Frauen auf den Nationalratslisten: Untervertreten, aber auf guten Plätzen

Gut ein Drit­tel aller Kan­di­da­tu­ren für den Natio­nal­rat sind Frau­en. Bei der SP und den Grü­nen machen Frau­en rund die Hälf­te der Kan­di­da­tu­ren aus. Bei der SVP hin­ge­gen ist weni­ger als jede fünf­te Kan­di­da­tur von einer Frau. Die Lis­ten­plät­ze der Kan­di­da­tin­nen sind aber nicht sys­te­ma­tisch schlech­ter als die der Kan­di­da­ten. Auch nicht in den Par­tei­en, die nur weni­ge Kan­di­da­tin­nen auf­stel­len.

Jede drit­te Kan­di­da­tur auf den Par­tei­en­lis­ten für die Natio­nal­rats­wah­len 2015 ist eine Frau. Man­che Par­tei­en haben Lis­ten, auf denen Frau­en und Män­ner ähn­lich ver­tre­ten sind. Ande­re über­haupt nicht.

Guter Listenplatz — gute Wahlchancen 

Der Anteil Kan­di­da­tin­nen allei­ne ent­schei­det aber noch nicht über die Frau­en­ver­tre­tung in der Poli­tik. Eine Kan­di­da­tin muss auch gewählt wer­den. Und damit eine Kan­di­da­tin gewählt wird, muss sie rea­lis­ti­sche Wahl­chan­cen haben.

Eine wich­ti­ge Rol­le spielt dabei der Lis­ten­platz. Je wei­ter oben ein Name auf einer Wahl­lis­te, des­to bes­ser sind die Wahl­chan­cen.

Keine Listenplatzdiskriminierung für Frauen

Frau­en haben für die kom­men­den Natio­nal­rats­wah­len gleich gute Lis­ten­plät­ze wie Män­ner, zum Teil sogar bes­se­re. Dies ist auch in den Par­tei­en so, die weni­ge Frau­en in ihren Rei­hen zäh­len, bei­spiels­wei­se bei der SVP.

Mit der Aus­nah­me der Pira­ten­par­tei gibt es kei­nen Lis­ten­platz­nach­teil von Kan­di­da­tin­nen. Frau­en wer­den also nicht sys­te­ma­tisch wei­ter unten auf der Lis­te plat­ziert.

Auf den Lis­ten der BDP, der CVP, der PdA und der Jung­par­tei der BDP haben Frau­en im Durch­schnitt sogar bes­se­re Lis­ten­plät­ze als Män­ner. In der BDP sind Frau­en im Durch­schnitt ca. vier Lis­ten­plät­ze wei­ter oben plat­ziert als Män­ner. Bei der CVP haben die Kan­di­da­tin­nen im Durch­schnitt zwei Plät­ze Vor­sprung auf die Kan­di­da­ten.

Zusammenhang Listenplatzierung und Anteil Frauen auf den Listen für die Nationalratswahlen 2015

Listenplatz Frauen

Quel­le: Bun­des­amt für Sta­tis­tik 2015, eige­ne Berech­nun­gen.

Parteien entscheiden, wie die Listenplätze vergeben werden

Par­tei­en sind frei, ihre Lis­ten­plät­ze nach eige­nem Gut­dün­ken zu ver­ge­ben. In eini­gen Par­tei­en gibt es dies­be­züg­lich fest­ge­leg­te Regeln, in ande­ren Par­tei­en wird dies von der Par­tei­lei­tung ent­schie­den oder hängt von ande­ren Fak­to­ren ab. Bis­he­ri­ge ste­hen meis­tens auf den obe­ren Lis­ten­plät­zen.

Man­che Par­tei­en tre­ten mit soge­nann­ten Zebra­lis­ten an und plat­zie­ren Frau­en und Män­ner alter­nie­rend. Ande­re Par­tei­en ver­ge­ben Spit­zen­lis­ten­plät­ze bewusst an Frau­en. Die­se Art der Frau­en­för­de­rung pro­bier­te die SVP Zürich gleich mehr­mals — erfolg­los [1].

Mehr Kandidaten, weniger Kandidatinnen

Frau­en haben für die kom­men­den Natio­nal­rats­wah­len gleich gute Lis­ten­plät­ze wie Män­ner, zum Teil sogar bes­se­re. Dies ist auch in den Par­tei­en so, die weni­ge Frau­en in ihren Rei­hen zäh­len, bei­spiels­wei­se bei der SVP. Die Fra­ge ist eher, wes­halb es weni­ger Kan­di­da­tin­nen als Kan­di­da­ten gibt. 

Das Feh­len von zur Ver­fü­gung ste­hen­den Kan­di­da­tin­nen gilt inzwi­schen als eine der gröss­ten Hür­den auf dem Weg zu einer aus­ge­gli­che­ne­ren Geschlech­ter­ver­tre­tung in der Poli­tik. Alle struk­tu­rel­len Nach­tei­le für Frau­en in gewis­sen poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen und Wahl­sys­te­men sind noch nicht aus­ge­merzt. Doch die Tat­sa­che, dass weni­ger Frau­en als Män­ner kan­di­die­ren, ist für die Unter­ver­tre­tung der Frau­en in der Poli­tik genau­so mit­ver­ant­wort­lich.

Wie ande­re Unter­su­chun­gen zei­gen, ist die Moti­va­ti­on, sich für ein poli­ti­sches Amt zur Ver­fü­gung zu stel­len, bei Frau­en tie­fer als bei Män­nern. Dies hat vie­le Ursa­chen. Zum einen die Sozia­li­sie­rung und die Erwar­tung an Frau­en. Zum ande­ren ist auch die Wahr­neh­mung und Behand­lung der Poli­ti­ke­rin­nen ent­schei­dend, ob sich Frau­en in der Poli­tik expo­nie­ren wol­len. 

Und nicht zuletzt kommt auch den Par­tei­en eine wich­ti­ge Rol­le zu, wie mei­ne Aus­wer­tun­gen zei­gen.

[1] 2011 kan­di­dier­te die aus­ser­halb der SVP eher unbe­kann­te Antia Borer auf dem zwei­ten Lis­ten­platz für den Natio­nal­rat. Sie blieb erfolg­los und lan­de­te abge­schla­gen auf dem auf 17. Platz . 2003 trat Rahel Grüt­ter-Eckert auf dem sieb­ten Platz an, sie wur­de nicht gewählt und fiel auf den 15. Lis­ten­platz zurück.

INFOBOX: Hin­wei­se zur Ana­ly­se

Die Abbil­dung zeigt den Lis­ten­platz­vor­teil bzw. den Lis­ten­platz­nach­teil von Frau­en.

Je wei­ter rechts eine Par­tei im Bild plat­ziert ist, des­to grös­ser ist der Frau­en­an­teil auf ihren Lis­ten. Am meis­ten Kan­di­da­tin­nen fin­den sich bei den Grü­nen. Am wenigs­ten bei den Pira­ten. 

Je wei­ter oben eine Par­tei im Bild plat­ziert ist, des­to bes­se­re Lis­ten­plät­ze haben Kan­di­da­tin­nen im Ver­gleich zu Kan­di­da­ten. 

In den Par­tei­en BDP, CVP, PdA und der Jung­par­tei der BDP (rot geschrie­ben) haben die Kan­di­da­tin­nen signi­fi­kant bes­se­re Lis­ten­plät­ze als die Kan­di­da­ten. Bei den Pira­ten haben die Kan­di­da­tin­nen signi­fi­kant schlech­te­re Lis­ten­plät­ze. In den ande­ren Par­tei­en ist die Dif­fe­renz nicht signi­fi­kant (tür­kis geschrie­ben). 

Für die Ana­ly­se wur­de ein OLS-Regres­si­ons­mo­dell pro Par­tei geschätzt, wobei alle Par­tei­en berück­sich­tigt wer­den, die in min­des­tens fünf Kan­to­nen antre­ten.

Die abhän­gi­ge Varia­ble ist der Lis­ten­platz (je höher, des­to bes­ser). Die unab­hän­gi­gen Varia­ble sind das Geschlecht, der Bis­he­ri­gen­sta­tus und die Kan­to­ne. 


Refe­ren­zen:

  • Bun­des­amt für Sta­tis­tik (2015). Natio­nal­rats­wah­len 2015: Lis­ten, Kan­di­da­tu­ren und Lis­ten­ver­bin­dun­gen. Daten­satz. Neu­châ­tel: BFS, Abtei­lung Poli­tik.

  • Fox, Richard L. und Jen­ni­fer L. Law­less (2014). Unco­vering the Origins of the Gen­der Gap in Poli­ti­cal Ambi­ti­on. Ame­ri­can Poli­ti­cal Sci­ence Review 108(3): 499–519.

  • Gilar­di, Fabri­zio (2015). The Tem­pora­ry Impor­t­an­ce of Role Models for Women’s Poli­ti­cal Rep­re­sen­ta­ti­on. Ame­ri­can Jour­nal of Poli­ti­cal Sci­ence: forth­co­m­ing.

  • Law­less, Jen­ni­fer L. (2015). Fema­le Can­di­da­tes and Legis­la­tors. Annu­al Review of Poli­ti­cal Sci­ence 18(1): 349–366.

Foto: Fabri­zio Gilar­di

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