E-Voting: Breite Unterstützung trotz Sicherheitsbedenken

«Lang­fris­tig sol­len alle Stimm­be­rech­tig­ten elek­tro­nisch abstim­men und wäh­len kön­nen», sag­te die ehe­ma­li­ge Bun­des­kanz­le­rin Cori­na Casa­no­va kürz­lich in einem Gast­bei­trag in der NZZ. Noch ist es indes­sen nicht so weit. Im Vor­feld der Natio­nal­rats­wah­len 2015 wur­de bei­spiels­wei­se neun Kan­to­nen die Bewil­li­gung zum Ein­satz von E-Voting nicht erteilt. In der Bevöl­ke­rung stösst die Ein­füh­rung von E-Voting dafür auf brei­te Zustim­mung, wie unse­re Unter­su­chung zeigt.

Bei den letzt­ma­li­gen eid­ge­nös­si­schen Par­la­ments­wah­len 2015 boten gera­de mal vier Kan­to­ne (GE, LU, BS, NE) die Mög­lich­keit des elek­tro­ni­schen Stim­mens für regis­trier­te Aus­land­schwei­zer Stimm­be­rech­tig­te an. Und nur in den Kan­to­nen Genf und Neu­en­burg erhiel­ten auch in der Schweiz wohn­haf­te Stimm­be­rech­tig­te die Mög­lich­keit, elek­tro­nisch zu wäh­len (rund 96’000 Per­so­nen).

Den neun Kan­to­nen des Kon­sor­ti­ums «Vote élec­tro­ni­que» ver­wei­ger­te der Bun­des­rat hin­ge­gen die Bewil­li­gung zur elek­tro­ni­schen Stimm­ab­ga­be, weil ein vor­gän­gi­ges Audit ergab, dass in deren Sys­tem das Stimm­ge­heim­nis nicht garan­tiert wer­den kön­ne.

Bevölkerung begrüsst E-Voting

Was aber denkt die Bevöl­ke­rung über das E-Voting und inwie­weit teilt sie die Sicher­heits­be­den­ken der Behör­den? Eine vom Umfra­ge­insti­tut LINK im Auf­trag des Zen­trums für Demo­kra­tie Aar­au (ZDA) durch­ge­führ­te Umfra­ge zeigt, dass eine flä­chen­de­cken­de Ein­füh­rung des E-Votings von einer brei­ten Bevöl­ke­rungs­mehr­heit (69%) begrüsst wird. Dabei sind es vor allem die 18 bis 44jährigen, die dar­auf drän­gen (sie­he Abbil­dung 1). Für vie­le von ihnen scheint die Mög­lich­keit des elek­tro­ni­schen Abstim­mens bei­na­he ein Muss zu sein. Heut­zu­ta­ge kön­ne man schliess­lich fast alles über das Inter­net machen, war ein Argu­ment, das von Jun­gen über­durch­schnitt­lich stark unter­stützt wur­de.

Abbildung 1:

Grafik 1

Die­ses «Zeit­geist-Argu­ment» erwies sich als das erklä­rungs­krä­figs­te Argu­ment (sie­he Abbil­dung 2). In Anbe­tracht des­sen, dass die Grup­pe der digi­tal nati­ves  kon­ti­nu­ier­lich wächst, dürf­te der Ruf nach einer flä­chen­de­cken­den Ein­füh­rung des E-Voting dem­nach in Zukunft lau­ter wer­den.

Abbildung 2:

Graph 2

Anmerkung: Effektstärken (odds ratio) der Argumente für die Unterstützung des E-Votings (dichotomisiert), mit 95%-Konfidenzintervall

Die aller­meis­ten Befrag­ten, dar­un­ter auch Geg­ner des E-Votings, ver­bin­den damit vor allem Bequem­lich­keits­vor­tei­le: E-Voting wird als eine beque­me und ver­ein­fach­te Form der Stimm­ab­ga­be ange­se­hen.

Ist E-Voting bloss ein momentaner “digitaler Trend”?

Den­noch befür­wor­ten nicht alle von ihnen eine flä­chen­de­cken­de Ein­füh­rung des E-Votings. Das liegt zum einen dar­an, dass eine erheb­li­che Zahl der Befrag­ten gleich­zei­tig der Ansicht ist, dass die Brief­wahl eigent­lich schon ein­fach genug sei. Dane­ben gibt es aber auch Tra­di­tio­na­lis­ten, die sich pri­mär Sor­gen um den Mei­nungs­bil­dungs­pro­zess machen. Sie glau­ben, dass das E-Voting Teil eines umspan­nen­den, digi­ta­len Trends sei, der dazu füh­re, dass sich Indi­vi­du­en nicht mehr per­sön­lich aus­tau­schen, son­dern nur noch vir­tu­ell, wor­un­ter der Ent­schei­dungs­pro­zess und letzt­lich die Demo­kra­tie­qua­li­tät lei­den wür­de.

Auf­schluss­reich sind die­se Nen­nun­gen, weil die Qua­li­tät der Mei­nungs­bil­dung im Zusam­men­hang mit dem E-Voting sel­ten zur Debat­te steht. Die Umfra­ge zeigt aber, dass sich vor allem die älte­ren Stimm­be­rech­tig­ten dar­um sor­gen.

Viele haben Sicherheitsbedenken

Nach Nach­tei­len des E-Votings gefragt, ant­wor­te­te eine rela­ti­ve Mehr­heit, dass sie Sicher­heits­be­den­ken hät­ten. Mehr als 60 Pro­zent zeig­ten sich bei­spiels­wei­se mit dem Argu­ment ein­ver­stan­den, wonach die Stimm­ab­ga­be über das Inter­net ein­fa­cher mani­pu­liert wer­den kön­ne als bei der brief­li­chen Stimm­ab­ga­be.

Es gibt dem­nach auch in der Bevöl­ke­rung Sor­gen vor Mani­pu­la­ti­ons­ri­si­ken oder Sicher­heits­lü­cken. Nun lies­se sich argu­men­tie­ren, dass es die­sel­ben Risi­ken doch auch bei ande­ren Inter­net­trans­ka­tio­nen gäbe. In der Tat kor­re­lie­ren das Ver­trau­en in Inter­net­trans­ka­tio­nen im Gene­rel­len und das Ver­trau­en in den elek­tro­ni­schen Stimm­ka­nal stark. Aller­dings gibt es eine nicht uner­heb­li­che Zahl von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern, die bei der Abstim­mungs­de­mo­kra­tie mehr Trans­pa­renz und höhe­re Mani­pu­la­ti­ons­re­sis­tenz ver­lan­gen als bei ande­ren, all­täg­li­chen Inter­net­tä­tig­kei­ten.

Abbildung 3: 

Grafik 3

E-Voting muss jedoch inner­halb eines län­ge­ren Zeit­ho­ri­zon­tes betrach­tet wer­den. Die Dis­kus­si­on um E-Voting steht heu­te in etwa da, wo die brief­li­che Stimm­ab­ga­be vor Jahr­zehn­ten stand.

Auch briefliche Stimmabgabe stiess zuerst auf Skepsis

Auch der brief­li­chen Stimm­ab­ga­be wur­de zunächst eine gehö­ri­ge Por­ti­on Skep­sis ent­ge­gen gebracht. Der Kan­ton Tes­sin hat bei­spiels­wei­se erst kürz­lich die flä­chen­de­cken­de brief­li­che Stimm­ab­ga­be bei Wah­len ein­ge­führt – auch des­halb, weil es bis zuletzt Beden­ken dage­gen gab

Unse­re Umfra­ge zeigt aber, dass die brief­li­che Stimm­ab­ga­be inzwi­schen ein fast gleich hohes Ver­trau­en geniesst wie die Stimm­ab­ga­be im Wahl­lo­kal selbst (Abbil­dung 4). Die elek­tro­ni­sche Stimm­ab­ga­be hinkt, was das Ver­trau­en anbe­langt, dies­be­züg­lich noch etwas hin­ter­her. Das Ver­trau­en dar­in ist signi­fi­kant gerin­ger als das­je­ni­ge in den klas­si­schen Stimm­ka­nä­len.

Abbildung 4:

Grafik 4

Anmerkung: Der genaue Wortlaut der Frage lautete: «Beim Stimmen ist es ja wichtig, dass man darauf vertrauen kann, dass die eigene Stimme richtig registriert und gezählt wird. Wie gross ist diesbezüglich Ihr Vertrauen bei den folgenden drei Möglichkeiten der Stimmabgabe? Sagen Sie mir das bitte auf einer Skala von 0 bis 10. 0 bedeutet, dass Sie überhaupt kein Vertrauen haben, 10 bedeutet, dass Sie grösstes Vertrauen haben. Mit den Werten dazwischen können Sie Ihre Meinung abstufen.»

Dabei darf jedoch nicht aus­ser Acht gelas­sen wer­den, dass für die aller­meis­ten Befrag­ten die­se Form der Stimm­ab­ga­be eine ter­ra inco­gni­ta ist. Sie haben die­se Form der Stimm­ab­ga­be selbst noch nie anwen­den kön­nen, womit ihnen auch die ent­spre­chen­den Erfah­rungs­wer­te feh­len, wel­che das Ver­trau­en in die­sen Stimm­ka­nal fes­ti­gen könn­ten.

Ein Hin­weis dar­auf, dass mit der Nut­zung die­ses Instru­ments auch das Ver­trau­en stei­gen könn­te, sind die­je­ni­gen Befrag­ten, die anga­ben, schon mal elek­tro­nisch abge­stimmt zu haben. Ihre Zahl ist zwar gering (n=30), aber sie wie­sen dem E-Voting einen gleich hohen durch­schnitt­li­chen Ver­trau­ens­wert zu wie der brief­li­chen Stimm­ab­ga­be.

Wer hin­ge­gen noch nie die Gele­gen­heit hat­te, elek­tro­nisch zu stim­men (und sie auch nutz­te), steht die­ser Form der Stimm­ab­ga­be deut­lich skep­ti­scher gegen­über. Hier könn­te aller­dings ein selec­tion bias vor­lie­gen, denn wer Ver­trau­en in das E-Voting hat, nutzt den Kanal auch viel eher. Aber auf­grund die­ser Wer­te ist zumin­dest auch denk­bar, dass das Ver­trau­en mit der Nut­zung steigt.

Stimmberechtige denken, dass E-Voting Stimmbeteiliung erhöht

Zuletzt glau­ben vie­le Stimm­be­rech­tig­te, dass sich die Betei­li­gung erhö­hen wür­de, stün­de der elek­tro­ni­sche Stimm­ka­nal offen. Ob die­se Hoff­nun­gen der­einst in Erfül­lung gehen, ist indes frag­lich: Ent­spre­chen­den Par­ti­zi­pa­ti­ons­stu­di­en (z.B. Bochs­ler 2010) gehen von sehr gerin­gen Betei­li­gungs­ef­fek­ten aus und auch die Ein­füh­rung der brief­li­chen Stimm­ab­ga­be erhöh­te die Betei­li­gung damals nur gra­du­ell (Lue­chin­ger et al. 2007). Aber unse­re Befra­gung zeigt immer­hin, dass die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit dem E-Voting posi­ti­ve Effek­te für die Demo­kra­tie­qua­li­tät ver­knüp­fen, was für die Akzep­tanz die­ses Stimm­ka­nals auf jeden Fall för­der­lich ist.

Hin­weis: Die­ser Bei­trag bezieht sich auf: Milic, Tho­mas; McArd­le, Miche­le und Ser­dült, Uwe (2016): Hal­tun­gen und Bedürf­nis­se der Schwei­zer Bevöl­ke­rung zu E-Voting, Stu­di­en­be­rich­te des Zen­trums für Demo­kra­tie Aar­au, Nr. 9 (Sep­tem­ber 2016).


Lite­ra­tur:

  • Bochs­ler, Dani­el (2010) Can Inter­net Voting Increa­se Poli­ti­cal Par­ti­ci­pa­ti­on? Remo­te Elec­tro­nic Voting and Tur­nout in the Esto­ni­an 2007 Par­li­a­men­ta­ry Elec­tions, Pre­sen­ta­ti­on at Inter­net and Voting Con­fe­rence Fie­so­le, 2010. http://www.eui.eu/Projects/EUDO-PublicOpinion/Documents/bochslere-voteeui2010.pdf
  • Lue­chin­ger, Simon, Myra Rosin­ger und Alois Stut­zer (2007). The impact of pos­tal voting on par­ti­ci­pa­ti­on. Evi­dence for Switz­er­land. Swiss Poli­ti­cal Sci­ence Review 13(2): 167–202.   

Lay­out, Gra­fi­ken: Pas­cal Burk­hard

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