len Unter­su­chungs­jahr die bes­te Bericht­erstat­tungs­qua­li­tät. Das vom Stif­ter­ver­ein Medi­en­qua­li­tät Schweiz initi­ier­te Pro­jekt Medi­en­qua­li­täts­ra­ting (MQR-16) ermög­lich­te es dem fög in die­sem Jahr erst­mals, die­se Ergeb­nis­se aus der Inhalts­ana­ly­se mit Publi­kums­be­fra­gun­gen zu kop­peln. Dabei zeigt sich, dass die Schwei­zer Bevöl­ke­rung sehr ähn­li­che Qua­li­täts­ein­stu­fun­gen vor­nimmt.

Legende:
Die Darstellung zeigt auf der horizontalen Achse die Ergebnisse der Inhaltsanalyse des Medienangebots (Skala 0 bis 10) sowie auf der vertikalen Achse die Befragungsergebnisse zur Medienqualität (Skala 1 (sehr schlecht) bis 5 (sehr gut)). Die Regressionsgerade (inkl. 95 %-Konfidenzintervall) verdeutlicht die starke Korrelation zwischen Inhaltsanalyse- und Befragungsergebnissen (r = 0.77; p < 0.001) (n Beiträge: 18’365; n Befragte 1’613).
Quelle: fög 2016, S. 50.
Lesebeispiel: Der Typ der «Boulevardzeitungen» erhält in der Inhaltsanalyse einen Qualitätsscore von 4.23. In der Befragung erhält er eine durchschnittliche Bewertung von 3.18. Da der Typ der Boulevardzeitungen unter der Regressionsgeraden liegt, ist der gemessene Score für das Angebot besser als die bei den Befragten erhobene Qualitätsbeurteilung.

Das demo­kra­tie­theo­re­ti­sche Qua­li­täts­ver­ständ­nis, das der Inhalts­ana­ly­se des fög zugrun­de liegt, wird von der Bevöl­ke­rung gestützt. Das gilt für sämt­li­che Befrag­ten­grup­pen, auch jene der jun­gen Erwach­se­nen, die gemäss der Unter­su­chung im Ver­gleich zu den ande­ren Alters­grup­pen mehr Infor­ma­ti­ons­me­di­en von min­de­rer Qua­li­tät nut­zen.

Nut­ze­rin­nen und Nut­zer, die qua­li­täts­min­de­re News kon­su­mie­ren, sind sich also des­sen zumin­dest bewusst. Die gros­se Her­aus­for­de­rung besteht also dem­nach, hier anzu­set­zen und neue Wege zu fin­den, dass Nut­ze­rin­nen und Nut­zer bereit sind, für guten Jour­na­lis­mus auch zu bezah­len. Hier wer­den Ansät­ze auf ver­schie­de­nen Ebe­nen – von der Medi­en­po­li­tik wie Medi­en­för­de­rung, fle­xi­ble­ren Zah­lungs­mo­del­len im Online-Bereich bis hin zu deut­lich mehr Medi­en­kun­de im Bil­dungs­be­reich – not­wen­dig sein. Die Debat­te hier­zu soll­te ver­stärkt geführt wer­den, damit auch in Zukunft die Schweiz über ein gesun­des Medi­en­sys­tem als wich­ti­ger Pfei­ler der (direk­ten) Demo­kra­tie ver­fügt.

Infor­ma­tio­nen zum Pro­jekt Jahr­buch Qua­li­tät der Medi­en

Alle metho­di­schen Anga­ben zum Jahr­buch fin­den sich hier.

Seit sei­nem erst­ma­li­gen Erschei­nen im Jahr 2010 ist das Ziel des Jahr­buchs, die Dis­kus­si­on über die Qua­li­tät der Medi­en zu ver­tie­fen und zu einer Ver­bes­se­rung ihrer Qua­li­tät bei­zu­tra­gen. Es bil­det eine Quel­le für Medi­en­schaf­fen­de, Akteu­re aus Poli­tik und Wirt­schaft, für die Wis­sen­schaft und alle Inter­es­sier­ten, die sich mit der Ent­wick­lung der Medi­en und ihren Inhal­ten aus­ein­an­der­set­zen. Anstoss für das Jahr­buch ist die Ein­sicht, dass die Qua­li­tät der Demo­kra­tie von der Qua­li­tät medi­en­ver­mit­tel­ter Öffent­lich­keit abhängt. Durch das Jahr­buch erhält das Publi­kum einen Mass­stab, wel­chem Jour­na­lis­mus es sich aus­set­zen will, die Medi­en­ma­cher erhal­ten einen Mass­stab, wel­chen Jour­na­lis­mus sie pro­du­zie­ren und ver­ant­wor­ten wol­len, und die Poli­tik erhält Ein­sicht in die Ent­wick­lung des Medi­en­we­sens und in die Res­sour­cen, die dem Infor­ma­ti­ons­jour­na­lis­mus in der Schweiz zur Ver­fü­gung ste­hen.

Wer zeichnet für dieses Jahrbuch verantwortlich?

Das Jahr­buch wird erar­bei­tet und her­aus­ge­ge­ben durch das fög – For­schungs­in­sti­tut Öffent­lich­keit und Gesell­schaft / Uni­ver­si­tät Zürich. Neun wis­sen­schaft­li­che und sie­ben stu­den­ti­sche Mit­ar­bei­ten­de sind an der For­schung betei­ligt und garan­tie­ren die Qua­li­tät der Ana­ly­sen.

Wer finanziert und unterstützt dieses Jahrbuch?

Die Finan­zie­rung des Jahr­buchs wird durch die gemein­nüt­zi­ge Kurt Imhof Stif­tung für Medi­en­qua­li­tät und die Uni­ver­si­tät Zürich ein­ge­bracht. Der Stif­tungs­rat setzt sich zusam­men aus: Chris­ti­ne Eger­s­ze­gi-Obrist, Mark Eisen­eg­ger, Bar­ba­ra Käch, Yves Kugel­mann, Fabio Lo Ver­so, Dick Mar­ty, Oswald Sigg und Peter Stu­der.

Die Stif­tung ver­dankt die Mit­tel für das Pro­jekt fol­gen­den Dona­to­ren: Adolf und Mary Mil-Stif­tung, BAKOM Bun­des­amt für Kom­mu­ni­ka­ti­on, Die Schwei­ze­ri­sche Post AG, Ver­band Inter­phar­ma, Paul Schil­ler Stif­tung, Schwei­ze­ri­sche Mobi­li­ar Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft AG, Zür­cher Kan­to­nal­bank und ver­schie­de­nen Ein­zel­do­na­to­ren.

Bei­trä­ge für die Kurt Imhof Stif­tung für Medi­en­qua­li­tät kön­nen über­wie­sen wer­den auf die Bank­ver­bin­dung: ZKB Zürich-Oer­li­kon – Kon­to­num­mer: 1100–1997.531 – Post­kon­to Bank: 80–151-4, IBAN: CH28 0070 0110 0019 9753 1, Ban­ken­clea­ring-Nr. 700, SWIFT: ZKBKCHZZ80A.

Kon­takt: fög – For­schungs­in­sti­tut Öffent­lich­keit und Gesell­schaft / Uni­ver­si­tät Zürich, Andre­as­stras­se 15, CH-8050 Zürich, Tele­fon: +41 44 635 21 11, E-Mail: kontakt@foeg.uzh.ch.

Wo sind das Jahrbuch, die Studien und weiterführende Informationen erhältlich?

Das Jahr­buch ist in gedruck­ter Form (ISBN 978–3-7965–3550-5) und zusätz­lich als E-Book (ISBN 978–3-7965–3551-2) beim Schwa­be Ver­lag erhält­lich und erscheint jeweils im Herbst. Die Stu­di­en wer­den als sepa­ra­te E-Publi­ka­tio­nen publi­ziert und sind eben­falls beim Schwa­be Ver­lag erhält­lich. Pro Jahr wer­den ca. 2–3 sol­cher Stu­di­en ver­öf­fent­licht.


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Gra­fi­ken

Salim Brüg­ge­mann

Titel­bild

SRF-Fern­seh­stu­dio in Zürich Leut­schen­bach, auf­ge­nom­men von Falk Lade­mann (CC-BY).

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