Wie Bundesräte ihr Vokabular ändern

Von Bun­des­rä­tin­nen und Bun­des­rä­ten wird gemein­hin erwar­tet, dass sie sich ein Stück weit von ihren Par­tei­en eman­zi­pie­ren und kol­le­gi­al die Gesamt­in­ter­es­sen der Regie­rung ver­tre­ten. Ob und in wel­chem Aus­mass dies tat­säch­lich der Fall ist, wird in den Medi­en immer wie­der kon­tro­vers dis­ku­tiert. Ver­än­dert sich die Wort­wahl von Natio­nal- und Stän­de­rä­ten, wenn sie zu Bun­des­rä­ten wer­den? Ver­tre­ten sie tat­säch­lich die Inter­es­sen der Gesamt­re­gie­rung? Wie die­se Unter­su­chung zeigt, ver­wan­deln sich par­tei­ori­en­tier­te Natio­nal- und Stän­de­rä­te tat­säch­lich in auf ihr Gebiet spe­zia­li­sier­te Bun­des­rä­te.

Ein Gross­teil der Bun­des­rä­tin­nen und Bun­des­rä­te der letz­ten vier Legis­la­tur­pe­ri­oden rekru­tier­te sich aus dem natio­na­len Par­la­ment. So wur­den aus dem Natio­nal- und dem Stän­de­rat seit 1999 je eine Frau und vier Män­ner in den Bun­des­rat gewählt. Nur die drei Bun­des­rä­tin­nen Ruth Metz­ler, Miche­li­ne Cal­my-Rey und Eve­li­ne Wid­mer-Schlumpf hat­ten nie einen Sitz in der natio­na­len Legis­la­ti­ve inne, son­dern ent­stamm­ten ihrer jewei­li­gen Kan­tons­re­gie­rung.

Abbildung 1:

Stammrat

Sämt­li­che im Schwei­zer Par­la­ment seit 1995 gehal­te­nen Reden sind im Voll­text auf der Daten­bank Curia Vis­ta (Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft 2016b) abruf­bar. Die Daten­bank die­ser Par­la­ments­re­den ermög­licht es, sowohl die rede­ge­wand­ten, als auch die eher zurück­hal­ten­den Magis­tra­ten zu iden­ti­fi­zie­ren und Unter­schie­de in der Häu­fig­keit der Wort­mel­dun­gen her­aus­ar­bei­ten. Eben­falls lässt sich durch eine Text­ana­ly­se die­ser Roh­da­ten die Ver­än­de­rung der Wort­wahl von Legis­la­tiv- und Exe­ku­tiv­po­li­ti­kern zu unter­su­chen.

Forscher Alain Berset – zurückhaltender Ueli Maurer

Die obi­gen Magis­tra­ten haben sich mit höchst unter­schied­li­cher Fre­quenz zu Wort gemel­det. Wäh­rend sich SVP Natio­nal­rat Ueli Mau­rer nur 92 Mal zu Wort mel­de­te, tat dies Stän­de­rat Alain Ber­set ins­ge­samt 873 Mal. Auch wenn man berück­sich­tigt, dass Stän­de­rä­tin­nen und Stän­de­rä­te auf­grund ihrer klei­ne­ren Zahl öfters zu Wort kom­men, ist die­ser Unter­schied immer noch frap­pant. Mit 2392 Wort­mel­dun­gen ist im Bun­des­rat Doris Leu­thard die abso­lu­te Spit­zen­rei­te­rin,. Auch hier ist Ueli Mau­rer mit nur 633 Bei­trä­gen das kla­re Schluss­licht.

Abbildung 2:

Wortmeldungen

Berück­sich­tigt man die unter­schied­li­che Amts­dau­er von Bun­des­rä­ten und ver­gleicht den Mit­tel­wert der Wort­mel­dun­gen pro Ses­si­on, so blei­ben die Unter­schie­de bestehen. Alain Ber­set ist nach wie vor mit 24.9 Wort­mel­dun­gen pro Ses­si­on im Stän­de­rat vor­ne. Im Bun­des­rat jedoch über­nimmt Chris­toph Blo­cher die Füh­rungs­po­si­ti­on mit 72.7 Wort­mel­dun­gen pro Ses­si­on. Bun­des­rat Blo­cher kam also in sei­ner kur­zen Amts­zeit von vier Jah­ren auf deut­lich mehr Bei­trä­ge pro Ses­si­on als Bun­des­rä­tin Leu­thard in ihren bis­her neun Jah­ren. Auch wenn man für die Anzahl Ses­sio­nen kon­trol­liert, bleibt Ueli Mau­rer der­je­ni­ge Magis­trat mit den wenigs­ten Wort­mel­dun­gen, sowohl als Legis­la­tiv- als auch als Exe­ku­tiv­po­li­ti­ker.

Über alles gese­hen besteht jedoch kein star­ker Zusam­men­hang zwi­schen der Anzahl der Wort­mel­dun­gen in der Legis­la­ti­ve und der­je­ni­gen in der Exe­ku­ti­ve.

Abbildung 3:

Wortmeldungen

«Le langage politique» – gleich bleibende Wortwahl

Die detail­lier­ten Daten der Curia Vis­ta Daten­bank (Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft 2016b) ermög­licht es auch, die Wort­wahl der zehn Magis­tra­ten vor und nach der Wahl in den Bun­des­rat zu ana­ly­sie­ren.

Ver­gleicht man die am häu­figs­ten ver­wen­de­ten 50 Wör­ter vor und nach der Wahl, so sieht man, dass das Voka­bu­lar im gros­sen und gan­zen gleich geblie­ben ist.

Der Eigen­be­zug inner­halb des poli­ti­schen Sys­tems ist hoch. Die Fre­quenz von Wör­tern wie «Bun­des­rat», «Kom­mis­si­on», «con­seil fédé­ral», etc. zeigt, dass in den Reden vie­le Selbst­re­fe­ren­zen bestehen.

Abbildung 4:

Wordcloud

Treue Parteiexponenten vs. unabhängige Magistraten

Am inter­es­san­tes­ten ist die Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen den ein­zel­nen Per­sön­lich­kei­ten. Schaut man die oft vor der Wahl und sel­ten nach der Wahl ver­wen­de­ten Wör­ter an, so erkennt man einen kla­ren Par­tei­be­zug der ein­zel­nen Poli­ti­ker.

So nimmt z.B. SP Stän­de­rat Alain Ber­set Bezug auf sei­ne Par­tei- und Rats­kol­le­gin Simo­net­ta Som­ma­ru­ga, wäh­rend die bei­den CVP Expo­nen­ten oft expli­zit ihre eige­ne Par­tei erwäh­nen. Bei der FDP sticht Natio­nal­rat Johann Schnei­der-Ammann her­aus, wel­cher sehr oft Bezug auf die FDP Frak­ti­on nimmt. Stän­de­rat Hans-Rudolf Merz auf der ande­ren Sei­te bezieht sich des Öfte­ren auf sei­ne Hei­mat Appen­zell. Ledig­lich bei den SVP Ver­tre­tern las­sen sich kei­ne Refe­ren­zen zur Par­tei aus­ma­chen. Hier fällt jedoch das star­ke Gewicht von wirt­schafts­po­li­ti­schen The­men auf.

Abbildung 5:

Legislative

Schaut man die sel­ten vor der Wahl und oft nach der Wahl ver­wen­de­ten Wör­ter an, so ergibt sich ein kom­plett ande­res Bild. Ver­gli­chen mit den Reden in der Legis­la­ti­ve wei­sen die Bun­des­rä­te jetzt eine gewis­se «défor­ma­ti­on pro­fes­sio­nel­le» auf. Ohne jeg­li­che Vor­kennt­nis­se lässt sich anhand der ver­wen­de­ten Wör­ter die unge­fäh­re Zustän­dig­keit jedes Magis­tra­ten erken­nen:

Abbildung 6:

Exekutive

Innen­mi­nis­ter Alain Ber­sets Voka­bu­lar hat sich sehr auf den Gesund­heits­sek­tor aus­ge­rich­tet, wäh­rend für Par­tei­kol­le­gin Simo­net­ta Som­ma­ru­ga das Asyl­we­sen von gros­ser Bedeu­tung zu sein scheint. Die Wort­wahl des ehe­ma­li­gen EJPD Vor­ste­hers Chris­toph Blo­cher ver­än­der­te sich von der Wirt­schafts­po­li­tik hin zum Jus­tiz-Jar­gon. Die bei­den ande­ren SVP Expo­nen­ten Ueli Mau­rer und Samu­el Schmid sind klar als VBS Vor­ste­her zu erken­nen. Der Ein­fluss des UVEK ist bei Doris Leu­thard klar zu erken­nen, wäh­rend bei Didier Burk­hal­ter die Erfah­rung als Aus­sen­mi­nis­ter im Vor­der­grund steht. Bei Hans-Rudolf Merz und Johann Schnei­der-Ammann zeigt sich das Voka­bu­lar, wel­ches sie sich als Vor­ste­her des Eid­ge­nös­si­schen Finanz­de­par­te­ments ange­eig­net haben.

Am wenigs­ten klar ist die Zuord­nung bei Joseph Deiss, wel­cher jedoch auch zwei ver­schie­de­ne Depar­te­men­te geführt und zudem sei­ne Reden auf Deutsch und auf Fran­zö­sisch gehal­ten hat.

Betreiben Bundesräte auch Parteipolitik?

Die­se Ana­ly­se zeigt, dass sich Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker sowohl in der Legis­la­ti­ve als auch in der Exe­ku­ti­ve in höchst unter­schied­li­chem Mas­se ein­brin­gen. Dabei sind Reden im Par­la­ment nur ein Instru­ment unter vie­len und die Wahl einer bestimm­ten Are­na bringt wohl ein Stück weit auch die Wahl des Inhal­tes mit sich.

Es zeigt sich, dass die Wort­wahl von Par­la­men­ta­ri­ern und Bun­des­rä­ten im Durch­schnitt rela­tiv ähn­lich ist. Der Selbst­be­zug und der Bezug auf das poli­ti­sche Sys­tem bleibt in bei­den Fäl­len gross.

Dif­fe­ren­ziert man hin­ge­gen zwi­schen ein­zel­nen Per­sön­lich­kei­ten, so zeigt sich, dass zuvor eher par­tei­po­li­tisch ori­en­tier­te Äus­se­run­gen einer ver­mehr­ten Aus­rich­tung inner­halb des jewei­li­gen Depar­te­ments gewi­chen sind. Dies stützt ein Stück weit die The­se, dass sich Bun­des­rä­tin­nen und Bun­des­rä­te mehr auf ihr Amt und weni­ger auf die Par­tei­po­li­tik kon­zen­trie­ren. Zumin­dest zeigt die ver­än­der­te Wort­wahl der Magis­tra­ten, dass sie für die Par­tei­po­li­tik ande­re Foren wäh­len als offi­zi­el­le Reden im Schwei­zer Par­la­ment.

Hin­weis: Die­ser Bei­trag erschien am 17. April auf dem Daten­jour­na­lis­mus-Blog des IPZ.  


Titel­bild: Flickr

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