Passives Ausländerwahlrecht statt Kandidatenmangel

Könn­te das pas­si­ve Wahl­recht für Aus­län­der dem Per­so­nal­man­gel für poli­ti­sche Ämter in klei­nen Gemein­den ent­ge­gen­wir­ken? Die Denk­fa­brik Ave­nir Suis­se ana­ly­siert in einer Stu­die, wie das pas­si­ve Wahl­recht für Aus­län­der auf Gemein­de­ebe­ne genutzt wird. Zwi­schen der Deutsch­schweiz und der Roman­die zei­gen sich dies­be­züg­lich deut­li­che Unter­schie­de. 

Aarauer Demokratietage

In einer im Herbst 2015 erschie­ne­nen Stu­die hat sich Ave­nir Suis­se mit dem pas­si­ven Wahl­recht für Aus­län­der auf Gemein­de­ebe­ne befasst, also dem Recht, ohne Schwei­zer Natio­na­li­tät in ein kom­mu­na­les Amt gewählt wer­den zu kön­nen (vgl. Info­box «Unter­schied­li­che poli­ti­sche Rech­te»). Ziel der Stu­die war es, Daten zur Exis­tenz und zur Nut­zung des pas­si­ven Wahl­rechts in der Schweiz zu sam­meln und damit eine bestehen­de Wis­sens­lü­cke zu schlies­sen.

Die kla­re the­ma­ti­sche Begren­zung die­ser Stu­die mag auf den ers­ten Blick erstau­nen, aber sie hat zwei gute Grün­de: Die Fokus­sie­rung auf das pas­si­ve Wahl­recht rührt ers­tens daher, dass die Idee für die­se Unter­su­chung wäh­rend den Arbei­ten an einem Buch zum Miliz­sys­tem ent­stand. Auf der Suche nach Lösun­gen für das kri­seln­de Miliz­sys­tem stand die Fra­ge im Raum, ob der Ein­be­zug der aus­län­di­schen Bevöl­ke­rung dem Kan­di­da­ten­man­gel für poli­ti­sche Ämter ent­ge­gen­wir­ken könn­te. In die­sem spe­zi­fi­schen Kon­text spie­len die übri­gen poli­ti­schen Rech­te eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Da, zwei­tens, das pas­si­ve Wahl­recht für Aus­län­der ledig­lich in eini­gen Kan­to­nen exis­tiert und dort auch nur auf kom­mu­na­ler Stu­fe gilt, ist die Unter­su­chung zwangs­läu­fig auf die Gemein­de­ebe­ne beschränkt.

INFOBOX: Unter­schied­li­che poli­ti­sche Rech­te

Unter dem Begriff der poli­ti­schen Rech­te sind meh­re­re For­men der Betei­li­gung zusam­men­ge­fasst:

  • Mit­be­stim­mungs­recht: Das Recht der Teil­nah­me an Unter­schrif­ten­samm­lun­gen für Peti­tio­nen, Refe­ren­den oder Initia­ti­ven;

  • Stimm­recht: Das Recht, sich zu einem The­ma zu äus­sern, das zur Abstim­mung gebracht wur­de, etwa im Rah­men eines Refe­ren­dums oder einer Volks­in­itia­ti­ve;

  • Akti­ves Wahl­recht: Das Recht, Kan­di­da­ten zu wäh­len, die für ein poli­ti­sches Amt zur Ver­fü­gung ste­hen;

  • Pas­si­ves Wahl­recht: Das Recht, selbst für ein poli­ti­sches Amt zu kan­di­die­ren und gewählt zu wer­den.

Das pas­si­ve Wahl­recht kann gewis­ser­mas­sen als höchs­tes der poli­ti­schen Rech­te bezeich­net wer­den. Oft wer­den Stimm- und akti­ves Wahl­recht erteilt, nicht aber das pas­si­ve Wahl­recht. So bei­spiels­wei­se auf Kan­tons­ebe­ne in Neu­en­burg und Jura oder auf Gemein­de­ebe­ne im Kan­ton Genf.

Passives Wahlrecht in einem Viertel aller Gemeinden

Aktu­ell ist das pas­si­ve Wahl­recht für Aus­län­der in den sie­ben Kan­to­nen Jura, Appen­zell-Aus­ser­rho­den, Waadt, Grau­bün­den, Frei­burg, Basel-Stadt und Neu­en­burg in Kraft. Aller­dings mit einem wesent­li­chen Unter­schied zwi­schen der Deutsch­schweiz und der Roman­die: Wäh­rend das pas­si­ve Wahl­recht in den West­schwei­zer Kan­to­nen für alle Gemein­den gilt, über­las­sen es die drei Deutsch­schwei­zer Kan­to­ne ihren Gemein­den, ob sie den aus­län­di­schen Ein­woh­nern das pas­si­ve Wahl­recht gewäh­ren wol­len («Opting-in»). In Grau­bün­den machen 22 der 125 Gemein­den davon Gebrauch, im Kan­ton Appen­zell-Aus­ser­rho­den sind es 3 von 20, in Basel-Stadt kei­ne ein­zi­ge. Schweiz­weit gewäh­ren 600 Gemein­den mit gesamt­haft mehr als einer Mil­li­on Ein­woh­ner das pas­si­ve Wahl­recht. Das ent­spricht rund einem Vier­tel aller Gemein­den.

Abbildung 1:

Passives Auslaenderwahlrecht

Gros­se Unter­schie­de gibt es dabei auch hin­sicht­lich der Anfor­de­run­gen an die Wohn­sitz­dau­er, die für die Ertei­lung des pas­si­ven Wahl­rechts erfüllt wer­den müs­sen. Frei­burg, Neu­en­burg und die Mehr­heit der Gemein­den in Grau­bün­den ertei­len das pas­si­ve Wahl­recht frü­hes­tens nach fünf Jah­ren, wäh­rend man in den Kan­to­nen Waadt, Jura und Appen­zell-Aus­ser­rho­den sowie in ein­zel­nen Gemein­den des Kan­tons Grau­bün­den für min­des­tens zehn Jah­re in der Schweiz wohn­haft sein muss.

Wo werden Ausländer gewählt?

Erstaun­li­cher­wei­se ging noch kei­ne Stu­die die­ser Fra­ge gesamt­schwei­ze­risch auf den Grund. Des­halb hat sich Ave­nir Suis­se ent­schie­den, mit­tels eines Online-Fra­ge­bo­gens bei den Gemein­den, die das pas­si­ve Aus­län­der­wahl­recht haben, nach­zu­ha­ken (vgl. Info­box «Online-Umfra­ge, Metho­de und Ein­schrän­kun­gen). Für die 317 Gemein­den, die an der Umfra­ge teil­ge­nom­men haben, erga­ben sich fol­gen­de Resul­ta­te:

  • In 37 Gemein­den wur­de bereits ein Aus­län­der in die Exe­ku­ti­ve gewählt. Die Mehr­heit die­ser Gemein­den befin­det sich in den Kan­to­nen Waadt (20) und Frei­burg (12), eini­ge im Jura (3), und nur jeweils eine in den Kan­to­nen Neu­en­burg und Appen­zell-Aus­ser­rho­den.

  • Ins­ge­samt wur­den bis­her 39 Aus­län­der in die Exe­ku­ti­ve gewählt. Davon sind 19 aktu­ell noch im Amt. Die­se sind in den Kan­to­nen Waadt (11), Frei­burg (5), Jura (2) und Neu­en­burg (1) poli­tisch aktiv.

  • In 177 Gemein­den nah­men bereits Aus­län­der an der Gemein­de­ver­samm­lung teil oder wur­den in die Legis­la­ti­ve gewählt. Besag­te Gemein­den lie­gen in den Kan­to­nen Waadt (110), Frei­burg (41), Neu­en­burg (11), Jura (9) und Grau­bün­den (6).

  • Der­zeit enga­gie­ren sich 148 Aus­län­der aktiv in Gemein­de­le­gis­la­ti­ven (inkl. Gemein­de­ver­samm­lun­gen), davon die gros­se Mehr­heit im Kan­ton Waadt (115), aber auch in Neu­en­burg (15), Frei­burg (11) und Jura (5). Im Kan­ton Appen­zell-Aus­ser­rho­den sind zwei Aus­län­der in der Legis­la­ti­ve aktiv.

  • Gesamt­schwei­ze­risch waren in der Ver­gan­gen­heit 132 Aus­län­der in Gemein­de­le­gis­la­ti­ven aktiv.

Das kriselnde Milizsystem beleben

Die rela­tiv tie­fen Fall­zah­len bele­gen, dass sowohl aktu­ell als auch in der Ver­gan­gen­heit wenig Aus­län­der in poli­ti­sche Ämter gewählt wur­den, beson­ders in der Exe­ku­ti­ve. Dies ist u.a. Aus­druck davon, dass die poli­ti­schen Rech­te für Aus­län­der Vie­len unbe­kannt sind. Deut­li­che Unter­schie­de zei­gen sich zwi­schen der Deutsch­schweiz, wo aktu­ell zwei Aus­län­der poli­tisch aktiv sind, und der Roman­die, die in Legis­la­ti­ve und Exe­ku­ti­ve 165 akti­ve Aus­län­der zählt. Auf­fal­lend ist auch, dass 13 der ins­ge­samt 19 aus­län­di­schen Exe­ku­tiv­po­li­ti­ker in klei­nen Gemein­den mit weni­ger als tau­send Ein­woh­nern tätig sind (vgl. Abbil­dung 2).

Abbildung 2:

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Die­se Beob­ach­tung ist beson­ders mit Blick auf das Miliz­sys­tem inter­es­sant, bekun­den doch zumeist klei­ne­re Gemein­den Mühe, pas­sen­de Kan­di­da­ten zu fin­den. Vor die­sem Hin­ter­grund emp­fiehlt Ave­nir Suis­se: Kan­to­ne, die aktu­ell kein pas­si­ves Wahl­recht für Aus­län­der ken­nen, sol­len es ihren Gemein­den erlau­ben, den aus­län­di­schen Ein­woh­nern das pas­si­ve Wahl­recht (inkl. die ande­ren poli­ti­schen Rech­te auf kom­mu­na­ler Ebe­ne) zu ertei­len («Opting-in»). Die Kri­te­ri­en dafür müss­ten deut­lich locke­rer sein als bei der Ein­bür­ge­rung. So könn­te das Miliz­sys­tem wie­der belebt wer­den, mit dem schö­nen Neben­ef­fekt eines posi­ti­ven Ein­flus­ses auf die Inte­gra­ti­on aus­län­di­scher Mit­be­woh­ner.

INFOBOX: Online-Umfra­ge, Metho­de und Ein­schrän­kun­gen

Von April bis Mai 2015 hat Ave­nir Suis­se eine Umfra­ge bei den Gemein­de­kanz­lei­en der 600 Schwei­zer Gemein­den mit pas­si­vem Aus­län­der­wahl­recht durch­ge­führt (Stand der Resul­ta­te: Juni 2015). Der kur­ze Online-Fra­ge­bo­gen (Dau­er: 10 Minu­ten), wur­de zur bes­se­ren Ver­ständ­lich­keit an die kan­to­na­len Gege­ben­hei­ten ange­passt. Der Kata­log umfasst Fra­gen zur Anzahl gewähl­ter Exe­ku­tiv- und Legis­la­tiv­po­li­ti­ker (frü­her und heu­te) sowie zu den akti­ven Aus­län­dern auf Stu­fe Legis­la­ti­ve, die nicht gewählt wer­den müs­sen (Gemein­de­ver­samm­lung).

Die Rück­lauf­quo­te der Umfra­ge ist mit 52,8% – also 317 ant­wor­ten­de Gemein­den – zufrie­den­stel­lend. Die ein­woh­ner­stärks­ten Gemein­den der jewei­li­gen Kan­to­ne haben an der Umfra­ge teil­ge­nom­men. Eine Extra­po­la­ti­on der Ergeb­nis­se auf die Gemein­den, die nicht an der Umfra­ge teil­ge­nom­men haben, ist den­noch nicht mög­lich. Auch nicht erfasst wur­de, wie vie­le Aus­län­der sich erfolg­los zur Wahl gestellt haben. Die Qua­li­tät und Genau­ig­keit der Ant­wor­ten hängt letzt­lich stark von der Ver­füg­bar­keit der Infor­ma­tio­nen und der Zeit der Umfra­ge­teil­neh­mer in den Gemein­den ab.


Lite­ra­tur: 

  • Adler, Tibè­re, Moret, Hugo, Pomez­ny, Nico­le und Schle­gel, Tobi­as (2015): Pas­si­ves Wahl­recht für akti­ve Aus­län­der. Pas­si­ves Wahl­recht für akti­ve Aus­län­der Mög­lich­kei­ten für poli­ti­sches Enga­ge­ment auf Gemein­de­ebe­ne. Ave­nir Suis­se, Zürich. (DE/FR/IT).

  • Mül­ler, Andre­as (2015): Bür­ger­staat und Staats­bür­ger­schaft. Miliz­po­li­tik zwi­schen Mythos und Moder­ne.  Ave­nir Suis­se und Ver­lag Neue Zür­cher Zei­tung, Zürich. (DE/FR/IT).

Foto: Wiki­me­dia Com­mons

Lek­to­rat, Gra­phik & Lay­out: Pas­cal Burk­hard

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