Der Bisherigenbonus — wer hat, dem wird gegeben

Der wichtig­ste Erfol­gs­fak­tor, um ins Par­la­ment gewählt zu wer­den: man sitzt schon drin. Der Bish­eri­gen­bonus ist gross. Rund vier von fünf Bish­eri­gen wer­den jew­eils wiedergewählt. Die Kan­di­dat­en, die nicht wiedergewählt wer­den, stolpern vor allem über Sitzver­luste ihrer Partei. Die partei­in­terne Konkur­renz ist sel­ten auss­chlaggebend.

Riesiger Andrang in den Nationalrat

Der Andrang in den Nation­al­rat ist auch 2015 riesig: über 3800 Kan­di­dierende buhlen um einen der 200 Sitze. Das sind 19 Kan­di­da­turen pro Sitz, so viele wie noch nie zuvor. Die meis­ten Kan­di­dieren­den haben keine Chance und wis­sen dies auch. Doch es gibt Hun­derte, die sich Hoff­nun­gen machen und eine aktive Kam­pagne führen. Allerd­ings sind die Wahlchan­cen alles andere als gle­ich verteilt: Die mit grossem Abstand besten Wahlchan­cen haben diejeni­gen Kan­di­dieren­den, die bere­its im Par­la­ment sitzen.

Wie in anderen Län­dern ist in der Schweiz der Bonus, den Bish­erige geniessen, enorm. Dies zeigt eine Auswer­tung der eid­genös­sis­chen Wahlen von 1995 bis 2011. 1995 wur­den von 151 Bish­eri­gen, die wieder antrat­en, 132 Per­so­n­en (87%) wiedergewählt. Dieser Anteil fiel 1999 auf 79 Prozent, lag aber in den Fol­ge­wahlen immer über 80 Prozent. Dies wird auch 2015 kaum anders sein. Die aller­meis­ten der 174 Bish­eri­gen haben sehr gute Chan­cen, auch in der näch­sten Leg­is­latur wieder im Par­la­ment zu sitzen.

Ergebnis der Bisherigen bei den Nationalratswahlen 1995–2011

Quelle: Bun­de­samt für Sta­tis­tik, eigene Berech­nun­gen

Zwei Gründe für die Abwahl

Es gibt nur zwei Gründe für eine Abwahl: entwed­er ver­liert die Partei einen Sitz oder eine Kan­di­datin bzw. ein Kan­di­dat wird inner­halb der Parteiliste von jemand anderem über­holt. Der Bish­eri­gen­bonus ist noch ein­drück­lich­er, wenn man die Gründe für Abwahlen genauer unter­sucht.

INFOBOX: Die zwei Gründe ein­er Abwahl
  • Ein Bish­eriger ver­liert den Sitz an einen Parteikol­le­gen. Das passiert, wenn inner­halb der gle­ichen Liste ein neu Kan­di­dieren­der mehr Kan­di­daten­stim­men macht als Bish­erige. Dies ist dann der Fall, wenn die neue Per­son häu­figer kumuliert oder panaschiert bzw. weniger häu­fig von der Liste gestrichen wird.

  • Die Partei eines Bish­eri­gen ver­liert einen oder mehrere Sitze. In diesem Fall ist eine Abwahl nicht durch die Konkur­renz zwis­chen den Kan­di­dieren­den der gle­ichen Partei bed­ingt. Die Sitzgewinne der Partei hän­gen von der all­ge­meinen poli­tis­chen Kon­junk­tur und dem Parteien­wahlkampf zusam­men. Einzelne Kan­di­dierende kön­nen den Wahler­folg ein­er Partei nur ganz sel­ten bee­in­flussen.

Sitzverlust entscheidender als interner Konkurrenz

Ein Blick auf die ver­gan­genen nationalen Wahlen zeigt, dass die Kan­di­dieren­den weniger die Konkur­renz inner­halb der Partei, son­dern den Sitzver­lust ihrer Parteiliste fürcht­en müssen. Von den ins­ge­samt 129 abgewählten Par­la­mentsmit­gliedern zwis­chen 1995 und 2011 ver­loren zwei Drit­tel ihr Man­dat, weil ihre Partei einen Sitzver­lust erlei­den musste. Nur ein­er von drei Abgewählten wurde von einem Parteifre­und auf der gle­ichen Liste aus dem Par­la­ment ver­drängt.

Dabei gibt es allerd­ings Schwankun­gen von Wahl zu Wahl. 1995 unter­lag nur ein einziger CVPler einem Mit­be­wer­ber auf der gle­ichen Liste. 1999 und 2011 waren es hinge­gen je zwölf Bishierge, die intern über­run­det wur­den. 2011 stammten von den zwölf Bish­eri­gen, die durch Parteifre­unde aus­ge­bootet wur­den, sieben von der SVP. 2011 gab es inner­halb der SVP in Erwartung eines weit­eren Wahlgewinns einen harten Konkur­ren­zkampf um die zusät­zlich erhofften Sitze. Dies hat­te zur Folge, dass es mehrere neu Kan­di­dierende schafften, Bish­erige zu über­flügeln. So wur­den Ernst Schi­b­li und Ulrich Schlüer in Zürich von Hans Egloff und Christoph Blocher ver­drängt, in Bern über­holten Albert Rösti und Nad­ja Pieren die Bish­eri­gen Thomas Fuchs und den Bern-Jurassier Jean-Pierre Graber.

Warum sitzen Bisherige so sicher im Sattel?

Warum haben es Bish­erige so viel ein­fach­er? Eine schme­ichel­nde Erk­lärung wäre, dass die bish­eri­gen Par­la­mentsmit­glieder im Par­la­ment solide poli­tis­che Arbeit geleis­tet haben, die beim näch­sten Urnen­gang von den Wäh­lerin­nen und Wäh­lern hon­ori­ert wird. In der Real­ität spielt das nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Es mag zwar sein, dass viele Par­la­mentsmit­glieder gute Arbeit leis­ten, allerd­ings ist kaum anzunehmen, dass eine Mehrheit der Wäh­len­den die Qual­ität der poli­tis­chen Arbeit auch beurteilen kann und auf dieser Basis einen Wahlentscheid trifft.

Bekanntheit und Netzwerk entscheiden über Wahl

Nahe­liegen­der ist, dass bish­erige Kan­di­dierende aus zwei zen­tralen Grün­den einen Startvorteil haben. 

INFOBOX: Der Bish­eri­gen­bonus
  • Bish­erige sind bere­its bekan­nt. Bish­erige bekom­men während ein­er ganzen Leg­is­latur viel Aufmerk­samkeit durch die Medi­en. Bekan­ntheit ist die wichtig­ste Währung, um eine Wahl zu gewin­nen. Dies gilt in beson­derem Masse für Wahlen, in der haupt­säch­lich die Kan­di­dieren­den der gle­ichen Liste gegeneinan­der antreten und die Wäh­lerin­nen und Wäh­ler die poli­tis­chen Posi­tio­nen einzel­ner Kan­di­dat­en kaum unter­schei­den kön­nen.

  • Bish­erige prof­i­tieren von ein­er guten Ver­net­zung. Die Ver­flech­tun­gen zwis­chen Mit­gliedern des Par­la­mentes und Inter­es­sen­grup­pen sind in der Schweiz vielfältig und aus­geprägt. Dies ist eine win-win Sit­u­a­tion für bei­de: Inter­es­sen­grup­pen erhal­ten direk­ten Zugang zu poli­tis­chen Entschei­dungsträgern und set­zen sich dafür ein, dass eine bere­its aufge­baute Beziehung möglichst erhal­ten bleibt. Par­la­mentsmit­glieder erhal­ten dafür neben Ressourcen für ihre poli­tis­che Arbeit Zugang zu Unter­stützung für ihren Wahlkampf, sei es finanziell oder in Form von Empfehlun­gen an die Mit­glieder, die wichtige Zusatzs­tim­men brin­gen. Bish­eri­gen gelingt es deshalb auch, im Durch­schnitt mehr Geld für ihre Wahlkämpfe zu sam­meln als neu Kan­di­dierende.

 Ist der Bisherigenbonus ein Problem?

Auf den ersten Blick betra­chtet ist der Bish­eri­gen­bonus kein gross­es Prob­lem. Die Wäh­lerin­nen und Wäh­ler sind in ihrer Wahl frei und es kommt auch immer wieder zu Abwahlen. Jedoch sollte bei den Wahlen auch eine Beurteilung der geleis­teten Arbeit stat­tfind­en könne. Dazu sind hinge­gen die aller­wenig­sten Wäh­lerin­nen und Wäh­ler sind in der Lage.

Entsprechend wird in der Real­ität die Erneuerung des poli­tis­chen Per­son­als nur ger­ingfügig durch die Wäh­lerin­nen und Wäh­ler bes­timmt. Viel mehr hängt sie davon ab, ob ein Par­la­mentsmit­glied sel­ber noch ein­mal antreten will oder nicht. Auch den Parteispitzen gelingt es kaum, Ein­fluss darauf zu nehmen, wer nochmals antritt und wer nicht. Mögliche Mass­nah­men wie eine schlechte Platzierung auf der Liste haben wenig Ein­fluss auf den Wahler­folg. Die Bish­eri­gen haben Kraft ihres Man­dates auch eine starke Stel­lung inner­halb der Partei und es gelingt neuen oder jün­geren Kräften nur in Einzelfällen, genü­gend Druck auszuüben, damit Bish­erige zurück­treten.


Ref­eren­zen:

  • Mil­ic, Thomas (2014). Gekom­men um zu bleiben – der Amtsin­hab­er­bonus bei kan­tonalen Exeku­tivwahlen. Schweiz­erische Zeitschrift für Poli­tik­wis­senschaft 20(3), 427–452.

  • Hein­sohn, Till und Markus Fre­itag (2012). Insti­tu­tion­al Foun­da­tions of Leg­isla­tive Turnover: A Com­par­a­tive Analy­sis of the Swiss Can­tons. Swiss Polit­i­cal Sci­ence Review (2012) Vol. 18(3): 352–370.

Foto: DeFac­to

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