Muslime in Europa – eine Minderheit, die die Demokratie zu schätzen weiss

Euro­päi­sche Mus­li­me sind deut­lich zufrie­de­ner mit der Demo­kra­tie als ihre christ­li­chen Mit­bür­ger. Vor allem in Deutsch­land und Frank­reich las­sen sich gros­se Unter­schie­de erken­nen – trotz stei­gen­der Frem­den­feind­lich­keit und Ein­schrän­kun­gen in der Reli­gi­ons­aus­übung. Dina Wyler unter­nimmt in ihrer Bache­lor­ar­beit einen Erklä­rungs­ver­such der höhe­ren Demo­kra­tie­zu­frie­den­heit der Mus­li­me.

In vie­len euro­päi­schen Län­dern hat sich das gesell­schaft­li­che Kli­ma gegen­über Mus­li­men in den letz­ten Jah­ren deut­lich ver­schlech­tert. Eine Erhe­bung der Euro­päi­schen Uni­on zu Min­der­hei­ten und Dis­kri­mi­nie­rung aus dem Jahr 2009 zeig­te, dass jeder drit­te Mus­lim in Euro­pa Dis­kri­mi­nie­run­gen erlebt hat. Die teil­wei­se vor­han­de­ne ableh­nen­de Hal­tung gegen­über Mus­li­men wider­spie­gelt sich bei­spiels­wei­se in der Pro­test­be­we­gung Pegi­da (Patrio­ti­schen Euro­pä­er gegen die Isla­mi­sie­rung des Abend­lan­des), die seit eini­ger Zeit in vie­len euro­päi­schen Städ­ten Zuspruch fin­det.

Die Tole­ranz gegen­über mus­li­mi­schen Sym­bo­len ging in Euro­pa eben­falls deut­lich zurück. Eine Mei­nungs­um­fra­ge des Pew Rese­arch Cen­ter von 2010 zeig­te, dass mitt­ler­wei­le 82 Pro­zent der Fran­zo­sen ein Ver­bot des mus­li­mi­schen Ganz­kör­per­schlei­ers befür­wor­ten. Auch in Deutsch­land und Gross­bri­tan­ni­en spra­chen sich eine Mehr­heit der Bevöl­ke­rung mit 71 bezie­hungs­wei­se 62 Pro­zent für ein Ver­bot aus.  

Religionseinschränkungen und Fremdenfeindlichkeit

Die ableh­nen­de Hal­tung gegen­über mus­li­mi­schen Sym­bo­len in der Öffent­lich­keit schlägt sich auch in der natio­na­len Gesetz­ge­bung nie­der: So wur­den bei­spiels­wei­se in Bel­gi­en und Frank­reich im Jahr 2011 lan­des­wei­te Ver­bo­te zum Tra­gen einer Bur­ka ver­hängt. Die­se Mass­nah­me wur­de mit dem Ver­weis auf sicher­heits­po­li­ti­sche Mass­nah­men begrün­det. In Frank­reich wur­de zudem das mus­li­mi­sche Kopf­tuch für weib­li­che Ange­stell­te mit Kun­den­kon­takt als uner­wünscht dekla­riert. Neben Klei­dungs­stü­cken sor­gen aber auch ande­re mus­li­mi­sche Sym­bo­le für hit­zi­ge Debat­ten. In der Schweiz wur­de im Jahr 2009 eine Volks­in­itia­ti­ve ange­nom­men, wel­che den Bau von Mina­ret­ten lan­des­weit ver­bot.

Überdurchschnittlich hohe Demokratiezufriedenheit

Ent­ge­gen der Annah­me haben die zuneh­men­den Ein­schrän­kun­gen in der Reli­gi­ons­aus­übung die Ein­stel­lung der euro­päi­schen Mus­li­me gegen­über der jeweils natio­na­len Regie­rung und dem poli­ti­schen Sys­tem nicht ver­schlech­tert — im Gegen­teil: Mus­li­me in euro­päi­schen Län­dern wei­sen eine höhe­re Demo­kra­tie­zu­frie­den­heit auf als ihre christ­li­chen Mit­bür­ger (sie­he Abbil­dung). Dies  zeigt die jüngs­te Befra­gung des European Soci­al Sur­vey (ESS) aus dem Jahr 2012 (sie­he Info­box).

Abbildung: Demokratiezufriedenheit von Christen und Muslimen in Europa

INFOBOX: Metho­de

Der ESS (European Soci­al Sur­vey) ist eine län­der­über­grei­fen­de Umfra­ge, wel­che alle zwei Jah­re euro­pa­weit durch­ge­führt wird. Die Umfra­ge misst Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­ten von Indi­vi­du­en in 29 euro­päi­schen Län­dern. 2012 umfass­te ein Teil des Fra­ge­ka­ta­logs Fra­gen zum Ver­ständ­nis und zur Bewer­tung der Demo­kra­tie. Die Fra­ge, die den Befra­gungs­teil­neh­mern gestellt wur­de, lau­te­te: “On the who­le, how satis­fied are you with the way demo­cra­cy works in [coun­try]?” Dabei konn­te die Demo­kra­tie­zu­frie­den­heit auf einer Ska­la von null bis zehn ange­ge­ben wer­den, wobei null abso­lut unzu­frie­den und zehn abso­lut zufrie­den bedeu­tet. Um die durch­schnitt­li­che Demo­kra­tie­zu­frie­den­heit der Mus­li­me zu ermit­teln, wur­den die Mit­tel­wer­te der gege­be­nen Ant­wor­ten ver­gli­chen.

Die ins­ge­samt 416 befrag­ten Mus­li­me aus der Schweiz, Schwe­den, Deutsch­land, Bel­gi­en, Gross­bri­tan­ni­en und Frank­reich zeig­ten sich über­durch­schnitt­lich zufrie­den mit der Demo­kra­tie im eige­nen Land. Ihre Bewer­tung fiel im Durch­schnitt um  0.5 Punkt bes­ser aus als jene der christ­li­chen Mit­bür­ger.

Eine mög­li­che Erklä­rung für die über­durch­schnitt­li­che Demo­kra­tie­zu­frie­den­heit der Mus­li­me könn­te ihr häu­fi­ger Migra­ti­ons­hin­ter­grund sein:

«Even­tu­ell funk­tio­niert die Demo­kra­tie im Befra­gungs­land bes­ser als in den jewei­li­gen Her­kunfts­län­dern oder aber im Her­kunfts­land bestand über­haupt kei­ne Demo­kra­tie. Die immi­grier­ten Mus­li­me haben eine ande­re Ver­gleichs­grund­la­ge als vie­le Chris­ten und stu­fen daher die Art und Wei­se, wie die Demo­kra­tie im Migra­ti­ons­land funk­tio­niert, bes­ser ein.»

Dina Wyler

Die Daten schei­nen die­se The­se zu stüt­zen: Von den 416 befrag­ten Mus­li­men im ESS Daten­satz sind 261 im Aus­land gebo­ren und erst spä­ter ins Befra­gungs­land ein­ge­wan­dert. Die Aus­wer­tung zeigt tat­säch­lich, dass im Aus­land gebo­re­ne Mus­li­me um 0.4 Punk­te zufrie­de­ner mit der Demo­kra­tie sind als ihre im Land selbst gebo­re­nen Glau­bens­brü­der.

Grösste Differenz in Deutschland

Die Mus­li­me sind in allen unter­such­ten Län­dern zufrie­de­ner mit der Demo­kra­tie als die Chris­ten, es bestehen aber deut­li­che län­der­spe­zi­fi­sche Unter­schie­de. In Schwe­den ist der Unter­schied zwi­schen Mus­li­men und Chris­ten mini­mal. Und auch in Gross­bri­tan­ni­en und Bel­gi­en ist die Abwei­chung sehr gering. In Deutsch­land und Frank­reich hin­ge­gen sind die Unter­schie­de gross. In die­sen Län­dern sind die Mus­li­me deut­lich zufrie­de­ner mit der Demo­kra­tie als ihre christ­li­chen Mit­bür­ger. Am deut­lichs­ten fällt der Unter­schied in Deutsch­land, dem Land der Pegi­da-Grün­dung aus. Die Mus­li­me sind im Durch­schnitt bei­na­he einen gan­zen Pro­zent­punkt zufrie­de­ner mit der Demo­kra­tie als die Chris­ten.  

Wie­so die Demo­kra­tie­zu­frie­den­heit der Mus­li­me deut­lich über dem Durch­schnitt liegt und wes­halb gera­de in Deutsch­land und Frank­reich so gros­se Unter­schie­de bestehen, kann nicht abschlies­send beant­wor­tet wer­den. Es konn­te jedoch ein Zusam­men­hang zwi­schen dem Aus­mass der Reli­gi­ons­frei­heit eines Lan­des und der Höhe der Demo­kra­tie­zu­frie­den­heit der Mus­li­me fest­ge­stellt wer­den. Je weni­ger die Mus­li­me durch natio­na­le Gesetz­ge­bun­gen in ihrer Reli­gi­ons­aus­übung ein­ge­schränkt wer­den, des­to zufrie­de­ner sind sie mit der Demo­kra­tie.  

Mit die­sen neu­en Erkennt­nis­sen bie­ten die aus­ge­wer­te­ten Daten des ESS einen Bei­trag zur Dis­kus­si­on über den euro­päi­schen Islam und die Fra­ge, inwie­fern des­sen Wer­te mit den west­li­chen Wer­ten ver­ein­bar sei­en. Die Ana­ly­se zeigt, dass vie­le Mus­li­me in Euro­pa die Demo­kra­tie und ihre Insti­tu­tio­nen wert­schät­zen und ger­ne ein Teil die­ser Staats­form sind.

Laut Khal­doun Dia-Eddi­ne, Vize­prä­si­dent der Föde­ra­ti­on der Isla­mi­schen Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen Schweiz (FIDS), unter­strei­chen die Resul­ta­te der Arbeit, dass sich die Migran­ten unter den in Euro­pa leben­den Mus­li­men in ihre neue Hei­mat ein­ge­glie­dert und vie­le Wer­te der hie­si­gen Gesell­schaf­ten ange­eig­net haben. Die Ana­ly­se zei­ge, dass ein Gross­teil der Mus­li­me Euro­pas die Wer­te der Demo­kra­tie nicht ver­wer­fen oder die­se als inkom­pa­ti­bel mit der Leh­re des Islams betrach­te. Eben­falls zei­gen die auf­ge­stell­ten Hypo­the­sen der Arbeit bei­spiel­haft auf, dass vie­le vor­kon­zi­pier­ten Ide­en über die Mus­li­me zu fal­schen Ver­hand­lungs­schrit­te füh­ren kön­nen. So füh­re die bestehen­de Islam­feind­lich­keit in Euro­pa nicht zwin­gend zu einem Groll gegen­über der natio­na­len Regie­rung oder dem poli­ti­schen Sys­tem.

Die FIDS freue sich über die Resul­ta­te der Arbeit, sei­en sie doch ein Beweis dafür, dass die Bemü­hun­gen der Isla­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen für die Inte­gra­ti­on der Mus­li­me und die Eta­blie­rung von Dia­lo­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen Sozi­al­part­nern mit der Zeit ihre Früch­te tra­gen wür­den.


Foto: Flickr

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