Abstimmungen: Nur wenige gehen immer oder nie an die Urne

Nur ein sehr klein­er Teil der Bevölkerung geht immer oder nie abstim­men. Die Mehrheit der Schweiz­erin­nen und Schweiz­er nimmt selek­tiv an Volksab­stim­mungen teil. Dies ste­ht im Gegen­satz zur öffentlichen und wis­senschaftlichen Debat­te. Diese konzen­tri­ert sich stark auf eine binäre Unter­schei­dung zwis­chen Abstim­menden und Absti­nen­ten.

In der Forschung zur Par­tizipa­tion geht man davon aus, dass Bürg­erin­nen und Bürg­er entwed­er immer oder nie an die Urne gehen. Diese schwarz-weisse Betra­ch­tungsweise ist aber zu ein­fach, wie eine neue Analyse von offiziellen Dat­en aus dem Kan­ton Genf zeigt. Die meis­ten Stimm­bürg­erin­nen und Stimm­bürg­er gehören zur Gruppe der selek­tiv Par­tizip­ieren­den. Das heisst, dass sie bei gewis­sen Abstim­mungen teil­nehmen und bei anderen Abstim­mungen der Urne fern bleiben.

Abbildung 1:

Teilnahme an Abstimmungen

In der Grafik wur­den Per­so­n­en, die an allen oder kein­er der unter­sucht­en Abstim­mungen teilgenom­men haben, vio­lett einge­färbt. Die weisse Fläche zeigt den Anteil der selek­tiv Teil­nehmenden. Der Start­punkt der Analyse ist die Abstim­mung vom 26. Sep­tem­ber 2004. Konzen­tri­eren wir uns nur auf diese eine Abstim­mung, ist eine schwarz-weisse Betra­ch­tungsweise gerecht­fer­tigt: 61 Prozent der Gen­ferin­nen und Gen­fer gin­gen zur Urne, 39 Prozent blieben zu Hause.

Erweit­ern wir den Beobach­tung­shor­i­zont um eine Abstim­mung (jene vom 28. Novem­ber 2004), entste­ht eine dritte Gruppe. Diese beste­ht aus selek­tiv Teil­nehmenden, also Per­so­n­en die nur an ein­er der bei­den Abstim­mungen teilgenom­men haben. In unserem Beispiel sind dies 22 Prozent der Stimm­berechtigten.

Der Anteil der Gen­ferin­nen und Gen­fer, die bei der ersten und zweit­en Abstim­mung an die Urne gin­gen, beträgt noch 50 Prozent. Weniger als 30 Prozent blieben der Urne zwei Mal hin­tere­inan­der fern. Mit jed­er weit­eren Abstim­mung ver­grössert sich die Gruppe der selek­tiv Teil­nehmenden. Nach zehn Abstim­mungen haben nur noch etwa 20 Prozent der Wahlberechtigten keine Abstim­mung ver­passt. Unge­fähr 14 Prozent stimmten in dieser Peri­ode kein einziges Mal ab. 66 Prozent der Stimm­bürg­erin­nen und Stimm­bürg­er gehören dem­nach der Gruppe der selek­tiv Teil­nehmenden an. Bei einem Beobach­tungszeitraum von 30 Abstim­mungen wächst diese Gruppe gar auf 80 Prozent der Bevölkerung an.

Wer sind selektiv Abstimmende?

Die grosse Zahl der selek­tiv Abstim­menden recht­fer­tigt eine genauere Betra­ch­tung dieser Gruppe. Wir ver­suchen dies mit­tels ein­er Analyse ihrer soziode­mographis­chen und poli­tis­chen Zusam­menset­zung. Die Analyse beruht auf jew­eils zehn Abstim­mungen und ver­gle­icht die Charak­ter­is­ti­ka der per­ma­nent Teil­nehmenden und per­ma­nent Absti­nen­ten, mit denen der selek­tiv Teil­nehmenden. Dabei wer­den let­ztere nicht als eine grosse Gruppe betra­chtet, son­dern als viele Einzel­grup­pen um ein möglichst genaues Abbild zu bekom­men (siehe Infobox).

Selek­tiv Teil­nehmende sind eine sehr het­ero­gene Gruppe. Sie umfasst Junge und Alte, Frauen und Män­ner gle­icher­massen. Auch bezüglich Zivil­stand oder Aufen­thalts­dauer lässt sich kein klares Bild zeich­nen. Bei den per­ma­nent Teil­nehmenden bzw. den per­ma­nent Absti­nen­ten ist zum Beispiel das Alter ein entschei­den­der Fak­tor: Junge sind bei den Absti­nen­ten stark übervertreten während Ältere eher treue Urnengän­gerin­nen und Urnengänger sind. Den selek­tiv Teil­nehmenden fehlt solch ein soziode­mographis­ches Alle­in­stel­lungsmerk­mal.

Das poli­tis­che Pro­fil der selek­tiv Teil­nehmenden lässt hinge­gen klarere Schlüsse zu. Sie haben ten­den­ziell ein gerin­geres Inter­esse an Poli­tik, keine Parteipräferenz und eher wenig poli­tis­ches Wis­sen. Zudem haben sie eher Schwierigkeit­en, sich auf der Links-Rechts Achse zu verorten. Damit ähneln die selek­tiv Teil­nehmenden den per­ma­nent Absti­nen­ten.

Von wegen politikverdrossen

Die Analyse zeigt, dass ein binäres Ver­ständ­nis der poli­tis­chen Par­tizipa­tion die Real­ität nur ungenü­gend abbilden kann. Bei zehn Abstim­mungen beträgt der Anteil der selek­tiv Teil­nehmenden rund zwei Drit­tel. Nur ger­ade ein Fün­f­tel der Gen­ferin­nen und Gen­fer geht bei jed­er Gele­gen­heit an die Urne. Etwa ein Sech­s­tel bleibt der Urne zehn Mal fern.

Der Anteil der Poli­tikver­drosse­nen ist rel­a­tiv ger­ing und rel­a­tiviert die klas­sis­che Sicht der Schweiz als Land mit ein­er tiefen Stimm­beteili­gung. Gle­ichzeit­ig gibt es nur wenige Mus­ter­demokratin­nen und Mus­ter­demokrat­en. Das soziode­mographis­che Pro­fil der selek­tiv Teil­nehmenden ist sehr het­ero­gen, das poli­tis­che Pro­fil ähnelt jen­em der Absti­nen­ten.

Dies sind nicht zwin­gend schlechte Neuigkeit­en. Inter­esse an Poli­tik und auch poli­tis­ches Wis­sen kann etwa im Schu­lun­ter­richt gefördert wer­den. Dies, so zeigt unsere Analyse, kön­nte sich wiederum pos­i­tiv auf die poli­tis­che Par­tizipa­tion auswirken.

 

INFOBOX: Dat­en und Meth­ode

Die Analyse beruht auf Dat­en des Kan­tons Genf (SEV/OCSTAT) und umfasst die gesamte Gen­fer Wahlbevölkerung. Die Dat­en bieten Infor­ma­tio­nen zur Teil­nahme bei Abstim­mungen und zu gewis­sen soziode­mographis­chen Merk­malen. Um das poli­tis­che Pro­fil der selek­tiv Teil­nehmenden zu analysieren wur­den die offiziellen Dat­en mit der Schweiz­er Wahlstudie ergänzt (SELECTS 2011). Da wir uns auf offizielle Dat­en stützen, sind die Angaben zur Teil­nahme an Abstim­mungen verz­er­rungs­frei.

Die Analyse der soziode­mographis­chen und poli­tis­chen Charak­ter­is­ti­ka der Par­tizipa­tion­stypen beruht auf ein­er ordi­nal logis­tis­chen Regres­sion. Damit verzicht­en wir in diesem Teil der Analyse auf eine ein­fache Dre­it­eilung der Wäh­len­den in „per­ma­nent Teil­nehmende“, „per­ma­nent Abstim­mende“ und „selek­tiv Par­tizip­ierende“ wie sie in früheren Analy­sen gepflegt wurde.

Hin­weis: Dieser Beitrag ist eine Kurz­fas­sung von Scia­ri­ni, Pas­cal, Cap­pel­let­ti, Fabio, Gold­berg, Andreas C., und Simon Lanz (im Erscheinen). “The under­ex­plored species: Selec­tive par­tic­i­pa­tion in direct demo­c­ra­t­ic votes.” Swiss Polit­i­cal Sci­ence Review (ear­ly view). 


Foto: DeFac­to

Lek­torat: Sarah Bütikofer

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