Wie Geld im Wahlkampf wirkt

Mehr Geld, mehr Erfolg? Ganz so ein­fach ist es nicht in der Schwei­zer Poli­tik. Doch Geld bestimmt die Fähig­keit einer Par­tei, bei Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern vor­han­de­ne Bin­dun­gen zu stär­ken, schwa­che Par­teib­in­dun­gen zu ent­wi­ckeln und den Wech­sel ursprüng­li­cher Wahl­ab­sich­ten zu ver­hin­dern.

Wahlen und Waehlerschaft

Der Ein­fluss von Geld auf Wah­len in der Schweiz wird in den Mas­sen­me­di­en regel­mäs­sig the­ma­ti­siert und zuwei­len auch beklagt. Basis der Dis­kus­si­on bil­den dabei jeweils die Unter­schie­de in der Höhe der finan­zi­el­len Mit­teln ein­zel­ner Par­tei­en: Mehr Geld bedeu­tet einen bes­se­ren Wahl­kampf und höhe­re Wahl­wahr­schein­lich­kei­ten – so die simp­lem häu­fig sug­ge­rier­te Glei­chung. Im Ver­gleich zu die­ser, etwas kurz gegrif­fe­nen Ana­ly­se, geht die Poli­tik­wis­sen­schaft sys­te­ma­ti­scher vor. Sie sucht nach Gesetz­mäs­sig­kei­ten und robus­ten Zusam­men­hän­gen zwi­schen dem finan­zi­el­len Mit­tel­ein­satz einer­seits und den Wahl­er­geb­nis­sen ande­rer­seits. Pio­nier­leis­tun­gen hier hat der Ame­ri­ka­ner Paul Lazars­feld mit sei­ner Typo­lo­gie zur Wahl­ent­schei­dung und dem Ein­fluss poli­ti­scher Kam­pa­gnen erbracht. Die­se bil­det adap­tiert denn auch die Basis für die­sen Bei­trag.  

Typologien der Kampagnenwirkungen auf Partei- und Teilnahme-Entscheidungen

Gemäss Lazars­feld und der For­sche­rIn­nen in sei­ner Tra­di­ti­on hat jeder Mensch auf­grund sei­nes sozia­len Umfelds und sei­ner Erfah­run­gen gewis­se Wert­mus­ter und Vor­stel­lun­gen ver­in­ner­licht – soge­nann­te Prä­dis­po­si­tio­nen. Die Wir­kung einer poli­ti­schen Kam­pa­gne ist dabei immer im Zusam­men­hang mit die­sen zu sehen. Im fol­gen­den Arti­kel sol­len die aus dem Zusam­men­spiel von Prä­dis­po­si­tio­nen und Wahl­ent­scheid abge­lei­te­ten Kam­pa­gnen­wir­kun­gen am Bei­spiel der Natio­nal­rats­wah­len in der Schweiz dis­ku­tiert und illus­triert wer­den. Als Grund­la­ge die­nen dabei die Daten von Selec­ts. Die Kom­bin­ak­ti­on aus Rol­ling-Cross-Sec­tion-Erhe­bung und Nach­wahl­be­fra­gung erlaubt die Abbil­dung von Mei­nungs­bil­dung und Kam­pa­gnen­ef­fek­ten.

Von Mei­nungs­ver­stär­kung ist dann die Rede, wenn eine Per­son bereits vor Beginn des Wahl­kamp­fes die fes­te Absicht hegt, an der Wahl teil­zu­neh­men, wuss­te, wen sie wäh­len wird und der Wahl­ent­scheid ent­spre­chend der eige­nen Prä­dis­po­si­ti­on aus­fällt. Auf einer Makro-Ebe­ne kann man davon aus­ge­hen, dass das soge­nann­te ver­läss­li­che Wäh­ler­po­ten­ti­al dem Anteil der Stimm­be­rech­tig­ten ent­spricht, bei dem ein Ver­stär­kungs­ef­fekt zu beob­ach­ten ist: Je bes­ser die­ses aus­ge­schöpft wird, des­to grös­ser der Ver­stär­kungs­ef­fekt.

Die Daten (Selec­ts 2011) legen nahe, dass die SVP im Jahr 2011 die höchs­te Mei­nungs­ver­stär­kungs­quo­te vor­wei­sen könn­te. 81 Pro­zent der Per­so­nen, die am Schluss effek­tiv SVP wähl­ten hat­ten schon immer die Absicht, dies zu tun. Mit einem deut­lich tie­fe­ren Wert fol­gen die CVP (58%), die FDP (56%) und die SP (54%). Noch­mals gerin­ger war die Mei­nungs­ver­stär­kung bei den Grü­nen (37%), der BDP (27%) und der GLP (24%).  

Parteienstärke, Wahlkampfausgaben und Kampagneneffekte

Wahlkampf und Geld

Es fällt auf, dass die Mei­nungs­ver­stär­kung gros­so modo mit der fina­len Par­tei­stär­ke kor­re­liert und rechts der Mit­te etwas höher aus­fällt als links. Es gibt somit zwei Fak­to­ren, die mit Mei­nungs­ver­stär­kung zusam­men­hän­gen: Das poli­ti­sche Lager einer­seits und die Par­tei­grös­se ande­rer­seits. Das ver­läss­li­che Poten­ti­al der CVP und BDP  wur­de bei­spiels­wei­se als etwa gleich hoch ein­ge­schätzt, am Wahl­tag zeig­te sich jedoch, dass die CVP ihres deut­lich bes­ser aus­schöp­fen konn­te. Die SP lag hin­sicht­lich des ver­läss­li­chen Wäh­ler­po­ten­ti­als gar vor der SVP, die ihre Mög­lich­kei­ten zur Mei­nungs­ver­stär­kung aber deut­lich bes­ser aus­lo­te­te.

Wie in der Gra­fik ersicht­lich, stimmt nun der Grad der Mei­nungs­ver­stär­kung in erheb­li­chem Mas­se mit dem Mit­tel­ein­satz einer Par­tei im Wahl­kampf über­ein: Die SVP hat­te am meis­ten Geld zur Ver­fü­gung und auch die gröss­te Mei­nungs­ver­stär­kung – bei der GLP war es umge­kehrt. Glie­dert man dies nun nach Lagern, so liegt das bür­ger­li­che Lager sowohl hin­sicht­lich des Mit­tel­ein­sat­zes als auch der Mei­nungs­ver­stär­kung vor dem rot-grü­nen Lager. In die­sem Sin­ne haben wir, zumin­dest was die­sen ers­ten Kam­pa­gnen­ef­fekt betrifft Hin­wei­se auf den Ein­fluss von Geld in Schwei­zer Wahl­kämp­fen.

Meinungsaufbau

Um den Mei­nungs­auf­bau zu erfas­sen wird statt des ver­läss­li­chen, das maxi­mal mög­li­che Wäh­ler­po­ten­zi­al betrach­tet. Die­ses gibt nicht Aus­kunft dar­über, wie gross das wahr­schein­li­che Wäh­ler­po­ten­zi­al einer Par­tei ist, son­dern wie gross der Anteil Wahl­be­rech­tig­ter ist, der sich theo­re­tisch die Wahl einer bestimm­ten Par­tei vor­stel­len kann.

Im Jahr 2011 waren die SP und die GLP die am brei­tes­ten “wähl­ba­ren” Par­tei­en, gefolgt von der FDP, der GPS und der SVP. Die gerings­ten maxi­ma­len Poten­zia­le wie­sen die CVP und die BDP aus. Die effek­ti­ve Rea­li­sie­rung die­ser Poten­zia­le (sie­he Gra­fik) sah aber auch hier wie­der etwas anders aus. Auch hier liegt die SVP erneut an der Spit­ze. Sie ver­zeich­net mit der Aus­schöp­fung von rund 77 Pro­zent ihres maxi­ma­len Wäh­ler­po­ten­zi­als den gröss­ten Mei­nungs­auf­bau, mit deut­li­chem Abstand gefolgt von der SP (46 Pro­zent). Die FDP kommt noch auf 38 Pro­zent und die CVP auf 35 wäh­rend der Wert der rest­li­chen Par­tei­en unter 30 Pro­zent zu lie­gen kommt. Im Gegen­satz zur Mei­nungs­ver­stär­kung liegt hier der Zusam­men­hang zu den finan­zi­el­len Mit­teln weni­ger deut­lich auf der Hand: Bei den klei­nen Par­tei­en gilt zwar noch immer; weni­ger Geld gleich weni­ger Mei­nungs­auf­bau. Bei den grös­se­ren Par­tei­en jedoch stimmt dies nicht mehr. Zwar liegt die SVP auch hier an ers­ter Stel­le, der zweit­bes­te Mei­nungs­auf­bau gelingt jedoch der SP. Hier zeich­net sich also eher eine Dyna­mik hin zu den Pol­par­tei­en ab, als dass eine Ent­wick­lung nach poli­ti­schen Lagern zu beob­ach­ten wäre wie dies bei der Mei­nungs­ver­stär­kung der Fall ist.

Meinungsänderung

Der Effekt der Mei­nungs­än­de­rung liegt dann vor, wenn eine Per­son an der Wahl teil­nimmt, der fina­le Ent­scheid jedoch ent­ge­gen den eige­nen lang­jäh­ri­gen Prä­dis­po­si­tio­nen aus­fällt. Die aus den Rol­ling-Cross-Sec­tion-Daten ermit­tel­te Mei­nungs­än­de­rung bei den Wah­len 2011 zeich­nen dabei ein Bild, das den oben bereits erläu­ter­ten Befun­den ähnelt: Auch hier konn­te die SVP am bes­ten ver­hin­dern, dass der Wahl­kampf eine Mei­nungs­än­de­rung zu ihren Unguns­ten nach sich zog. Stellt man, anders als bei der eher dif­fu­sen Mei­nungs­ver­stär­kung, hier nun die fest geäus­ser­te Absicht, die SVP zu wäh­len ab, so wur­de die­se von 87 Pro­zent am Wahl­tag auch effek­tiv ein­ge­löst. Bei der FDP hiel­ten die Wäh­len­den zu 74 Pro­zent die Treue, gefolgt von der SP und der CVP mit je 72 Pro­zent, der BDP mit 71 Pro­zent, der GPS mit 64 und der GLP mit 58 Pro­zent. Mit ande­ren Wor­ten: Bei der GLP war der Anteil Per­so­nen, die in einer ers­ten Befra­gung anga­ben, die GLP wäh­len zu wol­len, die­se Absicht am Wahl­tag aber nicht effek­tiv ein­lös­ten am gröss­ten.  Grund­sätz­lich gilt auch hier: Je grös­ser eine Par­tei, des­to weni­ger lau­fen die Wäh­ler (rela­tiv gese­hen) zu einer ande­ren Par­tei über.

Auch hier bie­tet sich über­dies eine Dif­fe­ren­zie­rung nach poli­ti­schen Lagern an: Am meis­ten Wäh­ler ver­lor die GLP, gefolgt von der GPS. Die, mit der GLP ver­gleich­bar klei­ne BDP hin­ge­gen ver­füg­te über deut­lich treue­re Wäh­ler. Was der Erhalt ursprüng­lich zuge­neig­ter Wäh­ler betrifft kann es also ein­zig die gros­se SP mit dem bür­ger­li­chen Lager auf­neh­men. Nahe­lie­gen­der­wei­se kam die gröss­te Kon­kur­renz dabei von den Par­tei­en im nächs­ten Umfeld: Die GLP und die CVP ver­lo­ren an die FDP, die wie­der­um Antei­le an die SVP abtre­ten muss­te, wäh­rend die GPS Wäh­ler an die SP ver­lor. Die BDP ver­lor an sämt­li­che bür­ger­li­che Par­tei­en, woge­gen die SVP an nie­mand ande­res auf­fäl­lig ver­lor. In dem das bür­ger­li­che Lager ins­ge­samt leicht bes­ser aus dem Kampf um die Kon­ver­si­on bereits ent­schie­de­ner Wäh­ler her­aus­sticht, ist dem­entspre­chend hier – abge­se­hen von der Par­tei­en­grös­ser —  auch der Zusam­men­hang mit den vor­han­de­nen finan­zi­el­len Mit­teln erneut leicht grös­ser als dies beim Mei­nungs­auf­bau der Fall war. 

Bilanz 

Was sagen uns nun die hier dis­ku­tier­ten Befun­de? Bis anhin wur­de stets danach gefragt, inwie­fern Geld im Wahl­kampf den Wahl­er­folg im Sin­ne einer Ver­än­de­rung zur vor­her­ge­hen­den Wahl zu beein­flus­sen ver­mag. Die­se Fra­ge steht hier nicht im Zen­trum. Was hin­ge­gen dis­ku­tiert wird ist der mög­li­che Effekt von Kam­pa­gnen wäh­rend des Wahl­kampfs und auf das End­ergeb­nis. Es fin­den sich nun eine Rei­he von Anhalts­punk­ten, die dafür spre­chen, dass zwi­schen der Stär­ke einer Par­tei, deren Wahl­kampf­aus­ga­ben und den Wahl­er­geb­nis­sen Kor­re­la­tio­nen bestehen. Die auf­ge­zeig­ten Zusam­men­hän­ge sind ins­ge­samt stets gleich gerich­tet.

Das zeigt sich am klars­ten bei der Mei­nungs­ver­stär­kung, aber auch bei Mei­nungs­auf­bau und der Ver­hin­de­rung von Mei­nungs­än­de­rung. In die­sem Sin­ne kön­nen die­se drei Effek­te auch als Funk­ti­on von Geld in poli­ti­schen Kam­pa­gnen beschrie­ben wer­den. Die hier vor­ge­stell­ten Kon­zep­te hel­fen somit also die Effek­te von Wahl­kämp­fen, in die­sem kon­kre­ten Fall von Geld in Wahl­kämp­fen, genau­er zu beschrei­ben und dif­fe­ren­zie­ren. Die Daten­la­ge zur Unter­su­chung die­ser Phä­no­me­ne ist jedoch lei­der nach wie kaum vor­han­den. Nichts­des­to­trotz – oder gera­de des­we­gen – lohnt es sich umso mehr, die­se Fra­gen wei­ter zu ver­fol­gen. Das zei­gen die hier dis­ku­tier­ten Zusam­men­hän­ge auf. Auch als Anre­gung an wei­ter­füh­ren­de For­schung lei­ten wir aus unse­ren Unter­su­chun­gen die fol­gen­den The­sen ab:

  • The­se 1: Geld kor­re­liert im Wahl­kampf ins­be­son­de­re mit der Stär­ke einer Par­tei, bestimmt aber nicht in ers­ter Linie deren Ver­än­de­rung hin­sicht­lich der Wäh­ler­stär­ken von Wahl zu Wahl.

  • The­se 2: Geld bestimmt im Wahl­kampf die Fähig­keit einer Par­tei, vor­han­de­ne Bin­dun­gen zu stär­ken, schwa­che Par­tein­bin­dun­gen zu ent­wi­ckeln und den Wech­sel ursprüng­li­cher Wahl­ab­sich­ten zu ver­hin­dern.

  • The­se 3: Wach­sen­de Sum­men an Geld in der Poli­tik sind Aus­druck einer all­ge­mei­nen Ver­än­de­rung der poli­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on hin zur Kom­mer­zia­li­sie­rung, die nicht zuletzt im Zusam­men­hang mit Wah­len statt­fin­det.

Hin­weis: Die­ser Text erschien auch in „Uni­Press – das Wis­sen­schafts­ma­ga­zin“ (Heft-Nr. 165). 


Refe­renz:

  • Long­champ, Clau­de und Jans, Cloé (2015). Wer zahlt, befiehlt? Über den Ein­fluss von Geld und Kommunika­tion in Wahl­kämp­fen der Schweiz, in: Mar­kus Frei­tag und Adri­an Vat­ter (Hg.). Wah­len und Wäh­ler­schaft in der Schweiz. NZZ Libro. Zürich, S. 273–299.

Foto: Schwei­ze­ri­sche Volks­par­tei

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