Das entzauberte Schweizer Parlament — Kompromisse werden zunehmend schwieriger

Die Bun­des­rats­par­tei­en waren sich in den letz­ten bei­den Legis­la­tur­pe­ri­oden deut­lich weni­ger einig als in frü­he­ren Zei­ten. Die Pola­ri­sie­rung des Par­tei­en­sys­tems hat Aus­wir­kun­gen auf die par­la­men­ta­ri­sche Ent­schei­dungs­fin­dung. Für die Par­tei­en sind aller­dings nicht alle Vor­la­gen gleich wich­tig. Vor allem die bei­den Pol­par­tei­en SP und SVP sind bei ihren Kern­the­men deut­lich weni­ger zu Kom­pro­mis­sen bereit als in The­men­be­rei­chen, die für ihre jewei­li­ge Wäh­ler­schaft eine gerin­ge­re Bedeu­tung haben.

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 Abnehmender Konsens

Der Ton in der Schwei­zer Poli­tik ist rau­er gewor­den. Dies zeigt sich auch bei den Koali­tio­nen im Par­la­ment. In den 1990er Jah­ren waren sich die Bun­des­rats­par­tei­en in rund sie­ben von zehn Gesamt- und Schluss­ab­stim­mun­gen einig, d.h. die Mehr­hei­ten in ihren Frak­tio­nen stimm­ten für die Vor­la­gen. Seit 2007 geht die Einig­keit zurück, weni­ger als die Hälf­te aller vom Par­la­ment bear­bei­te­ten Geset­zes­vor­la­gen wer­den noch von allen Bun­des­rats­par­tei­en unter­stützt (sie­he Bal­ken in Abbil­dung 1). Auch in den Ein­tre­tens- und Detail­ab­stim­mun­gen ist ein Rück­gang der gros­sen Koali­tio­nen zu beob­ach­ten.

Die SVP stellt sich häufig gegen die andern 

Haupt­ur­sa­che für den Rück­gang der Einig­keit zwi­schen den Bun­des­rats­par­tei­en ist die zuneh­men­de Iso­lie­rung der SVP: Im unter­such­ten Zeit­raum von 1996 bis 2013 ist der Anteil der Gesamt- und Schluss­ab­stim­mun­gen, in wel­chen sich eine Mehr­heit der SVP-Frak­ti­on gegen die ande­ren Bun­des­rats­par­tei­en stellt, von knapp 10 auf rund 30 Pro­zent ange­stie­gen (gestri­chel­te Linie in Abbil­dung 1). In ande­ren Wor­ten aus­ge­drückt bedeu­tet dies, dass die SVP rund einen Drit­tel der vom Natio­nal­rat erar­bei­te­ten Vor­la­gen nicht mehr mit­trägt.

Der Links-Rechts Gra­ben bleibt der wich­tigs­te Kon­flikt im Schwei­zer Par­la­ment, scheint sich jedoch ins­ge­samt eher abzu­schwä­chen als zu ver­stär­ken (sie­he durch­ge­zo­ge­ne Linie in Abbil­dung 1). Die Sozi­al­de­mo­kra­ten oppo­nie­ren häu­fi­ger wäh­rend der Detail­be­ra­tung, fast immer gemein­sam mit den Grü­nen. Im Gegen­satz zur SVP schliesst sich die SP aber in den Gesamt- und Schluss­ab­stim­mun­gen auch in jüngs­ter Zeit häu­fig der CVP und der FDP an. Die SP ist also am Ende der par­la­men­ta­ri­schen Debat­te eher zu Kom­pro­mis­sen bereit. 

Abbildung 1:

Lese­bei­spiel: Zwi­schen 1996 und 1999 stimm­ten die Mehr­hei­ten der Frak­tio­nen der Bun­des­rats­par­tei­en in 15% der Ein­tre­tens- und Detail­ab­stim­mun­gen gemein­sam Ja oder Nein. In der­sel­ben Legis­la­tur­pe­ri­ode war die SP in 45% der Ein­tre­tens- und Detail­ab­stim­mun­gen iso­liert, d.h. sie nahm eine ande­re Posi­ti­on als die übri­gen BR-Par­tei­en ein.

 Manche Themen sind wichtiger

Betrach­tet man ein­zel­ne Poli­tik­be­rei­che etwas genau­er, zei­gen sich aller­dings bedeu­ten­de Unter­schie­de hin­sicht­lich den Abstim­mungs­ko­ali­tio­nen, wel­che teil­wei­se durch das stra­te­gi­sche Ver­hal­ten der Par­tei­en erklärt wer­den kön­nen. 

Par­tei­en ver­fol­gen unter­schied­li­che Zie­le. Einer­seits möch­ten sie sich mit kla­ren Posi­tio­nen von ihren poli­ti­schen Geg­nern abhe­ben und damit ihre Wäh­ler­stim­men maxi­mie­ren, ande­rer­seits soll ihr Ein­fluss auf die Gesetz­ge­bung mög­lichst gross sein (Strom 1990).

In Län­dern mit Koali­ti­ons­re­gie­run­gen ist es beson­ders für die Par­tei­en, wel­che sich rechts oder links von der Mit­te posi­tio­nie­ren, oft nicht ein­fach, die­se bei­den Zie­le zu ver­ein­ba­ren. Behar­ren sie zu stark auf ihren Posi­tio­nen, ver­lie­ren sie ihren Ein­fluss bei der Poli­tik­ge­stal­tung. Auf der ande­ren Sei­te bringt eine all­zu gros­se Kom­pro­miss­fä­hig­keit die Gefahr mit sich, die Wäh­ler vor den Kopf zu stos­sen. Denn Par­tei­en wer­den nicht zuletzt dar­an gemes­sen, ob sie die Wahl­ver­spre­chen in Taten umset­zen. 

Im Schwei­zer Par­la­ment sind die Par­tei­en nicht an einen Koali­ti­ons­ver­trag gebun­den. Wech­seln­de Koali­tio­nen sind mög­lich und die ein­zel­nen Par­tei­en kön­nen sich des­halb in gewis­sen Poli­tik­be­rei­chen kom­pro­miss­fä­hig zei­gen und in ande­ren Här­te demons­trie­ren. Die SVP macht beson­ders — und in zuneh­men­dem Mas­se — von die­ser Mög­lich­keit der „fall­wei­sen Oppo­si­ti­on“ Gebrauch (Lin­der und Schwarz 2008). Und sie tut dies vor allem in der Migra­ti­ons- und Euro­pa­po­li­tik (gestri­chel­te Linie in Abbil­dung 2).

In ande­ren zen­tra­len Poli­tik­be­rei­chen, wie bei­spiels­wei­se der Wirt­schafts- und Sozi­al­po­li­tik, stim­men die Mit­glie­der der SVP viel häu­fi­ger mit den ande­ren Bun­des­rats­par­tei­en. Dies, weil die Posi­tio­nen näher bei­ein­an­der lie­gen, aber auch, weil die­se poli­ti­schen Ent­schei­de für die SVP-Wäh­ler­schaft weni­ger wich­tig sind. 

Auch die SP ist in wich­ti­gen Poli­tik­be­rei­chen iso­liert. Ins­be­son­de­re in der Wirt­schafts­po­li­tik steht sie oft in Oppo­si­ti­on zu den ande­ren Bun­des­rats­par­tei­en (durch­ge­zo­ge­ne Linie in Abbil­dung 2). In der Sozi­al­po­li­tik geht die SP seit 2011 wie­der etwas häu­fi­ger eine Koali­ti­on mit der CVP ein, weicht aber immer noch in knapp 40 Pro­zent der Abstim­mun­gen von den übri­gen Bun­des­rats­par­tei­en ab.

Abbildung 2: 

Gespaltene Rechte

Die Migra­ti­ons- und Asyl­po­li­tik wird von Schwei­ze­rinn­nen und Schwei­zern in Befra­gun­gen seit Jah­ren regel­mäs­sig als wich­tigs­tes Pro­blem genannt, aber auch sozia­le und wirt­schaft­li­che The­men ste­hen weit oben auf der Lis­te (Lutz 2012). 

Das Oppo­si­ti­ons­ver­hal­ten der lin­ken und rech­ten Bun­des­rats­par­tei­en hat dazu geführt, dass der Kon­sens in die­sen Poli­tik­be­rei­chen mar­kant gesun­ken ist (sie­he Bal­ken in Abbil­dung 2). Nur noch 20 Pro­zent der sozi­al­po­li­ti­schen und rund 35 Pro­zent der wirt­schafts­po­li­ti­schen Vor­la­gen wur­den in den Schluss­ab­stim­mun­gen der letz­ten Legis­la­tur von allen Par­tei­en getra­gen (Tra­ber 2015). In der Migra­ti­ons­po­li­tik hat die­se Pola­ri­sie­rung schon vor dem unter­such­ten Zeit­raum statt­ge­fun­den, ver­stärk­te sich in den letz­ten Jah­ren aber noch.

In der Euro­pa­po­li­tik schliess­lich hat­te die zuneh­men­de Spal­tung der Rech­ten einen dra­ma­ti­schen Rück­gang der gros­sen Koali­ti­on zur Fol­ge, wie in Abbil­dung 2 zu sehen ist. Aber auch in ande­ren Poli­tik­be­rei­chen ist die Rech­te gespal­ten. Da seit den Wah­len im Okto­ber die FDP und die SVP (zusam­men mit Lega und MCG) bei geschlos­se­nem Stimm­ver­hal­ten über eine abso­lu­te Mehr­heit im Natio­nal­rat ver­fü­gen, wird eine der ent­schei­dends­ten Fra­gen der neu­en Legis­la­tur sein, ob sich die rech­ten Par­tei­en eini­gen kön­nen, oder ob die SVP den Oppo­si­ti­ons­kurs in ihren zen­tra­len Wahl­the­men wei­ter­füh­ren wird.

Info­box: Daten der Ana­ly­se

Die Unter­su­chung basiert auf Abstim­mungs­da­ten des Schwei­zer Natio­nal­rats, wel­che seit der Ein­füh­rung des elek­tro­ni­schen Abstim­mungs­sys­tems 1996 gespei­chert wer­den. Koali­tio­nen wer­den defi­niert als gemein­sa­mes Abstim­mungs­ver­hal­ten der Mehr­heit zwei­er oder meh­re­rer Frak­tio­nen.

Die­ser Bei­trag ist eine Kurz­fas­sung von:

Tra­ber, Deni­se (2015). Disen­chan­ted Swiss Par­li­a­ment? Elec­to­ral Stra­te­gies and Coali­ti­on For­ma­ti­onSwiss Poli­ti­cal Sci­ence Review 21(4).


Refe­ren­zen: 

  • Lin­der, Wolf und Dani­el Schwarz (2008). Mög­lich­kei­ten par­la­men­ta­ri­scher Oppo­si­ti­on im schwei­ze­ri­schen Sys­tem. Par­la­ment, Par­le­ment, Par­la­men­to 2/08: 4–10.

  • Lutz, Georg (2012). Eid­ge­nös­si­sche Wah­len 2011. Wahl­teil­nah­me und Wahl­ent­scheid. Lau­sanne: Fors.

  • Strom, Kaa­re (1990). A Beha­vio­ral Theo­ry of Com­pe­ti­ti­ve Poli­ti­cal Par­ties. Ame­ri­can Jour­nal of Poli­ti­cal Sci­ence 34(2): 565–598.

Foto: Par­la­ments­diens­te 3003 Bern, parlament.ch

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