Welche Partei passt
zu mir?

Ob jemand neugierig ist, mit Stress umge­hen kann oder rück­sichtsvoll mit anderen Men­schen umge­ht, hat einen Ein­fluss darauf, zu welch­er Partei er sich hinge­zo­gen fühlt. Dies zeigt eine an der Uni­ver­sität Bern durchge­führte Studie nun erst­mals auch für die Schweiz.

Wahlen und Waehlerschaft

Wir wis­sen aus Erfahrung, dass sich Men­schen in ihrem Charak­ter und ihrer Per­sön­lichkeit unter­schei­den. Wir wis­sen bis­lang allerd­ings nur wenig darüber, wie sich Per­sön­lichkeit­seigen­schaften in der Zunei­gung zu ein­er Partei nieder­schla­gen. Diese langfristi­gen Parteibindun­gen spie­len für die Wahlentschei­dung der Bürg­erin­nen und Bürg­er eine wichtige Rolle. Sie wer­den als gefühlsmäs­sige, sta­bile und gle­ichzeit­ig nicht for­mal­isierte Bindung eines Wäh­lers an eine Partei ver­standen und wer­den selb­st wiederum durch eine Vielzahl von Fak­toren bee­in­flusst. Neuste Forschun­gen zeigen, dass grundle­gende Per­sön­lichkeit­seigen­schaften mitver­ant­wortlich dafür sind, ob jemand ein­er Partei zugeneigt ist und um welche Partei es sich dabei han­delt.

 Das Modell der „Big Five“-Persönlichkeitseigenschaften

Per­sön­lichkeit­seigen­schaften charak­ter­isieren eine Per­son langfristig. Um diese Eigen­schaften empirisch zu erfassen, hat sich inner­halb der Per­sön­lichkeit­spsy­cholo­gie das Fünf Fak­toren-Mod­ell („Big Five“) als Stan­dard etabliert. Es geht davon aus, dass sich die Per­sön­lichkeitsstruk­tur eines jeden Men­schen anhand der fol­gen­den fünf über­greifend­en Eigen­schaften und ihren unter­schiedlichen Aus­prä­gung umfassend beschreiben lässt: Offen­heit für Erfahrun­gen, emo­tionale Belast­barkeit, Extra­ver­sion, Gewis­senhaftigkeit und Verträglichkeit. Diese fünf Merk­male gel­ten als grundle­gende Ori­en­tierun­gen, die über Zeit und Sit­u­a­tio­nen hin­weg weitest­ge­hend sta­bil sind und zumin­d­est teil­weise eine genetis­che Grund­lage haben oder in früher Kind­heit entwick­elt wer­den.

Offen­heit für Erfahrun­gen ste­ht dabei für die Bere­itschaft zur Abwech­slung und für eine pos­i­tiv ver­standene intellek­tuelle Neugi­er. Eine offene Per­son kann als vielfältig inter­essiert, ein­fall­sre­ich, orig­inell und neugierig beschrieben wer­den. Emo­tionale Belast­barkeit geht mit Ruhe und Gelassen­heit sowie ein­er hohen Stress­re­sistenz ein­her. Men­schen mit ein­er gerin­gen emo­tionalen Belast­barkeit gel­ten indes als besorgt, unsich­er, anges­pan­nt, nervös, unruhig und ängstlich. Sie zeich­nen sich aber auch durch Empathie aus und nehmen emo­tionale Reize eher wahr. Extra­ver­sion wird mit einem Streben nach sozialem Aus­tausch und Dom­i­nanz, aber auch nach Aufmerk­samkeit in Verbindung gebracht. Eine extro­vertierte Per­son kann als gesprächig, gesel­lig, durch­set­zungs­fähig, aktiv, energievoll und kon­tak­t­freudig charak­ter­isiert wer­den. Gewis­senhaftigkeit umfasst ein Bedürf­nis nach Kon­trolle, Ord­nung, Behar­rlichkeit und Leis­tung. Gewis­senhafte Per­so­n­en gel­ten als organ­isiert, genau, struk­turkon­ser­v­a­tiv, ver­ant­wor­tungsvoll, diszi­plin­iert und vor­sichtig. Verträglichkeit ist schliesslich die Eigen­schaft, welche einen Men­schen im Umgang mit anderen beschreibt. Verträgliche Per­so­n­en suchen har­monis­che Beziehun­gen und sind mit­füh­lend, gütig, ver­ständ­nisvoll, her­zlich und koop­er­a­tiv.

Es wird angenom­men, dass diese Per­sön­lichkeit­seigen­schaften die Werte, Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­tensweisen eines Men­schen nach­haltig bee­in­flussen. Mit Blick auf die Parteinei­gung gibt die Aus­prä­gung bes­timmter Per­sön­lichkeit­seigen­schaften zunächst ein­mal vor, ob jemand über­haupt eine Bindung an eine bes­timmte Partei ver­spürt. Entsprechend dem Grundgedanken, dass Men­schen sich zu Ähn­lichem hinge­zo­gen fühlen, wen­den sie sich den­jeni­gen Parteien und Poli­tik­ern zu, in deren poli­tis­chen Pro­gram­men und Erk­lärun­gen sie die grössten Übere­in­stim­mungen zur eige­nen Per­sön­lichkeit, eige­nen Werten und Grundüberzeu­gun­gen wiederfind­en: Sag mir wie du bist, ich sag, wer zu dir passt.

Welche Partei passt zu wem?

Basierend auf Dat­en ein­er Schweiz­er Bevölkerung­sum­frage aus dem Jahr 2012 und mit Hil­fe sta­tis­tis­ch­er Ver­fahren erörtern wir die Beziehun­gen zwis­chen Per­sön­lichkeit und Parteibindung für die aktuell im Bun­desrat vertrete­nen Parteien (SVP, SP, FDP, CVP und BDP) sowie die bei­den grü­nen Parteien (GP und GLP). Zur Ausmes­sung ihrer Per­sön­lichkeit wur­den den rund 1000 Befragten 15 Aus­sagen vorgelegt, zu denen sie eine Selb­stein­schätzung der eige­nen Charak­tereigen­schaften abgeben soll­ten (vgl. Tabelle).

Tabelle: Persönlichkeitseigenschaften der Big Five und ihre Messung

Per­sön­lichkeit­seigen­schaft

Mes­sung Big Five Inven­to­ry (Kurzver­sion BFI-S) Ich bin jemand, der…  

Offen­heit für Erfahrun­gen

… orig­inell ist, neue Ideen ein­bringt. … kün­st­lerische Erfahrun­gen schätzt. … eine leb­hafte Phan­tasie, Vorstel­lun­gen hat.  

Emo­tionale Belast­barkeit

… entspan­nt ist, mit Stress umge­hen kann. … sich sel­ten Sor­gen macht. … sel­ten nervös wird.  

Extra­ver­sion

… aus sich her­aus­ge­hen kann, gesel­lig ist. … nicht zurück­hal­tend ist. … kom­mu­nika­tiv, gesprächig ist.  

Gewis­senhaftigkeit

… gründlich arbeit­et. … Auf­gaben wirk­sam und effizient erledigt. … sel­ten faul ist.  

Verträglichkeit

… fast nie grob zu anderen ist. … verzei­hen kann. … rück­sichtsvoll und fre­undlich mit anderen umge­ht.  

Wir kom­men zum Schluss, dass beispiel­sweise die Wahrschein­lichkeit ein­er Parteibindung an die Grüne Partei der Schweiz (GP) für eine sehr offene Per­son höher ist als für eine Per­son mit geringer Offen­heit für Erfahrun­gen. Offe­nen Per­so­n­en wird eine tol­er­ante und lib­erale Hal­tung gegenüber neuen Ideen, Verän­derun­gen und anderen Lebens­for­men sowie der Antrieb zuge­sprochen, gesellschaftliche Nor­men und Werte kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Diese Hal­tun­gen find­en sie am stärk­sten bei den Grü­nen wieder (vgl. Abbil­dung).

Abbildung: Marginale Effekte der Big Five Persönlichkeitseigenschaften auf die Wahrscheinlichkeit einer ParteibindungParteineigung

Lese­beispiel: Unter son­st gle­ichen Bedin­gun­gen ist eine Parteibindung an die GP für eine sehr offene Per­son um 17 Prozent­punk­te wahrschein­lich­er als für eine Per­son mit geringer Offen­heit für Erfahrun­gen.

Anmerkun­gen zur Abbil­dung
Durch­schnit­tliche mar­ginale Effek­te der Big Five Per­sön­lichkeit­seigen­schaften auf die Wahrschein­lichkeit ein­er Bindung an die jew­eilige Partei; Berech­nun­gen auf Basis des multi­n­o­mi­alen Regres­sion­s­mod­ells.

Die Säulen stellen den Wert des durch­schnit­tlichen mar­ginalen Effek­ts dar. Um eine detail­liert­ere Ver­sion der Grafik inkl. 90%-Konfidenzintervallen anzuschauen, klick­en Sie auf die Grafik. Schnei­det das Kon­fi­den­z­in­ter­vall die Null-Lin­ie nicht, ist der Effekt sta­tis­tisch sig­nifikant.

Eben­so lässt eine aus­geprägte emo­tionale Belast­barkeit eine Parteinei­gung in Rich­tung der GP wahrschein­lich­er wer­den. Im Ver­gle­ich zu sor­gen­vollen und verun­sicherten Per­so­n­en weisen emo­tion­al belast­bare Befragte jedoch mit gerin­ger­er Wahrschein­lichkeit eine Bindung an die Sozialdemokratis­che Partei der Schweiz (SP) oder die Christlichdemokratis­che Volkspartei (CVP) auf. Umgekehrt heisst dies, dass sich Men­schen, die Sor­gen um die eigene materielle Lage als auch Unsicher­heit­en hin­sichtlich der Entwick­lung von Gesellschaft und Wirtschaft umtreiben, vor allem zu Parteien mit betont sozialem Pro­fil hinge­zo­gen fühlen. Durch ihre Bemühun­gen, einen für­sor­gen­den Staat zu etablieren, bieten diese Parteien eine Antwort auf Zukun­ft­säng­ste und sozioökonomis­che Unsicher­heit­en.

Extro­vertierte Men­schen neigen den Grü­nen indes weniger stark zu als Intro­vertierte. Die Gründe hier­für kön­nten zum einen in den ten­den­ziell eher kon­ser­v­a­tiv­en Ein­stel­lun­gen extro­vertiert­er Per­so­n­en in wirtschafts- und sozialpoli­tis­chen Fra­gen liegen. Zum anderen entsprechen die eher basis­demokratis­chen Entschei­dungsmech­a­nis­men der Grü­nen Partei wenig dem Streben eines Extro­vertierten nach sozialer Dom­i­nanz.

Gewis­senhafte Per­so­n­en zeich­nen sich wiederum durch ein starkes Bewusst­sein für Pflicht­en und Hier­ar­chien sowie durch eine Vor­liebe für geregelte Struk­turen aus und nehmen aus Angst vor Kon­trol­lver­lus­ten häu­fig kon­ser­v­a­tive und bewahrende Werthal­tun­gen ein. Im poli­tis­chen Raum spiegelt die Schweiz­erischen Volkspartei (SVP) diese Werte und Hal­tun­gen am ehesten wider. Entsprechend ist eine sehr gewis­senhafte und pflicht­be­wusste Per­son ten­den­ziell auch eher der SVP zugeneigt als eine weniger gewis­senhafte Per­son.

Verträglichkeit wiederum erhöht die Wahrschein­lichkeit ein­er Bindung an die CVP. Weist eine Per­son eine hohe Verträglichkeit auf, sinkt hinge­gen die Wahrschein­lichkeit ein­er Bindung an die Freisin­nig-Demokratis­che Partei/FDP.Die Lib­eralen (FDP). Die «Net­ten» sind also vor allem der CVP zugeneigt. Deren christliche Wurzeln und Grundw­erte der Sol­i­dar­ität und Koop­er­a­tion wirken auf verträgliche Per­so­n­en anziehend. Ein auf Wet­tbe­werb set­zen­des wirtschaft­slib­erales Pro­fil etwa des Freisinns lehnen Har­monie suchende Men­schen hinge­gen eher ab. Mitunter scheint der neue Pro­gramm­schw­er­punkt des Gemeinsinns hier anzuset­zen und die FDP für neue Wäh­lerin­nen und Wäh­ler attrak­tiv zu machen.

Für die bei­den jüng­sten Parteien im poli­tis­chen Sys­tem der Schweiz – die Grün­lib­erale Partei (GLP) und die Bürg­er­lich-Demokratis­che Partei (BDP) – zeich­nen sich in unseren Analy­sen keine sig­nifikan­ten Zusam­men­hänge zwis­chen Per­sön­lichkeit­seigen­schaften und Parteibindung ab. Ihre Pro­gram­matik scheint noch zu neuar­tig und dif­fus, als dass sie ein ein­deutiges Per­sön­lichkeit­spro­fil von Wäh­lern anspricht.

Zusam­menge­fasst zeigen unsere Analy­sen, dass Per­sön­lichkeit­seigen­schaften für die gefühlsmäs­sige und sta­bile Bindung der Wäh­ler an Parteien dur­chaus rel­e­vant sind und bisweilen einen stärk­eren Ein­fluss ausüben als die herkömm­lichen soziode­mografis­chen Merk­male.

Hin­weis: Dieser Text erschien auch in « Uni­Press – das Wis­senschafts­magazin » (Heft-Nr. 165). 


Ref­erenz

  • Ack­er­mann, Kathrin und Markus Fre­itag (2015). Sag mir, wie du bist, ich sage, wer zu dir passt. Per­sön­lichkeit und Parteibindung. In Wahlen und Wäh­ler­schaft in der Schweiz, Markus Fre­itag und Adri­an Vat­ter (Hrsg.). Zürich: Ver­lag Neue Zürcher Zeitung: 145–162. 

Foto: Flickr

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