Auch EU-Kommissare denken nicht “europäisch”

Die Briten haben entsch­ieden: Gross­bri­tan­nien soll die Europäis­che Union ver­lassen. Dieser Entscheid zwingt die EU, Ver­tragsän­derun­gen und insti­tu­tionelle Refor­men vorzunehmen. Unsere Analyse zeigt, dass bish­er nicht ein­mal die Kom­mis­sare in der Europäis­chen Kom­mis­sion wirk­lich “europäisch” dacht­en. Das Pro­jekt EU kann nur erfol­gre­ich sein, wenn es sich wieder am alten Ide­al der Sub­sidiar­ität aus­richtet und demokratis­chere Entschei­dung­sprozesse imple­men­tiert. Diese müssen unbürokratisch, trans­par­ent und möglichst nahe an der Bevölkerung sein, um ein Gle­ichgewicht zwis­chen nationalen Inter­essen und gesam­teu­ropäis­chen Ide­al­is­mus zu schaf­fen.

Das wichtig­ste in Kürze: 

  • Die EU möchte sich in Rich­tung Europäis­ch­er Staat entwick­eln. Die Europäis­che Kom­mis­sion wäre der nahe­liegende Kan­di­dat für die Rolle der Exeku­tive im Europäis­chen Staat.

  • Laut Selb­st­dekla­ra­tion der EU-Kom­mis­sion arbeit­en EU-Kom­mis­sare kom­plett unab­hängig und unbee­in­flusst durch ihren nationalen und kul­turellen Hin­ter­grund.

  • Wir zeigen am Beispiel des EU-Agrar­bud­gets aber, dass dem nicht so ist. Die jew­eili­gen Heimatlän­der der Kom­mis­sare wer­den bei der Bud­getal­loka­tion bevorzugt behan­delt. Der Bud­getan­teil des Heimat­landes steigt während der Amt­szeit eines EU-Kom­mis­ars sprung­haft um rund ein Prozent des Gesamt­bud­gets der EU an (entspricht ca. ein­er hal­ben Mil­liarde Euro).

  • Will die EU auf Dauer erfol­gre­ich sein, muss sie ein Gle­ichgewicht zwis­chen nationalen Inter­essen und gesam­teu­ropäis­chem Ide­al­is­mus schaf­fen. Eventuell kann sie dabei sog­ar etwas von der Schweiz ler­nen, z.B. wie sich durch direkt-demokratis­che und bürg­er­na­he Entschei­dung­sprozesse trotz sehr het­ero­gen­er Bevölkerung Sta­bil­ität und Pros­per­ität erre­ichen lassen.

In der bish­eri­gen Refor­mdiskus­sion inner­halb der Europäis­chen Union wollen die Ver­fechter ein­er immer engeren Union die EU langfristig zu einem Europäis­chen Staat mit ein­er echt­en eige­nen Exeku­tive aus­bauen. Existierende Vorschläge ziel­ten meist darauf ab, die Europäis­che Kom­mis­sion in diese Rich­tung zu entwick­eln und sie mit mehr Kom­pe­ten­zen auszus­tat­ten, wie z.B. der Erhe­bung eigen­er Steuern.[1] Auch bei der let­zten Europawahl im Mai 2014 wurde durch die Auf­stel­lung von Jean-Claude Junck­er und Mar­tin Schulz als gesam­teu­ropäis­che Spitzenkan­di­dat­en für das Amt des Kom­mis­sion­spräsi­den­ten impliz­it ein Schritt in dieser angestrebten Wand­lung der Kom­mis­sion vol­l­zo­gen.

EU möchte mehr Kompetenzen auf supranationaler Ebene

Der Fokus der Refor­mde­bat­te lag bish­er auf ein­er weit­eren Ver­lagerung von Kom­pe­ten­zen. Doch die in einem funk­tion­ieren­den und wohlfahrts­fördern­den insti­tu­tionellen Sys­tem wichtige und effek­tive Kon­trolle sowie Rechen­schaft­spflicht darf dabei nicht vergessen wer­den. Bevor die EU-Kom­mis­sion mit weit­eren Kom­pe­ten­zen aus­ges­tat­tet wird, scheint es rat­sam, sys­tem­a­tisch zu über­prüfen, inwiefern sie ihre eige­nen und generell wün­schenswerten Stan­dards an ein ver­ant­wor­tungsvolles Arbeit­en im gesam­teu­ropäis­chen Sinne erfüllt. Laut eigen­er Dekla­ra­tion ver­tritt die EU-Kom­mis­sion „die all­ge­meinen Inter­essen der Union“. Sie soll weisungs­frei agieren; d.h. vor allem unbee­in­flusst von den Regierun­gen der einzel­nen Mit­glied­staat­en. Die EU-Kom­mis­sare soll­ten ihre Arbeit unbee­in­flusst durch Inter­essen ihres Heimat­landes oder ihres kul­turellen und nationalen Hin­ter­grunds ausüben.

Inner­halb der EU gilt das Prinzip „Ein Land – ein Kom­mis­sar“ für die Verteilung der Kom­mis­sar­res­sorts. Allerd­ings ver­suchen die Mit­gliedsstaat­en bei der Beset­zung der einzel­nen Kom­mis­sar­posten mit grossem Aufwand jew­eils „ihrem“ Kan­di­dat­en einen möglichst wichti­gen und ein­flussre­ichen Posten zu sich­ern. Es scheint darum nahe­liegend zu fra­gen, ob es bei diesem Aufwand allein um das Pres­tige dieses Postens oder doch eher um eine möglichst effek­tive Vertre­tung nationaler Inter­essen geht.

Abbildung 1: Mitgliedstaaten der Europäischen Union

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EU-Kommissare versuchen, nationale Interessen durchzusetzen

Es existieren näm­lich genü­gend Beispiele, in denen einzelne EU-Kom­mis­sare bei der Ausübung ihres Amtes die Durch­set­zung nationaler Inter­essen ganz klar im Blick hat­ten. 

Neben mehr oder weniger starkem Patri­o­tismus kön­nten auch die Ver­fol­gung per­sön­lich­er Kar­ri­ereziele der EU-Kom­mis­sare dazu führen, dass sie nationalen Inter­essen zum Durch­bruch ver­helfen wollen. Für die EU-Kom­mis­sare, die am Ende ihrer Amt­szeit ste­hen, ist es vorteil­haft, sich durch Entschei­dun­gen im Inter­esse ihres Heimat­landes für eine erneute Nominierung zu empfehlen. 

Und für die EU-Kom­mis­sare, die mit­ten in ihrer Poli­tik­erkar­riere ste­hen, kann solch­es Ver­hal­ten die Aus­sicht auf einen späteren wichti­gen Posten im Heimat­land erhöhen. Ein promi­nentes Beispiel hier­für war Romano Pro­di, der es nach sein­er Amt­szeit für die EU-Kom­mis­sion zum ital­ienis­chen Min­is­ter­präsi­dent brachte. In bei­den Fällen beste­hen klare Anreize, die Auswirkun­gen der eige­nen Entschei­dun­gen auf das Heimat­land zu berück­sichti­gen.

Beispiele von EU-Kom­mis­saren, die nationale Inter­essen durch­set­zten
Erin­nert sei hier­bei unter anderem an den Ein­satz des ehe­ma­li­gen deutschen Indus­trie-Kom­mis­sars Gün­ter Ver­heugen zur Absenkung der für die Autoin­dus­trie verpflich­t­en­den Emis­sion­sober­gren­zen, die von den eige­nen Kol­le­gen aus der Kom­mis­sion vorgeschla­gen wur­den. Oder der aktuelle franzö­sis­che Kom­mis­sar Pierre Moscovi­ci, der keinen Kon­flikt zwis­chen der Überwachung des Fiskalpak­tes und der öffentlichkeitswirk­samen Unterze­ich­nung eines Aufrufes der in sein­er Heimat regieren­den franzö­sis­chen Sozial­is­ten zur Verge­mein­schaf­tung von Schulden sah. Auch die derzeit­ige tschechis­che Kom­mis­sarin Vera Jourová betonte kurz vor ihrem Amt­santritt, dass sie die Ver­fol­gung tschechis­ch­er Inter­essen in Brüs­sel als ele­mentaren Bestandteil ihrer Auf­gabe sehe – aber selb­stver­ständlich auss­chließlich außer­halb ihrer reg­ulären Arbeit­szeit.[2] 
Zusammenhang zwischen Nationalität EU-Kommissar und Budgetentscheidung

Eine sys­tem­a­tis­che quan­ti­ta­tive Unter­suchung des Zusam­men­hanges zwis­chen Nation­al­ität und Bud­getentschei­dun­gen schien bish­er nicht möglich. Erstens wird eine mess­bare Größe benötigt, die sich objek­tiv ver­gle­ichen lässt und wirtschaftlich rel­e­vant ist. Zweit­ens muss diese Maßzahl über einen lan­gen Zeitraum nach Mit­glied­slän­dern unterteilt vor­liegen. Bei­des ist in der EU für die jew­eili­gen Bud­gets der Kom­mis­sare nicht der Fall. In unser­er aktuellen Studie lösen wir diese Prob­lematik, indem wir uns auf die Verteilung des EU-Agrar­fonds (Europäis­ch­er Aus­rich­tungs– und Garantie­fonds für die Land­wirtschaft, EAGFL) konzen­tri­eren, welch­er klar den einzel­nen Empfänger­län­dern zuge­ord­net wer­den kann. Die Aus­gaben dieses Fonds machen nicht nur einen Großteil der gesamten EU-Aus­gaben aus (s. Abb. 2), son­dern sind auch ein­deutig in der alleini­gen Ver­ant­wor­tung des jew­eili­gen Land­wirtschaft­skom­mis­sars.

Abbildung 2: Die Ausgabenstruktur der EU (Datenquelle: Europäische Kommission)

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Unsere Analyse basiert auf Dat­en des Europäis­chen Rech­nung­shofes und umfasst alle Mit­glied­slän­der im Zeitraum von 1979 bis 2006 (Schnei­der 2013). Als abhängige Vari­able wählen wir aus tech­nis­chen Grün­den den Anteil eines Mit­glied­s­lands am gesamten EU- Bud­get pro Jahr.[3] Um eine kausale Inter­pre­ta­tion unser­er Ergeb­nisse zu ermöglichen, kon­trol­lieren wir unter anderem auf weit­ere rel­e­vante Fak­toren in den jew­eili­gen Heimatlän­dern.

Es ist beispiel­sweise möglich, dass die Wahrschein­lichkeit den Agrarkom­mis­sar zu stellen für Staat­en, in denen der Agrarsek­tor einen Auf­schwung erlebt, höher ist. Durch die Berück­sich­ti­gung dieses Fak­tors stellen wir sich­er, dass wir einen höheren Bud­getan­teil nicht fälschlicher­weise ein­er Bevorzu­gung des Heimat­landes zuschreiben, während er eigentlich durch struk­turelle Verän­derun­gen im jew­eili­gen Land verur­sacht wird. Außer­dem kon­trol­lieren wir auch auf EU Skep­sis in der Bevölkerung, bevorste­hen­den Wahlen, das Wohl­stand­sniveau, die Arbeit­slosigkeit und andere Fak­toren, welche eine Bud­geter­höhung zugun­sten des Heimat­landes verur­sachen kön­nten.[4]

Eine halbe Milliarde mehr für das Land, aus dem der Kommissar kommt

Trotz­dem find­en wir in unser­er Haupt­spez­i­fika­tion einen hochsig­nifikan­ten pos­i­tiv­en Zusam­men­hang zwis­chen der Beset­zung des Agrarkom­mis­sar­postens und dem Bud­getan­teil. Gut ersichtlich ist der sprung­hafte Anstieg nach Dien­stantritt der Kom­mis­sare in Abbil­dung 3. Während der Amt­szeit eines Kom­mis­sars (Abb. 3, alle Jahre im Amt als t beze­ich­net) wächst der Bud­getan­teil sig­nifikant. Der Anteil des Heimat­landes am gesamten EU-Bud­get steigt dabei um unge­fähr einen Prozent­punkt. Umgerech­net auf ein durch­schnit­tlich großes EU-Land und das EU-Bud­get aus dem Jahre 2006 geht es damit um ca. 500 Mil­lio­nen Euro. Klar zu erken­nen ist auch, dass vor Amt­santritt kein­er­lei Anze­ichen für diesen Anstieg zu erken­nen sind. Nach der Amt­szeit des Kom­mis­sars bleiben die Anteile in den ersten Fol­ge­jahren noch leicht erhöht, näh­ern sich dann aber wieder ihrem vorheri­gen Wert an.

Abbildung 3: Effekt des Agrarkommissars auf den Budgetanteil seines Heimatlandes (graue Schattierung: 95% Konfidenzintervall)

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Dieser Zusam­men­hang bleibt auch beste­hen, wenn wir ökonometrisch auf unter­schiedlich spez­i­fizierte län­der­spez­i­fis­che Trends in der abhängi­gen Vari­able kon­trol­lieren. Weit­er­hin wird er nicht durch einzelne Län­der in der Stich­probe erk­lärt: Das Ergeb­nis bleibt qua­si iden­tisch, unab­hängig davon, welch­es der Mit­glied­slän­der wir aus der Spez­i­fika­tion auss­chließen. Auch wenn wir zusät­zlich auf die Verän­derungsrat­en in unseren Kon­trol­l­vari­ablen kon­trol­lieren, ändert sich das Ergeb­nis nicht. Eine ökonometrische Abschätzung ergibt, dass auch eine bei nicht-exper­i­mentellen Stu­di­en stets mögliche Verz­er­rung durch unbeobachtete Vari­ablen unre­al­is­tisch hoch sein müsste, um einen der­ar­tig großen Effekt erk­lären zu kön­nen.

Zu viele Fehlanreize innerhalb der EU

Zuallererst sollte das jet­zige Auswahlver­fahren für die Kom­mis­sar­posten auf den Prüf­s­tand gestellt wer­den. Auf­grund der stark angewach­se­nen Zahl der Mit­glied­slän­der gibt es eine Vielzahl sich oft über­lap­pen­der oder schlicht unnötiger Posten.[5] Die Kan­di­dat­en für diese Posten wer­den von ihren Heimatlän­dern aus­gewählt, bevor über­haupt fest­ste­ht, welchen Posten das Land (bzw. die Kan­di­dat­en) bekom­men wer­den. Das „Ein Land – ein Kommissar“-Prinzip insti­tu­tion­al­isiert die Abhängigkeit der Kom­mis­sare von ihrem Heimat­land gewis­ser­maßen und set­zt zu viele Anreize, entsprechend zu han­deln.

Nun wäre es natür­lich naiv zu glauben, dieses Sys­tem ließe sich ohne weit­eres ändern. Aber sollte die EU-Kom­mis­sion eines Tages wirk­lich mit den Kom­pe­ten­zen ein­er nation­al­staatlichen Exeku­tive aus­ges­tat­tet wer­den, wäre es ver­heerend, diese Fehlanreize und Struk­turen nicht vorher zu beseit­i­gen. Die Auswahl der EU-Kom­mis­sare muss vor allem deren Eig­nung stärk­er berück­sichti­gen. Zudem muss sich die Anzahl der Posten am tat­säch­lichen Bedarf und einem effizien­ten Ressortzuschnitt ori­en­tieren.

Etwas mehr Schweiz für die EU

Die Präferen­zen inner­halb der EU sind stark het­ero­ge­nen. Darum kön­nte für eine mögliche Kom­mis­sion­sregierung an Stelle des üblichen Mehrheit­sprinzips auch über das Prinzip ein­er Konko­r­danzregierung nachgedacht wer­den. Ein gewiss­er Grad an nationaler Inter­essen­vertre­tung ist grund­sät­zlich nie auszuschließen und in gewis­sem Maße, beispiel­sweise bei direkt gewählten Abge­ord­neten, auch erwün­scht. Verz­er­run­gen wie die von uns doku­men­tierten find­en sich auch auf anderen Ebe­nen in vie­len Län­dern Europas, genau­so in den USA. Das wiederum führt uns zu der weit­erge­hen­den Frage, welche Struk­turen und Refor­men empfehlenswert sind in ein­er EU, in der die nationale Herkun­ft in abse­hbar­er Zeit weit­er­hin eine Rolle spie­len wird.

«Wir sind der Überzeu­gung, dass die finale Entschei­dung, welche Inte­gra­tionss­chritte wün­schenswert sind, ein­er demokratis­chen Entschei­dung der europäis­chen Völk­er bedarf.»

Kai Gehring, Stephan Schnei­der

Ökonomis­che Stu­di­en wie die unsere kön­nen dabei zur objek­tiv­en Beurteilung und Trans­parenz beitra­gen. Eben­so lassen sich aus der ökonomis­chen The­o­rie wichtige Hand­lungsempfehlun­gen für die Sinnhaftigkeit weit­er­er Inte­gra­tionss­chritte ableit­en. Bei der Entschei­dung, ob die Zen­tral­isierung eines bes­timmten Poli­tik­felds wün­schenswert ist, ist die Exis­tenz zweier Fak­toren von entschei­den­der Bedeu­tung: Exter­nal­itäten und Skalen­ef­fek­te.

Exter­nal­itäten bedeuten hier­bei, dass eine Entschei­dung in einem Mit­gliedsstaat auch sig­nifikante Auswirkun­gen auf die anderen Mit­glieder hat, welche bei der lokalen Entschei­dungs­find­ung nur unzure­ichend berück­sichtigt wer­den. Skalen­ef­fek­te existieren, wenn der Preis für die Bere­it­stel­lung eines öffentlichen Gutes pro Ein­heit sinkt, je mehr davon pro­duziert wird. In diesen Fällen kann es sin­nvoll sein, eine Entschei­dung zu zen­tral­isieren, um die für Gesam­teu­ropa opti­male Entschei­dung zu fällen.

Solche Fälle find­en sich z.B. im Bere­ich der Wet­tbe­werbs-, Energie-, und Vertei­di­gungspoli­tik. Bei der Vertei­di­gungspoli­tik prof­i­tiert jed­er Mit­gliedsstaat von ein­er erhöht­en Sicher­heit, gle­ichzeit­ig beste­ht aber die Gefahr, dass einzelne Mit­gliedsstaat­en „free-riden“ und sich für ihre Sicher­heit auf den Anstren­gun­gen der anderen aus­ruhen. Von ein­er gemein­samen europäis­chen Armee kön­nten alle Europäer prof­i­tieren, da sie ein öffentlich­es Gut darstellt.

Zu beacht­en ist, dass durch eine Zen­tral­isierung von Poli­tik­bere­ichen ohne Exter­nal­itäten oder Skalen­ef­fek­te keine wohlfahrts­fördern­den Entwick­lun­gen zu erwarten ist, da durch diese Zen­tral­isierung auch poli­tis­che und ökonomis­che Kosten entste­hen. Erstens sind die jew­eili­gen Akteure für eine effiziente Entschei­dungs­find­ung in vie­len Fällen entschei­dend auf pri­vate Infor­ma­tio­nen lokaler Akteure angewiesen, welche die zen­trale Instanz nicht unbe­d­ingt voll­ständig erlan­gen oder über­prüfen kann (siehe Dreher et al., 2015).[6] Zweit­ens entste­hen bei ein­er Zen­tral­isierung zusät­zliche Kosten durch die Het­ero­gen­ität der Wäh­ler­präferen­zen in den Mit­gliedsstaat­en. Eine europäis­che Entschei­dungs­find­ung auf der Basis von Mehrheit­sentschei­dun­gen würde naturgemäß die Inter­essen der Min­der­heit über­stim­men.

Konkret würde dies bedeuten, dass auch ein großer Staat wie Deutsch­land in ver­schiede­nen Bere­ichen über­stimmt wer­den kön­nte. Der Atom­austieg und die damit ver­bun­dene Belas­tung der Strom­net­ze in den Nach­barstaat­en? Wohl nicht mehrheits­fähig. Die aktuelle Flüchtlingspoli­tik? Die entste­hen­den Mehrheit­en in ein­er hypo­thetis­chen Abstim­mung lassen sich leicht erah­nen. Umstrit­tene Mil­itärein­sätze? Ja, auch das. Eine echte europäis­che Armee wäre nur funk­tions­fähig, wenn kein Mit­glied­staat gegen die Mehrheit der anderen ein­fach seine Sol­dat­en aus gemein­samen Ein­heit­en abziehen kön­nte.

Diese Über­legun­gen zeigen, dass es kein­er ein­seit­i­gen Schwarz-Weiß-Diskus­sion um ein generelles Mehr oder Weniger an Inte­gra­tion bedarf. Vielmehr soll­ten für jeden einzel­nen Poli­tik­bere­ich die pos­i­tiv­en Wohlfahrt­sef­fek­te mit den entste­hen­den Kosten abgeglichen wer­den, um dann ziel­gerichtete, bere­ichsspez­i­fis­che Entschei­dun­gen unter Beteili­gung der Bürg­er zu tre­f­fen.

Tat­säch­lich kön­nte die Umset­zung des Brex­it dazu sog­ar etwas Pos­i­tives beitra­gen, indem sie die Chance für notwendi­ge Ver­tragsverän­derun­gen eröffnet. Denn die Europäis­che Union kann auf Dauer nur erfol­gre­ich sein, wenn sie ein Gle­ichgewicht zwis­chen nationalen Inter­essen und gesam­teu­ropäis­chem Ide­al­is­mus schafft, das gle­icher­maßen Raum für regionale Vielfalt als auch Pro­jek­te im Sinne der gemein­samen europäis­chen Idee bietet.

Ref­eren­zen:

  • Dreher, Axel, Kai Gehring, Chris­tos Kot­so­gian­nis und Sil­via March­esi. “Infor­ma­tion trans­mis­sion with­in fed­er­al fis­cal archi­tec­tures: The­o­ry and evi­dence.”, Uni­ver­si­ty of Zurich CIS Work­ing Paper No. 85 (2015). Down­load hier: www.kai-gehring.net

  • Gehring, Kai und Stephan Schnei­der. “Towards the Greater Good? EU Com­mis­sion­ers’ Nation­al­i­ty and Bud­get Allo­ca­tion in the Euro­pean Union”, Uni­ver­si­ty and ETH Zurich CIS Work­ing Paper No. 86 (2016). Down­load hier: www.kai-gehring.net

  • Schnei­der, Christi­na J. “Glob­al­iz­ing Elec­toral Pol­i­tics: Polit­i­cal Com­pe­tence and Dis­tri­b­u­tion­al Bar­gain­ing in the Euro­pean Union.”, World Pol­i­tics, 65(3), 452–490 (2013)


[1] http://www.zeit.de/2011/28/EU-Steuer-Pro-Contra, http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2013/05/reform-des-eigenmittelsystems-der-eu/, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/haushalt-deutschland-wehrt-sich-gegen-eu-steuer-17192.html

[2] Das wörtliche Zitat ist auf Radio Pra­ha unter http://www.radio.cz/en/section/curraffrs/minister-vera-jourova-nominated-for-czech-eu-commissioner zu find­en.

[3] Neuere Dat­en sind inzwis­chen ver­füg­bar, jedoch wurde der EAGFL 2007 durch zwei neue Fonds erset­zt und die Dat­en in verän­dert­er Weise pub­liziert. Um bessere Ver­gle­ich­barkeit zu gewährleis­ten, haben wir uns daher dafür entsch­ieden, die Beobach­tungspe­ri­ode nicht weit­er auszudehnen. Anteile eignen sich bess­er für die Analyse, da sich auch das Gesamt­bud­get im Zeitablauf verän­dert und damit natür­lich auch die absoluten Beträge, die jedes Mit­glied­s­land erhält.

[4] Zusät­zlich kon­trol­lieren wir auf unbeobachtete zeitkon­stante Unter­schiede zwis­chen den Mit­gliedsstaat­en durch län­der­fixe Effekt und auf gemein­same Schocks, welche alle Staat­en gle­icher­maßen betr­e­f­fen, durch zeit­fixe Effek­te.

[5] So gibt es beispiel­sweise ein Ressort für für „Dig­i­tale Wirtschaft und Gesellschaft“, aber auch „Dig­i­taler Bin­nen­markt“ sowie „Bin­nen­markt, Indus­trie, Unternehmer­tum und KMU“. Generell über­steigt die Anzahl und Aufteilung alle ver­gle­ich­baren nation­al­staatlichen Struk­turen.

[6] Diese Infor­ma­tion­sun­ter­schiede und die man­gel­nde Qual­ität der aus­ge­tauscht­en Infor­ma­tio­nen zwis­chen zen­traler und lokaler Instanz kön­nen zu schlechteren oder verz­er­rten Poli­tikentschei­dun­gen führen. Als Beispiel sei hier der massen­hafte Miss­brauch von EU Fördergeldern in einzel­nen Mit­gliedsstaat­en genan­nt, unter anderem verur­sacht durch die Schwierigkeit, den echt­en lokalen Bedarf zu ermit­teln und die Ver­wen­dung effek­tiv zu kon­trol­lieren.


Titel­bild: Flickr

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