Die SeniorInnen – der heimliche Souverän?

Über 65-Jäh­ri­ge wei­sen die mit Abstand höchs­te Wahl­be­tei­li­gung auf und wäh­len im Schnitt kon­ser­va­ti­ver als ihre jün­ge­ren Mit­bür­ge­rIn­nen. Auf­grund gestie­ge­ner Lebens­er­war­tung und anhal­tend tie­fer Gebur­ten­ra­te bil­den sie zudem einen immer grös­se­ren Teil der Stimm­be­rech­tig­ten. Ein Expe­ri­ment mit Selec­ts-Daten zeigt, wie sich die natio­na­len Par­tei­stär­ken ver­än­der­ten, wenn die jün­ge­ren Genera­tio­nen ihre Wahl­cou­verts fleis­si­ger retour­nie­ren wür­den.

Die Wahl­be­tei­li­gung nimmt mit stei­gen­dem Alter zu. Nicht nur in der Schweiz, auch in vie­len ande­ren Län­dern ist dies zu beob­ach­ten (vgl. Lutz 2012). Doch das Aus­mass der Unter­schie­de zwi­schen den ver­schie­de­nen Alters­grup­pen bei den Natio­nal­rats­wah­len 2011 scheint rekord­ver­däch­tig. Wie unten­ste­hen­der Gra­fik zu ent­neh­men ist, gehen über 75-Jäh­ri­ge mitt­ler­wei­le mehr als dop­pelt so oft wäh­len wie die 18- bis 25-Jäh­ri­gen. Der Ver­gleich mit den fünf vor­her­ge­hen­den Wah­len zeigt, dass die­se Dis­kre­panz ten­den­zi­ell zunimmt. Die Ältes­ten wur­den immer teil­nah­me­freu­di­ger. 

Ältere Bürger, ältere Wähler

Der Ver­dacht liegt nahe, dass die­ser Anstieg in der obers­ten Alters­klas­se nicht zuletzt mit der zuneh­men­den Über­al­te­rung der Bevöl­ke­rung zusam­men­hängt. Eine Frau in der Schweiz bringt im Schnitt rund 1,5 Kin­der zur Welt – zum Genera­tio­nen­er­halt wären ca. 2,1 not­wen­dig. Die tie­fe Gebur­ten­zif­fer sta­gniert seit Mit­te der Sieb­zi­ger­jah­re, bei Frau­en mit Schwei­zer­pass liegt sie gar noch dar­un­ter. Wie sich vor die­sem Hin­ter­grund das Durch­schnitts­al­ter der Wahl­be­rech­tig­ten ent­wi­ckelt hat, ver­deut­licht das nach­ste­hen­de Dia­gramm[1].

Je älter, je weniger links? 

Grü­ne und alter­na­ti­ve Par­tei­en wer­den von Senio­rIn­nen sel­te­ner gewählt als ande­re Par­tei­en. Die Wahr­schein­lich­keit der 55- bis 64-jäh­ri­gen, bei den Wah­len 2011 SP gewählt zu haben, betrug rund zwan­zig Pro­zent. Bei der Alters­grup­pe der über 65-jäh­ri­gen lag die Wahr­schein­lich­keit, die SP gewählt zu haben aller­dings nur noch bei rund zehn Pro­zent. 

Wie es sich mit ande­ren Par­tei­en und in ande­ren Wahl­jah­ren ver­hielt, lässt sich anhand der fol­gen­den Dia­gram­me nach­voll­zie­hen. So zeigt sich bei­spiels­wei­se, dass bei den Senio­rin­nen und Senio­ren die bür­ger­li­chen Par­tei­en BDP und FDP über­durch­schnitt­lich gut ankom­men. Doch vor allem die SVP punk­tet dank der über­al­tern­den Gesell­schaft. Denn bei kei­ner ande­ren Alters­klas­se lässt sich der Auf­stieg der natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Volks­par­tei ein­drück­li­cher able­sen als an den über 75-Jäh­ri­gen. 

Experiment: was könnten die Jungen bewirken?

Man könn­te also durch­aus ver­mu­ten, dass die Wah­len in der Schweiz anders aus­fie­len, wür­den die jün­ge­ren ihre Wahl­zet­tel ähn­lich fleis­sig aus­fül­len wie die älte­ren Semes­ter. Des­halb wage ich fol­gen­des Expe­ri­ment durch­zu­rech­nen: Wie hät­te das Wahl­re­sul­tat aus­ge­se­hen, wenn alle Alters­grup­pen mit gleich hoher Wahr­schein­lich­keit an die Urnen gegan­gen wären? Was wür­de sich ändern, wenn die Wahl­be­tei­li­gung spie­gel­ver­kehrt aus­ge­fal­len wäre? Wenn also die Wahl­be­tei­li­gungs­kur­ve aus der ers­ten Gra­fik umge­kehrt ver­lau­fen wür­de, sprich an der mitt­le­ren Alters­ka­te­go­rie der 45–54-Jährigen gespie­gelt wäre.

In oben­ste­hen­dem Bal­ken­dia­gramm fin­den sich die Resul­ta­te die­ses Expe­ri­ments. Die dunk­len Bal­ken ste­hen dabei jeweils für das “rea­le”, sprich gemäss den wei­ter oben auf­ge­führ­ten Wahl­be­tei­li­gungs­wahr­schein­lich­kei­ten pro­gnos­ti­zier­te Wahl­re­sul­tat[3]. Die mitt­le­ren Bal­ken für einen hypo­the­ti­schen Wahl­aus­gang bei exakt glei­cher Wahl­be­tei­li­gungs­wahr­schein­lich­keit aller Alters­grup­pen. Und die hel­len Bal­ken schliess­lich für das zwei­te hypo­the­ti­sche Sze­na­rio, das Wahl­re­sul­tat bei spie­gel­ver­kehr­ter Wahl­be­tei­li­gung der sie­ben Alters­ka­te­go­ri­en[4]. Bei bei­den fik­ti­ven Sze­na­ri­en wird von der Annah­me aus­ge­gan­gen, dass sich die Wäh­ler- und die Nicht­wäh­le­rIn­nen nicht wesent­lich unter­schei­den in ihren Par­tei­prä­fe­ren­zen.

Ins­ge­samt fal­len die Resul­ta­te ziem­lich ernüch­ternd aus. Die Ver­schie­bun­gen bewe­gen sich auf nied­ri­gem Niveau. Bei inver­ser Wahl­teil­nah­me hät­te 2011 die SVP mit -1,7 Pro­zent­punk­ten am meis­ten Wäh­ler­an­teil ver­lo­ren, gefolgt von der BDP mit -1,2 Pro­zent­punk­ten. Die GLP hät­te als gröss­te Gewin­ne­rin immer­hin +1,4 Pro­zent­punk­te zule­gen kön­nen, gefolgt von den Grü­nen mit +1,3 Pro­zent­punk­ten.

Für die Wahl­jah­re zuvor zeig­te sich ein ähn­li­ches Bild: Die Par­tei­en links der Mit­te wür­den ein wenig zule­gen, bür­ger­li­che und rech­te Par­tei­en dage­gen ein paar Tau­send Stim­men ein­büs­sen.

Keine grossen Veränderungen zu erwarten

Unter dem Strich lässt sich fest­hal­ten, dass auch eine immense Zunah­me der Wahl­be­tei­li­gung jün­ge­rer Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer der poli­ti­schen Lin­ken bzw. der GLP kei­nen Erd­rutsch­sieg ver­schaf­fen und die SVP kaum mehr als eini­ge weni­ge Sit­ze kos­ten wür­de. Den­noch dürf­ten sich beson­ders die Grü­nen und die Grün­li­be­ra­len nach einem der­ar­ti­gen Sze­na­rio seh­nen. Bei­de Par­tei­en wür­den ihre bestehen­de Wäh­ler­ba­sis um je ein bis zwei Pro­zent­punk­te Wäh­ler­an­teil ver­grös­sern kön­nen.

Anmer­kun­gen:

[1] Das berech­ne­te Stimm­rechts­al­ter fällt hier sys­te­ma­tisch tie­fer aus als das tat­säch­li­che, weil bei der Berech­nung auf­grund der unvoll­stän­di­gen Daten­grund­la­ge alle über 98-jäh­ri­gen Per­so­nen zu einer Grup­pe zusam­men­ge­fasst wur­den und die dar­über hin­aus­ge­hen­den Alters­jah­re somit kei­ne Berück­sich­ti­gung fan­den; die Abwei­chung fällt mit stei­gen­der Jah­res­zahl höher aus, da immer mehr Leu­te das 99. Lebens­jahr über­schrei­ten; sie fällt aller­dings ins­ge­samt gering aus und dürf­te sich auch im Jahr 2014 noch im Bereich der 3. Nach­kom­ma­stel­le bewe­gen. Den­noch wei­chen die hier berech­ne­ten Wer­te man­gels bes­se­rer Daten­ba­sis (z. B. Stimm­re­gis­ter­da­ten) gering­fü­gig von den tat­säch­li­chen Wer­ten ab, weil einer­seits ent­mün­dig­te Bür­ge­rIn­nen nicht aus der Ana­ly­se aus­ge­schlos­sen wer­den konn­ten und ande­rer­seits die Aus­land­schwei­ze­rIn­nen in der Berech­nung unbe­rück­sich­tigt blei­ben müs­sen.

[2] Bis auf die Wer­te für das Jahr 1991 sowie die Zah­len aus dem unters­ten Dia­gramm zu den vor­aus­ge­sag­ten Wäh­ler­an­tei­len nach Betei­li­gungs­mo­dus bil­de ich kei­ne Wer­te ab, wel­che nicht auch Lutz (2012) bereits publi­zier­te (wobei die von mir berech­ne­ten Wer­te an eini­gen Stel­len gering­fü­gig abwei­chen). Ana­log zu Lutz ver­zich­te ich auch auf die Anga­be von Nach­kom­ma­stel­len, um nicht den Ein­druck einer Prä­zi­si­on zu erwe­cken, wel­che gar nicht gege­ben ist. Mit Aus­nah­me des letz­ten Dia­gram­mes wur­den alle vor­aus­ge­sag­ten Wahr­schein­lich­kei­ten auf Ganz­zah­len gerun­det. Das letz­te Dia­gramm wur­de von die­ser Vor­ge­hens­wei­se aus­ge­nom­men, damit die Ten­denz der Ergeb­nis­se bes­ser sicht­bar wird. Auf die Abbil­dung von Kon­fi­denz­in­ter­val­len ver­zich­te ich, zumal die­se mit­un­ter sehr gross aus­fal­len (95 %-Kon­fi­denz­ni­veau). Hin­ge­gen wur­de für alle Model­le ein Chi-Qua­drat-Test durch­ge­führt, der aus­sagt, ob ein sta­tis­tisch signi­fi­kan­ter Zusam­men­hang (95 %-Kon­fi­denz­ni­veau) besteht zwi­schen den Alters­ka­te­go­ri­en als unab­hän­gi­ge Varia­blen und der Wahl­be­tei­li­gung bzw. dem Wahl­ent­scheid als abhän­gi­ge Varia­ble. Bei der Wahl­be­tei­li­gung fie­len alle Resul­ta­te posi­tiv aus, im Fal­le der Wahl­ent­schei­de zeich­ne­ten die Tests hin­ge­gen ein gemisch­tes Bild: Für die CVP sind die Resul­ta­te nur im Jahr 1991 signi­fi­kant, für die glp und die BDP ledig­lich im Jah­re 2011 (was ange­sichts des Alters die­ser bei­den Par­tei­en nicht wei­ter ver­wun­der­lich ist). Für die FDP sind die Resul­ta­te nicht signi­fi­kant in den Jah­ren 2007 und 1991, für die SVP und die SP nicht in den Jah­ren 1999 und 1991, in letz­te­rem Jahr für die Grü­nen auch nicht.

[3] Dass dabei kei­ne Rede von all­zu hoher Prä­zi­si­on die­ser Wer­te sein kann, illus­triert schon allei­ne die Tat­sa­che, dass die vor­aus­ge­sag­ten Wäh­ler­an­tei­le nach “rea­lem” Betei­li­gungs­mo­dus (d. h. basie­rend auf vor­aus­ge­sag­ten Wahr­schein­lich­kei­ten zur Wahl­be­tei­li­gung nach Alters­grup­pe) mehr oder weni­ger deut­lich von den tat­säch­li­chen Wahl­re­sul­ta­ten abwei­chen. Das soll mei­nem Vor­ha­ben aber kei­nen Abbruch tun, zumal einer­seits die Abwei­chun­gen nicht all­zu gross aus­fal­len und ande­rer­seits vor allen Din­gen die Ver­hält­nis­se zwi­schen den Par­tei­en von Inter­es­se sind – und die­se schei­nen soweit stim­mig.

[4] Soll heis­sen, unter der Annah­me, die Wahl­be­tei­li­gungs­kur­ve aus der ers­ten Gra­fik wür­de genau umge­kehrt ver­lau­fen, sprich an der mitt­le­ren Alters­ka­te­go­rie der 45–54-Jährigen gespie­gelt.

Für alle drei Sze­na­ri­en wur­den die Wer­te immer nach fol­gen­dem Sche­ma berech­net: (Anzahl der Stimm­be­rech­tig­ten in der jewei­li­gen Alters­klas­se × Wahl­be­tei­li­gung der jewei­li­gen Alters­klas­se [real/gleichmässig/spiegelverkehrt] × Wahl­wahr­schein­lich­keit der jewei­li­gen Alters­klas­se für die ent­spre­chen­de Par­tei) ÷ (Gesamt­zahl der Stimm­be­rech­tig­ten × durch­schnitt­li­che Wahl­be­tei­li­gung [real/gleichmässig/spiegelverkehrt])

Für die Anzahl der Stimm­be­rech­tig­ten wur­de auf eige­ne Berech­nun­gen (vgl. ers­te Gra­fik) basie­rend auf Daten des BFS (sie­he Quel­len­an­ga­ben unten) zurück­ge­grif­fen, da die Ver­tre­tung der Alters­grup­pen im Selec­ts-Daten­satz nicht reprä­sen­ta­tiv ist und kei­ne Gewich­tungs­va­ria­blen fürs Alter ent­hal­ten sind.

Hin­weis: Die­ser Bei­trag erschien am 6. Dezem­ber 2015 in leicht ande­rer Form im Daten­jour­na­lis­mus-Blog des IPZ.


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Foto: Von Eric Wüs­ten­ha­gen, Flickr, Lizenz CC-BY-SA 2.0

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