Wie es Daniel Jositsch in den Ständerat schaffte

Die Wäh­ler der Kan­ton­alzürcher SP hat­ten am 18. Okto­ber dop­pelt Grund zur Freude: Ihre Partei legte bei den Nation­al­ratswahlen zu und ihrem Stän­der­atskan­di­dat­en Daniel Jositsch gelang gar ein regel­rechter Coup: Er schaffte das absolute Mehr im ersten Wahl­gang. Das Nach­se­hen hat­te die SVP. Eine detail­lierte Analyse des Wäh­lerver­hal­tens zeigt auf, wie es dazu kam.

Daniel Jositsch von der SP erre­ichte am 18. Okto­ber 2015 mit 45 Prozent Stim­menan­teil das absolute Mehr im ersten Wahl­gang. Rue­di Noser von der FDP kam auf 37 Prozent, Hans-Ueli Vogt von der SVP belegte mit 30 Prozent den drit­ten Platz. Bemerkenswert ist dabei in erster Lin­ie das her­vor­ra­gende Abschnei­den Jositschs, der weit über das linke Lager hin­aus Stim­men machte. Hans-Ueli Vogt hinge­gen über­traf die Wäh­ler­stärke der SVP im Kan­ton Zürich kaum.

Bei­des entspricht dem Muster ander­er Stän­der­atswahlen: In St. Gallen hat­te Paul Rech­stein­er (SP) keine Mühe, Thomas Müller (SVP) hin­ter sich zu hal­ten, obwohl seine Partei ver­lor, während die SVP – die wäh­ler­stärk­ste Partei in St. Gallen – nochmals wuchtig zule­gen kon­nte. Ähn­lich ist die Sit­u­a­tion im Kan­ton Aar­gau, wo Pas­cale Brud­er­er trotz ein­er SP-Schlappe bei den Nation­al­ratswahlen das absolute Mehr in jeglich­er Hin­sicht mit links schaffte.

Die Per­for­mance von SP und SVP ist bei Stän­der­ats- und Nation­al­ratswahlen so unter­schiedlich, dass man beina­he meinen kön­nte, es wür­den jew­eils andere Wäh­ler­schaften teil­nehmen. Das ist aber mit grösster Wahrschein­lichkeit nicht der Fall.[1] Woran son­st liegt es dann? Eine Auswer­tung der Kan­di­datenkom­bi­na­tio­nen nach Partei­wahl soll diese Frage zu beant­worten helfen.

Infobox 1: Aus­gangslage Stän­der­atswahlen Kan­ton Zürich 2015
Die bish­erige Zürcher Standesvertre­tung, Ver­e­na Diener von der GLP und Felix Gutzwiller von der FDP, trat­en 2015 nicht mehr an. Das Ren­nen um die bei­den Zürcher Sitze war dem­nach offen. Um diese Sitze konkur­ri­erten ins­ge­samt neun offiziell von ihren Parteien vorgeschla­gene Kan­di­dat­en.

Im Kan­ton Zürich sind jedoch nicht nur die angemelde­ten Kan­di­dat­en wählbar, son­dern grund­sät­zlich jede in kan­tonalen Angele­gen­heit­en stimm­berechtigte Per­son. Das hat oft­mals zur Folge, dass neben den von den Parteien portierten Kan­di­dat­en auch weit­ere Per­so­n­en Stim­men erhal­ten. Bei den zurück­liegen­den Stän­der­atswahlen gab es total 58’050 Stim­men für nicht offizielle Kan­di­dierende, was einem Wäh­ler­an­teil von rund 14 Prozent entspricht – also in etwa gle­ich viel ist, wie Mar­tin Bäum­le (GLP) erre­ichte. Der Grund für die ver­gle­ich­sweise hohe Zahl von Stim­men für Vere­inzelte sind möglicher­weise (auch) strate­gis­che Erwä­gun­gen. Denn diese Stim­men zählen als mass­gebende Kan­di­daten­stim­men und erhöhen so die Schwelle für das absolute Mehr.

Die beliebtesten Kandidatenkombinationen bei der Zürcher Ständeratswahl 2015

Das linke Duo, beste­hend aus Daniel Jositsch von der SP und Bastien Girod von den Grü­nen, wurde am häu­fig­sten auf einen Wahlzettel geschrieben. 16 Prozent aller Wahlzettel enthiel­ten diese Kan­di­dat­en-Kom­bi­na­tion (Abbil­dung 1). 

Danach fol­gte in 14 Prozent aller Wahlzettel die lagerüber­greifende Kom­bi­na­tion von Daniel Jositsch und Rue­di Noser. Ein SP- und ein FDP-Kan­di­dat als zwei­thäu­fig­ste Stim­mop­tion wäre in den achtziger Jahren noch schw­er vorstell­bar gewe­sen. Doch durch den Wan­del in der sozialen Zusam­menset­zung bei­der Wäh­ler­schaften ist dies in der Zwis­chen­zeit möglich. Zudem spielte die ide­ol­o­gis­che Posi­tion­ierung der bei­den Kan­di­dat­en eine wichtige Rolle: Jositsch ist eher am recht­en, Noser hinge­gen eher am linken Rand sein­er Partei zu verorten. Für einen „frus­tri­erten Linkslib­eralen“ war diese Kom­bi­na­tion wohl die ide­ale Vertre­tung.  

Am drit­thäu­fig­sten wurde Hans-Ueli Vogt und son­st nie­mand gewählt. Wenig über­raschend han­delt es sich dabei um die erste Präferenz der SVP-Wäh­ler. Alleine auf dem Wahlzettel aufge­führt zu wer­den, ist für einen Kan­di­dat­en prinzip­iell das Beste, was ihm geschehen kann. Trotz­dem hat Vogt das absolute Mehr deut­lich ver­passt.

Abbildung 1:

Kombination

Das Stimmverhalten der einzelnen Parteiwählerschaften

Wie dieses Ergeb­nis zu Stande kom­men kon­nte, erk­lärt das Stim­mver­hal­ten der einzel­nen Partei­wäh­ler­schaften. Im Fol­gen­den soll gezeigt wer­den, wem welche parteifrem­den Stim­men zufie­len und mit welch­er Häu­figkeit.

Hohe Parteidisziplin der linken Wählerschaft in Zürich 

Der Erfolg Jositschs ist zuerst ein­mal der hohen Partei­diszi­plin der SP-Wäh­ler­schaft zu ver­danken. Fast die Hälfte (44.1 Prozent) legte das von der Partei emp­foh­lene Tick­et (Jositsch und Girod) ein, 11.3 Prozent schrieben lediglich Jositsch auf ihren Stim­mzettel (siehe Abbil­dung 2). Hinzu kom­men knapp acht Prozent, die neben Jositsch noch einen (chan­cen­losen) Vere­inzel­ten auf­führten, möglicher­weise um die Schwelle für das absolute Mehr zu heben.[2] Ins­ge­samt haben über 60 Prozent der SP-Wäh­ler­schaft klar links gewählt. Immer­hin aber schrieben 18 Prozent der SP-Wäh­lerin­nen und Wäh­lern neben Jositsch auch noch Noser auf ihren Wahlzettel.

Abbildung 2: 

SP

Das rot-grüne Päck­li war gut geschnürt. Denn auch die Wäh­ler­schaft der Grü­nen set­zte auf eine linke Dop­pelvertre­tung. 60.3 Prozent votierten für das Duo Girod und Jositsch (siehe Abbil­dung 3). Bemerkenswert­er ist jedoch, dass min­destens zehn Prozent der Wäh­ler­schaft der Grü­nen den eige­nen Kan­di­dat­en Girod nicht wählten, dafür aber Jositsch, häu­fig zusam­men mit Noser oder Bäum­le.

Das ist umso verblüf­fend­er, wenn man bedenkt, dass Jositsch eher am recht­en Rand der SP zuhause ist. Strate­gis­ches Wählen kommt als Erk­lärung dafür kaum in Frage: Es ging den Wäh­lerin­nen und Wäh­lern der Grü­nen kaum darum, schon im ersten Wahl­gang „mit dem Noser den Vogt auszutreiben“, wie Girod im Vor­feld des zweit­en Wahl­ganges spitz for­mulierte. Denn es war von Vorn­here­in klar, dass Vogt das absolute Mehr nicht schaf­fen würde. Wenn aber tak­tis­ches Kalkül als Motiv wegfällt, kom­men eigentlich nur noch sach­poli­tis­che Dif­feren­zen als Grund in Frage.[3]

Abbildung 3:

Gruene

 
Kein bürgerlicher Schulterschluss

Bei der FDP-Wäh­ler­schaft lautete die häu­fig­ste Kan­di­datenkom­bi­na­tion Noser und Jositsch. Beina­he jed­er dritte FDP-Wäh­ler (31.4 Prozent) nahm neben Noser auch noch Jositsch mit auf den Wahlzettel und sprach sich somit bewusst für eine „geteilte“ Standesstimme aus (Abbil­dung 4). Fast jed­er fün­fte FDP-Wäh­ler (18.6 Prozent) verzichtete auf die Wahl ein­er zweit­en Per­son und set­zte nur Noser auf den Wahlzettel. Pikant ist, dass Jositsch in der Gun­st der FDP-Wäh­ler­schaft deut­lich höher stand als der Kan­di­dat der SVP, Hans-Ueli Vogt. An ihn gin­gen rund 15 Prozent der FDP-Zweit­stim­men. Etwa gle­ich viele Stim­men von den FDP-Wäh­lern erhielt auch der Kan­di­dat der GLP, Mar­tin Bäum­le. 

Abbildung 4:

FDP

Unter den SVP-Wäh­lern war das parteizen­tri­erte Stim­mver­hal­ten noch aus­geprägter: Vier von zehn (40.5 Prozent) wählten nur Hans-Ueli Vogt (siehe Abbil­dung 5).

17.2 Prozent der SVP-Wäh­ler­schaft unter­stützte neben Vogt noch einen nicht offiziell vorgeschla­ge­nen Kan­di­dat­en – ein Phänomen, das Peter Moser bere­its 2011 beschrieb. Um wen es sich bei diesen Vere­inzel­ten han­delte, lässt sich anhand unser­er Dat­en nicht eruieren. Anzunehmen ist aber, dass die SVP-Wäh­ler wussten, dass dieser Kan­di­dat chan­cen­los war und sie dem­nach frei­willig auf eine „materielle“ Auss­chöp­fung ihrer voll­ständi­gen Stimmkraft verzichteten.

Wenn SVP-Wäh­ler ihre Zweit­stimme nutzten, so haupt­säch­lich für Rue­di Noser: Das Duo Vogt und Noser fand sich auf etwas mehr als jedem fün­ften SVP-Wahlzettel. Andere Kan­di­dat­en fan­den die Gnade der SVP-Wäh­ler­schaft hinge­gen nur sel­ten. Etwa 60 Prozent wählten somit parolenkon­form – wom­it wir der SVP-Wäh­ler­schaft eine ähn­lich hohe Partei­diszi­plin attestieren kön­nen wie der SP. Let­ztere set­zte ihre Zweit­stimme zwar viel häu­figer ein als die SVP-Wäh­ler­schaft, aber in der Regel geschlossen zugun­sten ein­er linken Dop­pelvertre­tung (Jositsch/Girod).

Zählt man alle Wahlzettel der SVP-Wäh­ler­schaft zusam­men, auf welchen Jositschs Name stand, so ergibt sich eine Summe von rund 5 Prozent. Das ist wenig, aber gle­ich­wohl bemerkenswert: Denn linke Wäh­lerin­nen und Wäh­ler ver­weigerten Vogt kon­se­quent ihre Unter­stützung, sein Name stand nur auf etwa einem Prozent aller linken Stim­mzettel.

Abbildung 5:

SVP

 

Die Qual der Wahl in der Mitte

Die Aus­gangssi­t­u­a­tion für die einzel­nen Partei­wäh­ler­schaften der poli­tis­chen Mitte war eine andere. Ihnen war klar, dass ihre Kan­di­dat­en besten­falls Aussen­seit­er­chan­cen (Bäum­le) hat­ten. Deshalb verteil­ten sie ihre Stim­men wohl auch grosszügiger auf die ver­schiede­nen Kan­di­dieren­den als die anderen Parteien.

Bäumle wurde nicht von allen GLPlern gewählt

Die wahren Gral­shüter des Pro­porzes waren dabei die Wäh­ler der GLP (siehe Abbil­dung 6). Keine andere Wäh­ler­schaft verteilte ihre Stim­men gle­ich­mäs­siger als die Grün­lib­eralen. Je ein Fün­f­tel der GLP-Wäh­ler­schaft unter­stützte neben dem eige­nen Kan­di­dat­en Mar­tin Bäum­le auch Daniel Jositsch von der SP respek­tive Rue­di Noser von der FDP. Aber nicht alle GLP-Wäh­ler wählten den eige­nen Kan­di­dat­en: Die drit­thäu­fig­ste Kom­bi­na­tion unter der GLP-Wäh­ler­schaft (16.2 Prozent) war diejenige der bei­den späteren Wahlsieger Jositsch und Noser. Ausser­dem enthiel­ten die GLP-Wahlzettel ver­gle­ich­sweise oft (6.0 Prozent) die Namen von Girod und Jositsch, aber nicht den­jeni­gen Bäum­les.

Dieses Ergeb­nis verblüfft. Warum ver­wehrte eine der­art hohe Zahl der GLP-Wäh­ler­schaft dem eige­nen Kan­di­dat­en ihre Stimme? Möglicher­weise lag dies an der starken Konkur­renz inner­halb des schmalen ide­ol­o­gis­chen Ban­des links bzw. rechts vom poli­tis­chen Zen­trum: In diesem engen Spek­trum buhlten gle­ich fünf Kan­di­dierende – Jositsch, Bäum­le, Schmid-Fed­er­er, Ingold und Noser – um die Gun­st der in der Mitte posi­tion­ierten Wäh­lerin­nen und Wäh­lern. 

Von diesen waren Jositsch und Noser die aus­sicht­sre­ichen, um das absolute Mehr schon im ersten Wahl­gang zu erzie­len. Tak­tis­che Erwä­gun­gen kön­nten dem­nach für die GLP-Wäh­ler­schaft dazu geführt haben, eher auf Jositsch bzw. Noser denn auf Bäum­le zu set­zen.

Abbildung 6: 

GLP

Jositsch bei CVP und EVP hoch im Kurs

Auch bei der CVP-Anhänger­schaft war Daniel Jositsch Teil der beliebtesten Kan­di­datenkom­bi­na­tion. Er und Bar­bara Schmid-Fed­er­er bilde­ten für rund ein Vier­tel der CVP-Wäh­ler­schaft die ide­ale Standesvertre­tung Zürichs. Bemerkenswert ist zudem, dass elf Prozent der CVP-Wäh­ler­schaft nur auf Jositsch und Noser set­zten und der eige­nen Kan­di­datin die Stimme ver­wehrten.      

Abbil­dung 7:

CVP

Abbildung 8:

EVP

Ein Fün­f­tel der EVP-Wäh­ler­schaft (19.1 Prozent) wählte Jositsch zusam­men mit der eige­nen Kan­di­datin, Maja Ingold. Die zwei­häu­fig­ste Kom­bi­na­tion der EVP-Wäh­ler­schaft war ein reines Frauentick­et. 14 Prozent wählten neben der eige­nen Kan­di­datin Maja Ingold auch Bar­bara Schmid-Fed­er­er von der CVP. Auch bei der EVP-Wäh­ler­schaft zeigt sich, dass ein sub­stantieller Anteil die eigene Kan­di­datin wohl als chan­cen­los ein­stufte und nicht wählte. 

Der Erfolg der SP: Maximale Ausbeute im eigenen Lager und viele Fremdstimmen

Warum gelingt der SP, was der SVP ver­wehrt bleibt: Der Sturm aufs Stöck­li? Das SP-Erfol­gs­ge­heim­nis beste­ht darin, dass sie mit ihren Kan­di­dat­en öfter bis weit ins bürg­er­liche Lager hinein Stim­men gewin­nen kann, ohne dabei am linken Rand Stim­men zu ver­lieren.  

Denn generell beste­ht für eine Pol­partei in einem Mehrparteien­sys­tem die Gefahr, dass sie mit ein­er Kan­di­datur, die gemäs­sigte Posi­tio­nen ver­tritt, zwar viele Stim­men aus der poli­tis­chen Mitte hinzu gewin­nt, gle­ichzeit­ig aber Wäh­ler am äusseren Rand des eige­nen Lagers ver­grault (Downs 1957). 

Der SP scheint diese Quad­ratur des Kreis­es zumin­d­est bei den Stän­der­atswahlen öfter zu gelin­gen. Ein­drück­lich ist dies in Abbil­dung 9 dargestellt. Dabei ist es weniger über­raschend, dass Jositsch bei den bürg­er­lichen Wäh­lerin­nen und Wäh­lern so erfol­gre­ich punk­ten kon­nte, son­dern vor allem, dass es im eige­nen Lager kaum Ver­weiger­er gab.

Die soge­nan­nte Aus­tauschquote zwis­chen rot und grün ist im Kan­ton Zürich zwar generell hoch, 2015 jedoch mit klaren Vorteilen für Daniel Jositsch. Er holte bei der Wäh­ler­schaft der Grü­nen mehr Stim­men als deren Kan­di­dat Bastien Girod bei der SP. Auch die kleine Linkspartei Alter­na­tive Liste (AL) set­zte schlussendlich auf Jositsch: Trotz fehlen­der Wahlempfehlung und unverblümt kri­tis­chen Tönen sprachen sich am Wahlt­ag doch fast drei Vier­tel der AL-Wäh­ler­schaft für den SP-Kan­di­dat­en aus. 

Zugegeben, wir wis­sen nicht, ob Linkswäh­ler, die mit dem (zu wenig) linken Ange­bot unzufrieden waren, der Urne aus Frust ein­fach fer­nge­blieben sind. Prinzip­iell ist das denkbar. Viele kön­nen es aber angesichts der gerin­gen Beteili­gungs­d­if­ferenz zwis­chen Nation­al- und Stän­der­atswahlen (1.5 Prozent­punk­te) nicht gewe­sen sein.

Abbildung 9:

Links-RechtsLese­beispiel: Girod erhielt von rund 70 Prozent der­er, die sich auf der Links-Rechts-Achse bei 0 (linksaussen) ein­stuften, eine der bei­den Stim­men. Bei Jositsch betrug der­selbe Anteil etwa 80 Prozent und die restlichen Kan­di­dat­en erhiel­ten jew­eils Anteile zwis­chen 0–5 Prozent.

Das Problem der SVP: Auch eine moderate Kandidatur hilft nicht

Das Prob­lem der SVP Zürich bestand darin, dass sie trotz gemäs­sigter Kan­di­datur bei den Stän­der­atswahlen 2015 nicht über die eige­nen Partei­gren­zen hin­aus Stim­men gewin­nen kon­nte. Hans-Ueli Vogt war beileibe kein typ­is­ch­er SVP-Poli­tik­er der früheren Gen­er­a­tion, der Recht­spro­fes­sor gehört dem urban-intellek­tuellen Milieu an. Er polar­isierte zudem mit­nicht­en so stark wie Christoph Blocher vor vier Jahren.

Auch 2015 kam es zu SVP-Avan­cen zugun­sten eines bürg­er­lichen Wahlbünd­niss­es, denn diese waren einst dur­chaus erfol­gre­ich. 1999 und 2003 sicherte der bürg­er­liche Schul­ter­schluss der SVP und der FDP die „ungeteilte Standesstimme“. 2003 wehrte man mit einem Wahlbünd­nis einen SP-Angriff mit der Per­son des eher mod­er­at­en und pop­ulären früheren Zürcher Stadt­präsi­den­ten Josef Ester­manns noch sou­verän ab.

Seit Bruch mit FDP klappt’s mit dem Ständerat nicht mehr

Doch sei­ther kam es zwis­chen der FDP und der SVP zum Bruch. Zwar kon­nten sich die bei­den Parteien 2007 noch auf ein gemein­sames Tick­et eini­gen, aber die Wäh­ler­schaft der FDP hielt sich nicht daran (Moser 2007).[4] Bis heute hat sich wenig daran geän­dert: Ein SP-Kan­di­dat (Jositsch) ist bei der FDP-Wäh­ler­schaft mit­tler­weile beliebter als ein SVP-Kan­di­dat (Vogt).

Die Nar­ben der Grabenkämpfe aus jen­er Zeit (Stich­wort: „Weichsin­nige“) sind bei der FDP offen­bar noch nicht ver­heilt. Die SVP-Wäh­ler­schaft, die 2007 Felix Gutzwiller (FDP) noch zum Erfolg ver­holfen hat, zeigt dem FDP-Kan­di­dat­en in der Zwis­chen­zeit ähn­lich wenig Gegen­liebe. Selb­st wenn sich also die Zürcher FDP und SVP zu einem Schul­ter­schluss vor den Wahlen zusam­menger­auft hät­ten, so wäre diese Allianz eventuell am Wahlver­hal­ten der eige­nen Wäh­ler­schaften gescheit­ert.

Unklar bleibt, inwieweit diese eher lauwarme gegen­seit­ige Unter­stützung von SVP und FDP mit der spez­i­fis­chen Wahlsi­t­u­a­tion von 2015 zu tun hat: Denn bei den Regierungsratswahlen in Zürich, aber auch in Basel­land und Luzern, funk­tion­ierte der bürg­er­liche Schul­ter­schluss zulet­zt tadel­los. Es waren die (allerd­ings eher am linken Rand poli­tisieren­den) SP-Kan­di­dat­en, die scheit­erten (BL, LU) oder um den Einzug in die Exeku­tive (Jacque­line Fehr, ZH) zit­tern mussten.[5]

Vielle­icht lag es also an der Per­son Jositschs im Speziellen. Das wiederum führt zur Frage, ob die SVP ihrer­seits mit ein­er (noch) mod­er­ateren und vorzugsweise pop­ulären Kan­di­datur – ein­er wie Peter Spuh­ler (TG) zum Beispiel – hätte Erfolg haben kön­nen? Möglicher­weise. Es ist allerd­ings nicht so ein­fach, spon­tan eine solche Per­son aus der Zürcher SVP zu nen­nen. 

Die SVP hat in jedem Fall keine Konkur­renz von rechts zu befürcht­en, im Gegen­satz zur SP, die immer durch die Grü­nen und die kleineren Linksparteien konkur­ri­ert wird. Mit anderen Worten: Die Gefahr, dass Wäh­ler am recht­en Rand, befremdet von einem allen­falls unge­wohnt san­ften Kurs der SVP, eine andere Partei oder einen anderen Kan­di­dat­en wählen wür­den, beste­ht bei der SVP (vor­erst) kaum.

Doch die SVP ist wie kaum eine andere Partei auf eine starke Mobil­isierung bei den Nation­al­ratswahlen angewiesen. Ein mod­er­ater Auftritt der Partei im Wahlkampf birgt somit stets das Risiko in sich, demo­bil­isierend auf erhe­bliche Teile der poten­tiellen Wäh­ler­schaft zu wirken. Und man kann die bei­den Wahlkämpfe – für den Nation­al- und den Stän­der­at – nicht los­gelöst voneinan­der führen. Deshalb ist eine erfol­gre­iche Quad­ratur des Kreis­es für die SVP bei nationalen Wahlen schw­er­er zu bewälti­gen als für die SP.

Infobox 2: Dat­en und Analyse
Die Nach­wahlbe­fra­gung zu den nationalen Par­la­mentswahlen 2015 lief zwis­chen dem 16. und 18. Okto­ber 2015 auf den Web­seit­en der Medi­en von Tame­dia. Für die vor­liegende Auswer­tung wur­den die Angaben der­jeni­gen Befragten berück­sichtigt, die sich bis Son­ntagabend um 17.00 Uhr beteiligt hat­ten. Ins­ge­samt beteiligten sich bis zum besagten Zeit­punkt 39’828 Per­so­n­en an der Umfrage, davon 8’559 aus dem Kan­ton Zürich. Die Zürcher Dat­en wur­den nach struk­turellen Para­me­tern des Kan­tons Zürich (Geschlecht, Alter, Bil­dungsstruk­tur) und poli­tis­chen Vari­ablen (Abstim­mungs- und Wahlentscheid im Kan­ton Zürich, Entscheid bei der Stän­der­atswahl) gewichtet.

Anmerkun­gen:

[1] Die Unter­schiede in der Beteili­gung zwis­chen bei­den Wahlen sind in den meis­ten Kan­to­nen sehr ger­ing. In Zürich betrug er 1.46 Prozent, im nach Bevölkerungs­grösse gewichteten Schweiz­er Schnitt gar bloss 0.53 Prozent.

[2] Dies hätte sich aber, wenn man bedenkt, wie knapp Jositsch das absolute Mehr erzielte, um ein Haar kon­trapro­duk­tiv auswirken kön­nen. 

[3] Diese Ver­mu­tung wird unter anderem auch dadurch genährt, dass 70 Prozent der Grü­nen-Wäh­ler angab, die Erb­schaftss­teuerini­tia­tive angenom­men zu haben. Dieser Anteil beträgt unter den Grü­nen-Wäh­lern, die Jositsch/Bäumle oder Jositsch/Noser wählten, bloss 37 Prozent. 

[4] Bar­ben und Koll­brun­ner bericht­en ganz ähn­lich­es aus dem Kan­ton Bern für die Wahlen 2011. Lachat zeigte bere­its 2006, dass es der SVP über­durch­schnit­tlich schlecht gelingt, Stim­men aus der Mitte für ihre Stän­der­atskan­di­da­turen zu holen.

[5] Mario Fehr (SP, ZH) wiederum – Vertreter des sozial­lib­eralen Flügels der SP – schaffte die Wahl beze­ich­nen­der­weise prob­lem­los.

Ref­eren­zen:

  • Bar­ben, Dölf und Timo Koll­brun­ner (2011). Umar­mung ins Leere, Der Bund vom 10.11.2011.

  • Downs, Antho­ny (1957). An Eco­nom­ic The­o­ry of Democ­ra­cy. New York: Harp­er & Row.

  • Lachat, Romain (2006). A tale of two Coun­cils. Explain­ing the weak­ness of the SVP in the upper house of the Fed­er­al Par­lia­ment. Swiss Polit­i­cal Sci­ence Review 12(4): 77–99.

  • Moser, Peter (2007). Die zürcherischen Stän­der­atswahlen 2007: eine Analyse des ersten Wahl­ganges. Statistik.flash 08/2007.

Foto: www.jositsch.ch

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